Das Geisterfest in China, ein Fest für den Tod wie der Día de los Muertos in Mexiko, fällt auf den 15. Tag des 7. Monats nach dem chinesischen Mondkalender. Ursprünglich zählte es zu den wichtigsten traditionellen Festen, aber allmählich verliert es seine Bedeutung für die moderne Gesellschaft. Nur noch einige Bürger*innen, Bauern und Bäuerinnen in einigen Regionen sowie manche Überseechines*innen feiern heutzutage noch diesen Vollmondtag. Warum interessieren sich die meisten Chines*innen nicht mehr für das Geisterfest?

Der Geistermonat

Das Geisterfest war ursprünglich ein Opferfest. Diese Tradition lässt sich auf die Qin-Dynastie (221-207 v. Chr.) zurückführen. Die antiken Chines*innen legten viel Wert auf die Opfergabe im Frühling und Herbst. Der Frühling symbolisiert den Anfang des Lebens, während der Herbst den Untergang markiert. Im Herbst hielten der Kaiser und die Fürsten eine Reihe von Zeremonien ab, darunter auch die Opfergabe für Baidi (白帝), den Gott des Todes. Es wurden Speisen und Räucherwerke für den Gott und die Vorfahren aufgestellt und Bankette gegeben. Solche höfischen Veranstaltungen beeinflussten das Bürgertum. Nach und nach wurde der siebte Monat (nach dem chinesischen Mondkalender, ungefähr Ende August nach dem heutigen Kalender) zum Geistermonat. Nach dem Volksglauben wird die Tür der Unterwelt am ersten Tag geöffnet und am 15. Tag wieder geschlossen.

Das Licht auf der Straße soll den Weg für die Toten gen Heimat weisen. Diese Tradition passt nicht mehr zum modernen Stadtleben.

Im Geistermonat kommen die Gespenster nach langer Wartezeit auf die Erde. Traditionell werden auf der Straße Kerzenlichter angezündet und Schuhe aufgestellt, damit die Toten bequem gehen können. Ansonsten verursachen die unzufriedenen Geister unerträgliche Katastrophen, die den Lebenden drohen. Man lässt auch Papierboote und Laternen auf dem Wasser schwimmen. Einerseits weist das Licht den Toten den Weg in ihre Heimat, wo ihre Familien Speisen aufstellen und Höllengeld verbrennen, um ihre Müdigkeit zu vertreiben und ihr Leben in der Unterwelt zu verbessern. Anderseits hoffen die Menschen, dass die Geister voller Groll (weil sie lange Zeit in der Dunkelheit des Jenseits verbracht haben) so schnell wie möglich ihre Zielorte erreichen. Das Geisterfest, das am 15. Tag des Monat gefeiert wird, ist der Höhepunkt – ist es für die Toten doch ihr letzter Tag auf der Erde.

Zwei religiöse Ursprünge

Die Daoisten lesen  heilige Schriften, bringen Opfergaben dar und schreiben Gebete auf Papier.

Das Geisterfest hat zwei religiöse Ursprünge. Für die Daoisten heißt das Fest eigentlich Zhongyanjie (chinesisch 中元节). Die Buddhisten feiern an diesem Tag das Ullamabna-Fest (chinesisch 盂兰盆节). Interessanterweise entwickeln sich die beiden Religionen fast reibungslos in China, wahrscheinlich wegen der Offenheit der chinesischen Kultur. Seit der Song-Dynastie (960–1279) ist zu beobachten, dass Daoismus und Buddhismus gemeinsam mit Konfuzianismus drei unverzichtbare Grundlagen für die chinesische Kultur bilden. Seither können die Anhänger*innen der beiden Religionen das Fest harmonisch gemeinsam feiern.

Nach dem Daoismus entsteht die Welt aus drei Elementen: Himmel, Erde und Wasser. Für die drei gibt es jeweils einen daoistischen Gott. Der Gott des Himmels, geboren an dem 15. Tag des ersten Monats nach dem Mondkalender, erteilt den Segen. Der Gott der Erde, geboren am 15. Juli, verzeiht die Sünde. Und der Gott des Wassers, geboren am 15. Oktober, hilft in der Not. Jeder Gott kommt an seinem jeweiligen Geburtstag zur Erde, um seinen Dienst zu leisten. Es ist also der Gott der Erde, der am 15. Tag des Geistermonats auf die Erde kommt und die verlorenen Seelen rettet. Diese sind Tote, die während ihrer Lebenszeit etwas verbrochen haben. Die Daoisten stellen an diesem Tag einen Altar auf, lesen bestimmte heilige Schriften und verbrennen Räucherwerke, damit sie den Unsterblichen (Gott) empfangen können und beim Sühnen der Sünden der toten Geister helfen.

Mulian sieht das Leid seiner Mutter und wendet sich an Buddha.

Die Geschichte von Mulian

Genau an diesem Tag feiern die Buddhisten das Ullambana-Fest (盂兰盆节). Auf Sanskrit bedeutet Ullam „auf dem Kopf gestellt“. Dieser Stand verkörpert Leiden. Bana ist ein bestimmter Behälter für Opfergaben. Im Ullambana-Sutra wird die Geschichte von Mulian (目连) erzählt, einem heiligen Anhänger Buddhas. Eines Tages träumte er, dass seine bereits verstorbene Mutter in der Unterwelt unter Hunger litt und schlank wie eine Skelett wurde. Er stellte als ihr Nachkomme Speisen vor dem Altar auf, aber sie konnte sie nicht genießen.

So bat er Buddha, das Leid seiner Mutter zu vermindern. Buddha antwortete, dass seine Mutter zu Egui (饿鬼, ein bestimmter Geist, der unter ewigem Hunger leidet) geworden sei, weil sie zu Lebenszeiten geizig und nicht wohltätig war. Um sie zu retten, musste Mulian am 15. Tag des 7. Monats Speisen und Getränken für Buddhisten aus aller Welt anbieten. Als alle dann für sie beteten, konnte sie sich von diesen Leiden befreien. Aus der Geschichte ist ein Fest geworden, bei dem man Opfer gibt, Schriften liest und zusammen für Vater und Mutter der jetzigen und der sieben früheren Generationen betet.

Ein Fest in der Vergangenheit?

Eine Familie auf dem Dorf stellt Speisen auf den Tisch und wartet auf die Geister der Vorfahren.

Beim Geisterfest kommen Volksglaube, daoistische und buddhistische Traditionen zusammen. Die Grundideen bildet das Erinnern an die Vorfahren, das Leisten der Sühne und das Verehren der Toten. In den modernen chinesischen Städten gerät das Geisterfest zunehmend in Vergessenheit.

Zunächst ist es kein staatlicher Feiertag, obwohl es eine lange Geschichte und vielfältige Ursprünge hat. Das führt dazu, dass die jüngeren Generationen kaum Kenntnis davon haben. Zweitens wird es nicht mehr gemeinsam gefeiert. Buddhisten und Daoisten feiern das Fest im kleinen Kreis, jeweils getrennt voneinander. In einigen Regionen, besonders auf dem Land, werden noch Papierboote und Laternen aufs Wasser geschickt und Speisen auf den Tisch gestellt, aber das wird in einer Gesellschaft, die Atheismus als Leitkultur markiert, eher als Aberglauben angesehen. Nicht zuletzt fehlt dem Fest für die meisten Leute ein gemeinsames Symbol oder Thema, wie Jack O’Lantern bei Halloween oder La Catrina beim Día de los Muertos. Ist das Geisterfest also selbst ein Gespenst in der modernen Welt?

 

Japan – ein Land zwischen Tradition und Fortschritt. Das gilt auch für seine Geistergeschichten. Was gibt es für Geisterarten in Japan? Und warum bieten sie einem Klopapier an?

Die japanische Kultur kennt unzählige Arten von Gespenstern. Zwischen göttlichen Naturgeistern und rachsüchtigen Totenseelen ist so ziemlich alles dabei. Denn Geister nehmen in Japan einen ganz anderen Stellenwert ein als in der westlichen Welt. Das kann auch die Tübinger Japanologin Petra Jeisel bestätigen. Während ihrer Studienzeit im Land der aufgehenden Sonne hat sie das selbst erlebt: „Als ich mit einem Einheimischen einen Friedhof besucht habe, wollte ich ein Foto machen. Er schien doch einigermaßem erstaunt und meinte, er hätte dabei ein schlechtes Gefühl – wegen der Geister.“

Japanische Geisterwesen – Eine lange Tradition

Vor allem die spirituellen Wurzeln Japans (Shintō und Zen-Buddhismus) und die dortige Wertschätzung von Traditionen sind verantwortlich für diese Ehrfurcht vor den Geistern. Denn die heutigen Vorstellungen von „bakemono“ (Oberbegriff für gespenstische und übernatürliche Wesen im japanischen Volksglauben) sind von den letzten Jahrhunderten mythologischer Überlieferungen geprägt. Die „bakemono“ lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: „Yōkai“ und „Yūrei“ …

Wer braucht schon Poltergeister?

Notice me senpai! (Bild: Marcel L.)

„Yōkai“ lassen sich wohl am ehesten mit westlichen Fabelwesen vergleichen. So gelten beispielsweise Tanuki (Marderhunde) als Yōkai, die ihre Gestalt wandeln können und mit listigen Plänen durchaus auch mal in menschlicher Gestalt durch die Welt ziehen. Neben „Oni“ (Dämonen) und „Tengu“ (Berggeister und Meister der Waffenkunst mit einem Schnabel) zählen zu den Yōkai auch sogenannte „Tsukumogami“. Dabei handelt es sich um Alltagsgegenstände, die nach hundert Jahren der Vernachlässigung plötzlich zum Leben erwachen.

Wenn also in einem japanischen Haushalt plötzlich Teller durch die Gegend fliegen, ist das nicht unbedingt das Werk eines Poltergeistes, sondern einfach ein Schrei nach Aufmerksamkeit von beseeltem Porzellan.

Totgesagte „leben“ länger

Ein Onyrō nimmt Rache an einem Mönch; aus Wakan ehon sakigake 和漢絵本魁, 1836 (Bild: The British Museum.

„Yūrei“ oder auch „Bōrei“ kommen der westlichen Vorstellung eines Gespenstes näher. Es handelt sich hierbei nämlich um Seelen von Verstorbenen, die aufgrund eines Unrechts zu Lebzeiten oder kurz nach ihrem Tod (z.B. ein unrühmliches Begräbnis) keinen Frieden finden konnten. Ähnlich wie in unserer Vorstellung von Gespenstern haben auch Yūrei keine Beine, sondern schweben durch die Luft. Dabei suchen sie die Lebenden heim, jedoch meist ohne ernsthaften Schaden anzurichten. Es sei denn, es handelt sich um sogenannte Onryō – Rachegeister.

Eine Besänftigung der toten Seelen kann durch verschiedene buddhistische Rituale, einem Exorzismus nicht unähnlich, erreicht werden. Erste Quellen für diese Praxis stammen schon aus dem 8. Jahrhundert. Auch heute spielt die Besänftigung der Seelen Verstorbener eine wichtige Rolle für die japanische Bevölkerung. Ähnlich wie beim mexikanischen Día de los muertos wird in Japan seit über 500 Jahren das Totenfest „Obon“ gefeiert, bei dem die Geister der Ahnen befriedet werden sollen. Aber diese kulturell vorgeschriebende Verehrung von Geistern inspiriert auch ganz andere Geschichten …

Von wegen stilles Örtchen – Onryō und Yūrei in „Urban Legends“

In japanischen Sanitäranlagen kann man nicht nur moderne High-Tech-Toiletten mit Sprachfunktion und Turbobrause finden. Unzählige „Urban Legends“ – eine moderne Form des Ammenmärchens – ranken sich um die Keramikabteilung. Zwei davon sollen hier kurz vorgestellt werden.

 „Rotes oder blaues Papier?“

Die Qual der Wahl – oder umgekehrt? (Bild: Marcel L.)

Aka Manto (was übersetzt so viel wie „roter Umhang“ bedeutet) ist eine Geistergestalt, die ihr Unwesen auf so ziemlich allen öffentlichen Toiletten treibt. Gehüllt in ein rotes Cape und mit einer Maske vor dem Gesicht, soll der Geist Menschen heimsuchen, die sich gerade auf den Porzellanthron gesetzt haben.

Auf seine Frage „Willst du rotes oder blaues Papier?“ sollte man am besten gar nicht antworten. Denn wenn man sich für das rote Papier entscheidet, so wird man so lange aufgeschlitzt, bis die eigenen Klamotten ganz rot sind. Und wenn man den blauen Zellstoff wählt, so erwürgt Aka Manto einen, bis das Gesicht ganz blau angelaufen ist.

Angeblich soll Aka Manto der Geist eines gut aussehenden jungen Mannes sein, der auf ungeklärte Weise auf der Toilette getötet wurde. Aus Schmach über dieses unrühmliche Ende soll er seine Maske also tragen, um seine Identität zu verbergen. Als Onryō sucht er deswegen auch gerade am Ort seines Todes Vergeltung.

„Willst du mit mir spielen?“

Hanako-San ist eine „Urban Legend“, die vor allem an japanischen Grundschulen beliebt ist. Ähnlich wie bei der Bloody-Mary-Legende soll der Geist dieses kleinen Schulmädchens mit Bubikopf und rotem Kleid nach bestimmten Ritualen erscheinen – und zwar auf der Mädchentoilette. Die Geschichte wird mitunter auch als Vorlage für die Maulende Myrthe in Harry Potter vermutet. Hanako soll auf grausame Weise von ihren Eltern ermordet oder bei einem Luftangriff während des Zweiten Weltkriegs von Bomben zerfetzt worden sein, und lässt sich darum wohl am ehesten als Yūrei bezeichnen.

Der genaue Ablauf des Rituals variiert dabei aber von Schule zu Schule. In einer Version muss man im WC im dritten Stock an der dritten Kabinentür dreimal anklopfen und Hanako-San fragen, ob sie mit einem spielen will. In einer anderen Variante genügt es, ihren Namen in eine der Kabinen zu rufen. Das sieht dann ungefähr so aus:

Ob die kleine Hanako die mutigen Mädchen nun dem Mythos nach auffrisst, aufschlitzt oder einfach nur verängstigt – die Folgen solcher Geistergeschichten sind real. Studien weisen darauf hin, dass Sagen rund um das WC, wie die um Hanako Blasenentleerungsstörungen, Angststörungen bei kleinen Mädchen verursachen können.

Horror made in Japan

Wenn es eines gibt, was Aka Manto und Hanako-San zeigen, dann dass die traditionsreiche Geisterkultur Japans auch in der Gegenwart fortlebt. Aber auch abseits von „Urban Legends“ und Kindermutproben sind die Geister noch immer präsent. Nicht umsonst gibt es ein eigenes Filmgenre, J-Horror, dass sich neben Aspekten des psychologischen Horrors vor allem auch mit Onryō und Yūrei auseinandersetzt. Diese Filme sind wiederum ein Sinnbild für die tiefe Verbindung zu den eigenen Traditionen. Denn häufig adaptieren sie Geschichte sowohl aus altertümlicher wie auch klassischer Literatur – aber das wäre ein Thema für einen anderen Beitrag.

Wer sich für andere asiatische Geistertraditionen und -geschichten interessiert, sollte sich diese Artikel auf unserem Blog noch unbedingt ansehen:

Alberne Gespenster aus aller Welt – der japanische Shirime

Geschichten von Liebe und Hass: Geister in chinesischen Mythen

Gerät das Geisterfest in China in Vergessenheit?

Weiterführende Literatur:

Michael Dylan Foster (2008) – Pandemonium and Parade: Japanese Monsters and the Culture of Yōkai.

Michael Dylan Foster (2006) – Strange Games and Enchanted Science: The Mystery of Kokkuri. In: The Journal of Asian Studies 65(2), S. 251-275.

Siegbert Hummel (1949) – Das Gespenstige in der japanischen Kunst (Bakemono).

Bernhard Scheid – Religion in Japan.

Anette Ladovic vor dem Neuen Schloss

Tragödien, Morde und Intrigen: Anette Ladovics Geisterführungen bringen Stuttgarts düstere Seite zum Vorschein. Ein Abend, der den Blick auf die Stadt verändert.

Mit wallendem Gewand hastet Anette Ladovic über den Stuttgarter Marktplatz. In der rechten Hand trägt sie einen langen Stock, mit der linken versucht sie vergeblich, ihren Umhang im Wind zu bändigen. Es ist kurz vor neun, sie ist spät dran und wird bereits erwartet. Fünfzehn Teilnehmer*innen haben sich zu Füßen der bronzenen Stuttgardia versammelt. Als Schutzgöttin Stuttgarts soll sie die Gruppe während der Stadtführung vor bösen Geistern bewahren. „Ob das gelingt?“, fragt Ladovic in die Runde. „Wir werden sehen.“

Mit der düsteren Seite Stuttgarts kennt Ladovic sich aus. Seit März 2012 bietet sie gespenstische Stadtführungen und Nachtwanderungen an. Auf die Idee kam sie, nachdem sie selbst an einer Geisterführung in England teilgenommen hatte. Sie war begeistert, erzählte ihrem guten Freund und späteren Geschäftspartner Steffen Hammer davon. „Obwohl wir beide gebürtige Stuttgarter sind, kannten wir damals keine Stuttgarter Sagen“, sagt sie. Es folgten Recherchen gemeinsam mit ihrer Tochter Joy Ladovic im Internet, in Büchereien und dem Stadtarchiv sowie Gespräche mit Stuttgarter Historiker*innen. Denn die Geschichten sollten auf Tatsachen beruhen, nicht erfunden sein. Eineinhalb Jahre brauchten sie, bis ihre Recherchen abgeschlossen waren. Inzwischen ist Hammer an den Führungen der Stuttgarter Geister nicht mehr beteiligt, Ladovic lebt ihren Traum alleine weiter – und hat Angst, dass dieser irgendwann platzen könnte. Damit ihr niemand ihre Geschichten abspenstig machen kann, möchte sie nicht, dass diese irgendwo nachzulesen sind. Journalisten etwa dürfen nur über ausgewählte Sagen der Stadtführung berichten.

Konsumgüter statt Kadaver

Anette Ladovic vor dem Alten Schloss

Geister gehen um zwischen Altem und Neuem Schloss (Foto: Hannah V.)

„Das Gewässer, das Stuttgart geprägt hat, ist nicht etwa der Neckar, sondern der Nesenbach“, erklärt Ladovic. Sie hat die Gruppe inzwischen vom Marktplatz aus durch die schmale Bärenstraße geführt, um die Markthalle herum bis zum Stauffenbergplatz mit Blick auf das ein Jahr alte Dorotheenquartier. Dort wo sich Geschäfte wie Steiff, Hugendubel und Diesel aneinanderreihen, habe einst ein Schlachthaus direkt über dem Nesenbach gestanden. In den nicht nur die Metzger ihre Abfälle geworfen hätten: „Ob Blut von Aderlässen, Färber- und Gerbereiabfälle, Tierkadaver oder Fäkalien – wenn es eklig war und stank, dann landete es sicher unter Stuttgart im Nesenbach.“

Nur unweit des Schlachthauses sei einmal ein kleiner Bub in den Nesenbach gefallen. „In seiner Not fasste das Kind nach einem der beiden Griffe, die neben ihm aus der Brühe ragten“, erzählt Ladovic. Ihre Stimme dröhnt über den Platz, sie gestikuliert ausladend mit den Händen. „Doch die kleine Hand glitt stattdessen an einem nassen Horn ab, ein nasses Fell hinunter, bis sie letztlich in der leeren Augenhöhle eines Rinderkopfs Platz fand.“ Zwar habe der Vater den Jungen gerettet, aber dieser sei fortan von den Geistern toter Tiere heimgesucht worden. Er habe ihre Todesschreie gehört und ihre zerhackten Leiber gesehen.

Anette Ladovic vor dem Neuen Schloss

Gewitterwolken könnten ein Odinsheer verheißen (Foto: Hannah V.)

Ladovics Geschichten handeln vom Wahnsinn, Tod und Verderben. Manche haben ein tröstliches Ende, andere nicht. Besonders spannend findet die Geisterführerin dabei die Sagen und Legenden, die auch etwas über die jeweilige Zeit und Gesellschaft preisgeben: Wie haben die Menschen damals gelebt? An was haben sie geglaubt? So erzählt Ladovic der Gruppe im Hof des Neuen Schlosses, dass ein aufziehender Sturm früher weit mehr als schlechtes Wetter verhießen habe. „Wenn der Wind heulend um die Ecken fegte und Blitze über den Himmel zuckten, fürchteten die Menschen, dass ein himmlisches Totenheer des germanischen Göttervaters Odin käme und mit seinen feurigen Wagen – sprich den Blitzen – und seinen wilden Schimmeln – sprich dem Sturm – alles niederbrennen und niederreißen werde“, leitet die Geisterführerin ihre nächste Geschichte ein.

Begegnungen mit echten Geistern?

Mit wehendem Umhang schlängelt sich Ladovic wenig später zwischen den weißen Zelten des Stuttgarter Sommerfests hindurch, die sich auf dem Schlossplatz aneinanderreihen. Es ist eine laue Sommernacht und obwohl die Dämmerung sich langsam über den Talkessel senkt, sind noch viele Menschen unterwegs. Manche mustern die Geisterführerin verwundert, andere bemerken sie gar nicht. Aus der Ferne dringt die sich überschlagende Stimme des Kommentators herüber, der sich über das WM-Achtelfinale von Uruguay gegen Portugal ereifert. Bei all dem fällt es schwer, sich zu gruseln.

Es komme immer wieder zu sonderbaren Begegnungen mit echten Geistern, steht auf Ladovics Website. Bisher halten sie sich von der Gruppe fern. Auf die Frage, ob Ladovic selbst an Geister glaubt, folgt eine kurze Pause. „Ich habe noch nie eins gesehen“, sagt sie dann. „Das heißt aber nicht, dass es keine Geister gibt.“ Es ist eine sehr diplomatische Antwort. Manche Menschen sehen in Ladovic selbst eine phantastische Gestalt. Wenn sie in ihrer schwarzen Arbeitskleidung durch Stuttgart läuft, sich bei jedem zweiten Schritt auf ihren langen Stock stützt, bleibt das von Passanten oft nicht unkommentiert. „Ich bin wahlweise eine Hexe, Bibi Blocksberg, oder Gandalfs Tochter“, scherzt sie auf dem Weg zur letzten Geschichte.

Während Ladovic noch einmal alles gibt – ihren Stock in die Luft stößt, torkelnd einen Betrunkenen nachahmt und mit angsterfüllten Augen ihre Teilnehmer*innen mustert, sind diese eher zurückhaltend. Niemand stellt Fragen. Dennoch hat sich für viele von ihnen durch den Abend etwas verändert. „Wenn ich in Zukunft über den Schlossplatz gehe, werde ich bestimmt daran denken, wie Katharina Pawlowna – die Königin von Württemberg – einst von Liebeskummer geplagt hier aus dem Schloss rannte“, sagt die Stuttgarterin Ulrike Bauer*, die die Führung einer Freundin geschenkt hat. Ladovic beendet derweil die Geschichte über einen Geisterbeschwörer mit einer Pointe. Die Teilnehmer*innen applaudieren, bevor sie in die Stuttgarter Nacht entschwinden. Geister sind bis zuletzt nicht aufgetaucht. Die Stuttgardia hat ihre Aufgabe erfüllt – eigentlich schade.

* Name von der Redaktion geändert

 

Noch nicht genug von Gruselgeschichten? Auch in Tübingen gibt es Geisterführungen. Mehr dazu hier.

2013 tauschte Canny Sutanto ihr Leben in Jakarta, Indonesien, gegen eines in Deutschland ein. In diesem Interview erzählt die Hamburger Grafikdesignerin einige indonesische Geistergeschichten und erklärt, welches kulturelle Gepäck es nicht durch den Zoll geschafft hat.

Sind Gespenster in Indonesien ein größeres Thema als in Deutschland?

Ja, auf jeden Fall. Wenn ich den Leuten hier erzählte, dass ich an Gespenster glaube, würden sie denken, dass ich eine Idiotin sei (lacht). Ich persönlich glaube nicht an Gespenster, aber in meiner Familie und unter meinen Freunden gibt es viele, die das tun.

Wie sehen indonesische Gespenster aus?

Das kommt darauf an. Wir haben eine Menge davon. Wenn Du zum Beispiel Muslim bist und stirbst, wirst Du in dieses weiße Leichentuch, das Potschong, eingewickelt, das am Kopfende zusammengeknotet wird. Wie eine Mumie, aber eben eine indonesisch-muslimische. Manchmal kommen die Toten dann als Potschong-Gespenster aus ihren Gräbern, und weil sie von Kopf bis Fuß eingewickelt sind, hüpfen sie herum und spuken.

Und die Leute sehen solche Gespenster?

Mein Cousin hat sie gesehen. Er war in einer Stadt außerhalb Jakartas und schlief auf einer Matratze auf dem Boden. Er wachte auf, und sah einen dieser weißen Potschongs durch die Wand ins Zimmer hüpfen. Dann hielt das Gespenst neben ihm inne und hüpfte schließlich über seine Matratze.

(So sieht ein „echter“ Potschong aus)

Es gibt auch die Tuyul, die Geister. Sie sind wie kleine Personen. Eine Freundin hat mir erzählt, dass ihre Tante sie sehen könne. Dann habe ihre Tante sie “geöffnet,” sodass auch sie die Tuyul habe sehen können. Sie liefen einfach in der Gegend herum.

Woher kommen die Geister?

Es ist ein weitverbreiteter Glaube in Indonesien, dass unsere Welt parallel sei mit der Welt der Geister. Wenn Du einen siehst, dann heißt das, dass an jenem Ort ein Portal ist und die beiden Welten dort miteinander kollidieren.

Gespenster waren also ein normaler Bestandteil  deiner Kindheit?

Absolut. Mein Schwager hat sogar ein Gespenst in Amerika gesehen. Er lag in seinem Haus im Bett und fühlte sich seltsam. Dann hörte er etwas und schaute aus dem Fenster. Da war eine Person mit einem entstellten, verbrannten Gesicht, die ihn anstarrte. Mein Schwager schloss seine Augen, und sprach ein Gebet. Als er sie wieder öffnete, war das Gespenst verschwunden.

Ich habe ihn dann gefragt: “War es weiß oder… war es asiatisch?” (lacht). Er antwortete, es sei weiß gewesen. Dass es also ein einheimisches Gespenst gewesen sei. Kein indonesisches.

Die Spukvilla in Jakarta; Foto: Canny Sutanto

Dann ist da dieses große, teure, moderne Haus in einem elitären Viertel in Jakarta. Es steht jetzt seit einer sehr, sehr langen Zeit völlig leer, weil die Leute sagen, es spuke darin. Es steht an der größten Straße des Viertels und ist einfach leer. Mittlerweile haben sie es bestimmt abgerissen. Man sagt aber, selbst wenn man es abreiße, würde es noch immer dort spuken.

Kann man Gespenster auch wieder loswerden?

Ja, das ist sogar ein Beruf. Wir nennen ihn Dukun.Die Schwester meines früheren Arbeitskollegen in Jakarta war scheinbar von jemandem verflucht worden.  Die Dukun sagten ihr: ,Jemand hat das über Dich gebracht. Du bist verflucht.‘

War ein Gespenst die Ursache?

Eher ein böser Geist. Mein Kollege erzählte mir die Geschichte: Die Familie kam einmal während des Ramadan zusammen, um zu kochen. Sie kauften also frisches Fleisch ein und fingen an, ein Rindercurry zuzubereiten. Plötzlich tauchten Maden in dem Curry auf, viele Maden. Sie warfen es also weg und dachten, das Fleisch sei verdorben gewesen. Sie kauften dann anderswo neues Rindfleisch und kochten erneut Curry. Wieder tauchten mit einem Mal Maden darin auf.

Die Dukun sagten ihnen: “Legt vier Eier in die vier Ecken eures Hausdachs. Wenn sie schwarz werden, wisst ihr, dass ein Geist hier ist.” Und sie wurden alle schwarz.

Das passierte zu der Zeit als mein Kollege und ich zusammen gearbeitet haben. Ich sehe keinen Grund, warum er die Geschichte hätte erfinden sollen.

 

Deutschland ist ein sehr, wie soll ich sagen… unspirituelles Land.

 

Wie ist es für dich so lange an einem Ort gelebt zu haben, wo man nicht an Geister glaubt?

Deutschland ist ein sehr, wie soll ich sagen… unspirituelles Land. Ich denke, das hat mich von diesem Teil meiner Weltsicht entfremdet.

Du glaubst nun selbst nicht mehr an Geister?

Ich denke nicht, dass ich jemals sagen werde, dass ich definitiv nicht daran glaube. Aber wenn ich hier bin, habe ich nicht das Gefühl, dass es spuken könnte. Wohingegen ich in Indonesien vielleicht Angst davor bekomme, wenn ich einen Gruselfilm angeschaut habe. Hier spüre ich das selten. Und warum sollte ich auch? Wie sollten Gespenster  überhaupt existieren? Ich denke, es gibt sie nicht. Aber sicher bin ich mir nicht.

Macht es dir etwas aus, dass dein deutscher Freund nicht an diesen Teil deiner Kultur glaubt?

Ich sehe das als etwas Positives, weil es Vernunft in meinen Kopf bringt. Ich glaube ja an Wissenschaft und all das und weiß darum, dass Gespensterglaube eigentlich Quatsch ist. Er erinnert mich manchmal daran.

 

Vielleicht ist die Theorie, dass Du die Gespenster sehen kannst, wenn Du an sie glaubst, und wenn nicht, dann eben nicht.

 

Würdest du diese Sicht der Dinge allen Indonesiern wünschen?

Vielleicht wenigstens meinem kleinen Neffen. Er war neulich zu Besuch, wir sind durch Europa gereist und er redete ständig über Gespenster. Er sagte, ‚da drüben ist ein Gespenst‘, oder hier…

Selbst in Hamburg, wo du lebst?

Oh, zum Glück nicht! Dann würde ich mich sehr unwohl fühlen! Er sagte ja so Sachen wie:  ‚Schau mal, der Typ da drüben hat keinen Kopf‘. Ich glaube aber nicht, dass er tatsächlich irgendetwas sieht. Ich denke, er ist einfach von den Gespenstergeschichten beeinflusst. Vielleicht ist die Theorie, dass du die Gespenster sehen kannst, wenn du an sie glaubst, und wenn nicht, dann eben nicht.

Könnte es sein, dass du in Indonesien an Gespenster glaubst und hier in Deutschland nicht?

Nein. Tatsächlich sage ich mir selbst immer wieder, dass ich nicht an Gespenster glaube, weil ich persönlich sie ja nicht sehe. Und ich bin froh, dass ich sie nicht sehe.

Aber du glaubst deinen Freunden?

Ja, das tue ich. Es ist ein ziemlicher Widerspruch.

Und wie ergeht es südamerikanischen Gespenster in Deutschland? Eine argentinische Studentin an der Uni Tübingen erzählt.

Manche Geister sind realer, als man denkt. Wenn man mit Depressionen lebt, ist es andauernd so, als würde man von Gespenstern verfolgt. Diese Gespenster kann man nur besiegen, wenn man sie konfrontiert. Ein Erfahrungsbericht.

Wenn man mit Depressionen lebt, ist es ein bisschen so, als würde man konstant von Geistern verfolgt. Diese Geister sind anhaltende Traurigkeit, oft über Tage oder sogar Wochen. Schlaf- und Essstörungen. Lustlosigkeit und Selbstisolation. Selbstverletzende Tendenzen und Ängste. Im schlimmsten Fall sind es Selbstmordgedanken oder -versuche. Weltweit sind es mehr als 300 Millionen Heimgesuchte. Allein in Deutschland sind über fünf Prozent der Bevölkerung betroffen. Unsere Schreckgespenster sind Depressionen.

Dreierlei Gespenster

Bild via Pixabay

Wenn ich von Depressionen als Gespenstern schreibe, hat das viele Gründe. Der eine ist, wie schon erwähnt, dass die Symptome und die Krankheit selbst die Betroffenen heimsucht, wie böse Geister, ohne Ankündigung und oft ohne Gründe. Es ist nicht überraschend, dass in religiösen Kreisen bis heute Depressionen oft als Zeichen dämonischer oder geisterhafter Besessenheit gedeutet werden. Betroffene können sich ihren Zustand oft selbst nicht erklären. Angehörige stehen dem häufig hilflos und unverständlich gegenüber.

Der zweite Grund, warum ich Depressionen mit Geistern gleichsetze, ist, dass Menschen mit Depressionen oft selbst zu Geistern werden. Man kapselt sich von der Gesellschaft ab und erfindet Ausreden dafür, nicht aus dem Haus zu gehen. Bekannt ist das Bild davon, tagelang kaum das Bett zu verlassen. So geht es vielen Betroffenen, und auch enge Angehörige kriegen davon leider oft nichts mit.

Der dritte Grund dafür, dass Depressionen wie Gespenster sind, ist ein gesellschaftlicher. Trotz der Allgegenwärtigkeit der Krankheit wird über Depressionen immer noch sehr ungern gesprochen. Ebenso wenig wie über Selbstmord und Suizidgedanken. Wie einen bösen Geist versucht man sie zu ignorieren. Doch Geister kann man nur besiegen, wenn man sie konfrontiert und sich den Gespenstern stellt.

Nicht böse, nur uninformiert

Dass Depressionen in der Öffentlichkeit nicht allzu gerne behandelt werden, kann für Betroffene fatale Folgen haben. Durch fehlendes Wissen sind allerlei Gerüchte oder Falschinformationen über Depressionen im Umlauf. Menschen setzen Depressionen gerne mit Traurigkeit gleich. Traurig zu sein ist jedoch nur ein Symptom von Depressionen. Medikamente können helfen, dieser tief verwurzelten Traurigkeit Herr zu werden. Entgegen dem Glauben vieler Menschen machen Antidepressiva nicht süchtig.

Frauen sind weltweit häufiger depressiv als Männer, doch Männer sind gesellschaftlich bedingt oft weniger fähig, sich ihre Krankheit einzugestehen oder Hilfe zu suchen. Zudem sind Depressionen keine rein psychischen Zustände, sie können auch erblich bedingt sein und manchmal ohne Anlass und selbst bei intaktem Umfeld auftauchen. Der klassische Ausruf hierbei ist wohl: „Warum bist du denn depressiv, dir geht es doch gut?”

Derlei Unverständnis ist meines Erachtens nach und aus persönlicher Erfahrung selbst im besten Fall nicht hilfreich. Im schlimmsten Fall ist es schädlich und mitunter lebensgefährlich. Allerdings ist es auch verständlich, dass man sich ungerne über solche düsteren Themen unterhält oder sich damit auseinandersetzt. Solche Verhaltensweisen in der Gesellschaft sind also nicht bösartig, egal wie fatal die Folgen auch sein können. Sie zeugen allerdings von gefährlicher Ignoranz. Dass ein Wandel im Gange ist, durch soziale Medien und öffentliche Initiativen, ist jedoch positiv anzumerken, so können sich in sozialen Netzwerken betroffene finden und sie liefern Kanäle, über die Krankheit offen zu sprechen.

Die Geister meines Lebens

Bild via Pixabay

Dieses Thema bedeutet mir persönlich sehr viel. Denn auch meine Geister sind Depressionen. Es ist noch nicht lange her, dass ich alleine zuhause war und ernsthaft darüber nachdachte, wie ich einen Suizid am geschicktesten anstellen könnte. Es ist nicht lange her, dass meine Mitbewohner*innen mich tagelang nicht gesehen haben und ich mir nur die Zähne geputzt habe, wenn ich unbedingt aus dem Haus musste, an die Uni oder zur Arbeit. Damals habe ich mich selbst wie ein Geist gefühlt. Ich fühlte mich alleine, hilflos und unverstanden. Obwohl ich viele gute Freund*innen und eine tolle Familie habe. Meine Krankheit und mein eigenes Unwissen haben mich viele Jahre meines Lebens gekostet.

Heute geht es mir besser. Ich habe mich meinen Geistern gestellt und mir Hilfe gesucht. Diese habe ich dann auch erhalten, wenn auch mit einigen Umständen. Denn ein weiteres Problem ist die Erwartungshaltung, dass depressive Menschen sich selbst Hilfe suchen und monatelange Wartelisten in Kauf nehmen. Das alles mit Ängsten und Motivationsproblemen. Hier ist leider noch einiges zu tun.

Sollte irgendjemand diesen Text lesen, der selbst betroffen ist oder Betroffene kennt, die mit ihren Geistern zu kämpfen haben, dem sollte zuletzt das hier noch gesagt sein: Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu suchen. Es ist auch nachvollziehbar, hilflos zu sein, wenn andere betroffen sind. Manchmal reicht es, zuzuhören. Manchmal reicht es, einfach nur da zu sein.

Stellt euch euren Geistern

Wer sich selbst seinen Geistern stellen will, dem seien diese Nummern ans Herz gelegt:

Info-Telefonnummer der Deutschen Depressionshilfe: 0800 3344533

Telefonseelsorge: 0800 111 0 111; 0800 111 0 222; 116 123

In Baden-Württemberg gibt es zudem den Arbeitskreis Leben, der an vielen Orten aktiv ist und oft kurzfristig Hilfe bieten kann. Weitere, tiefer gehende Hilfe muss oft psychiatrisch und/oder psychotherapeutisch erfolgen. Sich Hilfe zu suchen, um mit seinen Geistern nicht allein zu sein, ist jedoch keine Schande und jeder ist es wert, diese Hilfe auch zu erhalten.

Gespenster können mal eine politische Idee sein, mal schaurige Monster, und oft Figuren in unseren liebsten Geschichten. Doch hat die Menschheit im Laufe ihrer illustren Historie schon das ein oder andere Gespenst hervorgebracht, bei dem man sich fragt, ob uns alle guten Geister verlassen haben. Begeben wir uns auf eine kleine, skurrile Weltreise.

1. Das „Highgate Chicken“ Gespenst

Sir Francis Bacon war ein Philosoph, Staatsmann und Jurist und gilt als einer der wichtigsten Vorreiter der empirischen Forschung. Man mag von Ironie sprechen, dass sich ausgerechnet aus dem Umfeld Bacons eine der faszinierendsten Gespenstergeschichten Englands entwickelt hat. Die Geschichte des „Highgate Chicken“ Gespensts.

Wir schreiben das Jahr 1626. In Europa wütete der verheerende dreißigjährige Krieg. Im verschneiten England, genauer am Highgate Pond nahe London, lieferte sich Wissenschaftler Francis Bacon eine hitzige Diskussion mit seinem Freund Dr. Witherbone darüber, auf welche Art sich Fleisch am besten konservieren ließe und vielleicht auch darüber, wer von beiden den lustigeren Nachnamen hat.

Bacon argumentierte, dass Kälte die Lösung sein könnte, und um das zu beweisen, ging er los und kaufte ein Huhn. Es ist nicht bekannt, ob dieses Huhn bereits Anzeichen von dämonischer Präsenz zeigte. Man weiß nur, dass Bacon es kaltblütig ermordete, rupfte, ausnahm, mit Schnee füllte und in einem Sack in mehr Schnee vergrub. So erfand Bacon, Verfasser der Universalenzyklopädie De dignitate et augmentis scientiarum, das erste gefrorene Hähnchen. Am selben Tag erkältete er sich und starb wenig später an einer Lungenentzündung.

Jener Ort, an dem Bacon das Huhn vergrub, gilt seit jenem schicksalshaften Tag als heimgesucht. Doch ist es nicht Bacons Geist, der den Ort heimsucht, oder der ruhelose Dr. Whiterbone, der nie darüber hinwegkam, dass Bacon Recht hatte. Nein, noch bis heute soll dort der Geist des Highgate-Hähnchens sein Unwesen treiben. Es gibt verschiedene Berichte von Zeugen, die am Highgate Pond ein halb-gerupftes, kopfloses Huhn im Kreis herumrennen gesehen haben. Wild mit den Flügeln schlagend und auf den Boden pickend mit einem Schnabel, welchen es nicht mehr hat. Die letzte angeblich belegte Sichtung des Horror-Huhns aus der Hölle, soll es in den 1970ern, gegeben haben. Wollen wir hoffen das Huhn hat erkannt, dass es für die Wissenschaft starb und es jetzt, glücklich gackernd, seinen Frieden in den ewigen Jagdgründen gefunden hat.

2. Mula-sem-cabeça – Das kopflose Maultier

Wir kennen den christlichen Gott als jemanden, mit dem man sich besser nicht anlegt. Mal schmeißt er Frösche herab, lässt Erstgeborene sterben, flutet den halben Planeten oder straft uns fürs Turmbauen mit Fremdsprachen lernen. Manchmal verwandelt er einen zur Strafe aber auch in ein kopfloses lila Maultier, das Feuer aus dem Halsstumpf speit. Laut brasilianischer Folklore soll dieses Schicksal eine brasilianische Prostituierte erlitten haben, die eine Affäre mit einem Priester hatte.

Je nach Version variiert die exakte Form des Fluches, mit welchem die Frau von Gott in dessen unendlicher Kreativität belegt wurde. Einig ist man sich darin, dass die Verfluchte dazu verdammt ist sich Donnerstag nachts in jene albtraumhafte Maultier-Gestalt zu verwandeln. Meist trägt sie dabei noch ein fliegendes Zaumzeug, gibt das Jammern einer Frau von sich und ist geschmückt mit einer brennenden Mähne. Sie trampelt achtlose Menschen nieder und man kann sich ihr nur entziehen, indem man sich flach auf den Boden legt und ruhig bleibt. Angeblich sieht sie nicht so gut …

Wir wollen an dieser Stelle nicht den pädagogischen Wert diskutieren, eine käufliche Dame dafür zu bestrafen Sex zu haben, während man den Priester laufen lässt. Denn der Fluch hat ein Gegenmittel! Um die brennende Geisterdirne zu retten, bedarf es nur der Entfernung des Zaumzeugs. Oder man ersticht sie. Denn dann würde sich das kopflose Maultier zurück in das Freudenmädchen verwandeln, nackt, schwitzend und nach Sulfur stinkend. Der „Glückliche“, dem dies gelingt, muss sie anschließend zur Frau nehmen.

Vermutet wird, dass die Geschichte als christliches Lehrstück gegen die in Brasilien weit verbreiteten Naturreligionen entstanden ist, um die Zügel- und Kopflosigkeit des wilden, animalischen Menschen zu verdeutlichen und Priester vom Zölibat zu überzeugen. Denn wer will schon für eine galoppierende, das Dorf terrorisierende, feuerspeiende Geisterdirne verantwortlich sein?

Künstlerische Veranschaulichung

 

3. Shirime

Zuletzt wollen wir noch einen Blick in das Mutterland seltsamer Gespenstergeschichten werfen: Japan. Neben einer Unzahl an Todesgöttern, Naturgeistern und Horror-Sagen gibt es in Japan sogenannte Yōkai, eine Klasse an Gespenster, die mit Monstern oder unseren westlichen spukenden Geistern vergleichbar sind. Oft auch als Mononoke bezeichnet, haben diese Gespenster die Fähigkeit der Gestaltwandlung, können von Tieren Besitz ergreifen oder beleben Gegenstände. Meist läuft eine Yōkai-Geschichte aber ziemlich ähnlich ab. Ein einsamer Wanderer trifft eine seltsame Person. Diese entpuppt sich als irgendeine Art Gespenst. In der Folge flieht das Opfer schreiend, der Geist verschwindet oder irgendwer wird von irgendwas gefressen.

Dies bringt uns zur Gespenstersage des Shirime. Die Geschichte geht so: Ein Samurai läuft, nahe Kyoto, eines Nachts die Straße entlang. Plötzlich trifft er auf einen Mann in einem Kimono, der ihm den Weg versperrt und sagt: „Entschuldigen Sie … bitte nur einen Moment ihrer Zeit.“ Der Samurai wappnet sich misstrauisch für einen Angriff. Er antwortet: „Was willst du von mir?“ Plötzlich dreht sich der rätselhafte Mann ruckartig um, bückt sich, hebt seinen Kimono und streckt dem Samurai seinen nackten Hintern entgegen. In der Mitte ein Licht ausstrahlendes, großes Auge. Angsterfüllt schreit der Samurai und ergreift die Flucht. Ende der Geschichte.

By Yosa Buson (与謝蕪村, Japanese, *1716, †1784) – scanned from ISBN 4-5829-2057-8., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2221693

Die Moral dieser Sage soll jeder für sich entscheiden. Im Japanischen wird dem Shirime nachgesagt, dass er keine böse Absicht hegt und es einfach nur witzig findet Leute zu… nunja, verarschen. In dieser Funktion kommt er beispielsweise auch im Film „Pom Poko“ des berühmten japanischen Zeichentrickstudios „Ghibli“ vor. Wer jetzt denkt, dass er auch schon den ein oder anderen Arsch mit Augen getroffen hat, sollte aber nicht davon ausgehen, dass es sich dabei gleich um einen Shirime handelte. Denn wie die gängige Defintnion von Gespenst empfiehlt, können alle möglichen „furchterregenden spukenden Wesen“ Gespenster sein.

4. Heimreise

Wir sehen also, egal ob Hühner in England, Maultiere in Brasilien oder Hintern in Japan: Gespenster tauchen auf der Welt in den skurrilsten Formen und Farben auf. Es gäbe noch unzählige zu entdecken, wie ein gespenstischer haariger Zeh in den USA, Föten-Geister in Indonesien oder das „Hantu Tetek“ (dt.: Busen-Gespenst) aus Malaysia. Auch die ein oder andere heimische Wunderlichkeit haben wir hier im Blog mit spukenden Bauernhöfen, Fußballgeistern und verstorbenen Tübinger Studenten schon vorgestellt. Am Ende muss man eh gar nicht so weit schauen, um alberne Gespenster zu finden. Oder wer kennt nicht das Gespenst mit dem Bettlaken über dem Kopf?

Der letzte Teil dieser Serie handelt vom Schloss Bronnen im schwäbischen Beuron. Die Burg hat seit jeher den Ruf, Wohnsitz vielerlei Geister zu sein. Heute wirkt der Ort geradezu idyllisch. Kaum zu glauben, dass es hier vor fast 100 Jahren zu Übergriffen von Geistern gekommen sein soll …

Auf meinem Weg zum Spukort muss ich zunächst den steil abfallenden Felsen erklimmen, auf dem das Schloss steht. Es befindet sich mittlerweile in Privatbesitz und ist für Besucher*innen bislang nicht zugänglich, daher bleibe ich kurz vor dem Gemäuer stehen. Gespannt drehe ich mich immer wieder um, um die schöne Aussicht auf das Tal zu genießen. Um mich herum ist nur Wald. Durch den abgelegenen Standort höre ich keinen Verkehrslärm, nur Vogelgezwitscher.

Das Schloss Bronnen, im Volksmund „Gespensterschlössle“ genannt, liegt im Landkreis Tuttlingen und ist im Jahr 1920 im Besitz eines Freiburger Arztes und dessen Frau. Beide vernehmen seit einigen Tagen seltsame Geräusche im Schloss, die sie sehr beunruhigen. Daraufhin lädt der Doktor den städtischen Pfarrer für ein paar Tage auf das Schloss ein, um dem Spuk ein Ende zu setzen. Am 8. September entdecken die beiden einen weißen Fleck am Boden, der sich auf einmal langsam vergrößert und zu einer Gestalt heranwächst. Sie beobachten, wie das gruselige Wesen über den Schlossfelsen schwebt und wieder zum Schloss zurückkehrt.

Als die Gestalt den beiden Männern näherkommt, erkennen sie ein weißglänzendes Phantom, dessen Gesicht von weißen Schleiern umhüllt ist. Auf des Pfarrers Frage, was es im Schloss zu suchen habe, erhält er keine Antwort. Stattdessen verschwindet der Geist im Dienstgebäude. Kurz darauf beginnen wieder die eigenartigen Poltergeräusche, die den Doktor und seine Frau so belästigt haben. Der Pfarrer beginnt in die Richtung des Gebäudes das Kreuzzeichen zu machen und siehe da: Der Krach lässt nach. Einzig ein leichtes Hämmern bleibt.

In der darauffolgenden Nacht schreckt der Pfarrer aus dem Schlaf. Aus der oberen Etage hört er rasche Schritte. Zuerst vermutet er, es seien Ratten, aber dann klingt es eher nach einem Kampf zwischen zwei Männern. Und es kommt noch besser: Kurz danach vernimmt der Geistliche Schritte die Treppe hinunter und es pocht an seiner Tür. Er hält die Luft an. Auch sein Hund ist mucksmäuschenstill. Erst als sich die Schritte wieder von der Tür entfernen, springt er auf und fängt an zu bellen.

Die Lage spitzt sich zu

Auch in der nächsten Nacht ist der Spuk im Schloss nicht zu Ende. Die wundersame Gestalt wandelt erneut unter den Fenstern des Schlosses auf und ab. Dann geschieht etwas äußerst Sonderbares. Das Phantom scheint sich zu zerteilen, sodass eine weitere nebelgraue Spukgestalt entsteht. Diese verbeugt sich mehrmals vor dem ersten weißen Wesen und beide verschwinden im Dienstgebäude. Wieder ertönen nicht identifizierbare Geräusche aus diesem Teil des Schlosses.

Auf einmal kommen vier Gestalten aus der Tür. Der Pfarrer ruft ihnen entgegen: „Gebt Zeichen, ob ihr Dämonen oder arme Seelen seid, wenn möglich ein Lichtzeichen.“ Da erscheint ein kleiner Lichtkegel auf dem Boden, der sich in Rauch verwandelt und zu einer fünften Gestalt wird. Sie schwebt zur Kapelle und ruft mit den anderen Phantomen ein starkes Blitzen hervor. Wieder versucht der Pfarrer Kontakt aufzunehmen: „Wenn ihr heilige Messen nötig habt, so tut dies kund durch Blitzen!“ Noch vier Mal blitzt es, bevor die Gestalten verschwinden. Pro Blitz solle eine Messe in Beuron stattfinden. Nach den Zeremonien hoffen der Doktor und der Pfarrer auf Ruhe.

Aber zu schön um wahr zu sein. Das Hinaufgehen an der Treppe und das Pochen an des Pfarrers Tür hört nicht auf. In der dritten Nacht erreicht das Gepolter und Beben seinen Höhepunkt, sodass alle Gegenstände im Zimmer wackeln und die Wände zu zittern beginnen. Zudem schweben zwei der Gestalten auf der Schlossbrücke und nähern sich der Burg. Wie Burgwächter schweben sie am Eingang. Der Doktor überlegt, zu schießen, doch er kann sich nicht überwinden. 

Ereignisse bleiben rätselhaft

Schloss Bronnen

Brücke zum Schloss (Foto: Kathrin Breuning)

Ein Happy End für den damaligen Besitzer des Schlosses und seine Frau ist leider nicht eingetreten. Sie sollen noch bis zu ihrem Tode vom Spuk im Schloss heimgesucht worden sein. 

Aus mündlichen Überlieferungen ist bekannt, dass der Pfarrer die Begegnung mit den Phantomen als eigenartiges Gefühl beschreibt. Eine Mischung aus Ehrfurcht und Angst. Er habe es außerdem zu Lebzeiten bedauert, kein Foto von den Gestalten geschossen zu haben. Außer den fünf Phantomen sollen auch Dämonen ihr Unwesen im Schloss Bronnen treiben. Zahlreiche Foren, die sich mit dem Übernatürlichen beschäftigen, berichten von einem „eigenartigen Gefühl“ und „seltsamen Begegnungen“ beim Besuch des Schlosses.

Auch ich habe mich auf meiner Reise nicht ganz wohl gefühlt. Das Schloss umgibt eine geheimnisvolle Aura – nicht zuletzt aus dem Grund, dass einem sein Innenleben gänzlich vorenthalten wird. Das große Holztor des Schlosses versperrt den Weg. Ich erkenne lediglich die Türme Bronnens. Was sich aber tatsächlich hinter der Fassade befindet, kann ich nur erahnen.

Der Bauernhof in Großerlach, das Nonnenkirchlein in Waiblingen und das Schloss Bronnen in Beuron. Diese Reihe hat drei verschiedene schwäbische Spukgeschichten vorgestellt und hoffentlich den ein oder anderen Leser dazu animiert, einen Ausflug an die verschiedenen Spukorte zu unternehmen. 

 

 

Geister darzustellen ist nicht einfach, denn niemand weiß wirklich, wie sie aussehen. Geister sind nicht sichtbar, nicht für jeden. In M. Night Shyamalans Film „The Sixth Sense“ jedoch sieht das etwas anders aus.

Der kleine Junge Cole ist bei einem Psychologen in Behandlung. Dr. Malcom Crowe ist ein bekannter und preisgekrönter Kinderpsychologe und versucht dem Achtjährigen zu helfen. Denn er ist in der Schule auffällig, hat keine Freunde und zeichnet tote Menschen. Doch erst als dieser damit herausrückt, dass er tote Menschen sehen kann, weiß der Psychologe, was wirklich mit ihm los ist. Cole fürchtet sich vor den Toten, denn sie sind sehr wütend, greifen ihn sogar an und wollen, dass er ihnen hilft. Zum Beispiel wollen sie, dass er für sie mit ihren Angehörigen spricht. Er entfremdet sich von seiner Mutter, die mit der Situation überfordert ist.

Plötzlich steht ein Geist in der Küche – den Cole zuerst für seine Mutter hält. (Quelle: Screenshot YouTube)

Dr. Crowe weiß zuerst nicht, ob er dem Jungen glauben soll, dass er wirklich Geister sieht. Erst, als er bei den Tonbändern aus einer Therapiesitzung eines früheren Patienten ganz genau hinhört, erkennt er Parallelen zu Coles Fall. Auf den Tonbändern sind Stimmen von mehreren Personen zu hören, obwohl der Patient ganz allein im Behandlungszimmer war. Auch der frühere Patient hatte behauptet, mit toten Menschen sprechen zu können. Dr. Crowe empfiehlt daraufhin Cole, mit den Geistern zu sprechen, um herauszufinden, was sie von ihm wollen.

Unzuverlässige Erzählweise

Besonders spannend ist die narrative Struktur des Filmes aus dem Jahre 1999, die die Zuschauer*innen hinters Licht führt. In der ersten Szene wird Dr. Crowe in seinem Haus von dem ehemaligen Patienten, der behauptete Geister sehen zu können, niedergeschossen. In der nächsten Szene hat Dr. Crowe seine Arbeit als Psychologe bereits wieder aufgenommen. Seine Frau und er reden allerdings nicht mehr miteinander. Sie scheinen sich voneinander entfernt zu haben. Außerdem beobachtet Dr. Crowe, wie sie halbherzig versucht, andere Männer zu treffen.

Menschen aus einer anderen Zeit – Coles Geister kommen aus verschiedenen Epochen. (Quelle: Screenshot YouTube)

Erst durch den neunjährigen Cole wird ihm am Ende klar, dass auch er selbst ein Geist ist und den Schuss aus der Anfangsszene nicht überlebt hat. Seine Frau trauert um ihn und spricht deshalb nicht mit ihm, weil sie ihn nicht sehen kann. Eines Abends schläft sie vor dem laufenden Fernseher ein und Dr. Crowe setzt sich neben sie. In dem Moment fällt ihr sein Ehering aus der Hand.

Erst jetzt begreifen auch die Zuschauer*innen, dass Dr. Crowe ein Geist ist. Da er äußerlich aussieht wie ein Mensch und auch mit Cole interagiert, gab es zuvor für die Zuschauer*innen keinen Hinweis darauf. Der kleine Cole stellt die von M. Night Shyamalan erschaffene Verbindung zwischen der Welt der Geister und der Welt der Lebenden dar. Die Unzuverlässigkeit des Erzählens beruht darauf, dass für den Zuschauer die Existenz einer Welt der Geister lange nicht offensichtlich wird. Die anderen Geister, mit denen Cole spricht, weisen in den meisten Fällen deutliche äußerliche Veränderungen auf. Man kann erkennen, woran sie gestorben sind. Bei Dr. Crowe ist das jedoch nicht so. Der Film lässt Details aus, wie zum Beispiel, dass Menschen in Dr. Crowes Umgebung nicht auf ihn reagieren. Dadurch werden die Zuschauer*innen hinters Licht geführt. Auch bei der Veröffentlichung des Filmes im Jahre 1999 waren die Zuschauer*innen überrascht vom Ende des Filmes. Andere Stimmen empfanden die Unzuverlässigkeit des Erzählers nicht stark genug, und deshalb das Ende als zu vorhersehbar. „The Sixth Sense“ löste außerdem eine Welle des unzuverlässigen Erzählens in vielen anderen Filmen, wie zum Beispiel „The Others“ (2001), um die Jahrtausendwende aus. 

Das junge Mädchen wurde von ihrer Mutter vergiftet und will von Cole, dass er ihrem Vater davon erzählt. (Quelle: Screenshot YouTube)

Die überraschende Wende am Schluss

Weil Dr. Crowe über einen großen Teil des Films hinweg selbst nicht weiß, dass er ein Geist ist, bleibt auch der Zuschauer im Dunkeln darüber. Erst im „finalen Plot Twist“ (Kehrtwende am Ende der Handlung) wird dieses wichtige Detail deutlich und verändert damit die gesamte Handlung. Dr. Crowe schafft es dann endlich, nachdem er Cole geholfen und sich von seiner Frau verabschiedet hat, seinen Tod anzuerkennen. Auch Coles Mutter glaubt ihm zuerst nicht, als er sich endlich traut, ihr von den Geistern zu erzählen. Aber als er die Antwort auf eine Frage kennt, die seine Mutter ihrer verstorbenen Mutter bei der Beerdigung gestellt hatte, glaubt sie ihm. Die Frage war „Do I make you proud?“ und die Antwort ist „Everyday“.

Wer wissen möchte, wie Geister in den Serien „Bojack Horseman“, „Friends“ und „Mad Men“ vorkommen, sollte sich diesen Beitrag einmal ansehen.

Weiterführende Literatur: 

Orth, D. (2006). Der unbewusste Tod. Unzuverlässiges Erzählen in M. Night Shyamalans THE SIXTH SENSE und Alejandro Amenabars THE OTHERS, In: Helbig, J. [Hrsg.], Camera doesn’t lie. Spielarten erzählerischer Unzuverlässigkeit im Film. Trier: WVT Wiss. Verl, 285-305.

Geister suchen wir in dunklen Ecken, schaurigen Ruinen oder auf dem Friedhof – doch was ist eigentlich mit den lebenden und analysierenden Geistern zwischen den Bücherregalen der Bibliotheken? Die Geisteswissenschaften werden genau wie ihre untoten Verwandten gefürchtet oder belächelt. Ein Plädoyer für den Mut, sich seines Geistes zu bedienen.

Das Abitur in der Tasche und voller großer Ideen und Fragen, was die Welt zusammenhält. Was ich werden will? Das weiß ich noch nicht so genau – mich interessieren Menschen und Literatur, ich mag Sprachen und fremde Kulturen. Ich entscheide mich gegen die Vernunft in meinem Kopf und folge meinem Herzen: Anglistik soll es sein. Meine Eltern sind nicht sonderlich überrascht – „Das passt zu dir!“ Was „Das“ ist, wissen wir zu dem Zeitpunkt alle nicht so genau.

An der Universität erfahre ich, dass ich nun zu den sogenannten Geisteswissenschaftler*innen gehöre. Dass Anglistik nur ein kleiner Teil im riesigen Becken der verschiedenen Disziplinen der Geisteswissenschaften ist, begreife ich anfangs noch nicht. Allein an der Universität Tübingen zählen über 25 Institute zur Philosophischen Fakultät, von der Geschichtswissenschaft über die Kunstwissenschaft bis hin zu den Philologien, in denen ich mein Zuhause gefunden habe. Schnell wird klar, die Geisteswissenschaft lebt vom interdisziplinären Austausch. Ich fühle mich wohl zwischen Geschichte-Nerds und Literaturliebhaber*innen und es dauert nicht lange, bis ich mich selbst auch zu dem abstrakten Feld der Geisteswissenschaftler*innen zähle.

„Und was macht man dann damit?“

Laut des Statistischen Bundesamtes entschieden sich im Wintersemester 2017/18 12 Prozent aller Studienanfänger*innen für ein geisteswissenschaftliches Studium an einer deutschen Hochschule. Die Geisteswissenschaften zählen damit zu den großen Universitätswissenschaften und reihen sich neben den Natur- und Sozialwissenschaften ein. Auch wenn 12 Prozent sich nach eher wenig anhören, hat sich die Zahl der Einschreibungen für Geisteswissenschaften seit dem Wintersemester 2015/16 immerhin um 3.000 Studierende in ganz Deutschland erhöht.

Geisteswissenschaftler*innen vergraben sich gerne in Bibliotheken – Vorurteil mit wahrem Kern?

Das Studium beginnt. Endlich bin ich umringt von gleichgesinnten Jane-Austen-Freaks und besuche Seminare zu Theater- und Kulturwissenschaft. Ich lerne alles über Literaturanalyse, den weiten Kulturbegriff und darüber, wie man in kürzester Zeit drei Bücher parallel liest. Lesen ist so ziemlich das einzige, was ich tue, doch das stört mich nicht.

Die Semester fliegen nur so dahin, bis ich das erste Mal auf die Frage aller Fragen antworten muss: „Und was macht man dann damit?“ Ich werfe mit Fachbegriffen um mich und versuche möglichst schlau zu klingen. Schnell merke ich jedoch, dass das mein Gegenüber nicht zufriedenstellt. Von da an wechsle ich zwischen Selbstironie und einem selbstbewussten „Nichts!“, bis hin zu ansatzweise greifbaren Berufen wie Lektorin oder Kulturreferentin. Beides sind Berufe, in denen ich mich eigentlich nicht sehe.

Geisteswissenschaftlerin oder Geisterjägerin?

Langsam realisiere ich, dass außerhalb des universitären Lebens niemand so wirklich weiß, was Geisteswissenschaften genau sind – und vor allem, warum es sie gibt. Selbst ratlos über die Wissenschaft, mit der ich meine Zwanziger verbringe, beginne ich das zu tun, was die Geisteswissenschaftler*innen am besten können – recherchieren.

Der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911) sieht den Hauptcharakter der Geisteswissenschaften in dem Versuch, menschliches Handeln zu verstehen. Damit konnte er sie von den Naturwissenschaften abgrenzen, die allgemein gesprochen das Ziel des Erklärens von Naturphänomenen anstreben. Das Einzelne verstehen kann aber nur derjenige, der das Ganze im Blick hat – das Ganze ergibt sich wiederum durch das Einzelne. Es entsteht eine Art Kreislauf – der sogenannte hermeneutische Zirkel. Man merkt, wir machen uns das Leben gerne selber schwer.

Geisteswissenschaftler*innen bedienen sich ihres kritischen Geistes.

Wahrscheinlich könnte die Gesellschaft mit einer Ausbildung zur Geisterjägerin mehr anfangen, wäre zwar schräg, aber immerhin konkret. Nein, wir Geisteswissenschaftler*innen denken abstrakt und deswegen sind unsere Forschungsfelder es nun mal auch. Es geht nicht darum, zu versuchen das Tonndorfer Schlossgespenst zu fangen, sondern zu hinterfragen, wie diese Legende der weißen Frau überhaupt an Popularität gewinnen konnte.

In dem Sammelband „Geisteswissenschaft heute – Die Sicht der Fächer“ verteidigt Julia Aparicio Vogel die Existenz meines Studiengangs:

„In einer Welt, die zunehmend von Informationsüberfluss und Laienwissen dominiert wird, ist ein solcher kritischer Zugang, das Wissen um die Subjektivität jeglicher Meinung, aber auch das Expertenwissen, das die Geisteswissenschaften sehr wohl vermitteln, wichtiger denn je.“

Was G’scheits

Dieser Satz kann auch nur von einer Geisteswissenschaftlerin geschrieben sein – aber wie Recht sie damit hat. Geisteswissenschaften lehren nicht über Steuererklärungen, Kochrezepte oder Businesspläne. Es geht nicht darum, etwas „G’scheits“ zu lernen, wie man in Baden-Württemberg so schön sagt, sondern darum, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (um Immanuel Kant hier nebenbei mal einfließen zu lassen und zu zeigen, dass sich mein Studium doch im Alltag einbringen lässt!).

Die Geisteswissenschaften beobachten mit einem differenzierten Blick gesellschaftliche Phänomene anhand verschiedener Methoden, immer darauf bedacht, das Ganze im Blick zu haben. Ich beende mein Bachelorstudium und bin zufrieden. Mein Interesse ist geweckt, am Alltäglichen und an Dingen, die Menschen bewegen. Ich habe gelernt zu hinterfragen, warum wir unser Handeln mit „Das macht man halt so“ erklären.

Im Master entscheide ich mich für die Medienwissenschaft und bleibe damit den Geisteswissenschaften treu. Ich freue mich, die lästige Fragerei nach dem Sinn meines Studiums endlich los zu sein – unter Medienwissenschaft kann sich die Allgemeinheit ja vielleicht doch etwas vorstellen. Auf die Frage aller Fragen antworte ich nun voller Zuversicht, als Antwort bekomme ich: „Aah irgendwas mit Medien“. Ist zwar nicht besser, aber immerhin antworte ich jetzt ganz konkret auf die Berufsfrage mit: „Total viel!“ – Gelogen ist das nicht.

Rechtschreibung kann im Alltag zu einem sehr streitbaren Thema werden (Stichwort „Grammar Nazis“). Doch was passiert, wenn plötzlich eine ganze Rechtschreibreform daherkommt? Dann wird der Alptraum zum Albtraum. In dieser Glosse geht es um rasanten Sprachwandel – und was dieser mit der Alb, Elfen und Paralleldimensionen zu tun hat.

Schweiß rinnt mir von der Stirn. Mein ganzer Körper zuckt unwillkürlich. Die Lider schreien nach dem erlösenden Augenaufschlag. Mein Puls explodiert und Adrenalin flutet meinen Körper. Plötzlich schreie ich. Ich bin wach.

Die Bilder dessen, was mich gerade heimgesucht hat, sind noch so klar vor meinen Augen, als hätten sie sich ich in meine Retina eingebrannt: saftige grüne Wiesen. Eine einzelne Kuh, die genüsslich ihr Frühstück zu sich nimmt. Ein Mann läuft in Ledertracht an mir vorbei und grüßt mich in einem Dialekt, den ich nicht verstehe. Ich hatte einen Albtraum.

Moment, was? Keine Monster oder bösen Geister, die mich des Schlafes berauben? Nö! Ich habe von der Alb geträumt. Das ist doch, worum es bei einem Albtraum geht, oder?

Alp, Alb, Aelf

Nein! AELF, nicht ALF!

Der Alp in „Alptraum“ beziehungsweise Alb in „Albtraum“ hat weder was mit den Alpen noch mit der Alb zu tun. Der Begriff teilt sich den altgermanischen Sprachstamm mit dem Wort „Elf“ (irgendwas zwischen „Aelb“ und „Aelf“) und bedeutet zunächst so viel wie „Nebelgestalt“. Später kristallisierte sich dann der Begriff „Alp“ heraus. Das Grimm’sche Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert schreibt über ihn:

Gewöhnlich wird von ihm erzählt, dasz er bei nächtlicher weile in den wohnungen der menschen erscheine, die schlafenden, träumenden reite und drücke, zumal ihre haare verwirre; aber auch thiere, namentlich pferde werden von ihm geritten (mythol. s. 493. 1194).

Ein Geisterwesen also, das sich nachts auf eine schlafende Person setzt und bei ihnen Angst und Panik – Alpträume – auslöst. Wenn die Schreibweise mit „p“ schon in einem so alten Wörterbuch auftritt, dann ist sie ja wohl eindeutig die bessere, oder?

„Das war schon immer so!“

BLARGH! Das Pokémon Alpollo. Via GIPHY.

Ich kann mich noch genau erinnern: Früher hat mein Grundschullehrer Herr Dieterle uns immer wieder die korrekte Schreibweise von unzähligen Wörtern eingebläut. Nicht „kucken“, sondern „gucken“; nicht „reperieren“, sondern „reparieren“; und „Alptraum“ statt „Albtraum“. Kinderleicht! Sogar das Videospiel Pokémon macht das richtig: Dort gibt es ein Geisterpokémon, das sich von Träumen ernährt und nicht von Bergkäse und Spätzle. Darum heißt es auch zu recht Alpollo. Wenn selbst ein Spiel das schafft, dann werden das doch auch die Autoren von Spiegel-Online und Co. hinkriegen, oder? Es gab mal eine Zeit, da durfte das Wort auch tatsächlich nur mit „p“ geschrieben werden. Doch dann der Verrat: die 1998 in Kraft getretene Rechtschreibreform erlaubte plötzlich den „Albtraum“. Diese Variante empfiehlt der Duden heute sogar:

Mein Duden, mein Duden, warum hast Du mich verlassen?

Änderungen wie diese der 90er-Jahre-Sprach-Schnipsler wurden damals heftigst kritisiert. Autoren, Schriftsteller und Intellektuelle stellten sich eisern gegen die neuen Regeln und taten in der sogenannten „Frankfurter Erklärung“ 1996 ihren Unmut kund. Die Frage, ob eine solche Reform überhaupt rechtmäßig sei, wurde letztlich sogar vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Schnell wurde klar: Ein Kompromiss musste her. Der „Albtraum“ begann. Und wozu? Schüler machen nach der Reform sogar mehr Rechtschreibfehler als davor.

Aber wer steckt dahinter? Wer hat in dem ganzen Ringen um die korrekte Rechtschreibung die „Alb“ in den „Traum“ gebracht? Fanatische Verehrer der fränkischen und schwäbischen Lebensführung? Der Schwäbische Alb Tourismusverband e.V.? Oder vielleicht sogar das Land Albanien?

Eindeutig ein Mandela-Effekt!

Die Antwort auf diese Frage liegt natürlich in Paralleldimensionen! Das Zustandekommen der Schreibart „Albtraum“ lässt sich nur durch den sogenannten Mandela-Effekt logisch erklären. Doch was ist der Mandela-Effekt? Das lässt sich am besten mit dem namensgebenden Beispiel erklären:

Nelson Mandala (*1918; †1980er)

Die Bloggerin Fiona Broome merkte 2010, dass Nelson Mandela noch am Leben war. Das verwunderte die Dame allerdings sehr. Denn sie dachte, dass der berühmte Südafrikaner schon in den 80er Jahren im Gefängnis gestorben sei. Mithilfe des Internets fand sie heraus, dass sie nicht die einzige war, die sich noch genau an dessen angeblichen Tod, inklusive umfangreicher medialer Berichterstattung, erinnern konnte. Die kollektiv gefundene Erklärung: alternative Realitäten – was auch sonst! Aus diesen Paralleldimensionen schwappen ab und zu Erinnerungen von alternativen Ichs in das Ich aus dieser Realität – panta rhei und so. So viele Menschen können sich ja nicht einfach nur falsch erinnern …

Ein anderes prominentes Beispiel sind die „Berenstain Bears“, eine beliebte Kinderbuchreihe aus Amerika. Doch viele sind davon überzeugt, dass die Bären in ihrer Kindheit eigentlich „Berenstein Bears“ hießen. Die Schreibweise mit dem „a“ sei das Ergebnis eines Mandela-Effekts. Auch ich bin davon überzeugt: Die Schreibweise „Albtraum“ stammt genau wie bei den Berenstein Bears aus einer anderen Dimension! Während der Verhandlungen um die neue Rechtschreibung ist sie in unsere Realität geschwappt.

Sigmar, Colmar, Nachtmahr

Verrückt – das sind immer die anderen! Ihr werdet mich mit eurer extraterrestrischen Spinnerei nicht überzeugen. Es heißt „Alptraum“! Alles andere ist vollkommen apsurd. Da kann man mir noch so sehr mit Sprachwissenschaft, Lautverschleifungen/-parallelisierungen oder dem Duden kommen. Wer das Wort mit „b“ schreibt, dem hat sich ein Nachtalp wohl auf den Kopf statt auf die Brust gesetzt.

Vielleicht sollten wir  statt „Alptraum“ einfach wieder von „Nachtmahr“ sprechen. Wobei … auch nicht unbedingt die beste Idee, wenn man sieht, wofür der Begriff heute benutzt wird …