Man stelle sich vor, man wäre nur ein Gehirn, angeschlossen an einen Computer, der die Wahrnehmungen und Sinneseindrücke steuert. Alles wäre lediglich eine Simulation. Spätestens seit der Erfindung von Virtual Reality ist dieses Szenario zumindest im weitesten Sinne greifbar geworden. Das Gedankenexperiment selbst ist jedoch schon mehrere Jahrhunderte alt. Als erster Denker der abendländischen Philosophie formulierte René Descartes ein Unterscheidungskriterium zwischen Traum und Realität.

„Haben Sie nie in den Komödien diese Worte des Erstaunens gehört: Wache ich, oder träume ich?“ Diese Worte schreibt René Descartes Mitte des 17. Jahrhunderts in seiner für Christina von Schweden angefertigten Schrift Recherche de la vérité (Erforschung der Wahrheit). Die Frage, die Descartes hier aufwirft, war jedoch nicht nur Stoff für Literatur und Theater der frühen Neuzeit, sondern bildete auch einen zentralen Angelpunkt für Descartes’ Metaphysik und Philosophie. Bereits im antiken Griechenland mutmaßte der Philosoph Platon, dass das, was wir Leben nennen, ein Traum sein könnte, während das, was wir Traum nennen, das Leben ist. Ein erster Versuch, diese Jahrhunderte alte Frage zu beantworten, fand 1619 in Form von drei Träumen seinen Anfang.

Descartes am Tisch mit Christina von Schweden. Mitte des 17. Jahrhunderts wechselten der Philosoph und die Königin Briefe, in denen Descartes unter anderem auch die Traumfrage aufwarf. © Wikimedia Commons

Von bösen Geistern, Gewissensbissen und dem Lebensweg

Im Alter von 23 Jahren tritt René Descartes dem Heer Bayerns bei. In der Nacht vom 10. zum 11. November 1619 hat der Mathematiker und Philosoph drei Träume, die sein späteres Schaffen entscheidend mitgestalten sollen. In einem Winterquartier in der Nähe von Ulm träumt er nacheinander von einem bösen Geist, der ihn davon abzuhalten versucht, die nahe Kirche zu erreichen, von Gewissensbissen und einem Donnerschlag, der den Geist der Wahrheit in ihn treiben soll, und schließlich von einem Lexikon. Die ersten beiden Träume erschrecken Descartes so sehr, dass er Traum und Wirklichkeit kurzzeitig nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Im dritten Traum kann er jedoch noch im Zuge des Aufwachens feststellen, dass es sich um einen Traum handelt. „Quod vitae sectabor iter?“ (Welchen Lebensweg werde ich wählen?) Diesen Satz erblickt er im Lexikon innerhalb seines dritten und letzten Traums der Nacht. Der junge Philosoph deutet dies als Offenbarun – die Träume motivieren ihn, die Suche nach der Wahrheit zeitlebens zu verfolgen.

Ich träume, also bin ich

Achtzehn Jahre nach seiner schicksalshaften Nacht bezieht er sich in seinem Werk Discours de la Méthode (Abhandlung über die Methode) auf jene drei Träume. So haben diese ihn gelehrt, dass die Philosophie mit dem Zweifel anzufangen habe. Zweifelhaft ist nach Descartes alles, wofür es keinen expliziten Beweis gibt. Weder unsere Sinneseindrücke noch mathematische Beweise sind sicher vor diesem Zweifel. Seine eigenen Erfahrungen mit Träumen lehrten Descartes, dass auch die eigene Körperwahrnehmung eine Illusion sein kann. In seinem Werk Meditationes de prima philosophia (Meditationen über die Erste Philosophie) findet der böse Geist aus seinem ersten Traum der Novembernacht 1619 Einzug in Descartes’ Philosophie. Die gedankliche Figur des Genius Malignus repräsentiert einen Täuschergott, der uns die Realität vorgaukelt. Descartes führt dabei das Beispiel eines Stabs an, der im Wasser steht. Durch die Lichtbrechung im Wasser wirkt es so, als wäre der Stab gebrochen, auch wenn er das in Wahrheit nicht ist. Die Außenwelt könne uns also täuschen. Angesichts dieser Täuschungsmöglichkeiten und Zweifel ist für Descartes nur eines sicher: „Cogito ergo sum“ – Ich denke, also bin ich. Das eigene Bewusstsein bleibt bestehen, die eigene kognitive Existenz ist somit gesichert.

„Zu träumen ist in sich etwas Wirkliches.“ (Matthias Vollet)

Der Philosoph Matthias Vollet ist an der Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte als Geschäftsführer und akademischer Leiter tätig. © Matthias Vollet

Matthias Vollet, Philosoph und Geschäftsführer der Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte, sieht innerhalb der Meditationes eine kleine Öffnung, durch die der Traum doch mehr ist als reine ‚Nicht-Wirklichkeit‘: „Auch wenn ich träume, so bin doch ich es, der träumt. Das heißt, dieses Argument des Cogito gilt auch für Träume. Zu träumen ist in sich etwas Wirkliches“. Während also sowohl der Inhalt eines Traums als auch derjenige der geglaubten Realität reine Täuschung sein kann, ist die Einbildungskraft in beiden Fällen real. Das Ich existiert – auch im Traum.

Vollkommenheit und Kohärenz als Beweis

Auf der Suche nach einem Beweisgang für die Außenwelt zieht Descartes seinen Gottesbeweis heran. Kurz gefasst könne jegliche reale Idee nur von einer ebenso realen äußeren Ursache herrühren. Da nur Gott vollkommen sei, könne auch nur dieser als Ursache für die Vorstellung ebendieser Vollkommenheit dienen. „Und zu dieser Perfektion gehört, dass dieses perfekte Wesen auch existiert“, erklärt Matthias Vollet. „Das ist eine Form des Gottesbeweises, die aus dem Mittelalter stammt. Descartes hatte ja sehr viele Dinge aus dem Mittelalter noch in sich“. Die Perfektion Gottes gewährleistet wiederum auch, dass er uns nicht täuscht, da dies ein unvollkommener Akt wäre. Das Leben könne demnach kein Traum sein.

Was unterscheidet also den Wach- vom Traumzustand? Das Wachleben, so argumentiert Descartes, ist kohärent, einzelne Gedankengänge hängen zusammen. Matthias Vollet definiert diese Kohärenz anhand von zwei ‚Kohärenzachsen‘: „In den zwei Erlebnisachsen, Raum und Zeit, muss es einen durchgehenden Zusammenhang geben, der nicht mehr assoziativ ist, sondern das eine unmittelbar an das andere andocken lässt“. Der Traum zeichnet sich wiederum durch Brüche im Zusammenhang der Erfahrungen aus. Zum Ende seiner Meditationes kommt Descartes das Traumargument beinahe lächerlich vor: Der Unterschied zwischen Wach- und Traumleben sei offensichtlich, Träume sind nicht real.

Das Gehirn im Tank

Die Frage nach der Wirklichkeit ist für die Philosophie damit längst nicht abschließend geklärt. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts äußern mehrere Philosophen mit dem Gedankenexperiment Gehirn im Tank Zweifel an der erlebten Wirklichkeit und knüpfen so direkt an Descartes’ Gedanken an. Die Täuschung geht hier jedoch nicht von einem bösen Geist aus, sondern von einem Supercomputer, mit dem unser Gehirn vernetzt ist. Dieser würde unsere Synapsen gezielt stimulieren, so dass der Anschein einer ganzen Welt entsteht – ganz wie es etwa in den Filmen der Matrix-Trilogie umgesetzt wurde.

„Wir haben ein materielles Substrat. Wir haben etwas, also ein Gehirn, das auch noch in etwas ist, nämlichen einem Tank.“ (Matthias Vollet)

Für Matthias Vollet ist hier die philosophische Perspektive entscheidend: Aus einer materialistischen Perspektive „handelt es sich ja doch tatsächlich um ein Gehirn im Tank. Das heißt, wir haben ein materielles Substrat. Wir haben etwas, also ein Gehirn, das auch noch in etwas ist, nämlichen einem Tank. Und dann wird davon ausgegangen, dass sich in diesem Gehirn Bewusstseinsprozesse abspielen“. Eine dualistische Perspektive, wie sie Descartes vertritt, würde in diesem Gehirn einen Geist verorten, der die Außenwelt vorgespielt bekommt. „Insofern hätte das schon etwas Kartesisches. Und doppeltkartesisch dadurch, dass es dann tatsächlich für dieses Gehirn einen Genius Malignus gäbe, von dem das Gehirn vielleicht nichts weiß“, sagt Matthias Vollet.

Mit den heutigen Möglichkeiten von Virtual Reality scheint die Vorstellung, dass das Leben nur eine Simulation ist, vielleicht nicht so abwegig, wie die eines bösen Täuschergottes. Das Prinzip bleibt dennoch gleich. Die Möglichkeit, dass wir zwischen Simulation und Realität, zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden können, kann vermutlich nie völlig ausgeschlossen werden. Eine Gewissheit bleibt jedoch: Unsere Gedanken und Gefühle sind echt, und das auch im Traum.

© Titelbild: Pixabay

 

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Kopf mit bunter Wolke Träume

„Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit. Wir sehen erst den Abendgruß, ehe jedes Kind ins Bettchen muss, du hast gewiss noch Zeit.“ Dieses Lied tönte erstmals am 22. November 1959 aus dem Fernsehen – und zwar demjenigen der DDR. Das Sandmännchen ist der Gewinner eines politischen Wettrennens. Wir fragen in unserem Beitrag, wie die Sendung entstand und was sie über die deutsch-deutsche Geschichte erzählt.

Die Geschichte von einem kleinen Mann, der Kindern das Einschlafen erleichtert, ist keine Erfindung des deutschen Fernsehens. Schon davor gab es in der europäischen Literatur Sagengestalten, die Sand verstreuen, um Kinder zum Schlafen zu bringen.

Sandmann Darstellung E.T.A. Hoffmann

Eher unheimlich: der Sandmann von E.T.A. Hoffmann. © Wikimedia Commons

Doch das nicht nur auf liebevolle Art und Weise. Der Sandmann des romantischen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann beispielsweise wirft Sand in die Augen der Kinder, sodass sie blutig aus dem Gesicht fallen. Einen Gegensatz dazu bildet im 19. Jahrhundert der Sandmann des dänischen Märchendichters Hans Christian Andersen mit dem Namen Ole Lukøje. Ins Deutsche übersetzt heißt er „Ole Augenschließer“. In diesem Märchen besucht Ole Lukøje am Abend die Kinder, erzählt Geschichten und verschließt ihnen die Augen mit „süßer Milch“. Die Kinder, die den Tag über brav waren, bekommen von seinen Geschichten schöne, farbige Träume. Die Kinder, die nicht so brav waren, bekommen weniger gute Träume. 

dänische Sandmann Darstellung

Ole Lukøje von Hans Christian Andersen verteilt am Abend „süße Milch“. © Wikimedia Commons

Als das Märchen auch ins Deutsche übersetzt wurde, wurde aus der „süßen Milch“ der Schlafsand. Vielleicht nicht zuletzt, weil „die süße Milch“ eine Anspielung auf den giftigen Opiatsaft des Schlafmohns war.

Die Geschichte nach dem Krieg

In der Nachkriegszeit fassten auch die Medien das Ritual auf, den Kindern vor dem Schlafengehen eine Geschichte vorzulesen. So wurde im Berliner Rundfunk ab 1946 Das Abendlied gesendet. Es war eine Produktion der Hörfunk-Redakteurin und Kinderbuchautorin Ilse Obrig. Die Figur des Sandmanns gab es jedoch noch nicht. Sie kam erst am 19. Mai 1956 in die Radiosendung. Im Deutschen Fernsehfunk (DFF) wurde dann am 8. Oktober 1958 der Abendgruß daraus. Das Fernsehen gewann in dieser Zeit an Popularität, und Ilse Obrig, die inzwischen zum westdeutschen „Sender Freies Berlin“ (SFB) gewechselt hatte, plante zusammen mit der Puppengestalterin Johanna Schüppel ein kleines Männchen, das dem Radio-Sandmann ein Fernsehgesicht geben sollte.

So sieht das Sandmännchen des Westdeutschen Fernsehens aus. © Wikimedia Commons

Die finanziellen Mittel für dieses Projekt waren beschränkt, sodass Obrig und Schüppel eine einfache Handpuppe gestalteten. Auch wenn die erste Sendung schon Monate zuvor fertig produziert war, wollte man mit der Veröffentlichung noch bis in die Vorweihnachtszeit, zum 1. Dezember 1959, warten.

Ein Wettlauf mit dem Westen

Als der ostdeutsche DFF Wind von der Idee bekam, brach für die DDR ein Wettlauf mit dem Klassenfeind an. Dass das Westfernsehen nun die West- Zuschauer*innen des allseits beliebten Abendgrußes abwerben könnte, wollte man beim DDR-Fernsehzentrum in Berlin-Adlershof unbedingt verhindern. Also wurde der Puppengestalter Gerhard Behrendt beauftragt, ein eigenes Sandmännchen zu erschaffen, und bekam mit Harald Sekowski einen Ausstatter für die Trickfilmbühne und für vielfältige Sandmännchen-Fahrzeuge an die Seite. Trabant, Boot und sogar Weltraumfahrzeug bastelte Harald Sekowski für das Sandmännchen.

Der Puppengestalter Gerhard Behrendt (links) im Trickfilmstudio. © rbb

Dazu schrieb der Komponist Wolfgang Richter in nur einer Nacht das eingangs erwähnte Titellied. Zunächst hatte das 24 Zentimeter kurze Männchen übrigens noch keinen Bart. Um sich vom westdeutschen Gegenstück abzugrenzen, nannte man die Trickfilmpuppe – wie auch die Sendung – nun Unser Sandmännchen.

Der Traum wird wahr

Könnte an Walter Ulbricht erinnern: das erste Sandmännchen mit Bart. © rbb

Für die DDR ging ein Traum in Erfüllung, denn das Sandmännchen ging tatsächlich eine Woche früher auf Sendung als sein westdeutsches Gegenstück. Seinen Bart erhielt das Sandmännchen erst im Sommer 1960 – ein kleines Detail, das an den damaligen SED-Chef Walter Ulbricht erinnern könnte. Seit 1959 lief nun im Deutschen Fernsehfunk um kurz vor sieben Uhr, beinahe jeden Abend, Unser Sandmännchen. In den Geschichten besuchte es Kinder auf der ganzen Welt – häufig in sozialistischen Ländern – und zeigte ihnen auf einem kleinen Fernsehgerät Geschichten zum Einschlafen. Neben Märchen und Alltagsgeschichten fanden sich jedoch auch staatstreue Besuche im Pionierferienlager, bei der Volksarmee und bei den Grenztruppen.

 

Das Sandmännchen im Pionierlager der DDR. © Gisela Krzyiwinski, rbb

Das Sandmännchen wurde mehr als eine einfache Trickfilmpuppe für die Bürger*innen der DDR. So nahm Sigmund Jähn 1978 das Sandmännchen mit, als er als erster Deutscher in den Kosmos flog. Sein sowjetischer Kollege brachte „Mascha“ mit ins All, eine Puppe, die eine ähnliche Rolle im Russischen Fernsehen einnahm wie das Sandmännchen im ostdeutschen Fernsehen. Dort verheirateten die Astronauten die beiden Puppen. Die Zuschauer*innen der DDR konnten von den Reisen des Sandmännchens indes nur träumen. Im Gegensatz zu ihnen kam das Sandmännchen auch nach Kuba, in den Irak, Vietnam, nach Ägypten und Japan.

An dem Heißluftballon störten sich Parteifunktionäre, nachdem zuvor zwei Familien in einem solchen in den Westen geflohen waren. © rbb

Immer mit einem seiner zahlreichen und spektakulären Fortbewegungsmittel wie U-Boot, Flugzeug, Schiff oder Zweirad. Als es jedoch in der Sendung vom 18. September 1979 mit einem Heißluftballon anreiste, störten sich Parteifunktionäre entschieden an der Kindersendung. Das hatte wohl den Grund, dass kurz zuvor zwei Familien aus Thüringen über die innerdeutsche Grenze nach Bayern geflohen waren. Mit einem selbstgebauten Heißluftballon.

Das Sandmännchen bleibt

Der Mauerfall bedeutete für das Sandmännchen erst einmal „Gute Nacht“. Denn der ostdeutsche DFF wurde 1991 aufgelöst. Die Produktion der Sandmännchen-Sendungen wurde damit ebenfalls eingestellt. Das löste heftigen Protest bei den Zuschauer*innen aus. Der Fernsehchef bekam zahlreiche Beschwerdebriefe, sodass die Sendung auch nach der Auflösung des Fernsehsenders schließlich weiter produziert wurde. So überlebte Unser Sandmännchen als eine der ganz wenigen Fernsehproduktionen der DDR. Denn auch nach der Auflösung des Deutschen Fernsehfunks wurde das Ost-Sandmännchen weiter im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und im Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) produziert und ausgestrahlt. Der ORB, heute Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb), wurde innerhalb der ARD mit der weiteren Produktion des Sandmännchens beauftragt. Sein westdeutscher Bruder war schon vor der Wende aufgrund zu niedriger Einschaltquoten nach und nach aufgegeben worden.

Das Sandmännchen im Elbsandsteingebirge. © Gisela Krzyiwinski, rbb

Auch heute kann man das Sandmännchen noch jeden Tag um 18.54 im rbb, MDR und im Kinderkanal KiKa sehen. Seit mehr als 60 Jahren verstreut es nun Traumsand und ist damit die älteste deutsche Kinderfernsehsendung, die bis heute produziert wird.

 

 

 

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Träume Kopf bunte Wolke

Ob eine Reise durch die Erinnerungen oder eine göttliche Erscheinung – manche Menschen, die dem Tod knapp entronnen sind, berichten von sonderbaren Erfahrungen und stellen die Wissenschaft vor ein Rätsel. Könnte es sich um eine Art Traumzustand handeln? Was eine Nahtoderfahrung ist, in welchen Formen sie sich zeigen kann und welche wissenschaftliche Erklärungsansätze es gibt, erklärt der folgende Beitrag.

Was kommt nach dem Tod? Kommt überhaupt etwas nach dem Tod? Eine genaue Antwort auf diese Fragen können nur jene geben, die bereits gestorben sind. Das Verlassen des eigenen Körpers oder das Treffen von verstorbenen Verwandten sind nur einige von vielen Erlebnissen, von denen Patient*innen berichten, die dem Tod knapp entronnen sind.

Aber was sind Nahtoderfahrungen? Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Meist versteht man darunter Erfahrungen, die Menschen erleben, während sie bereits kurzzeitig als klinisch tot gelten, aber anschließend reanimiert werden können. In der Zeitspanne bis zur Reanimation machen manche von ihnen denkwürdige Erfahrungen. Einige können sich anschließend an nichts erinnern, als hätten sie traumlos geschlafen. Andere berichten, wie sie in diesem Zustand ihren eigenen Körper verlassen und von außen oder oben beobachten konnten, wie die Ärzt*innen oder Sanitäter*innen Notoperationen oder reanimierende Maßnahmen an ihnen vollzogen. Diesen Zustand nennt man ‚außerkörperliche Erfahrung‘. Was die Betroffenen in diesem Zustand erleben ist individuell, kann aber beispielsweise eine Reise durch wichtige Erinnerungen oder zu einem Licht am Ende eines Tunnels umfassen.

Vergleicht man Nahtoderfahrungen mit Träumen, fallen einige Parallelen auf: Die Betroffenen sind während ihrer Nahtoderfahrung, ähnlich wie im Schlaf, bewusstlos und erleben individuelle, teils übernatürliche Erfahrungen. Sind Nahtoderfahrungen also eine Art Traumzustand? Genau lässt sich diese Frage nicht beantworten, auf wissenschaftliche Vermutungen kommen wir noch zu sprechen.

Was erleben Nahtoderfahrende? Ein Erfahrungsbericht

Wie intensiv eine Nahtoderfahrung sein kann, schildert die Traumatherapeutin Christine Brekenfeld im Interview mit dem YouTube-Format Hyperbole anhand ihrer eigenen Erfahrungen. Sie durchlebt fast alle bekannteren Szenarien. Während einer Notoperation machte sie eine außerkörperliche Erfahrung. Ihre Ängste und Schmerzen waren weg und sie konnte sich selbst und ihre Operation von außen beobachten. Dabei hatte sie das Gefühl, dass die Zeit stillstehe. Gleichzeitig spielte sich eine Art Lebensrückblick vor ihr ab. Jedoch sah sie nicht alle wichtigen Erinnerungen, sondern im Speziellen negative Erinnerungen, in denen sie andere verletzt hatte. Erinnerungen, die sie bereut. Anschließend kam sie tatsächlich in etwas Ähnliches wie das berühmte Licht am Ende des Tunnels, doch nahm sie diesen Tunnel eher als eine Art Strudel wahr. Ein Sog zog sie sanft durch den Strudel, langsam auf eine Enge zu. In dieser Enge sah sie eine Art weiches Licht. Sie spürte, dass sie dahin wollte. Sie berichtete: Als ich dann in Kontakt gekommen bin mit diesem Lichten, war es ein unglaublich schönes Gefühl. So als würde ich mit etwas in Kontakt kommen, was voller Liebe ist.

Die Bemühungen der Ärzt*innen waren erfolgreich und Christine Brekenfeld konnte reanimiert werden. Sie ist sie dankbar für ihre Nahtoderfahrung, welche für sie der schönste Moment ist, den sie je erlebt hat. Für sie war es zwar nicht eine Begegnung mit Gott, aber mit etwas Göttlichem. Betroffene ändern oft ihr Leben oder ihre Einstellungen nach einer Nahtoderfahrung. Viele werden religiös. Die Verbindung mit dem Göttlichen oder Spirituellen liegt bei einer solchen scheinbar übernatürlichen Erfahrung natürlich nahe, aber es gibt durchaus auch wissenschaftliche Ansätze, das Phänomen zu erklären.

Die Forschung am Tod und das Problem belastbarer Daten

Das Phänomen der Nahtoderfahrung wird wissenschaftlich noch nicht sehr lange erforscht. Das liegt unter anderem daran, dass reanimierende Maßnahmen selbst noch nicht allzu alt sind: Erst 1957 wurden wiederbelebende Maßnahmen vom Arzt Peter Safar in seinem Buch Das ABC der Wiederbelebung beschrieben. Dementsprechend kam es erst in den 1970er Jahren zu eigentlicher Forschung zu Nahtoderfahrungen. Trotzdem lässt sich immer noch nicht mit Sicherheit sagen, wie Nahtoderfahrungen entstehen.

Das Problem: Das neuronale Netz im Gehirn versagt beim Hirntod. Es sollte also unmöglich sein, mit dem Gehirn nach dem Tod noch etwas wahrzunehmen. Die Nahtoderfahrung geschieht aber anscheinend gerade dann, wenn man bereits klinisch tot ist. Abgesehen davon ist es sehr schwer, an Studienteilnehmer*innen für Befragungen zu kommen. Von tausenden Patient*innen, an denen Reanimierungsversuche vorgenommen werden mussten, überlebten in einer Studie nur 330. Von den Überlebenden konnten nur 100 ausführlicher befragt werden, weil der gesundheitliche Zustand es bei den anderen nicht zuließ. Von diesen wiederum erinnerten sich weniger als zehn Personen an ihre Nahtoderfahrung. An dem Beispiel wird deutlich, wie schwer es ist, belastbare Datenmengen für eine Studie zu sammeln.

Nahtoderfahrungen: Ein finaler Akt des Gehirns?

Die Erforschung von Nahtoderfahrungen hat also ihre Schwierigkeiten, dennoch gibt es mögliche Erklärungsansätze. Neuere Messungen der Gehirnaktivitäten von Sterbenden zeigen, dass das Gehirn kurze Zeit nach dem Herzstillstand ein letztes Mal einen starken Anstieg an Aktivität aufweist. Dieser Anstieg der Gehirnaktivität wird von Neurolog*innen ‚Wave of Death‘, also Welle des Todes genannt. Auch nach dieser Welle sendet das Gehirn noch für eine Weile Signale aus. Diese Welle des Todes lässt sich vereinfacht gesagt dadurch erklären, dass die aufgrund von Sauerstoffmangel sterbenden Gehirnzellen eine Art letzte Energiereserve freisetzen, bevor sie in sich zusammenfallen. Es ist also möglich, dass diese letzte Gehirnaktivität mit der Wahrnehmung von Nahtoderfahrungen zusammenhängt. Darüber hinaus ließen sich ähnliche Zustände, wie die für Nahtoderfahrungen typische außerkörperliche Erfahrungen, bei Epilepsieerkrankten durch die Stimulation bestimmter Areale im Gehirn auslösen. Auch das spricht dafür, dass unser Gehirn der Auslöser des Zustands ist. Daher vermuten viele Forscher*innen, dass es sich bei Nahtoderfahrungen um komplexe Halluzinationen handelt. Sollte dies zutreffen, wären Nahtoderfahrungen tatsächlich eng mit Träumen verwandt, da auch Träume aus psychologischer Sicht eine Unterform der Halluzinationen darstellen.

Forscher*innen sind sich zumindest einig, dass Nahtoderfahrungen keine religiösen Ursprünge haben. Im Gegenteil, Nahtoderfahrungen können nicht nur unabhängig von Religion und Kultur gemacht werden, sie werden sogar von dieser beeinflusst: Während manche christliche Patient*innen beispielsweise in ihren Nahtoderfahrungen Jesus treffen, machen Patient*innen aus anderen religiösen und kulturellen Kontexten ganz andere Erfahrungen. 

Es gibt also Erklärungsansätze, die auf einen biologischen Ursprung des Phänomens hinweisen, aber letzten Endes weiß man nicht, was genau bei einer Nahtoderfahrung passiert. Eines ist jedoch sicher: Für Betroffene sind sie oft eine positive Erfahrung, viele verlieren durch sie die Angst vor dem Tod.

Trotz aller Unklarheiten in der Forschung gelangen wir also zur Erkenntnis, dass man selbst in den schlimmsten Situationen noch etwas Schönes wahrnehmen kann, und dass man beim Tod vielleicht, nur vielleicht von seinem Gehirn in einen letzten, wunderschönen Traum geschickt wird, welcher alle Schmerzen vergessen lässt. Eine schöne Aussicht, oder?

Titelbild: © Timon Studler auf Unsplash

 

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Kopf mit bunter Wolke Träume

Der American Dream ist für viele US-Amerikaner*innen und Immigrant*innen auch heute noch relevant. Doch wie sehen die Chancen aus, ihn auch zu erreichen? Und trägt Amerikas Traumfabrik Hollywood durch Filme und Serien dazu bei, die scheinbaren Ideale der USA zu verstärken? Ein kleiner Rundumblick.

Der American Dream verspricht gleiche Aufstiegschancen für alle, die hart an sich arbeiten, um ihre Träume zu erreichen. Für den amerikanischen Psychologen Walter Fisher ergeben sich daraus zwei Perspektiven: den Traum des wirtschaftlichen Wohlergehens, aber auch die Wertschätzung und Fürsorge gegenüber anderen Menschen, die keinen hohen sozialen Status genießen. Erstmals verwendet wurde der Begriff des American Dream 1931 von James Truslow Adams, der ihn in sein Buch The Epic of America einbaute und damit der herrschenden Gesinnung von individueller Freiheit und Chancengleichheit einen Namen gab. Sein Grundgedanke manifestierte sich jedoch bereits seit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776. In dieser wurde unter anderem die Loslösung der Bevölkerung von ihren ungerechtfertigten Herrschenden und die damit einhergehende Selbstbestimmung beschrieben.

Ist Chancengleichheit ein Mythos?

Der amerikanische Traum ist zwar auch heute noch bedeutsam, doch seine Fassade bröckelt und enthüllt eine Realität fernab von romantischen Hollywood-Dramen. Laut einer Umfrage von YouGovAmerica aus dem Jahr 2020 glauben bereits 37 Prozent der befragten Amerikaner*innen, dass der American Dream mittlerweile schwerer zu erreichen sei als für frühere Generationen. Doch wie viel Schuld trägt jede*r Einzelne am Nichterreichen der festgelegten Ziele? Ist die angepriesene Chancengleichheit gelebte Realität oder ein weitverbreiteter Mythos?

Um diesen Fragen nachzugehen, lohnt sich ein Blick in Statistiken. Allein die Lebenserwartung der US-Amerikaner*innen hängt bereits mit ihrem Wohnort zusammen und variiert dabei um bis zu 20 Jahre. Während die durchschnittliche Lebenserwartung in Bereichen von Minnesota beispielsweise bei 83,2 Jahren liegt, erreichen Bürger*innen in Teilen von Mississippi lediglich ein Durchschnittsalter von 67,4 Jahren. Überdies gibt es zwischen den verschiedenen Wohnorten große Diskrepanzen in der Zugänglichkeit zu Bildung und deren Qualität. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden, schwankt ebenfalls stark. Hinzu kommt, dass lediglich acht Prozent der Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen später zu den Erwachsenen gehören, die in den USA zu den Vielverdiener*innen zählen. Der Aufstieg scheint demnach unwahrscheinlich. Und der Traum eines besseren Lebens rückt für viele US-Bürger*innen angesichts dieser Zahlen zusehends in weite Ferne.

Hollywood und der American Dream

Trotz alledem wird der American Dream als eindrucksvoller Lebenstraum auch heute noch in Hollywoods Filmen und Serien dargestellt: Vom Tellerwäscher zum Millionär in 120 Minuten, bis der Kinovorhang fällt. Unzählige bekannte Filme wie Forrest Gump, The Great Gatsby oder The Pursuit of Happyness verherrlichen den American Dream, denn das Geschäft rund um die Traumindustrie ist lukrativ. Doch auch wenn viele Hollywood-Filme Hoffnung stiften und der American Dream auch heute noch relevant ist, leidet seine Glaubwürdigkeit zunehmend. Umfragen aus dem Jahr 2019 zeigen einen deutlichen Rückgang, was den Glauben betrifft, ein besseres Leben führen zu können als die Elterngeneration. Besonders junge Frauen bezeichnen den American Dream zunehmend als unerreichbar.

Pretty Woman – vom Retten und gerettet werden

Pretty Woman

Pretty Woman – Vivian und Edward verkörpern den American Dream © Screenshot „Pretty Woman“ (1990), Buena Vista Pictures, USA

Eine der erfolgreichsten Hollywood-Produktionen der 1990er Jahre, der das amerikanische Lebensziel in den Fokus rückt, ist Gary Marshalls Pretty Woman mit Julia Roberts in der Rolle der Prostituierten Vivian und Richard Gere als reicher Finanzinvestor Edward. Der Film geht dabei auf die großen Klassenunterschiede zwischen den beiden ein und beobachtet, wie diese ihre Liebesgeschichte beeinflussen. Laut Walter Fishers Definition des American Dream rettet sich demnach nicht nur Vivian aus ihrer Armut, sondern auch Edward aus seiner Depression und seiner unethischen Lebensführung, was für beide in der Erfüllung ihrer Träume in Form von Liebe und Glück resultiert.

Die weitestgehend idyllische Darstellung ihrer klassenübergreifenden Liebe bietet eine idealistische und romantisierte Sicht auf den amerikanischen Traum. Der Film suggeriert, dass soziale Gleichheit erreicht werden kann und aus jeder Startposition des Lebens möglich ist, da die soziale Ordnung durchbrochen werden kann. Durch Vivians gute Freundin Kit, die sich durch ihren Drogenkonsum nicht aus ihrem Hamsterrad befreien kann, wird zudem die Ideologie bestärkt, dass arme und wirtschaftlich benachteiligte Menschen ihr Schicksal selbst in der Hand haben und ihre miserable Lage durch eigenes Versagen verursachen und auch verdient haben. Pretty Woman stellt Klassenkonflikte als persönliche Probleme dar, die sich völlig unabhängig vom sozialen Satus auflösen können. Hollywood vermittelt durch seine Filmproduktionen demnach ein schwer zu erreichendes Ideal, das in einer Welt ohne echte Chancengleichheit keine Verwendung findet.

Die Diskursivierung der Traumfabrik

Durchstöbert man die Archive, finden sich jedoch auch kritischere Filme wie Nomadland oder Death of A Salmesman, welche die Brüche des Konzepts thematisieren und einen differenzierten Diskurs jenseits von idealistischen Darstellungen auf die Kinoleinwand bringen. Der American Dream ist bekanntlich nicht mehr, was er einmal war, und diese Erkenntnis ist auch den amerikanischen Filmemacher*innen rund um Hollywood nicht entgangen. So werden geplatzte Träume, schwere Lebenswege und tragische Geschichten ohne Happy End verfilmt, die einem realistischeren Querschnitt des amerikanischen Lebens entsprechen zu scheinen. Somit bleibt der American Dream für viele eben genau das: ein Traum.

Titelbild: © Unsplash

 

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Träume Kopf bunte Wolke

Im März 1933 kommen Hitler und die Nationalsozialisten an die Macht. Wenig später beginnt Charlotte Beradt, die Träume ihrer Mitmenschen zu sammeln. Die deutsch-jüdische Journalistin spricht mit Verwandten, Nachbarn, mit einem Unternehmer, Schneiderinnen, Ärzten und mit dem Milchmann. Sechs Jahre lang dokumentiert sie, wie das totalitäre System zuerst die Träume und dann das Leben ausfüllt. 1939 muss sie fliehen, 1966 erscheint ihr Buch: Das Dritte Reich des Traums. Was leisten Träume als historische Quellen?  

„Der einzige Mensch, der in Deutschland noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft.“ So beschreibt NS-Reichsorganisationsleiter Robert Ley schon 1934 die totale Konsolidierung politischer und kultureller Macht durch das nationalsozialistische Regime. Zwischen staatlichem Terror, politischer Gleichschaltung und allgegenwärtiger Propaganda schufen die Nationalsozialisten** schon früh und in vollem Bewusstsein das Fundament für die Verbrechen des kommenden Jahrzehnts. Mit denselben Worten beginnt Charlotte Beradts Buch Das Dritte Reich des Traums – ein ungewöhnliches, fesselndes Werk, das völlig unverdient in Vergessenheit geraten ist. Heute fristet es ein Nischendasein zwischen Antiquariaten, FAZ-Literaturkritiken und fragwürdigen musikalischen Neuinterpretationen. Dabei ist die Entstehungsgeschichte des Werks mindestens so spannend wie die geschilderten Träume selbst.

Geheime Träume im Dritten Reich

Charlotte Beradt, damals 26, lebt in Berlin, als die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Sie arbeitet als Journalistin, bis der Staat ihr noch im gleichen Jahr das Berufsverbot ausspricht. Im Zuge der Massenverhaftungen von Kommunist*innen und Sozialist*innen nach dem Reichstagsbrand wird sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Journalisten und Schriftsteller Heinz Pol, inhaftiert. Als sie wenig später freikommt, leidet Beradt unter Alpträumen und allgegenwärtigen Ängsten der Verfolgung. Sie beginnt, die Träume der Menschen in ihrem Umfeld zu sammeln: säkulare, jüdische Bürger*innen aus der Mittelklasse.  

Nach dem Reichtagsbrand wurde Charlotte Beradt vom NS-Regime verhaftet. Ihre Träume ließen sie fortan nicht mehr los. © Wikimedia Commons

„Nutznießer des Systems oder begeisterte Jasager waren mir schwer zugänglich und ihre inneren Reaktionen (…) ohnehin nicht aufschlussreich. Ich fragte Schneiderin, Nachbar, Tante, Milchmann, Freund, fast immer ohne Preisgabe des Zweckes, denn ich wollte möglichst ungefärbte Antworten“, schreibt Beradt über ihr Vorhaben. Und so sammelt sie in den folgenden sechs Jahren im Geheimen die Träume von über dreihundert Menschen. Um sich selbst und die Befragten zu schützen, versteckt sie die Texte im Deckel anderer Bücher. Manche sendet sie getarnt als Briefe ins Ausland, in wieder anderen chiffriert sie die Namen von bedeutenden Nazis: Aus Hitler wird Onkel Hans, aus Goebbels Gerhard, und die Partei nennt sie Familie. Fünfzig dieser Träume veröffentlicht sie 1966 aus dem Exil in New York als Buch: Das Dritte Reich des Traums. 

Heute schwer zu finden: Die deutsche Erstauflage, Nympenburger-Verlag, 1966.

Der Traum des Herrn S.

Erster Impuls für ihr Vorhaben ist der Traum eines befreundeten Fabrikbesitzers, des Herrn S. Drei Tage nach der Machtübernahme träumt er, wie Goebbels persönlich in seine Fabrik kommt. Er lässt die Arbeiter*innen in zwei Reihen, rechts und links, antreten. 

„Dazwischen muss ich stehen, und meinen Arm zum Hitlergruß heben. Es kostet mich eine halbe Stunde, den Arm, millimeterweise, hochzubekommen. Goebbels sieht meinen Anstrengungen wie einem Schauspiel zu, ohne Beifalls-, ohne Mißfallensäußerung. Aber als ich den Arm endlich oben habe, sagt er fünf Worte: ‚Ich wünsche Ihren Gruß nicht‘, dreht sich um und geht zur Tür. So stehe ich in meinem eigenen Betrieb, zwischen meinen eigenen Leuten, am Pranger, mit gehobenem Arm. Ich bin körperlich dazu nur imstande, indem ich meine Augen auf seinen Klumpfuß hefte, während er hinaushinkt. Bis ich aufwache, stehe ich so.“ 

Das Bild handlungsunfähiger Träumender, die zum passiven Objekt, zum Opfer der Willkür eines totalitären Staates werden, ist in den gesammelten Träumen omnipräsent. Beradt betont: Was Herrn S. zustieß, sei zwar traurig, aber eben keine Tragödie. Es sei vielmehr das typische und gewollte Geschehen im Zuge des Umwandlungsprozesses, den das System an ihm vornehme. „Er ist nicht einmal zum Nicht-Helden, er ist zur Nicht-Person geworden.“ In späteren Briefen erläutert sie, weshalb diese erste Erzählung sie so bewegte: „Der Traum des Fabrikbesitzers, der direkt aus der Werkstatt des totalen Regimes zu kommen schien, wo der Mechanismus seines Funktionierens erzeugt wird, festigte in mir einen Gedanken, den ich schon flüchtig gehabt hatte: daß Träume wie dieser nicht verlorengehen sollten. (…) Ich fing also an, von der Diktatur diktierte Träume zu sammeln“. 

Zwischen Repräsentativität und Authentizität 

Teils kollektives Traumtagebuch, teils literarisches Werk, bewegt Beradts Buch sich in einem Spannungsfeld zwischen Repräsentativität und Authentizität. Einerseits fehlen die objektiven Standards und die methodische Nachvollziehbarkeit, die für jegliche Form der Verallgemeinerbarkeit notwendig wären. Das ist gewiss dem Entstehungskontext geschuldet: Alle Erzählungen beruhen auf schriftlichen und mündlichen Erinnerungen der rund dreihundert Befragten, alle Subjekte eines totalitären Regimes. Ob eine Verzerrung der Traumberichte stattfand, sei es in den ursprünglichen Schilderungen der Träumenden selbst oder durch die Autorin in zweiter Instanz, ist nicht mehr nachzuvollziehen. 

Andererseits sind die Träume in ihrer Klarheit auf beängstigende Weise authentisch, geradezu prophetisch. Selten reflektieren Beradts Subjekte bloß das Erlebte. Oft schildern sie stattdessen in Deutlichkeit das, was bevorsteht. Da ist etwa der jüdische Anwalt, der 1935 im Traum durch Lappland flieht, auf der Suche nach dem „letzten Land der Welt, wo Juden noch gelitten sind“. Der Zollbeamte, ein Deutscher, lässt ihn nicht durch. „Du bist Jude“, schreit er, und wirft seinen Pass zurück aufs Eis. Beradt bemerkt, dass sich „die Träume aus dem Jahr 1933 nicht sehr von denen aus späteren Jahren“ unterschieden: „Meine aufschlussreichsten stammen aber aus den ersten Jahren des noch leise tretenden Regimes in seinem Urzustand.“ Während das öffentliche Leben vielerorts noch unberührt ist, wird das totalitäre System in den Träumen der frühen Dreißiger bereits manifest. Isolation, Kontrolle in allen Bereichen des Lebens, Auslöschung des Individuums.

Im Kapitel „Das wandlose Leben“ berichtet ein Arzt von einem Traum, den er im Winter 1933 hat.

„Während ich mich nach der Sprechstunde, etwa gegen neun Uhr abends, mit einem Buch über Matthias Grünewald friedlich auf dem Sofa ausstrecken will, wird mein Zimmer, meine Wohnung plötzlich wandlos. Ich sehe mich entsetzt um, alle Wohnungen, soweit das Auge reicht, haben keine Wände mehr. Ich höre einen Lautsprecher brüllen: ‚Laut Erlaß zur Abschaffung von Wänden vom 17. des Monats.’“ 

Beeindruckt von seinem Traum, hält er ihn am kommenden Morgen schriftlich fest. In der Folgenacht träumt er, er werde beschuldigt, Träume aufzuschreiben. So kündigt sich ihm der kommende Totalitarismus im Schlaf an. Eine Nacht später träumt er: „Ich lebe auf dem Meeresgrund, um unsichtbar zu bleiben, nachdem die Wohnungen öffentlich geworden sind.“ 

Nähe und Abgrenzung zur Traumdeutung

Charlotte Beradts Portrait in der englischsprachigen Erstveröffentlichung, 1968. ©️ openlibrary.org

Wer in Beradts Werk Bezüge zur Traumdeutung und zur Psychoanalyse nach Jung sieht, liegt nicht falsch. Mehrmals beschreibt Beradt, wenn auch nie explizit, was man als das kollektive Unbewusste verstehen könnte: „Träume scheinen zwar die Wirkung äußeren politischen Geschehens im menschlichen Innern minuziös aufzuzeichnen wie ein Seismograph, doch sie stammen aus einer unwillentlichen psychischen Tätigkeit. Sie scheinen voller Aufschlüsse über die Affekte und Motive von Menschen während ihrer Einschaltung als Rädchen in den totalen Mechanismus“.  

Doch in der entscheidenden Sache trennt sich Beradt dann von der Tradition der großen Traumtheorien. Freud und Jung wollen die Wirklichkeit interpretativ erschließen. Sie wollen verstehen, was Träume für das Individuum bedeuten. Damit sind sie unausweichlich angewiesen auf einen „Versteher“ – einen, der wach ist, während andere träumen. Beradt beansprucht keine solche Sonderstellung für sich. Ihr Verständnisinteresse ist stets politisch motiviert, stets kollektiv und immer im Kontext des nationalsozialistischen Regimes. Den praktischen Nutzen ihrer Traumsammlung definiert sie gleich zu Beginn: „So könnten Traumbilder die Struktur einer Wirklichkeit deuten helfen, die sich gerade anschickte, zum Alptraum zu werden.“ 

Doch Beradt sieht nicht mehr und nicht weniger als ihre Befragten. Gerade weil die Theorie verstummt, haben die Träume hier Raum zum Sprechen. Beradt bewegt sich ohne Urteil, ohne Interpretation zwischen den Traumerzählungen. Sie wird Zeugin von Angst, von Ohnmacht und vom daraus resultierenden Schamgefühl. „Die meisten wollten ihre quälenden Träume vergessen, jedenfalls sprachen sie nicht gern darüber.“  

„Aber wir haben nichts mehr“

Das letzte Kapitel widmet Charlotte Beradt ihren jüdischen Mitbürger*innen und denen, die Widerstand leisten. Wenn auch nur im Traum. Da ist etwa der wiederkehrende Traum einer älteren jüdischen Frau.

„Mein Mann und ich waren in ein weit entferntes Land emigriert. Wir waren ganz allein, niemand half uns. ‚Warum heben wir kein Geld vom Sparbuch ab?‘ fragte ich meinen Mann. ‚Da ist nichts mehr drauf.‘ ‚Dann hol doch Geld bei der Bank.‘ ‚Wir haben nichts mehr.‘ ‚Dann hol was aus dem Safe.‘ ‚Da ist auch nichts mehr drin.‘ ‚Dann nimms aus Deinem Portemonnaie.‘ ‚Aber wir haben nichts mehr.‘ Die Alpträume ihres Mannes gingen noch weiter: Als ihm Hitler – wie im Märchen – die Erfüllung eines Wunschs gewährt, antwortet er ohne zu zögern: ‚Ein Paß für mich und meine Frau.‘ „

Es folgt der einzige Tyrannenmord im Buch.  

„Ich träume oft, ich fliege über Nürnberg, fische mit einem Lasso Hitler mitten aus dem Parteitage heraus und versenke ihn zwischen England und Deutschland im Meer. Manchmal fliege ich weiter nach England und erzähle der Regierung, zuweilen Churchill selbst, wo Hitler geblieben ist und daß ich es getan habe.“ 

Bildgewaltig, aber kein bloßes Beiwerk: Illustration für einen Magazinartikel, den Beradt 1939 aus dem Exil in New York schreibt.

Träume im Vordergrund

Die Träume in Das Dritte Reich des Traums sind kein illustrierendes Beiwerk zum Buch – sie sind das Buch. Und gerade weil Charlotte Beradt sie so prominent in den Vordergrund stellt, sprechen sie lauter als jede Interpretation. Beradt gelingt es, die Perfidität der nationalsozialistischen Diktatur ganz abseits von Zahlen und Ereignissen auf besondere Art bloßzustellen: Der autoritäre Staat, nachdem er bis in die letzten Fasern des sozialen und privaten Lebens vorgedrungen ist, erhebt den ultimativen Anspruch: die Gedanken und Träume seiner Subjekte zu bestimmen. „Der einzige Mensch, der in Deutschland noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft.“ Und so mag es sein, dass am Ende auch Robert Ley, der 1945 Suizid beging, die eigens gebaute Tyrannei unterschätzte. Charlotte Beradt aber sollte Recht behalten. Und während die Verbrechen der Nationalsozialisten immer weiter von der Welt des Erlebten in die Welt des Erzählten rücken, ist ihr Werk aktueller denn je:

„Es festigte sich in mir der Gedanke, den ich schon flüchtig gehabt hatte: daß Träume wie dieser nicht verlorengehen sollten. Sie könnten zur Evidenz gehören, wenn dem Regime als Zeitphänomen einmal der Prozeß gemacht würde.“

 

** Da die zentralen Machtpositionen im Nationalsozialismus von Männern besetzt waren, wurde in diesem Beitrag an wenigen Stellen bewusst auf gendersensible Sprache verzichtet. Das heißt nicht, dass andere Geschlechter aus der Verantwortung genommen werden, sondern soll lediglich eine Diskussion über die Frage anregen, wie angesichts historischer Stoffe angemessen gegendert werden kann.

 

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Kopf mit bunter Wolke Träume

Es ist das Jahr 2096: Alle Menschen leben gleichberechtigt bis ins hohe Alter, Armut und Krankheit sind besiegt, es herrscht Weltfrieden. Der Klimawandel wurde aufgehalten, unseren Urlaub verbringen wir nicht mehr auf Mallorca, sondern auf dem Mond und zur Arbeit kommen wir in Flugtaxis. Klingt utopisch? Ist es auch! Aber ist es deshalb auch unrealistisch? Wofür brauchen wir als Gesellschaft eigentlich Utopien und müssen sie unbedingt wahr werden? Wir haben nachgefragt beim Philosophen Bernd Villhauer und der angehenden Zukunftsforscherin Rosa Berndt.

Der Begriff ‚Utopie‘ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „ohne Ort“ oder „Nicht-Ort“. Unter einer Utopie versteht man die Idee von einer besseren oder idealen Gesellschaft – diese ist allerdings noch „ohne Ort“, existiert also noch nicht in der realen Welt. Der Begriff wurde erstmals von Thomas Morus im Titel seines 1516 erschienenen Romans Utopia genutzt. Der Roman berichtet vom Inselstaat Utopia, in dem alle Menschen gleich gekleidet sind und ein Arbeitstag nur sechs Stunden dauert, Geld und Privateigentum existieren nicht. Klingt erstmal traumhaft, ist in Wahrheit aber eine scharfe zeitgenössische Gesellschaftskritik.

Utopien als solche gab es allerdings auch schon davor, denn die Menschheit träumte wahrscheinlich schon immer von einer besseren Welt. Der niederländische Journalist und Autor Rutger Bregman beginnt sein 2016 publiziertes, populäres Buch Utopien für Realisten mit dem Satz: „Früher war alles schlechter.“ Im ersten Kapitel zeichnet der Autor die Entwicklung der Welt der letzten 200 Jahre nach und kommt zu dem Ergebnis, dass unser heutiger Lebensstandard so ziemlich einer mittelalterlichen Utopie entspräche. Dies ist für Rutger Bregman aber auf keinen Fall eine Rechtfertigung dafür, in der heutigen Zeit auf Utopien zu verzichten. Er zitiert den Autor Oscar Wilde, der in seinem Werk Der Sozialismus und die Seele des Menschen schrieb:

„Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird. Und wenn die Menschheit da angelangt ist, hält sie Umschau nach einem besseren Land und richtet ihre Segel dahin. Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.“

Der Traum von einer besseren Welt

Wieso ist dieser Traum von einer besseren Welt so wichtig für uns Menschen? „Weil wir ohne Hoffnungen und ohne große Erzählungen über gute Entwicklungen gar nicht auskommen“, meint Bernd Villhauer, Philosoph und Geschäftsführer des Weltethos-Instituts in Tübingen. Seiner Meinung nach lassen uns Utopien die Realität besser begreifen, spenden Hoffnung und setzen Kräfte frei, um Veränderungen zu erwirken. Rosa Berndt studiert an der Freien Universität Berlin im Masterstudiengang Zukunftsforschung und forscht zum Thema Utopien. Sie sagt, Utopien führen dazu, „dass ein Ziel da ist, dass man nicht nur in der Gegenwart bleibt und gegen etwas auf die Straße geht, sondern dass wir wissen wofür, weil wir ein Bild davon haben, wie die Welt aussieht, wenn wir es schaffen, sie zu verändern.“

Das Bild zeigt das Schild einer Demonstrantin bei einer Fridays for Future Demo

Utopie kein Klimawandel oder Dystopie ‚Öko-Diktatur‘? Alles eine Frage der Perspektive. © Pixabay

Dies betont auch Rutger Bregman in Utopien für Realisten: „Wie Humor und Satire stößt auch die Utopie die Fenster des Geistes auf. Und das ist unerlässlich.“ Dies ist gerade in Krisenzeiten bemerkbar. Zwar entstehen Utopien laut Rosa Berndt unabhängig von der Situation in der Welt, dennoch steige das gesellschaftliche und mediale Interesse an Utopien, je mehr sich Krisensituation in der Welt zuspitzen. Hierzu schreibt Rutger Bregman: „Utopien verraten stets mehr über die Zeit, in der sie entwickelt werden, als über das, was uns in der Zukunft erwartet.“

Während die einen mittels Utopie von einer besseren Welt träumen, sehen allerdings andere einen völligen Alptraum auf sie zukommen. So träumen die einen aktuell von einer Zukunft ohne Klimawandel, während die anderen die Dystopie einer ‚Öko-Diktatur‘ fürchten. Für Bernd Villhauer können Utopie und Dystopie nicht getrennt voneinander existieren und sind auch keine Gegenkräfte, sondern eng miteinander verwandt. Für ihn ist das „Faszinierende an der Utopie, dass sie auch umkippen kann, dass sie sich dann auch in einer ganz furchtbaren Form verwirklichen kann.“ Und dies kann ganz einfach passieren: „Sie können jeden utopischen Entwurf nehmen und wenn Sie an bestimmten Rädern drehen, sind Sie sofort in einer ganz schrecklichen Gesellschaft.“

Utopien zum Realisieren?

Darüber, ob Utopien unbedingt wahr werden müssen, gibt es unterschiedliche Ansichten. Dies lässt sich bereits in unterschiedlichen Definitionen des Begriffes feststellen: Während der Duden die Utopie als einen „undurchführbar erscheinende[n] Plan; Idee ohne reale Grundlage“ versteht, definiert Wikipedia den Begriff ‚Utopie‘ als „Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist“. Je nach Definition besteht also die Möglichkeit, eine Utopie zu verwirklichen – oder eben auch nicht. Für Bernd Villhauer sind Utopien „nicht deshalb wichtig, weil sie verwirklicht werden.“ Im Gegenteil – er bezweifelt sogar, dass sie grundsätzlich überhaupt realisierbar sind. Das müssen sie aber auch gar nicht, um zu Veränderungen zu führen. Interessant ist auch, wer laut ihm die Veränderungen schlussendlich herbeiführt:

„Oft sind es dann nicht die utopischen Denker, die die Veränderung bringen, sondern die kleinteiligen Leute, die an den Strukturen arbeiten. Die Reformer erreichen meist viel mehr als die Revolutionäre, aber man braucht eine große Erzählung, eine große Hoffnung, um überhaupt zum Reformer werden zu können.“

Für Rosa Berndt sind Utopien generell realisierbar: „Die genaue Definition von Utopien ist, dass sie ein Nicht-Ort sind, das heißt sie existieren noch nicht, aber dass sie nicht realistisch sind würde ich nicht sagen. An sich sind sie noch nicht existent, aber sie existieren ja in der Vorstellung und sind damit schon real. Ich glaube alles, was in der Vorstellung existiert kann auf die eine oder andere Weise auch Realität werden.“ Die Idee, dass Utopien gar nicht real werden müssen, findet sie sehr spannend. Allerdings hält sie fest, dass sogenannte ‚Real-Utopien‘, wie zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen, eben nicht nur zu neuen Ideen anstoßen möchten, sondern das Ziel verfolgen, tatsächlich realisiert zu werden.

Dass Utopien verwirklicht werden können, erleben wir momentan tatsächlich: Lange Zeit waren Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Ökonomie eine bloße Utopie, die nun in Teilen der Wirtschaft real wird – wir erleben also momentan eine ‚Utopie in-the-making‘, wie Bernd Villhauer es nennt. Übrigens können Utopien und utopisches Denken darüber hinaus auch durchaus reale Auswirkungen auf Menschen haben, wie ein Forschungsteam der University of Melbourne 2018 herausfand. So zeigte die Studie Functions of utopia: How utopian thinking motivates societal engagement, dass Menschen, die gegenüber Utopien positiver eingestellt sind, auch eine höhere Bereitschaft besitzen, die Welt durch gesellschaftliches Engagement zu verändern.

Zukunftsträume

Sticker mit der Aufschrift "The Future is unwritten"

Wie soll unsere Zukunft aussehen? Utopien können dafür Wegweiser sein. © Unsplash

Sind Utopien und Träume also ein und dasselbe? Nein, sagen Bernd Villhauer und Rosa Berndt. Eine Utopie sei konkreter formuliert und klarer als ein Traum. Rosa Berndt bezeichnet den Traum als „eine bloße Vorstellung im Unterbewusstsein“, die Utopie hingegen sei „das Bildnis des Traums“. Laut ihr sind Utopien konkreter, weil sie sich meistens nicht (mehr) auf die ganze Weltstruktur beziehen, sondern sich – wie beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen – auf einzelne Aspekte konzentrieren. Auch Visionen werden oft in Zusammenhang mit Utopien genannt. Diese sind Bernd Villhauer zufolge ebenfalls unkonkreter als Utopien, fungieren aber als Grundlage dafür, dass Utopien überhaupt entstehen können: „Keine gute und glaubwürdige Utopie ohne Vision.“

Von welchen Utopien wir aktuell träumen, ist sehr vielfältig. Am bekanntesten ist wohl die Utopie des bedingungslosen Grundeinkommens. Auch eine Reduzierung der Arbeitszeit, wie sie zum Beispiel in Island erfolgreich getestet wurde, oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehören beispielsweise dazu. Als zeitgenössische Utopien können außerdem das Aufhalten des Klimawandels, die Beseitigung von Diskriminierung und aufgrund der aktuellen Lage, das Leben ohne Einschränkung durch eine Pandemie oder Viren gelten.

Welche Utopien uns in der Zukunft beschäftigen werden, das können selbst Zukunftsforscher*innen heute noch nicht vorhersagen. Rosa Berndt prognostiziert aber, dass sich auch in Zukunft weiterhin viel darum drehen wird, „wie Wirtschaft und Nachhaltigkeit zusammen funktionieren“ oder wie Wachstum anders gedacht werden kann. Und auch wenn viele Utopien erstmal zu unrealistisch klingen, als dass es sich tatsächlich lohnen würde, weiter an sie zu glauben: Viele gesellschaftspolitische Utopien wie zum Beispiel das Ende der Apartheid oder das Frauenwahlrecht galten lange Zeit als absolut unrealistisch und sind doch für uns heute Normalität. Auch deshalb lohnt es sich für uns, weiter vom gesellschaftlichen Fortschritt zu träumen.

Titelbild: © Pixabay

 

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Kopf mit bunter Wolke Träume

Man sieht sie im Hintergrund vieler Instagram-Posts an Wänden hängen, sie baumeln von Decken hipper Cafés oder sind am Rahmen von Kinderbetten befestigt: Traumfänger. Doch warum werden sie heute aufgehängt? Wie wird der Nutzen angepasst? Und bedeuten neue Kontexte automatisch kulturelle Aneignung oder harmlose Symbolik? Wir gehen diesen Fragen in diesem Beitrag nach und sprechen mit Jessica Richter, einer Workshop-Leiterin für Traumfängerherstellung.

Um die Herkunft und Entstehung von Traumfängern ranken sich verschiedene Legenden. Ihren Ursprung haben sie bei den Native Americans. Sie sollen unsere Alpträume wie Spinnennetze auffangen und uns so vor ihnen und schlechten Gedanken schützen. Viele, die diesen Artikel lesen, hatten vielleicht als Kind einen bunten Traumfänger über dem Bett hängen. Heute findet man die Netze vor allem auf Instagram als Wanddekor, am Rückspiegel in Autos oder auf Festivals. Warum werden sie heute aufgehängt und wo liegt die Grenze zur kulturellen Aneignung?

Schmaler Grat zwischen Interesse und Aneignung

Traumfänger als Dekoration der Wohnungen von Influencer*innen © Instagram / all_aboutdreams

Scrollt man durch Instagram oder Pinterest, fällt einem der Trend des Makramee ins Auge, eine Knüpftechnik, mit der Untersetzer, Teppiche, Anhänger und eben auch Traumfänger gebastelt werden. Diese zieren die Wände zahlreicher Influencer*innen oder hängen in ihren Autos. Wer einen Traumfänger selber machen will, kann dies in eigenen Workshops erlernen. Jessica Richter gibt solche Kurse und berichtet im Gespräch mit Zwischenbetrachtung von den Motivationen ihrer Workshop-Teilnehmer*innen: „Sie erzählen von intensiven Träumen, schlechtem Schlaf und wünschen sich dann mit dem Traumfänger Besserung. Manchmal bekomme ich Feedback, dass sie tatsächlich einen besseren Schlaf haben als zuvor. Andere basteln einen zur Dekoration und weil es einfach ein schöner Hingucker ist.“

Hier stellt sich die Frage, ob der Grund der Dekoration mit einer fehlenden Sensibilität für den Ursprung der Traumfänger einhergeht und Kontexte verletzt werden. Um dies zu verstehen, ist das Konzept der cultural appropriation, zu Deutsch der ‚kulturellen Aneignung‘ hilfreich. Ob Popsänger*innen Outfits oder Gesänge aus anderen Kulturen in ihren Werken verwenden, Kriegsbemalung auf dem Coachella Festival getragen oder ein gefederter Hut mit Fransen-Outfit zum Karneval präsentiert wird – stets übernehmen sie kreative oder künstlerische Formen, Themen oder Praktiken einer anderen Kultur. Dies beschreibt westliche Aneignungen nicht-westlicher oder nicht-weißer Formen von Symbolen, welche Konnotationen von Ausbeutung und Dominanz tragen.

Die Abgrenzung der kulturellen Aneignung vom bloßen Austausch ist letztlich eine Frage gesellschaftlicher Machtverhältnisse: Aneignung findet dann statt, wenn eine privilegierte Schicht wirtschaftlichen und persönlichen Nutzen aus den Symbolen und Objekten marginalisierter Gruppen zieht. Eben dieser Zusammenhang der Ungleichheit wird im Kontext von Traumfängern kritisiert. Zwischen Interesse und Aneignung verläuft dabei eine unscharfe Grenze.

Bewusstsein für Kultur und Tradition

Ein beliebtes Hobby: Traumfänger aus Makramee herstellen © Pixabay

Jessica Richter berichtet, wie sie in ihren Workshops die Geschichte des Traumfängers und seine Ursprünge thematisiert: „Mir ist es wichtig, dass meine Teilnehmer wissen, woher der Traumfänger kommt und was er bewirkt. Es gibt einige Legenden und nach meiner Recherche bin ich oft auf die Legende der Ojibwa-Indianer gestoßen. Die Legende erzähle ich meinen Teilnehmern, bevor sie anfangen zu kreieren.“ Darüber hinaus verwendet Jessica Richter natürliche Materialien und nicht vorgefertigte für die Herstellung ihrer Traumfänger.

Wie denken Anhänger*innen der tribes selbst über den Besitz eines Traumfängers? In einer anonymen Umfrage eines Reiseblogs, welcher kulturbewusstes Reisen thematisiert, wurden die Anhänger*innen unterschiedlicher tribes gefragt: „Gibt es eine unbedenkliche Möglichkeit für Nicht-Natives, einen Traumfänger zu besitzen?“ Die Antworten fielen unterschiedlich aus, viele waren sich aber einig: Der Kontext ist entscheidend. So werde es beispielsweise als respektlos empfunden, einen Traumfänger an einer Tankstelle zu erwerben oder bestimmte Stereotype in Filmen darzustellen. Oft werde dabei die Wichtigkeit der Traditionen zum Vorteil einer privilegierten Schicht vergessen. Ein*e Nutzer*in antwortet: „Ich habe den Eindruck, dass Nicht-Indigene auf der Suche nach einer mystischen Erfahrung in die Reservate kommen und Schmuckstücke mit nach Hause nehmen, um zu zeigen, dass sie unter Ureinwohnern waren. Viele der stereotypen Hollywood-Accessoires und Schmuckstücke verkaufen sich, also nutzen die Verkäufer der Ureinwohner dies zu ihrem Vorteil.“

Achtsame Herstellung, bewusster Besitz

Traumfänger findet man in vielen Läden und in verschiedenen Formen  © Unsplash

Es geht also weniger darum, dass man keinen Traumfänger besitzen darf, sondern um ein Bewusstsein für kulturelle Kontexte und Traditionen und den achtsamen Umgang mit der Symbolik. Auch die Herkunft ist wichtig: Aus welchen Materialien besteht der Traumfänger, gibt es Shops, welche indigene Reservate unterstützen? So könnte es vielleicht gelingen, den Alptraum der kulturellen Aneignung im Netz des Bewusstseins aufzufangen.

Titelbild: © Pixabay

 

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Traumfänger sind im alltäglichen Leben längst der breiten Masse bekannt. Doch woher kommen die aufwendig verzierten und gefiederten Kunsthandwerke? Auf dem fernen westlichen Kontinent verbinden die indigenen Völker sie mit spirituellem Glauben und Legenden. Welche Bedeutung hat der Traumfänger als Kulturgut, und was für Gedanken wurden darin eingewebt?

Rebecca Netzel ist promovierte Linguistin und Lektorin an der Universität Heidelberg. © Rebecca Netzel

Mit der Geschichte des Traumfängers kennt sich Rebecca Netzel von der Universität Heidelberg bestens aus. Sie arbeitet am Institut für Übersetzen und Dolmetschen als Dozentin, engagiert sich jedoch außerdem ehrenamtlich für die indigenen Völker. Als Sprachforscherin und Expertin zur Sprache und Kultur der Lakota hat sie mehrere Bücher verfasst und wurde zudem von einer Familie des Lakota-Stammes adoptiert.

Ihren Ursprung finden die Traumfänger bei den Native Americans. Träume haben für die indigenen Völker dort eine wichtige Bedeutung: Sie glauben, dass diese die Seelen der Träumenden aktiv beeinflussen. So könne ein Traum beispielsweise spirituelle Stärke vermitteln, aber auch negative Gedanken oder Geister einlassen. Um vor diesen bösen Träumen zu schützen, wird ein Traumfänger über das Bett gehängt, wo er die ersten Strahlen der Morgensonne einfangen kann. Die Native Americans glauben, dass das Sonnenlicht die nachts gefangenen, schlechten Gedanken neutralisiert. Laut Rebecca Netzel streiten die einzelnen Tribes scherzhaft darum, bei welchem Tribe die Traumfänger genau ihren Ursprung nehmen. Allerdings sei der genaue Ursprung mittlerweile wohl nicht mehr zu ermitteln, da die Kulturgedanken des Traumfänger immer wieder untereinander ausgetauscht und einzeln weiterentwickelt wurden. Es handelt sich also um ein intertribales Kulturgut der Native Americans.

„Traumfänger“ heißt wörtlich „Spinnennetz“

Für die Zierfedern am Traumfänger werden flaumige Konturfedern bevorzugt. © Couleur auf Pixabay

Die Materialien für einen originalen Traumfänger stammen dabei alle aus der Natur: Zweige, Sehnen und Federn. Beispielsweise ein runder Zweig der Red Willow (Glattblättrigen Weide) wird in Kreisform gezogen, getrocknet und mit Fasern einer großen Brennnessel oder Lederstreifen umwickelt. Sehnen werden so in die Mitte eingeflochten, dass es einem Spinnennetz gleicht. Verziert wird der Traumfänger mit flaumigen Naturfedern, welche die Verbindung zur Luft symbolisieren. In die Mitte des Netzes kommt nun noch eine Perle oder ein Halbedelstein. Eventuelle zusätzliche Materialien sind optionales Beiwerk und dienen der Dekoration. Rebecca Netzel zufolge lautet das Wort für „Traumfänger“ in der Sprache der Lakota übrigens „Iktómi tawókashke“, was wörtlich übersetzt „Spinnennetz“ bedeutet.

„Gerade von der ganzheitlich-ökologischen Denkweise der Native Americans können wir in Zeiten des Klimawandels und Artensterbens viel lernen.“ – Rebecca Netzel

Zwei verschiedene Ursprungs-Legenden

Um den Traumfänger ranken sich verschiedene Legenden, und viele der indigenen Völker haben ihre eigene Fassung. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Es ist immer eine Spinne, die das Netz des ersten Traumfängers gewoben hat. Zwei Geschichten, die der Ojibwe und des Lakota Tribes, sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Die Gestaltung des originalen Traumfängers basiert auf einem Spinnennetz. © Albrecht Fietz auf Pixabay

Die Sage der Ojibwe handelt von einer Göttin der Erde, die als „Spinnenfrau (oder „Asibikaashi“) bezeichnet wird. Die Spinnenfrau kümmert sich um alle Menschen und insbesondere um die Kinder. Als die Völker sich in alle Ecken des Landes ausbreiteten, wurde es jedoch für sie schwieriger, auf alle Kinder achtzugeben. Daher lehrte sie die Mütter und Großmütter, Spinnennetze aus Weidenreifen und Sehnen zu weben, um die Kinder an ihrer Stelle nachts zu beschützen.

Die Sage der Lakota erzählt hingegen von einem Treffen zwischen dem alten geistlichen Führer der Lakota und „Iktomi“, einem Trickster und Weisheitslehrer, der die Gestalt einer Spinne angenommen hat. Der Lakota-Führer begab sich auf einen hohen Berg und erhielt dort eine Vision von Iktomi. Die Spinne erzählte von dem Wandel des Kindes bis zum Greis, der sich wieder um neue Kinder kümmert – und dass sich dadurch ein Kreislauf bildet. Doch diese Harmonie der Natur und des Großen Geistes könne von guten und bösen Kräften beeinflusst werden. Wenn man auf die bösen Kräfte höre, so würde man in eine falsche Richtung gelenkt und könne Schaden nehmen. Während Iktomi sprach, nahm er sich den Weidenring des alten Lakota, welcher mit Perlen, Federn und vielem mehr geschmückt war, und spann in dessen Mitte ein Netz. Als er fertig damit war, gab er dem alten Mann den Ring zurück und erklärte ihm, dass er das Netz nutzen könne, um seinem Tribe zu helfen. Wenn er an den Großen Geist glaube, werde es die guten Kräfte auffangen und die schlechten durch das Loch in der Mitte des Netzes entweichen lassen.

Laut Rebecca Netzel herrscht übrigens innerhalb der indigenen Völker Uneinigkeit darüber, ob die Traumfänger nun die guten Gedanken einfangen und die schlechten passieren lassen oder ob sie die schlechten Träume einfangen und die guten Träume weiterziehen. Letztlich bleibt jedoch der gemeinsame Zweck der Traumfänger derselbe.

„Egal, wie man es betrachtet: Der Traumfänger filtert die guten Träume heraus und sorgt so für einen gesunden, entspannten Schlaf!“ – Rebecca Netzel

Zweckentfremdung wird belächelt

Heute sind Traumfänger in allen möglichen Varianten und Gestaltungen erhältlich. © Lela Cargill auf Pixabay

Auch wenn die Traumfänger den Geschichten nach hauptsächlich für Kinder gemacht sind, so werden sie im Grunde auch an Erwachsene verschenkt – gute Träume helfen schließlich in jedem Alter. Dem Glauben der Native Americans nach sollte man die Traumfänger immer im Schlafzimmer über der Schlafstelle aufhängen, wo das Morgenlicht auf sie trifft. Andere Platzierungen (wie zum Beispiel im Auto) seien weniger effektiv. Dass die Kunsthandwerke mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitet sind und von anderen Kulturen sehr verschieden genutzt werden, stört die indigenen Völker aber laut Netzel wenig. Wenn die Traumfänger zweckentfremdet werden, so wird das nur belächelt – ein religiöses Tabu wird damit aber nicht gebrochen. In manchen indianischen Reservaten werden Traumfänger in unterschiedlichen Größen und Ausführungen sogar selbst zum Kauf angeboten. Beispiele wären der Onlineshop des Akta Lakota Museum & Cultural Center oder NativeAmericanVault.

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Kopf mit bunter Wolke Träume

 

„Träum weiter“ – mit diesem dumpfen Gefühl, uns etwas Unrealistisches und Irreales in den Kopf gesetzt zu haben, bleiben wir oft zurück und verwerfen unsere Ideen. Dagegen wendet sich Regisseur Valentin Thurn mit seinem Dokumentarfilm Träum weiter! Sehnsucht nach Veränderung, der im September 2021 in die deutschen Kinos kommt. Er gibt der Redewendung eine ganz neue Bedeutung und ermutigt die Zuschauer*innen, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Ein One-way-Ticket auf den Mars – diese Idee halten die meisten wahrscheinlich für eine skurrile Spinnerei. Günther Golob nicht. Er träumt davon, bei der ersten Mars-Kolonialisierung dabei zu sein und hat dafür sogar die Leitung einer Kulturagentur in Graz aufgegeben. Seither konzentriert er sich ausschließlich auf seine Bewerbung für die sogenannte Mars-One-Mission und erklärt: „Sicherheit, das war mit 40-Stunden-Job, Familie – ja alles gut, recht und schön, aber nur für mich war es zu wenig, ich musste ausbrechen aus meinem Leben.“ Und tatsächlich, die erste Prüfung hat er bestanden: Von über 200 000 Bewerber*innen wurde er mit 99 anderen für die letzte Runde ausgewählt. Der Marsflug ohne Rückkehr ist von einer privaten Investoren-Gruppe für 2026 geplant. Im Anschluss sollen weitere Flüge weitere Menschen zu dem fernen Planeten bringen.

„Das ist für mich ein riesengroßes Abenteuer. Wahrscheinlich das größte in meinem Leben und als einer der Ersten da zu sein, der sowas erleben darf, sprengt eigentlich jegliche Vorstellungskraft, aber das ist genau das, was ich will“, so Golob.

Fünf unterschiedliche Lebensträume

Van Bo Le-Mentzel in einem seiner Tiny-Häuser. © AlmodeFilm

Neben ihm sind es noch vier weitere Protagonist*innen, die der 58-jährige Regisseur Valentin Thurn über drei Jahre lang auf ihrem Weg, ihre ganz individuellen Träume zu verwirklichen, begleitet hat. Van Bo Le-Mentzel, der früher Planer eindrucksvoller Shoppingmalls und Museen war, hat seinen gut bezahlten Job während der Schwangerschaft seiner Frau an den Nagel gehängt. „Ich habe viele Dinge gemacht, die eigentlich nichts bedeuten“, sagt der Architekt. „Ich wusste, ich muss irgendwas tun, was anderen Menschen auch hilft.“ Jetzt entwirft und baut er Tiny-Häuser, schafft dadurch öffentliche Begegnungsstätten, und träumt von Wohnraum für alle und mietfreiem Wohnen – mitten in Berlin.

Carl-Heinrich von Gablenz träumt von nachhaltigen Luftschiffen. © AlmodeFilm

Auch Carl-Heinrich von Gablenz hat sein Job als erfolgreicher Manager in einem Maschinenbau-Konzern nicht mehr erfüllt. Stattdessen hat er die Idee entwickelt, Schwerlasten mit Ballons schweben und transportieren zu lassen. Hierfür kämpft er immer weiter. Obwohl er während der Finanzkrise schon einmal mit seiner Erfindung Pleite gegangen ist, hält er daran fest und gibt die umweltfreundliche Alternative zum Flugzeug nicht auf.

Ein Symbol gegen den Klimawandel setzt auch der Designer Joy Lohmann. Er träumt davon, schwimmende Recycling-Inseln aus Müll zu bauen, um so beispielsweise Menschen vor der Überschwemmung zu retten und aufzunehmen. In eine ganz andere Richtung geht der Wunsch von Line Fuks: Sie und ihre Partnerin Katja wandern gemeinsam mit den Kindern nach Portugal aus, damit diese nie mehr in die Schule müssen und ihnen das Freilernen in Eigenregie ermöglicht werden kann.

Joy Lohmanns Recycling-Inseln mit Symbolkraft. © AlmodeFilm

Line Fuks‘ Kinder lernen auf einem Bauernhof in Portugal in Eigenregie – ganz ohne Schulpflicht. © AlmodeFilm

„Nur wer träumt, kann auch wirklich Zukunft erfinden“

Dokumentarregisseur Valentin Thurn ©ThurnFilm

„Wir haben hinter den Filmtitel bewusst ein Ausrufezeichen gesetzt“, erklärt Valentin Thurn im Interview mit Zwischenbetrachtung. „Wohlwissend, dass es diese negative Konnotation gibt, denn da kann man natürlich nicht dran vorbeigehen, dass Träumer oder Visionäre in dieser Gesellschaft oft nicht ernst genommen werden. Wir meinen das aber affirmativ, denn nur wer träumt, kann auch wirklich Zukunft erfinden.“ Bei Kino-Diskussionen um seine beiden mehrfach ausgezeichneten Filme Taste the Waste und 10 Milliarden – wie werden wir alle satt?, in denen er sich mit den Themen Welternährung und Lebensmittelverschwendung beschäftigt hat, habe er beobachtet, dass vor allem die jüngere Generation nach grundlegenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft strebe und auf der Suche nach echten Alternativen sei. In einer Zeit des andauernden Produzierens und Konsumierens, der fehlenden Ruhe und Überreiztheit der Sinne bleibe häufig keine Zeit zum Reflektieren und Träumen. Die Folge: keine Zukunftsentwürfe und -visionen, keine Alternativen zum Bestehenden.

„Ich will dazu beitragen, diese Lähmung zu überwinden, indem ich zeige, wie Menschen neue Visionen und Utopien entwerfen und auch versuchen, diese zu realisieren. Manches davon ist handfest, anderes vielleicht eher unrealistisch. Aber das ist nicht entscheidend: Wichtig ist, dass wir uns wieder darauf fokussieren, das eigene Potential zu erkunden und etwas zu wagen“, so Thurn.

Momente des Nichtstuns und sinnfreien Auswohnens

Auch er selbst habe sich lange Zeit in einem Hamsterrad befunden, in dem ihm die Momente gefehlt hätten, die er im Sinne seines Films als Träume definiert: „Ich meine damit nicht das Träumen in der Nacht, sondern ich meine die schöpferischen Momente, die Momente sinnfreien Auswohnens. Gedanken, die manchmal aus dem Nichtstun oder bei Routinetätigkeiten, sei es beim Fahrradfahren, Laufen, Aus-dem-Fenster-Starren oder Duschen jenseits der Arbeit entstehen. Wenn man das zulässt, entsteht Neues. Das sind die Träume, die ich meine.“ Dabei gehe es zunächst einmal nicht um gewinnbringende Projekte, betont Thurn. Sie seien oftmals vielmehr jenseits des Geldverdienens angesiedelt – „man macht etwas, weil man es für richtig erachtet.“ Und zwei Eigenschaften dürfen dabei nicht fehlen, weiß der Regisseur nach den drei Jahren: Selbstliebe und eine Portion Größenwahn.

Der Film läuft ab dem 30. September 2021 in den deutschen Kinos. © AlmodeFilm

Titelbild: © AlmodeFilm

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Kopf mit bunter Wolke Träume

Eine nebelverhangene Berglandschaft, unheimliche Dämonen, die ihre schlafenden Opfer heimsuchen, märchenhafte Erzählungen und eine geheimnisvolle blaue Blume – die Epoche der Romantik fasziniert auch heute noch mit ihrer Vorliebe für das Fantastische und Unerklärliche. Auch dem Traum kommt in der Romantik eine bedeutende Rolle zu, denn hier vereinen sich Realitätsflucht, unbewusste Wünsche, Sehnsüchte und die tiefen Abgründe der menschlichen Seele. 

Die Epoche der Romantik wird auf den Zeitraum zwischen 1789 und 1848 dateiert. Revolutionen, Kriege, der Beginn der Industrialisierung und die Errungenschaften der Aufklärung prägten den Zeitgeist. Vertreter*innen der Aufklärung appellierten an den menschlichen Verstand und die Vernunft, mit deren Hilfe sich die Welt vollständig erklären lassen sollte. Die Romantik entstand als Gegenantwort auf das rationalistische Weltbild der Aufklärung. Denn für Romantiker*innen war die Welt eben nicht einzig durch den menschlichen Verstand erklärbar. Sie sehnten sich nach dem Unerklärlichen, Fantastischen, wollten aus der Realität ausbrechen und zur Naturverbundenheit zurückkehren. Vertreter*innen der Romantik stellten den Menschen als fühlendes, emotionales Wesen wieder in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Sie interessierten sich für das Verborgene der menschlichen Gefühlswelt und die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen. 

Es ist also nicht verwunderlich, dass der Traum ein wiederkehrendes Motiv der Romantik ist. Sowohl in der Musik als auch in der Literatur und Malerei der Epoche beschäftigte das Traummotiv die Romantiker*innen intensiv. Dabei waren Querverbindungen zwischen den verschiedenen Gattungen der Kunst nicht unüblich. Vertreter*innen der Romantik inspirierten sich gegenseitig, nahmen aufeinander Bezug und legten sich dabei selbst oft nicht nur auf eine Kunstgattung fest.  

Realitätsflucht, die Abgründe und das Verborgene der menschlichen Seele, der Ausdruck von Fantasie, Prophezeiungen der Zukunft – all das wurde für Romantiker*innen im Traum sichtbar und möglich. Jedoch kam dem Traum dabei keinesfalls eine einheitliche Funktion zu.  

 Traumhafte Landschaften

Für Romantiker*innen wie Caspar David Friedrich, einen der bekanntesten Vertreter der romantischen Landschaftsmalerei, war der Rückbezug des Menschen zur Natur ein leitendes Motiv. Hierin verbirgt sich sowohl der Wunsch, der sich verändernden, zunehmend industrialisierten Welt zu entfliehen, als auch die Sehnsucht, fremde Welten und Landschaften zu erleben.  

„Kreidefelsen auf Rügen“ (Caspar David Friedrich, 1818)
© Wikimedia Commons

Friedrichs Werke sind Sinnbild für das Streben unbekannte Orte zu bereisen und der Realität zu entfliehen. Seine unwirklich schönen Szenerien wirken dabei, als wären sie selbst einem Traum entsprungen. Fast schon einsam wirken die Figuren im Bild, wie sie die atemberaubende Landschaft betrachten, die sich ihnen bietet. Sie scheinen ganz im Anblick der Natur versunken, frei von allen sonstigen Einflüssen. Die für Friedrich typischen Rückenfiguren laden Betrachter*innen dazu ein, den Blick ebenfalls in die Ferne der Gemälde schweifen zu lassen und so die Wirklichkeit auch für einen Augenblick zu verlassen.

Der Wanderer über dem Nebelmeer“ (Caspar David Friedrich, 1818)
© Wikimedia Commons

Die blaue Blume und das Tor zur menschlichen Seele

Für Romantiker*innen galt der Traum als essentielle menschliche Erfahrung und bot einen Zugang zu verborgenen Gefühlswelten. Auch in Novalis Roman Heinrich von Ofterdingen nimmt der Traum eine wichtige Rolle im Entwicklungsprozess des Protagonisten Heinrich ein. Dieser sammelt im Erleben seiner Traumwelten entscheidende Erfahrungen, die zu seiner Charakterbildung beitragen. Sie ermöglichen ihm außerdem Einblicke in seine eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Durch eine Erzählung erfährt Heinrich von einer geheimnisvollen und wertvollen blauen Blume. Von da an ist er fasziniert von dieser Blume und wünscht sich nichts sehnlicher, als diese zu finden. Im Traum erscheint ihm die blaue Blume, welche sich im Laufe der Handlung als Sinnbild seiner unbewussten Wünsche und seinem Bedürfnis nach neuen Lebenserfahrungen herauskristallisiert. Die blaue Blume wurde so zum leitenden Symbol der Romantik und von zahlreichen Vertreter*innen der Epoche aufgegriffen. 

„Die blaue Blume“ (Fritz von Wille, 1906/07)
© Wikimedia Commons

Der Schrecken im Traum

Alptraumhafte, dämonische Gestalten, Wahnsinn und schaurige Geschichten – die Strömung der Schwarzen Romantik ist nichts für schwache Nerven. Vertreter*innen, zu denen unter anderem E.T.A Hoffmann und Johann Heinrich Füssli zählten, sorgten bei ihrem Publikum für Schrecken und Faszination. Geisterhafte Dämonen, die sich im Schlaf der Seele ihrer Opfer bemächtigen und von Alpträumen geplagte Protagonist*innen lassen in die tiefen Abgründe der menschlichen Psyche blicken und machen verborgene Ängste und Sehnsüchte erkennbar. So offenbaren sich dem Protagonisten in Hoffmanns Schauerroman Der Sandmann, im Traum traumatische Erlebnisse aus seiner Kindheit. Seine immer wirrer, erschreckender und realer wirkenden Träume zeichnen außerdem auf, wie der Protagonist zunehmend seinen eigenen Wahnvorstellungen verfällt. Füsslis Figur des Schäfers wird dagegen im Schlaf von geisterhaften Wesen heimgesucht, die in seine Träume einzudringen versuchen. Die koboldhaften Gestalten umzingeln den Schlafenden geradezu, und halten ihn in ihrem Bann gefangen. Das Traummotiv wird hier mit dem Übergang in eine phantastische Zwischenwelt verknüpft, in welcher wir auch vor unheimlichen Dämonen nicht sicher sind – am allerwenigsten vor unseren eigenen. Als Inspirationsquelle diente Füssli dabei John Miltons Gedicht Paradise Lost.

„Der Traum des Schäfers“ (Johann Heinrich Füssli, 1793) ©Wikimedia Commons

 

Romantik – mehr als nur eine Epoche 

Ansichten, Gedanken und Fragen der Romantik sind längst nicht mehr an den zeitlichen Rahmen der Epoche gebunden, sondern vielmehr als Weltanschauung zu verstehen, die auch heute noch einflussreich ist. Träume werden auch in zeitgenössischer Literatur, im Film und in der Kunst als Einblicke in die innere Gefühlswelt des Menschen und als Offenbarung des tief Verborgenen interpretiert. Ebenso fasziniert das Unerklärliche und Fantastische, das von unseren Traumwelten ausgeht, noch immer. Der Traum der Romantik hat sich damit also noch lange nicht ausgeträumt.