Es spukt in Bikini Bottom!

„Spongebob Schwammkopf“ ist eine der international erfolgreichsten Kinderserien überhaupt. Immer wieder tauchen dort Schauergestalten auf. Hier erfährst Du mehr über den „Fliegenden Holländer“, den „Spind von Davy Jones“ und was das alles mit Hipstern und alten Sportsocken zu tun hat.

Es gibt wohl kaum jemanden, der den namensgebenden Protagonisten dieser Serie noch nie gesehen hat: Gelb, viereckig und löchriger als Schweizer Käse. Sogar eine 2011 entdeckte Pilzart wurde nach ihm benannt. Die Serie „Spongebob Schwammkopf“ (im Original: „Spongebob Squarepants“) aus der Feder von Stephen Hillenburg erzählt zumeist lustige Geschichten aus dem Leben des gelben Quadratschädels oder seiner Freunde, anderer Meeresbewohner wie Seesterne, Krabben und Oktopusse – und selbstverständlich auch Eichhörnchen. Die belebte Unterwasserwelt orientiert sich dabei an vielem, was die Vorstellungen von uns Landratten über die See und Seefahrt ausmachen. Darunter auch klassisches Seemannsgarn: Geistergeschichten. Die Sage um den Fliegenden Holländer ist eine davon. Doch was hat es mit dem fiesen Gesellen auf sich? Und was macht ihn bei Spongebob so … speziell? Einfach weiter lesen und mehr erfahren. 👇

Zur Einstimmung aber erstmal ein bisschen Geistergeheul:

Eine wahre Legende?

Der Geist aus dem Video oben ist der „Fliegende Holländer“, eine der beliebtesten Figuren aus der Welt des Seemannsgarns. Neben Opern, Romanen und Gedichten inspirierte die Sage auch Liedermacher und Maler. Die ursprüngliche Legende handelt von einem verfluchten Kapitän, der bis zum Ende der Welt dazu verdammt ist, die Sieben Weltmeere heimzusuchen. Wie genau er diesen Fluch auf sich gezogen hat, wird dabei in unterschiedlichen Geschichten unterschiedlich erklärt. Einigen Varianten zufolge ist der Kapitän ein Niederländer (daher auch der Name der Figur), der mit seinem Schiff das Kap der Guten Hoffnung umsegeln wollte. Diese Gegend gilt allerdings als besonders gefährlich und nur schwer passierbar für Segelschiffe. Bei diesem Unterfangen soll er geschworen haben:

„Ich werde das Kap umschiffen. Und wenn ich bis zum Tag des Jüngsten Gerichts segeln muss!“

… doch dann zerschellte er mit seiner ganzen Besatzung.

 

Das Schiff des Fliegenden Holländers wird auch in „Spongebob Schwammkopf“ in Mitleidenschaft gezogen. Via GIPHY.

 

In anderen Geschichten wiederum sterben Kapitän und Crew nicht, es lässt sich also nicht sagen, ob es sich um sogenannte Post-mortem-Fälle handelt. In jedem Fall sollte sein Schwur zum Fluch für ihn und seine Mannschaft werden.

Seitdem irrt der Fliegende Holländer mit seinem geisterhaften Schiff umher. Eine Begegnung mit ihm gilt als unheilvolles Omen für den Untergang des eigenen Schiffes. Es gibt einige Aufzeichnungen von Seefahrern, die ihn tatsächlich gesehen haben wollen. Bei einer Überfahrt mit der „HMS Inconstant“ am 11. Juli 1881 an der australischen Küste erfolgte die wohl prominenteste Sichtung. Der damalige britische Kronprinz und spätere König George V.  war während seiner Marineausbildung Teil der Besatzung dieses Schiffes. In seinem Tagebuch berichtet er von den Ereignissen:

„At 4 a.m. the Flying Dutchman crossed our bows. A strange red light as of a phantom ship all aglow, in the midst of which light the masts, spars and sails of a brig 200 yards distant stood out in strong relief as she came up on the port bow […].“

Der Matrose, der den Holländer als Erster gesichtet hatte, stürzte noch am selben Tag von einem Mast zu Tode.

„Manchmal ziehe ich gerne ein Söckchen über meinen Geisterzipfel“

Die Erscheinung des Fliegenden Holländers und seines Schiffes in „Spongebob Schwammkopf“ entspricht offensichtlich nicht ganz der Beschreibung von George V. Statt von einem rötlichen Leuchten ist der Holländer von einem garstigen Grün umgeben. Optisch entspricht er allerdings dem Bild eines stereotypen Piraten: ein Hut mit breiter Krempe, ein aufwendiger Mantel mit verziertem Revers und schwerem Gürtel und natürlich Vollbart. Eigentlich fehlen nur noch die Augenklappe und das Holzbein. Letzteres ist allerdings schwierig, denn der Fliegende Holländer hat in der Vision von Stephen Hillenburg keine Beine, sondern einen – wie er ihn liebevoll nennt – „Geisterzipfel“.

„Heeey, ich hatte auch einen Wunsch frei. Und Obst ist gut gegen Skorbut!“ (Staffel 2, Folge 33). ©Nickelodeon und Viacom Int. All rights reserved.

Als  Bote von Unheil und Tod kann man den Holländer in „Spongebob Schwammkopf“ allerdings nur schwerlich bezeichnen. Schließlich begegnet er uns häufig als Neurotiker (er kann ohne seine „Dinnersocke“, die er über seinen Geisterzipfel zieht, nicht essen) und sogar als Hippie-Hipster (siehe Bild oben). Aber einen Trumpf hat der schaurige Kollege doch im Ärmel, um die Einwohner Bikini Bottoms in Angst und Schrecken zu versetzen …

Der „Spind von Davy Jones“

Wer den Groll des Fliegenden Holländers auf sich zieht, der wird in den „Spind von Davy Jones“ gesperrt. Der „Spind“ ist in der deutschen Übersetzung eine Anspielung auf einen englischen Ausdruck aus der Seemannssprache: „Davy Jones‘ Locker“ (Locker = Spind). Der „Locker“, eigentlich eher mit „Kiste“ oder „Schrank“ zu übersetzten, ist in der ursprünglichen Sage um Davy Jones als eine Form von Hölle oder letztem Grab für ertrunkene Seefahrer zu verstehen. Davy Jones, sozusagen der Teufel der hohen See, sperrt alle über Bord gegangenen Matrosen dort ein. Erste schriftliche Erwähnungen dieser Figur finden sich schon Anfang des 18. Jahrhunderts. Der schottische Arzt und Schriftsteller Tobias Smollet schrieb zum Beispiel in seinem Buch „The Adventures of Peregrine Pickle“ (1751):

„This same Davy Jones, according to sailors, is the fiend that presides over all the evil spirits of the deep, and is often seen in various shapes, perching among the rigging on the eve of hurricanes, ship-wrecks, and other disasters to which sea-faring life is exposed, warning the devoted wretch of death and woe.”

In „Spongebob“ ist der „Spind“ zwar nicht wirklich das, was man sich unter einer ewigen Verdammnis vorstellt … aber er kommt dem sehr nah. Denn der Spind ist voller stinkiger, ekliger, alter Sportsocken! 🤢

 

Ein Spind voller Stinkesocken – kein Wunder, dass Mr. Krabs da nicht rein will. Via GIPHY.

 

Und diese Socken gehören keinem Geringeren als Davy Jones. Aber Moment – nicht der Davy Jones. Ein kleiner Hinweis:

 

Hey, hey, we’re the Monkees
You never know where we’ll be found
So you’d better get ready
We may be comin‘ to your town

 

Die Rede ist natürlich vom Briten Davy Jones, einem Musiker, der mit der Band „The Monkees“ berühmt geworden ist (Text von oben aus dem Lied „(Theme From) The Monkees“ ). Was? Der Hinweis hat euch nicht gereicht? Und ihr kanntet den nicht? Tja, da geht es euch wie mir – also, haben wir alle schon mal etwas gelernt! Dass er in der Serie in einem merkwürdigen, veraltet wirkenden Samt-Hemd daherkommt, macht ihn um einiges gruseliger als jeden teuflischen Seemannsgeist, den man sich vorstellen kann, findet ihr nicht?

 

Der britische Musiker Davy Jones begrüßt den Holländer in „seinem Spind“. Via GIPHY.

 

Die schräge Seite des Schaurigen

Die alten Gruselgeschichten der Seefahrer, die Stephen Hillenburg in seiner Serie auf solch ironische Weise unterbringt, geben besonders dem jungen Zuschauer mehr mit als lustiges Gegröle oder Stinke-Witze. Obwohl der Fliegende Holländer eine echte Schauergestalt ist, hat er doch auch eine schrullige und liebenswerte Art an sich. Das wird besonders deutlich, als der Holländer in einer Folge sogar bei Spongebob Zuhause einziehen muss. So wie der Fliegende Holländer durchaus seine „menschliche“ Seite hat, so ist wohl alles, was uns im Alltag Angst macht, bei genauerem Hinsehen gar nicht so furchterregend. Und wenn wir uns nur darauf einlassen, merken wir, dass wir uns gar nicht erst hätten ängstigen müssen.

Vielleicht ist die Botschaft aber auch etwas plumper, und wir sollten uns nicht vor irgendwelchen Geistergestalten fürchten, sondern stattdessen vor dem wahren Grauen: Hipstern und alten Socken.

Kellertreppe Geister

Der lang ersehnte Neuanfang einer Kleinfamilie in Kalifornien erweist sich als Stunde Null mit bitterbösem Beigeschmack. Familie Harmon entscheidet sich für ein Geister-Anwesen, das sie so schnell nicht mehr loslässt. Die Horror-Fernsehserie „American Horror Story“ stammt von den Regisseurinnen Jennifer Chambers Lynch und Angela Bassett.

Geister Hand_Silhouette

Silhouette einer Geisterhand hinter Milchglas (Quelle: Pixabay).

„Murder House“ bildet den Start der aus insgesamt acht Staffeln bestehenden Horror-Serie „American Horror Story“. Die Geister treten in der Serie aus dem Jahr 2011 in Gestalt normaler Menschen auf, die nur zu perfekt in die Gegenwart zu passen scheinen. Deshalb fällt es enorm schwer, tot von lebendig zu unterscheiden. Und genau das macht aus der Staffel eine fesselnde und einzigartige Geister-Geschichte, entsprungen aus der amerikanischen Serienlandschaft und ausgestrahlt auf dem Pay-TV-Sender FOX.

Alle zwölf Folgen beginnen mit einer Rückblende in die dunkle Vergangenheit des Serienhauses, bevor sie in dessen schaurige Gegenwart übergehen. Dadurch schafft es „American Horror Story“, mörderische Ereignisse aus der Vergangenheit mit den schaurigen Geschichten aus der Gegenwart zu verbinden.

Dunkle Vergangenheit: Das Geister-Haus

Familie Harmon zieht von Boston nach Los Angeles, um einen Neubeginn zu wagen. Ben (Dylan Mc Dermott) hatte seine Frau Vivien (Connie Britton) zuvor mit einer Studentin betrogen und auch eine Fehlgeburt hat Narben in der Beziehung hinterlassen. Doch der Traum vom Neuanfang zusammen mit ihrer zehnjährigen Tochter Violet (Taissa Farmiga) wird schnell zum Albtraum. Bereits bei der Hausbesichtigung erfahren sie, dass die Vorbesitzer darin ums Leben kamen. Angelehnt an den klassischen Topos aus Oscar Wildes Erzählung „Das Gespenst von Canterville“, schreckt diese Tatsache die drei jedoch nicht ab, das Haus zu kaufen. Trotz seiner enormen Größe ist es deshalb ungewöhnlich günstig. Doch gewöhnlich ist kaum etwas an diesem Ort. Zieht das Gebäude seltsame Gäste magisch an oder sieht Familie Harmon schlichtweg Geister?

Haus American Horror Story

Das Geisterhaus der Familie Harmon aus „American Horror Story“ Staffel 1 (Rechte: 2011 Twentieth Century Fox Film Corporation. All rights reserved).

In den 1920er Jahren wurde das Anwesen in der Serie – eine Villa im viktorianischen Stil – von einem Arzt für dessen Frau erbaut. Der besessene Dr. Montgomery war bekannt dafür, im Keller des Hauses illegale Operationen und grausame Morde durchzuführen. Die Rache eines verbitterten Partners eines der Opfer führte zur Ermordung des Kindes des Ehepaars, woraufhin die Gattin den Arzt und sich selbst erschoss. Seit jeher raubt das Anwesen allen neuen Bewohnern den Atem – im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder, der dort ums Leben kommt, bleibt auf mysteriöse Art und Weise mit dem Ort verbunden.

Grusel-Garantie

Die neue Nachbarschaft der Harmons bringt das Leben der Familie gewaltig durcheinander. Mord, Totschlag und rätselhafte Begegnungen scheinen hier auf der Tagesordnung zu stehen. Die Serienmacher Ryan Murphy und Brad Falchuk lassen ihrer dunklen Fantasie freien Lauf. Sie verzichten hierbei jedoch keineswegs auf die Themen Liebe und Erotik. Vivien erwartet ab Folge eins Zwillinge sowohl von einem Menschen als auch von einem Geist. Während sie selbst im Glauben darin lebt, Ben sei der Vater beider Babys, stockt den Zuschauern bei dieser Szene der Atem.

Auch die Liebesgeschichte der beiden Teenies Violet und Tate lässt die Serie auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Violet fühlt sich seit ihrer ersten Begegnung mit Tate, einem Patienten ihres Vaters, zu ihm hingezogen. Beide sind Einzelgänger und teilen dunkle Fantasien und sogar Mordgedanken. Doch irgendetwas scheint Tate zu verheimlichen. Als die beiden an Halloween ein Date haben, tauchen Jugendliche mit Wunden am Körper auf. Unklar dabei ist, ob es sich um aufgemalte Halloween-Wunden handelt oder um echte Geister. Die Jugendlichen sind wütend auf Tate und bedrohen ihn. Die Situation eskaliert. Nach und nach beginnt Violet die Glaubwürdigkeit ihres Freundes Tate zu hinterfragen und stößt bei Nachforschungen in dessen Vergangenheit auf schaurige Tatsachen …

„Eine der spannendsten und undurchsichtigsten amerikanischen Fernsehserien“ (Nina Rehfeld für „Spiegel Online“)

Es benötigt seine Zeit, dem Prinzip der Serie folgen zu können. Häufig entsteht ein gedanklicher Wirrwarr, den es erst nach und nach zu entwirren gelingt. Was ist real und was nicht? Diese Frage stellt sich der Zuschauer nur zu oft. Nina Rehfeld betitelt in „Spiegel Online“ „American Horror Story“ deshalb nicht umsonst als eine der „spannendsten und undurchsichtigsten amerikanischen Fernsehserie[n]“. Würden manche Charaktere wie Nora Montgomery – erste Bewohnerin des Hauses – keine Schusswunde am Hinterkopf aufweisen, würde man sie schlichtweg als normale junge Frau mit etwas überholten Ansichten betrachten. Auf Fragen danach, wieso Ben und Vivien die alte Haushälterin Moira nicht einfach entlassen können oder, warum Nachbarin Constance so oft im Haus auftaucht, findet der Zuschauer erst mit der Zeit Antworten. Es bleibt eine Herausforderung, zwischen Geist und Mensch zu unterscheiden. Würde man zum Beispiel intuitiv den im Gesicht durch Brandnarben entstellten Nachbarn Larry in die Geister-Kategorie stecken, so ist gerade hier das Umgekehrte der Fall. Ab der ersten Sekunde der Serie ist Gruseln angesagt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Vivien schon am Ende der zweiten Folge sagt: „Wir verkaufen das Haus“. Doch dies ist leichter gesagt als getan.

„Murder House“ bietet Sucht-Potenzial! Und das schaurig schöne Anwesen der Harmons ist als Schauplatz für mörderisch gute Unterhaltung perfekt. Der Zuschauer ist durchgehend aus einem bestimmten Grund gefesselt – der ständigen Frage nach dem Warum.

Wer sich nach der letzten Folge von „Murder House“ noch nicht genug gegruselt hat, dem bieten sieben weitere schaurig schöne Staffeln Gelegenheit dazu. Und wer durch diesen Beitrag Lust auf einen kleinen Vorgeschmack bekommen hat, dem lässt vielleicht schon der Trailer das Blut in den Adern gefrieren … Ob die Liebesgeschichte von Violet und Tate ein Happy End findet, wird hier nicht verraten.

Alle Deutschen kennen Geisterbahnen auf dem Rummelplatz, mit Springteufeln und Gespenstern auf dem Förderband. Amerikanische „haunted houses“ bieten mit echten Schauspieler*innen Geister aus Fleisch und Blut. Anna Pladson, amerikanische Geisterhaus-Schaupielerin in Minneapolis (und Schwester der Autorin), erzählt.

Protokolliert von Kristie Pladson

Mein erstes Geisterhaus-Projekt war eine alte Kirche, die wir 2014 in ein Spukhaus verwandelt hatten, um Spenden zu sammeln. Das Kirchengebäude hatte diese perfekte, gruselige alte Turnhalle samt Umkleideräumen im Untergeschoss, die wir mit blutigen Handabdrücken bedeckten. Von dort ließen wir die Besucher*innen starten und ihren Weg aufwärts durch die Kirche suchen, während jemand fortwährend gruselige Musik auf der Orgel spielte. Allerdings mussten wir jeden Samstagabend alles wieder runterreißen für den Gottesdienst am Sonntag.

Als Teil meines Theater-Studiums haben wir 2015 ein Geisterhaus für Valley Scare, einen Halloween-Vergnügungspark, neu designt. Unser Thema war „Die Insel des Dr. Moreau“, eine Geschichte von einem Arzt, der Menschen tierische Eigenschaften verleiht. Wir wandelten ein früheres Spuk-Ferienlager („Camp WeKillOu“) um. Auf diese Weise hatten wir mehrere Gebäude, mit denen wir arbeiten konnten, was eher untypisch ist. Mit jedem Gebäude konnte man einen neuen Schritt der Mensch-Tier-Verwandlung nachvollziehen. Im ersten Gebäude waren Schauspieler*innen in Doktorkitteln – es gibt nämlich Menschen, die wirklich Angst vor Ärzt*innen haben – und solche in Krankenhaus-Nachthemden, denen Hörner aus der Stirn wuchsen und dergleichen mehr. Draußen hatten wir dann Leute in Käfigen, und von da an wurde es nur noch bizarrer. Ich spielte eine Frau, die in einen Oktopus verwandelt worden war, darum saß ich in einem Wassertank und hatte Tentakel.

2016 haben wir auch ein „normales“ Theaterstück in einer historischen Villa aufgeführt, das aber auch wie ein Geisterhaus-Schauspiel wirkte. Die Zuschauer*innen folgten unserer Darbietung und wurden von ihr durch dieses beängstigende, dunkle, alte Haus geführt. Das Stück war „Blaubarts Puppenhaus“, eine Kombination aus Ibsens „Ein Puppenhaus“ und einer Legende von Blaubart dem Piraten – beides Geschichten, die von gefangengehaltenen Frauen handeln. Die Villa war das „Puppenhaus“ und wir Schauspieler*innen stellten die darin gefangenen Puppen vor.

Pladson (ganz links) in „Blaubarts Puppenhaus“; Foto: Mike Neuharth, 2016

Geisterhäuser faszinieren mich, weil sie diese seltsame Form von Theater sind, mit der alle etwas anfangen können. Es gibt so viele Leute, die von sich sagen, dass sie Theater nicht mögen oder verstehen. Geisterhäuser dagegen schauen sie sich an. Die sind aber Theater. Es sind kurze Stücke, vielleicht nur fünf Minuten lang, aber sie sind immersives Theater. Wenn Du in ein Geisterhaus gehst, weißt Du, dass Dir dort Angst eingejagt wird. Wenn Du ins Theater gehst, hast Du keine Ahnung, was passieren wird. Du weißt nicht, ob Du weinen oder lachen oder was Du sonst erleben wirst. Bei einem Geisterhaus weißt Du, woran Du bist. Es geht darum, dass Du erschreckt wirst, und dass Du schon vorher weißt, dass Du erschreckt wirst.

Geisterhaus-Schauspieler*innen müssen präsenter bleiben als Schauspieler*innen auf einer normalen Bühne. Du kannst Dich nicht so tief in Deine Rolle fallenlassen, weil Du stets Deine Zuschauer*innen im Blick behalten musst. Sie sind Dir so viel näher, es ist dunkler, vielleicht ist da Nebel, man sieht schlecht, und es ist viel intimer. Zusätzlich bist Du wahrscheinlich dabei, etwas Gefährlicheres als der*die durchschnittliche Bühnenschauspieler*in zu machen. Du musst tief genug in der Rolle sein, um ihnen Angst einzujagen, aber auch wieder nicht so tief, dass Du Dich vergisst und sie berührst oder gar verletzt. Du brauchst ein gewisses Maß Selbstbeherrschung. Denn manchmal hast Du da Typen die mit echten Motorsägen rumrennen. Sie nehmen die Kette runter, klar, aber wir machen es so realistisch wie nur irgend möglich. Auf der Bühne würde man so weit nicht gehen.

In gewisser Hinsicht ist Geisterhaus-Schauspielerei schwieriger als Bühnenschauspielerei, weil Du eine Vorführung in Endlosschleife zeigst. Du musst es hinbekommen, drei Minuten lang absolut präsent zu sein, und dann, wenn die Gruppe weg ist, durchzuatmen und das Gleiche nochmal darzubieten – und nochmal, und nochmal, den ganzen Abend.

Anna Pladson, Spukhaus-Schauspielerin; Foto: Anna Sibenaller 2017

Geisterhäuser haben versteckte Ausgänge und Codewörter, um Besucher*innen wieder rauszubekommen, wenn sie es nicht mehr aushalten. Wenn man zum Beispiel „chicken“ sagt, stoppt alles. Alle Schauspieler*innen halten an, das Licht geht an oder es kommt jemand mit einer Taschenlampe und führt die Person aus dem Haus.

Es gibt eine ganze Liste an Sachen, die für die Besucher*innen verboten sind, weil es sehr leicht passieren kann, dass etwas ein böses Ende nimmt: Es sind beengte Räume, Leute werden klaustrophobisch, dazu kommt dann noch der Kunstnebel, und die Leute flippen aus. Das ist ja der Sinn der Sache. Wir pushen die Leute soweit sie nur können. Wenn sie damit dann nicht mehr umgehen können, musst Du Deinerseits wiederum einen Plan B haben.

Menschen werden echt komisch in Geisterhäusern. Sie sagen furchtbare Dinge zu Dir. Ich war als ein Oktopus verkleidet, darum haben die Leute mich kaum angesprochen. Aber zu meinen Freund*innen, die Arztkittel oder Nachthemden trugen, sagten sie „You’re fucking ugly!“ und solche Sachen. Ich glaube, die Besucher spielen sich so auf, weil sie verunsichert sind und versuchen, Kontrolle zurückzugewinnen.

Pladson als Oktopus bei Valley Scare; Foto: Valley Scare, 2015

Trotz der Bezeichnung handeln unsere „Geisterhäuser“ nicht wirklich von Gespenstern und Geistern, einfach weil die so schwer darzustellen sind. Wie kreierst Du ein schwebendes Ding? Du kannst etwas auf eine Leinwand projizieren, aber es kann Dir nicht nahe kommen. Es ist zu schwierig, einen Geist physisch darzustellen. Er sollte luftig und leicht sein und durch Dich und durch Wände hindurch schweben. Wie soll man das nachbilden? Gespielte Gespenster sind schwer. An echte Gespenster glaube ich aber 100 Prozent. Es gibt ein Theater, das ich kenne, da spukt es wirklich und mehrere meiner Freund*innen haben dort die selben Geister gesehen.

Beitragsfoto, Anna Pladson in der Spukkirche; Cody Nelson, 2014

Ein Einblick in den ValleySCARE Spukhäuser 2016:

Die drei Fragezeichen

Wer kennt sie nicht, die drei Detektive, Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, aus dem fiktiven Ort Rocky Beach in Kalifornien. Die drei ??? haben ihren Ursprung in der 1968 erschienenen Jugendkrimibuchserie und feierten später als Hörpsielserie unerreichte Erfolge. Sie übernehmen jeden Fall – so steht es auf ihrer Visitenkarte. Oft haben es die drei Fragezeichen mit übernatürlichen oder mystischen Fällen zu tun. Es geht um „Poltergeister“ (Folge 73), „sprechende Totenköpfe“ (Folge 6), „Bergmonster“ (Folge 14) oder „weinende Särge“ (Folge 42). Was ist der Grund für diesen starken Fokus auf das Übernatürliche?

Die Erfolgsgeschichte der drei Detektive

Die Geschichte der drei Fragezeichen (engl. „the three Investigators“) geht auf  die gleichnamige Kinderbuchserie in den Vereinigten Staaten der 60er Jahre zurück. Obwohl Alfred Hitchcock oft mit der Serie in Verbindung gebracht wird, war er weder Erfinder noch Autor der drei Detektive. Er diente lediglich als Schirmherr für die Reihe. Das erste Buch wurde in Deutschland 1968 veröffentlicht und 1979 folgte dann die erste Folge der Hörspielreihe – „Die drei ??? und der Super – Papagei“. Obwohl die Reihe Anfang der 90er Jahre in den USA eingestellt wurde, läuft sie in Deutschland mit eigenen Geschichten weiter. Seitdem wurden über 45 Mio. Tonträger und 16,5 Mio. Bücher verkauft und die Hörspiele begeistern seitdem Generationen von Kindern und Jugendlichen. Es ist also nicht verwunderlich, dass für viele Mädchen und Jungen hier die ersten Berührungspunkte mit gespenstischen und gruseligen Geschichten entstehen.

Detektivgeschichten für Kinder und Jugendliche

Themen, wie sie in den Folgen „Die drei ??? und das Gespensterschloss“ oder „Poltergeist“ behandelt werden, sind nicht Inhalte klassischer Detektivgeschichten – wie zum Beispiel bei Agatha Christies Hercule Poirot. Hier geht es häufig um Mord, Spionage oder Entführungen – alles eher Themen, die nicht für Kinder und Jugendliche geeignet sind. So ergibt es durchaus Sinn, Detektivgeschichten für Kinder mit realitätsferneren Themen zu bestücken. Außerdem üben das Übernatürliche und das Mystische auf Kinder eine enorme Anziehungskraft aus.

Trotzdem sind es keine Werke, die den Zuhörerinnen und Zuhörern die Interpretation und Lösung übernatürlicher Ereignisse überlassen. Die Detektive finden stets eine rationale und logische Lösung für die mystischen, übernatürlichen und oft unerklärlichen Phänomene. Das Mitraten und Miträtseln, ein grundsätzlicher Anteil der Detektivgeschichten, bleibt trotz der untypischen Fallkonstellationen erhalten. Doch wie sieht so ein Fall aus? Wie wird er aufgelöst? Fangen wir mit Folge 11 – „Die drei ??? Und das Gespensterschloss“ – an. Sie ist laut der Fanseite rocky-beach.com auf Platz 1 der beliebtesten Folgen.

„Die drei Fragezeichen und das Gespensterschloss“

Die Folge beginnt damit, dass Alfred Hitchcock die drei Fragezeichen damit beauftragt, ein Spukschloss als Location für einen seiner nächsten Filme ausfindig zu machen. In den frühen Folgen is er noch Mentor der Detektive. Nach Bobs ausführlicher Recherche finden sie das alte Anwesen des früheren Stummfilmvirtuosen Stephan Terrill. Dieser soll das Schloss vor seinem Tod verflucht haben. Es gibt Meldungen über Sichtungen eines blauen Phantoms und Orgelmusik aus unerklärlichen Quellen. Sie machen sich auf, das Gebäude zu besichtigen. Die Detektive bekommen auf unerklärliche Weise Panik und flüchten aus dem Haus. Eine anonyme Warnung per Telefon, eine persönliche Warnung einer ‚Zigeunerin‘ und die Aussage des ehemaligen Managers von Stephan Terrill, er würde für kein Geld der Welt eine Nacht dort verbringen, schrecken die Detektive nicht ab. Sie untersuchen noch einmal das Schloss. Diesmal werden sie jedoch von zwei Männern gefangen genommen. Die Detektive können sich befreien und finden während ihrer Flucht einen Geheimgang, der zum Haus Terrills ehemaligen Managers führt. Es stellt sich heraus, dass der Manager und der Filmemacher ein und dieselbe Person sind.

Die Auflösung

Die Lösung des Falls ist so einfach wie auch genial. Der Manager ist Stephan Terrill. Dieser hat nach dem Untergang des Stummfilms sein Vermögen verloren. An dem Haus lag ihm aber so viel, dass er die Geschichte inszenierte, dass es im Schloss spuke. Damit wollte er erreichen, dass zukünftige Käufer ausbleiben. Als ZuhörerIn konnte man bereits vorher den Manager als Täter identifizieren. Die Personen, die die drei Detektive gewarnt haben wurden alle von Terrill verkörpert, wiesen aber alle einen kleinen Sprachfehler auf – sie lispelten. Wolf Rahtjen, der Sprecher, hat das sehr nuanciert in die verschiedenen Rollen übernommen. Man muss sehr genau hinhören, um darauf zu stoßen.

Auch bei anderen Hörspielen ist die Auflösung unerklärlicher, übernatürlicher oder mystischer Ereignisse sehr kreativ. So werden bei der Folge „Poltergeist“ die Spukereignisse von der Besitzerin des Spukhauses selbst verursacht. Bei diesem Fall sollten die drei ??? davon abgehalten werden, einen Kunstdieb zu verfolgen. Als Rocky Beach von einem Geisterschiff heimgesucht wird, soll dies dafür sorgen, dass ein Verbrecher ungestört nach einem Piratenschatz suchen kann.

Grundsätzlich gibt es eine logische und rationale Erklärung, wenn es bei den drei ??? um Mysteriöse, Übernatürliche und Unerklärliche Ereignisse geht. Die Methoden, mit denen diese Phänomene plastisch dargestellt werden, sind sehr überzeugend. Auch heute noch, als Erwachsener, ertappe ich mich, wie mir ein leichter, kalter Schauer über den Rücken läuft. Es ist also nicht verwunderlich, dass die drei Fragezeichen so lange so viele Generationen erfolgreich unterhalten haben.

Ritual zum Herbeirufen von Erscheinungen - Eine Frau hält einen skelletierten Rehkopf zwischen Kürbissen.

Für die einen sind sie nur Fabelwesen und Hirngespinste, andere glauben fest an ihre Existenz: Gespenster, Geister und Erscheinungen prägen seit Menschengedenken unsere Kultur. Doch wie lassen sie sich unterscheiden und worin liegen ihre Gemeinsamkeiten? Ein Blick in die Welt einer nebulösen Wissenschaft.

Schlagende Fenster, ein Rumpeln im Nebenraum oder Schritte auf der Treppe ‒ die Mehrzahl solcher Vorkommnisse lässt sich rational erklären. Manchen wird aber ein übernatürlicher Ursprung nachgesagt, gerade wenn der oder die Betroffene zum Aberglauben neigt. Gespenster, Geister oder Erscheinungen sind die Begriffe, die in diesem Zusammenhang dann fallen. Dabei werden sie häufig als Synonyme verwendet. Was den Anschein erweckt, identisch zu sein, ist in Wahrheit deutlich komplexer. Denn der Kosmos der Geister und Gespenster ist uralt und in zahlreichen Kulturen verwurzelt.

Germanische Urahnen

Im deutschen Sprachraum lässt sich das Wort „Geist“ auf einige germanische Begriffe zurückführen. Zum Beispiel bedeutet „gheis“ laut Gerhard Köblers „Indogermanischem Wörterbuch“ so viel wie „schaudern“ oder „erschrecken“.  Das westgermanische „gaista“ stehe wiederum für „überirdisches Wesen“. Damit zielt die Bedeutung von „Geist“ auf das Aussehen des beschriebenen Körpers ab. Im Gegensatz dazu zeigt „Gespenst“ laut dem Grimm’schen Wörterbuch eine Verwandtschaft mit Wörtern wie „Verführung“ oder „Täuschung“. Der Begriff lasse sich auf das mittelhochdeutsche „gespanst“, was „Trugbild“ bedeute und das althochdeutsche „gispensti“ („Verlockung“) zurückführen. Dennoch ist eine exakte Trennung zwischen Gespenstern und Geistern nicht immer zweifelsfrei möglich. Daher wird in der Fachliteratur meist von sogenannten Erscheinungen gesprochen. Gerhard Mayer vom Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene definiert Erscheinungen wie folgt:

 „Eine Erscheinung gleicht […] einer Person, einem Tier oder einem unbelebten Objekt, wobei der entsprechende Gegenstand […] physikalisch nicht präsent ist und physikalische Mittel der Kommunikation ausgeschlossen werden können.“

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts trieb die Society for Psychical Research (SPR) in Großbritannien die Forschung zu Erscheinungen voran. Schließlich gelang einer Gruppe um den englischen Philosophen Henry Sidgwick die Erfassung historischer Berichte über Begegnungen mit Erscheinungen. Sidgwick, der SPR-Mitbegründer und erste Präsident des Vereins, veröffentlichte die Sammlung im Jahr 1894 unter dem Titel „Census of Hallucinations“. Seitdem führt der Verein diese Arbeit fort ‒ auch nach Sidgwicks Tod.

Die Mitglieder der Gespensterfamilie

Ein anderes Projekt der SPR war die Analyse paranormaler Geschehnisse und die Typologisierung von Erscheinungen. Dies gelang dem SPR-Mitglied George Nugent Merle Tyrrell. Der britische Mathematiker und Physiker identifizierte in seinem 1942 erschienenen Werk „Apparitions“ vier Hauptkategorien:

  • experimentelle Fälle,
  • Krisen-Erscheinungen,
  • Post-mortem-Fälle,
  • ortsgebundene Erscheinungen.

Auf Deutsch erschien Tyrrells Text im Jahr 1979 unter dem Titel „Erscheinungen und Visionen im PSI-Feld“. Die jüngere Forschung fügte den Kategorien Tyrrells eine fünfte Gruppe hinzu, die Erscheinung von lebenden Personen.

Absicht oder Zufall?

Führen eine oder mehrere Personen willentlich eine Erscheinung herbei, spricht man nach Tyrrell von experimentellen Fällen. Dies schließe auch esoterische, schamanische oder okkulte Rituale mit ein. Die Gemeinsamkeit dieser Kategorie besteht laut Tyrrell im experimentellen Charakter und der Absicht der Teilnehmer*innen, eine Erscheinungserfahrung zu machen. Diese recht breite, wenig homogene Kategorie trifft somit keine Aussage über die Art der Erscheinung. Einen solchen Fall beschrieb Tyrrell wie folgt: Ein Mann versuchte, sich mittels seiner Vorstellungskraft in ein Haus zu projizieren. Währendessen befanden sich Bekannte im Haus und wussten nichts vom Versuch des Mannes. Die Bekannten sahen den Mann angeblich am selben Abend in dem Haus ‒ das Experiment glückte. Der Mann erlebte das Experiment nach eigener Aussage als sehr intensiv.

Bei dieser Kategorie kann es jedoch eine Überschneidung mit der Gruppe der Erscheinungen von lebenden Personen geben. Schließlich ist die erscheinende Person in beiden Fällen noch am Leben, dennoch lassen sich die beiden Gruppen unterscheiden. Demnach geschehen Erscheinungen von lebenden Personen gegen deren Willen oder auch ohne ihr Wissen, im Gegensatz zu den experimentellen Fällen. Zudem befinden sich die Erscheinung und die zugehörige Person bei den experimentellen Fällen meist nicht am selben Ort.

Der eintretende Tod als Indikator für Erscheinungen

Präziser gefasst ist hingegen die Gruppe der Krisen-Erscheinungen. Dabei erscheint eine Person, die gerade eine existenzielle Krise durchlebt. Die Ursache kann laut Tyrrell ein traumatisches Erlebnis, eine schwere Krankheit oder auch der eintretende Tod sein. Dieser ist bei sogenannten Post-mortem-Fällen schon seit längerer Zeit eingetreten. Hier handle es sich um die Erscheinung einer meist seit Jahren verstorbenen Person. Sie könne dem*r Betrachter*in vertraut oder auch völlig unbekannt sein. Eine solche Begegnung ist verstörend und beängstigend, so Tyrrell.

Ortsgebundene Erscheinungen stellen zwar eine eigene Gruppe dar, können aber dennoch in Kombination mit einer anderen Kategorie auftreten. Nach Tyrrell trägt eine solche Erscheinung häufig historische Kleidung und taucht mehrfach an einem festen, teils historisch bedeutenden Ort auf. Zudem werde sie meist von mehreren Personen in gewissen zeitlichen Abständen gesehen. Um solche Erscheinungen ranken sich diverse Mythen und Legenden, die ihren Weg in die Literatur fanden.

Abgesehen von Tyrrells Kategorien gehören noch einige weniger anerkannte Gruppen zur Gespensterfamilie. Demnach zählen beispielsweise zur weitläufigeren Verwandtschaft der Erscheinungen auch Dämonen und Engel. Dämonen gelten im Allgemeinen als böse Geister und bilden somit ein Pendant zu den Engeln. Darüber hinaus gibt es noch die Gattung der Elementare oder Naturgeister. Diese Erscheinungen werden den vier Elementen zugeordnet und spielten in der Kultur der German*innen eine große Rolle.

Die weiße Frau von Tonndorf ist eine sagenumwobene Thüringer Legende. Seit Jahrhunderten soll ihr Geist auf dem Tonndorfer Schloss spuken. Der Sage nach ist sie im Mittelalter auf fragwürdige Weise zu Tode gekommen. Die einen glauben an einen tragischen Unfall, die anderen an heimtückischen Mord. Ina Mecke wollte herausfinden, was wirklich hinter der Spukgeschichte steckt und hat sich auf Spurensuche begeben.

Mitten im Herzen Deutschlands liegt das thüringische Tonndorf, eine kleine Gemeinde im Weimarer Land. Nördlich des Dorfes ragt der Turm des Tonndorfer Schlosses aus den Wipfeln des Waldes. Seit vielen Jahrhunderten begleitet das Schloss die Sage von der Weißen Frau, einem Geist, der angeblich immer wieder gesichtet wird.

Die Geschichte des Gespenstes im Tonndorfer Schloss reicht zurück bis ins Mittelalter. Ursprünglich wurde die Festung vermutlich als Schutzburg errichtet. Ihr Bau fiel in die Zeit der ersten Kreuzzüge, denen sich auch zahlreiche Ritter aus Thüringen anschlossen. Der Aufruf des Papstes, Jerusalem für die Christenheit zurückzuerobern, folgte auch der damalige Schlossherr, der Graf von Orlamünde.

Vom Volksmund überliefert

Der Sage nach war es dem Regenten und seiner Gattin nicht vergönnt, Kinder zu bekommen. Der Graf zog in den heiligen Krieg, um bei Gott für einen Stammhalter zu beten. Nach einigen Jahren kehrte er mit reicher Kriegsbeute zurück. Kurz vor der Ankunft schickte er sein Gefolge voraus, sie sollten seine Heimkehr verkünden. Er selbst nahm gemeinsam mit einem Knappen einen Umweg über das von ihm gegründete Kloster Muncheszella. Dort übergab er die wertvollen Reliquien an der Prior.

Seine Gemahlin hatte inzwischen von der Rückkehr des Grafen erfahren und erwartete ihren Mann auf der Festung. Bekleidet mit einem langen, weißen Schleier schaute sie, voller Vorfreude über die Burgmauer und winkte ihm zu. Doch dann ereignete sich das Unglück: Kurz bevor der Graf mit seinem Knappen die Tore des Schlosses überschreiten konnte, wurden die Heimkehrer aus einem feindlichen Hinterhalt überfallen. Vor den Augen seiner Frau wurde der Graf erschlagen. Diese lehnte sich in ihre Aussichtslosigkeit weit über die Burgmauer und stürzte in die Tiefe. Tagelang suchte man nach ihrem Leichnam, um sie zu bestatten – doch ihr Körper blieb unauffindbar.

An dieser Stelle wird die Geschichte richtig gruselig: Der Volksmund überliefert, dass die Frau erst wieder gesichtet wurde, nachdem der Leichnam des Grafen in der Burgkapelle aufgebahrt wurde. Um Mitternacht erschien sie den Totenwächtern am Ende des Sarges. Drei Nächte lang tauchte die Weiße Frau aus dem Nichts in der Kapelle auf und verschwand wieder, ohne dass sie jemand kommen oder gehen sah. Seither soll ihr Geist jedes Jahr am Todestag des Grafen durch das Schloss schreiten und dann zur Unglücksstelle hinab schweben.

In Tonndorf und Umgebung wird die Legende von Generation zu Generation als Schauer- und Spukgeschichte überliefert. Mehrere Sagen berichten davon, dass die Weiße Frau im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gesehen wurde. Der historische Hintergrund ist aus heutiger Sicht allerdings kaum zu rekonstruieren, da schriftliche Belege aus der Zeit fehlen oder schwammig dokumentiert wurden.

Fehlende Fakten und fragwürdige Quellen

Aufgeschrieben wurde die Sage in dem 1924 erschienenen Buch “Alte Geschichten und neue Sagen aus Thüringen” von Hermann Rauchfuß. Diese Quelle betrachtet der Tonndorfer Dorfchronist Georg Ghiletiuc allerdings kritisch, da der Autor in dem Buch auf Literatur- oder Quellenhinweise verzichtet. Eine rein mündliche Überlieferung über Jahrhunderte hinweg ohne weitere Belege ist bereits an sich fragwürdig.

Was also an der Sage wahr ist und was Legende bleibt unklar. Ghiletiuc vermutet, dass der Anfang der Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht: “Den Grafen von Orlamünde hat es tatsächlich gegeben, er war auch verheiratet und ist kinderlos gestorben”, sagt der Tonndorfer. Wie er allerdings wirklich gestorben ist, das ist nirgendwo belegt.

Darüber hinaus findet Ghiletiuc in der Überlieferung der Sage Widersprüche, denn hier wird der Graf von Orlamünde gleichzeitig als Burgherr und als Gründer des Klosters Muncheszella, dem heutigen München bei Bad Berka, genannt. “Das Kloster wird erstmals 1115 erwähnt, das Schloss allerdings erst im 13. Jahrhundert”, so der Chronist.

Andererseits wurde bereits im achten Jahrhundert die heutige thüringische Landeshauptstadt Erfurt gegründet. Die Heer- und Handelswege in die Stadt wurden mit Hilfe von Schutzfestungen wie der Burg Tonndorf verteidigt. Gut möglich also, dass die Burg schon lange vor ihrer ersten urkundlichen Erwähnung errichtet wurde.

Romantisch-verklärte Spukgeschichte

Die Spukgeschichte um die Weiße Frau betrachtet Ghiletiuc als eine romantisch-verklärte Überlieferung. Historisch gesehen hält er es aber für möglich, dass der Burgherr tatsächlich bei seiner Heimkehr erschlagen wurde, und zwar aus dem Hinterhalt von seiner eigenen Truppe: “Nachdem der Graf seine Gefolgschaft vorgeschickt hat, könnte die den Raubüberfall geplant haben. Sie wussten ja nicht, dass er die Kriegsbeute vorher ins Kloster gebracht hat.”

Neben dieser Lesart hält der Chronist noch eine zweite Variante für historisch plausibel. Als die Ritter in den Zeiten der Kreuzzüge für lange Zeit von Zuhause weg waren, kam es häufig vor, dass die Burgfrauen sich anderweitig Trost suchten. “Möglicherweise ist die Frau in der Abwesenheit ihres Gemahls schwanger geworden und gar nicht freiwillig über die Mauer gestürzt, sondern von ihrem Liebhaber gestoßen worden”, sagt Ghiletiuc.

Welche Interpretation oder Variante nun die historisch korrekte ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Der Legende selbst schadet ihr nebulöser Hintergrund allerdings nicht. Im Gegenteil: Heute wird das Schloss von einer alternativen Gemeinschaft belebt und erhalten. Das Schlossgespenst hat von den Bewohnerinnen und Bewohnern einen besonderen Platz bekommen: Vor den Schlossmauern im Eingangsbereich steht eine große Skulptur der Weißen Frau – und die ist offensichtlich schwanger.

Skulptur der Weißen Frau vor dem Schloss Tonndorf (Foto: Ina Mecke).