„Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit. Wir sehen erst den Abendgruß, ehe jedes Kind ins Bettchen muss, du hast gewiss noch Zeit.“ Dieses Lied tönte erstmals am 22. November 1959 aus dem Fernsehen – und zwar demjenigen der DDR. Das Sandmännchen ist der Gewinner eines politischen Wettrennens. Wir fragen in unserem Beitrag, wie die Sendung entstand und was sie über die deutsch-deutsche Geschichte erzählt.

Die Geschichte von einem kleinen Mann, der Kindern das Einschlafen erleichtert, ist keine Erfindung des deutschen Fernsehens. Schon davor gab es in der europäischen Literatur Sagengestalten, die Sand verstreuen, um Kinder zum Schlafen zu bringen.

Sandmann Darstellung E.T.A. Hoffmann

Eher unheimlich: der Sandmann von E.T.A. Hoffmann. © Wikimedia Commons

Doch das nicht nur auf liebevolle Art und Weise. Der Sandmann des romantischen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann beispielsweise wirft Sand in die Augen der Kinder, sodass sie blutig aus dem Gesicht fallen. Einen Gegensatz dazu bildet im 19. Jahrhundert der Sandmann des dänischen Märchendichters Hans Christian Andersen mit dem Namen Ole Lukøje. Ins Deutsche übersetzt heißt er „Ole Augenschließer“. In diesem Märchen besucht Ole Lukøje am Abend die Kinder, erzählt Geschichten und verschließt ihnen die Augen mit „süßer Milch“. Die Kinder, die den Tag über brav waren, bekommen von seinen Geschichten schöne, farbige Träume. Die Kinder, die nicht so brav waren, bekommen weniger gute Träume. 

dänische Sandmann Darstellung

Ole Lukøje von Hans Christian Andersen verteilt am Abend „süße Milch“. © Wikimedia Commons

Als das Märchen auch ins Deutsche übersetzt wurde, wurde aus der „süßen Milch“ der Schlafsand. Vielleicht nicht zuletzt, weil „die süße Milch“ eine Anspielung auf den giftigen Opiatsaft des Schlafmohns war.

Die Geschichte nach dem Krieg

In der Nachkriegszeit fassten auch die Medien das Ritual auf, den Kindern vor dem Schlafengehen eine Geschichte vorzulesen. So wurde im Berliner Rundfunk ab 1946 Das Abendlied gesendet. Es war eine Produktion der Hörfunk-Redakteurin und Kinderbuchautorin Ilse Obrig. Die Figur des Sandmanns gab es jedoch noch nicht. Sie kam erst am 19. Mai 1956 in die Radiosendung. Im Deutschen Fernsehfunk (DFF) wurde dann am 8. Oktober 1958 der Abendgruß daraus. Das Fernsehen gewann in dieser Zeit an Popularität, und Ilse Obrig, die inzwischen zum westdeutschen „Sender Freies Berlin“ (SFB) gewechselt hatte, plante zusammen mit der Puppengestalterin Johanna Schüppel ein kleines Männchen, das dem Radio-Sandmann ein Fernsehgesicht geben sollte.

So sieht das Sandmännchen des Westdeutschen Fernsehens aus. © Wikimedia Commons

Die finanziellen Mittel für dieses Projekt waren beschränkt, sodass Obrig und Schüppel eine einfache Handpuppe gestalteten. Auch wenn die erste Sendung schon Monate zuvor fertig produziert war, wollte man mit der Veröffentlichung noch bis in die Vorweihnachtszeit, zum 1. Dezember 1959, warten.

Ein Wettlauf mit dem Westen

Als der ostdeutsche DFF Wind von der Idee bekam, brach für die DDR ein Wettlauf mit dem Klassenfeind an. Dass das Westfernsehen nun die West- Zuschauer*innen des allseits beliebten Abendgrußes abwerben könnte, wollte man beim DDR-Fernsehzentrum in Berlin-Adlershof unbedingt verhindern. Also wurde der Puppengestalter Gerhard Behrendt beauftragt, ein eigenes Sandmännchen zu erschaffen, und bekam mit Harald Sekowski einen Ausstatter für die Trickfilmbühne und für vielfältige Sandmännchen-Fahrzeuge an die Seite. Trabant, Boot und sogar Weltraumfahrzeug bastelte Harald Sekowski für das Sandmännchen.

Der Puppengestalter Gerhard Behrendt (links) im Trickfilmstudio. © rbb

Dazu schrieb der Komponist Wolfgang Richter in nur einer Nacht das eingangs erwähnte Titellied. Zunächst hatte das 24 Zentimeter kurze Männchen übrigens noch keinen Bart. Um sich vom westdeutschen Gegenstück abzugrenzen, nannte man die Trickfilmpuppe – wie auch die Sendung – nun Unser Sandmännchen.

Der Traum wird wahr

Könnte an Walter Ulbricht erinnern: das erste Sandmännchen mit Bart. © rbb

Für die DDR ging ein Traum in Erfüllung, denn das Sandmännchen ging tatsächlich eine Woche früher auf Sendung als sein westdeutsches Gegenstück. Seinen Bart erhielt das Sandmännchen erst im Sommer 1960 – ein kleines Detail, das an den damaligen SED-Chef Walter Ulbricht erinnern könnte. Seit 1959 lief nun im Deutschen Fernsehfunk um kurz vor sieben Uhr, beinahe jeden Abend, Unser Sandmännchen. In den Geschichten besuchte es Kinder auf der ganzen Welt – häufig in sozialistischen Ländern – und zeigte ihnen auf einem kleinen Fernsehgerät Geschichten zum Einschlafen. Neben Märchen und Alltagsgeschichten fanden sich jedoch auch staatstreue Besuche im Pionierferienlager, bei der Volksarmee und bei den Grenztruppen.

 

Das Sandmännchen im Pionierlager der DDR. © Gisela Krzyiwinski, rbb

Das Sandmännchen wurde mehr als eine einfache Trickfilmpuppe für die Bürger*innen der DDR. So nahm Sigmund Jähn 1978 das Sandmännchen mit, als er als erster Deutscher in den Kosmos flog. Sein sowjetischer Kollege brachte „Mascha“ mit ins All, eine Puppe, die eine ähnliche Rolle im Russischen Fernsehen einnahm wie das Sandmännchen im ostdeutschen Fernsehen. Dort verheirateten die Astronauten die beiden Puppen. Die Zuschauer*innen der DDR konnten von den Reisen des Sandmännchens indes nur träumen. Im Gegensatz zu ihnen kam das Sandmännchen auch nach Kuba, in den Irak, Vietnam, nach Ägypten und Japan.

An dem Heißluftballon störten sich Parteifunktionäre, nachdem zuvor zwei Familien in einem solchen in den Westen geflohen waren. © rbb

Immer mit einem seiner zahlreichen und spektakulären Fortbewegungsmittel wie U-Boot, Flugzeug, Schiff oder Zweirad. Als es jedoch in der Sendung vom 18. September 1979 mit einem Heißluftballon anreiste, störten sich Parteifunktionäre entschieden an der Kindersendung. Das hatte wohl den Grund, dass kurz zuvor zwei Familien aus Thüringen über die innerdeutsche Grenze nach Bayern geflohen waren. Mit einem selbstgebauten Heißluftballon.

Das Sandmännchen bleibt

Der Mauerfall bedeutete für das Sandmännchen erst einmal „Gute Nacht“. Denn der ostdeutsche DFF wurde 1991 aufgelöst. Die Produktion der Sandmännchen-Sendungen wurde damit ebenfalls eingestellt. Das löste heftigen Protest bei den Zuschauer*innen aus. Der Fernsehchef bekam zahlreiche Beschwerdebriefe, sodass die Sendung auch nach der Auflösung des Fernsehsenders schließlich weiter produziert wurde. So überlebte Unser Sandmännchen als eine der ganz wenigen Fernsehproduktionen der DDR. Denn auch nach der Auflösung des Deutschen Fernsehfunks wurde das Ost-Sandmännchen weiter im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und im Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) produziert und ausgestrahlt. Der ORB, heute Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb), wurde innerhalb der ARD mit der weiteren Produktion des Sandmännchens beauftragt. Sein westdeutscher Bruder war schon vor der Wende aufgrund zu niedriger Einschaltquoten nach und nach aufgegeben worden.

Das Sandmännchen im Elbsandsteingebirge. © Gisela Krzyiwinski, rbb

Auch heute kann man das Sandmännchen noch jeden Tag um 18.54 im rbb, MDR und im Kinderkanal KiKa sehen. Seit mehr als 60 Jahren verstreut es nun Traumsand und ist damit die älteste deutsche Kinderfernsehsendung, die bis heute produziert wird.

 

 

 

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Träume Kopf bunte Wolke

Sprechende Gegenstände und Tiere, nicht-existente physikalische Gesetzegrößer oder kleiner machende Tränke: Die Traumlandschaft in Walt Disneys Alice im Wunderland erfüllt alles, was man sich vielleicht als Kind beim Tagträumen vorgestellt hat. Das schillernd farbenfrohe Wunderland ist einladend und voller eigenartiger Kreaturen, welche die kleinen Zuschauer*innen durch den Film leiten und sie, ganz wie Alice, neugierig machen. Sieht man den Film als erwachsene Person nochmal, kann man sich jedoch durchaus fragen: So traumhaft, wie es scheint – ist Alice im Wunderland wirklich so wundervoll? 

Der Walt-Disney-Film Alice im Wunderland erschien 1951 und basiert auf Lewis Carrolls gleichnamigem Buch. Darin liest ein Mädchen seiner jüngeren Schwester Alice vor, diese langweilt sich jedoch. Trotz mehrerer Ermahnungen, dass sie doch zuhören solle, träumt Alice vor sich hin, bis sie ein weißes, sprechendes Kaninchen entdeckt. Dieses rennt eilig an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. „Oh seht, oh seht, ich komme viel zu spät!“ Mit diesen Worten weckt das Kaninchen Alices Neugier, und kurzerhand folgt sie ihm in das Wunderland.  

Dort entdeckt sie unzählige kuriose Dinge: eine schwebende Grinsekatze, tanzende Teekannen sowie Flamingos, die als Crocket-Schläger dienen. Den Höhepunkt erreicht der Film, als die Herzkönigin durch die Streiche der Grinsekatze immer wütender wird und annimmt, dass es Alices Tun war. Sie ordnet Alices Enthauptung an, diese kann aber glücklicherweise entkommen. Doch aus dem Traum aufwachen kann sie nicht. Sie sieht sich selbst durch das Schlüsselloch der Tür, durch die sie ins Wunderland gelangt ist, schlafend liegen. Alice weiß nicht, wie sie wieder zurück in die reale Welt gelangen kann – sie entkommt dem Traum erst, als ihre Schwester sie aufweckt. 

Doch kein schöner Traum?

Als Kind dachte ich immer, dass Alice im Wunderland eine schöne Geschichte war. Sie war so herrlich schräg und sonderbar und hatte irgendwie ihren Charme. Der Film verbildlichte das Wunderland, ergänzte meine eigene Interpretation der Traumwelt, die ich mir zu der Geschichte vorgestellt hatte. Mich interessierte, ob ich den Kinderfilm nicht doch auch beängstigend finden würde. 

Obwohl ich im Kindesalter Alices Traum als aufregend empfand, habe ich nun für mich persönlich festgestellt: Anfangs scheint der Film noch wie ein Fiebertraum. Wie einer dieser Träume, die keinen Sinn machen. Solche, die so merkwürdig sind, dass man sich noch lange an sie erinnert. Doch nach und nach tauchen mehr Elemente eines Alptraumes auf, klug in die harmlose und farbenfrohe Traumlandschaft des Filmes eingebettet. Ein solches Beispiel ist die Teeparty des verrückten Hutmachers. Dort gibt es tanzende und bunte Teekannen, und die Gastgeber begrüßen Alice mit einem Lied, das sie anschließend mit einem Feuerwerk abschließen.  

Zum Leben erweckte Objekte

Die zum Monster gewordene Uhr

Die zum Monster gewordene Uhr. © Walt Disney

Der letzte Gast ist das weiße Kaninchen, dem der Hutmacher die Uhr abnimmt und behauptet, sie sei kaputt. Mit verschiedenen Lebensmitteln versucht er, zum Verdruss des Kaninchens, die Uhr zu reparieren. Damit macht er es jedoch nur schlimmer, und die Uhr wird schließlich zu einem Monster, das versucht die Gäste zu fressen. Als Kind ist die Szene lustig, der Hutmacher scheint gar nicht zu verstehen, dass er die Uhr zerstört. Er meint es schließlich gut, und das Monster kann auch gestoppt werden. Doch genau dieser Aspekt ist nun angsteinflößend für mich: Es ist die Furcht vor Objekten, die auf einmal zum Leben erwachen und versuchen, einen in irgendeiner Weise zu überwältigen. 

Das Walross und die Austern

Das Walross und die Austern. © Walt Disney

Aber was macht denn den Film noch so alptraumhaft? Eine weitere Szene ist die des Walrosses und des Zimmermannes, in der beide einen Strand entlanglaufen und schließlich auf Austern stoßen, die sehr vermenschlicht worden sind. Das Walross lockt die Kreaturen wie der Rattenfänger von Hameln aus ihren Schalen in ein vom Zimmermann gebautes Restaurant. Obwohl es nie explizit gezeigt wird, erhalten die Zuschauer*innen viele Hinweise darauf, dass das Walross die Austern auffrisst – darunter das Speisemenü, in dem nur Austerngerichte aufgelistet werden, sowie die leeren, sich türmenden Muschelschalen auf dem Tisch.  

Damals hatte ich diese Szene wohl nie richtig verstanden oder verarbeitet, doch im Nachhinein erschien sie mir sehr grausam. Es liegt wohl an der Vermenschlichung der Austern und der Tatsache, dass das Walross die Austern bei lebendigem Leib verschlingt, dass ich diese Szene als besonders alptraumhaft empfinde. 

Zwischen Traum und Alptraum

Zu Anfang des Films realisiert man zunächst nicht, dass es sich um einen Traum handelt. Der nahtlose Übergang von Alices Verfolgungsjagd nach dem weißen Kaninchen und ihrem Eintritt in das Wunderland als Flucht in die Außenwelt scheinen Teil der Realität zu sein. Jedenfalls bis die Zuschauer*innen die reale Alice unter dem Baum schlafen sehen und Traum-Alice es nicht schafft, die Tür zu ihr zu öffnen. Die Szene gleicht fast der lähmenden Schlafparalyse – Alice ist gefangen in dem Alptraum und kann nicht aufwachen, bis ihre Schwester sie weckt. Anders als bei einem Tagtraum, bei dem man noch bei Bewusstsein ist, wird am Ende des Films explizit darauf hingewiesen, dass sie die ganze Zeit geschlafen hatte und somit geträumt hat. Das Filmende offenbart, dass das Wunderland offensichtlich nur ein Produkt von Alices Traum war.  

Grinsekatze aus Alice im Wunderland

Grinsekatze aus dem Wunderland. © pixabay

Die Kreaturen, denen Alice begegnet, sind merkwürdig und scheinen keinen Sinn zu ergeben – auch die Grinsekatze, die in Rätseln spricht und keine eindeutigen Antworten gibt, verkündet, dass alle Dinge und Personen im Wunderland verrückt sind. Doch zunächst scheint keine der Kreaturen, obwohl nicht sehr glaubwürdig, eindeutig bösartig zu sein. Alices Traum wird immer merkwürdiger und erreicht den Höhepunkt, als sie die Herzkönigin kennenlernt. Diese ist sehr launisch und unbesonnen, lässt viele der Kreaturen köpfen, wenn diese nicht nach ihrer Nase tanzen. Alices Enthauptung wird angeordnet, nachdem die Grinsekatze der Königin einen Streich spielt und Alice dafür verantwortlich gemacht wird.  

Die Flucht vor dem Alptraum

Anders als in meiner Kindheit erweckte die Sequenz ihrer Flucht Panik in mir. Vor allem dann, wenn Alice die Tür nicht öffnen kann. Obwohl es nicht mein eigener Traum ist, kommt es mir so vor, als würde ich in Alices Schuhen stecken. Die Meute, die durch den Gang zur Tür immer näherkommt und dann anschließend den gesamten Bildschirm einnimmt, in Kombination mit der unheilvollen Musik und Alices dringenden Bitten an sich selbst, wieder aufzuwachen: Durch all das bin ich in den letzten Minuten sehr angespannt, nicht wissend, ob Alice doch noch exekutiert wird, wenn die Herzkönigin sie wieder in die Finger bekommt. Wie in einem Alptraum, in dem es um Leben oder Tod geht, hofft man, dass man es lebendig herausschafft.  

Nachdem ich den Film ein zweites Mal angeschaut und mir Gedanken darüber gemacht hatte, wunderte ich mich: Kann man dies alles wirklich als einen einfachen, merkwürdigen Traum auffassen? Für mich persönlich gleicht Alice im Wunderland, obwohl es auch Elemente eines schönen Traumes beinhaltet, eher einem skurrilen Alptraum. Als Kind fasst man die Dinge nicht so auf, wie man es als erwachsene Person tut – Dinge, die nur angedeutet werden, versteht man nun besser. Alices Traum ist einer, in dem wundersame Dinge passieren, denen man nicht so leicht entkommen kann, immer mit dem Gedanken, dass man auch mit hineingezogen werden könnte. Und das ist es, was ihn für mich zu einem Alptraum macht. 

 

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Träume Kopf bunte Wolke

Träume begleiten uns unser ganzes Leben und verankern sich manchmal auch in der Realität. Wir interpretieren sie, lassen uns von ihnen inspirieren und sie manchmal Wirklichkeit werden. Auch die amerikanische Künstlerin Sarah Miller und der deutsche Künstler Jonas Unland leben ihre Träume in unterschiedlichen Facetten aus. Für diesen Beitrag haben sie ihre nächtlichen Traum-Inspirationen gezeichnet und geben Auskunft über ihre Vorstellungen für die Zukunft ihrer Kreativität. 

Jonas Unland ist Designer von Mensch-Computer-Interaktionen und ein sehr lebhafter TräumerEr zeichnet und malt seit seiner Kindheit und arbeitet stetig an der Entwicklung seines eigenen Stils: „Mein aktueller Kunststil kommt daher, dass ich mir meine Bilder auf T-Shirts drucken wollte. Daher bin ich auch auf digitale Kunst umgestiegen.“ Für ihn ist das Zeichnen in erster Linie ein Hobby, auch wenn er bereits angefangen hat, seine Illustrationen auf kleinem Wege zu vermarkten, indem er seine Grafiken über die Webseite Red Bubble als T-Shirt oder Sticker Designs anbietet.  

©UnlandArt

Das Werkstück „Dreams (Or: Random Bullshit Go)“ von Jonas Unland, welches komplett digital in Illustrator entstanden ist. 

Unland erzählt, dass sich seine Träume häufig so anfühlen, als würde sein Kopf ihn nächtlich mit zufälligen Dingen bewerfen, die er im Laufe seines Lebens erfahren hatFür mich fallen Träume ein bisschen in Richtung Entertainment. Vielleicht vergleichbar mit der Sneak Preview im Kino, bei der man einen zufälligen Film gezeigt bekommt. Mit etwas Glück ist der Film spannend oder lustig, mit etwas Pech eher verwirrend und irgendwie unangenehm. Meistens allerdings ist er es nicht einmal wert sich danach noch daran zu erinnern.

Für Jonas Unland haben Träume eine unterhaltende Funktion: „Einen tieferen Sinn oder irgendwelche Bedeutungen interpretiere ich allerdings nie in Träume hinein.“ Die Zeichnung, die er extra für diesen Beitrag angefertigt hat, soll genau jenes Phänomen ausdrücken. Es ist ein Selbstportrait und illustriert, wie „wirr, sinnlos und zufällig“ ihm seine Träume häufig erscheinen. Zu sehen sind unter anderem Ranken, die sich vom Zentrum bis an den Bildrand ziehen. In ihnen hängen allerlei Elemente, wie zum Beispiel eine Schlange, Berge oder Arme, die Themen darstellen, von denen Jonas Unland jüngst oder regelmäßig träumt. 

Auf die Frage, wohin es mit seinen kreativen Fähigkeiten in Zukunft gehen wird und ob es dahingehend einen Traum zu erfüllen gibt, antwortet Jonas Unland: „Zufrieden mit meinen künstlerischen Fähigkeiten war (und bin) ich nie wirklich gewesen. Dabei habe ich auch kein direktes Vorbild oder Ziel, das ich erreichen will. Daher finde ich es nicht sonderlich schlimm, nur mittelmäßige Arbeiten abzuliefern. So lange es mir Spaß macht zu malen, werde ich es weiter machen. Und wenn andere meine Bilder wirklich gut finden oder mich fragen ihnen etwas zu malen, freue ich mich sehr. Allein dafür lohnt es sich für mich weiterzumachen.“

Weitere Werke von Jonas Unland findest du auf UnlandArt.

Traumgebilde unseres Verstandes

Sarah Miller ist eine amerikanische Illustratorin, die sich in ihren Werken besonders mit psychologischen Aspekten beschäftigt, wie sie unter anderem auch im Traum vorkommen. Damit möchte sie zur Auseinandersetzung mit mentaler Gesundheit und Selbstverwirklichung anregen. Auch sie zeichnet und malt, seit sie denken kann.“Being an artist has always been second nature to me, likely because it was an outlet for me to express what I was unable to say in word.“ Viele Jahre lebte sie ihre Kreativität nur als Hobby aus, bis sie sich dazu entschloss, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Sie erzählt, dass es viel Mut und Ausdauer brauchte, diesen großen Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Doch letztendlich hat sie einen Beruf gefunden, der sie erfüllt.

Zeitguise ©Sarah Miller

Die Malerei „Zeitguise“ von Sarah Miller. Gearbeitet hat sie mit verschiedenen digitalen Pinseln in Photoshop

Auch ihre Illustration für diesen Beitrag entsprang der Traumwelt. „The subject of this painting was inspired by a real dream, where I was painting an enigmatic figure surrounded by abstract shapes and colors – a fantasy character born within a dream.“ Starke Kontraste und monochromatische Farben spielten dabei eine große Rolle. Bei der Übertragung in die reale Welt hielt sie sich so nah wie möglich an die Traumvorlage. Auch den Bezug zur Traumwelt hat sie in der Illustration verarbeitet. Sarah Miller beschreibt, dass es sich um einen Charakter handelt, der die unendlichen Traumgebilde unseres Verstandes repräsentiert, in denen Zeit nicht existiert und wir frei von Zwängen sind – frei, unsere eigenen Kreationen zu erwecken.

„This character is a force that represents mystery and power, almost like a guardian of time and creation. They exist in black and white, void of all color except yellow – a color of enlightenment and wisdom, and commonly associated with deities.“ Die Symbolik und Farbigkeit spielt demnach eine besondere Rolle. So steht zum Beispiel der Schlangenstein für Kreativität, Wiedergeburt, Zeit und Unendlichkeit, während die Federn Freiheit und Spiritualität wiederspiegeln. „I titled this piece Zeitguise to allude to a form or presentation of ‚time,‘ and the mysteries it hides.“

Sarah Millers größter Traum ist es, eines Tages ihre Ideen in einem Buch oder einem Videospiel zu publizieren. In den letzten Jahren gestaltete sie viele Entwürfe zu Welten, Charakteren oder Videospieldesigns, die sie fleißig ausbaut. „My goals are to grow my brand, share my work, and continue my art career until I can make this dream happen and finish my first story.“

Weitere Werke von Sarah Miller findest du auf SarahMillerCreations.

 

Wenn ihr noch mehr zum Thema Traum in der Kunstwelt lesen möchtet, schaut doch einfach mal hier vorbei: Von Dürer bis Dalí – der Alptraum im Gemälde

Interessiert ihr euch dafür, wie ihr zu eurem Traumberuf findet? Dann ist dieser Beitrag vielleich auch etwas für euch: Schritt für Schritt zum Traumberuf

 

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Träume Kopf bunte Wolke

Lavalampen, Schlaghosen und Plateauschuhe: Der Zeitgeist der schrillen Siebziger ist geprägt von dynamischen Umbrüchen und einer grenzenloser Experimentierfreude. Besonders die Hit-Songs des vergangenen Jahrzehnts transportieren das vorherrschende Lebensgefühl. Zeit für eine musikalische Reise zu sieben erfolgreichen Traum-Hits – von naiven Utopien, spirituellen Eingebungen, gemeinsamen und einsamen Träume bis hin zur Freiheit des Träumens. Weiterlesen

Der Schlager ist die heile Welt der Musik. Friede, Freude, Omas guter Apfelkuchen. Es werden Träume besungen, voneinander geträumt, Träume gelebt. Die Schlagerbranche scheint sympathisch, nahbar, ein sicheres Pflaster zu sein. Eine Umgebung, in der man seine Träume leben kann. Doch hinter der Musik des Genres verbirgt sich eine Welt, die alles andere als traumhaft ist. Michael Lehmann über Vetternwirtschaft, Karrieren gegen Sex, Drogenmissbrauch und tragische Todesfälle.

Alptraum Nummer Eins: Vetternwirtschaft

2018 beendete der Sänger NIC („Einen Stern“), bürgerlich Mirco Grunert, seine Karriere und rechnete in einem BILD-Interview mit dem Buchungsprozedere der Branche ab: „In den Schlagershows von Silbereisen treten immer nur dieselben Künstler auf. Eine Helene Fischer, eine Andrea Berg. Es sind immer dieselben Freunde, die da von Silbereisen durchgereicht werden.“ Neue Künstler*innen bekämen kaum eine Chance, meint Grunert: „Es geht nur um Vitamin B. Bei Shows wie ‚Fernsehgarten‘ oder ‚Carmen Nebel‘ ist es genauso.“ Grunerts Vorwürfe werden von Schlagerlegende Nino de Angelo („Jenseits von Eden“) alias Domenico Gorgoglione bestätigt: „Die Branche ist verlogen und gleichgültig. In den großen Shows bei Carmen Nebel und Florian Silbereisen werden immer die gleichen Leute eingeladen. Die sind alle glatt wie ein Kinderpopo. Der Nachwuchs kriegt keine Chance.“

Moderator Florian Silbereisen wird von mehreren Seiten Vetternwirtschaft vorgeworfen. © Flickr

Mit dem Vorwurf der Vetternwirtschaft in einem noch klassischeren Sinne ist auch Matthias Reim („Verdammt, ich lieb’ Dich“) konfrontiert, denn sowohl seinen Sohn Julian (25) als auch seine Tochter Marie (21) platzierte der 63-Jährige in den letzten Jahren immer wieder prominent in verschiedenen TV-Shows. Bei Marie handelt es sich sogar um das gemeinsame Kind mit Schlagersängerin Michelle. Marie Reim gewann im Jahr 2020 die Sendung Schlagerchance, was viele Fans erzürnte, auch weil ihr Halbbruder Julian dieselbe Sendung ein Jahr zuvor gewonnen hatte. Jürgen Drews’ Tochter Joelina und Costa Cordalis’ Sohn Lucas profitierten in der Vergangenheit ebenfalls deutlich von der Bekanntheit ihrer Eltern.

Es zeigt sich also, dass es für den Traum einer Schlagerkarriere nicht schaden kann, berühmte Eltern oder gut vernetzte Freunde zu haben. Doch was, wenn dies nicht der Fall ist?

Alptraum Nummer Zwei: Karrieren gegen Sex

Als Grunert vor drei Jahren seine Karriere beendete, berichtete er von unseriösen Angeboten: „Es gibt Redakteure, die finden dich als Mann gut und wollen mit dir Essen gehen, um dich dann im Programm unterzubringen“, erzählte er der BILD. Als er anschließend seine Heterosexualität offenbarte, seien die Angebote zurückgezogen worden.

„Atemlos“-Komponistin Kerstin Bräuer alias Kristina Bach spricht sogar von einem „Besetzungscouch-Phänomen“ in der von Männern dominierten Branche, ähnlich wie dies in Hollywood so häufig der Fall ist: „Wenn du dich nicht ins Bett kriegen lässt, hast du auch schon verloren“, sagt die 51-Jährige und deutet an, dass es durchaus weibliche Schlagerstars geben würde, die auf diese unmoralischen Angebote eingehen, um ihre Karriere voranzutreiben: „Es gibt genügend Sängerinnen, die angewiesen sind, dass ihnen jemand einen geilen Song schreibt und dafür würden sie, sagen wir mal vorsichtig, einiges ermöglichen.“

Dass der Weg vom Newcomer zum etablierten Schlagerstar oft steinig und geprägt von Machtmissbrauch sein kann, wird anhand dieser Berichte sehr deutlich. Aber selbst wenn man es einmal geschafft haben sollte – die größte Schwierigkeit scheint das Überleben als Star zu sein. Und diese Aussage ist leider recht wörtlich zu nehmen.

Alptraum Nummer Drei: Drogenmissbrauch

Matthias Reim kämpfte sich aus dem Alkohol- und Schuldensumpf. © flickr

Einen großen Aspekt im Schlagerbusiness nimmt das Wahren des traumhaften Scheins ein. Um bei der Hauptzielgruppe des Genres gut anzukommen, werden Künstler*innen darauf getrimmt, ein glattes, skandalfreies Image zu haben. Der Konsum von Rauschmitteln aller Art ist bei den Größen der Branche aber nicht selten. Viele Stars haben enorme Abstürze hinter sich. Einige konnten sich wieder fangen: Domenico Gorgoglione beispielsweise berichtet in seinem Buch Gesegnet und verflucht: Dein Gegner bist immer du selbst über Kokainmissbrauch und Sexorgien. Matthias Reim, der in den 1990ern mit „Verdammt, ich lieb’ Dich“ einen Megahit landete, fing hemmungslos zu trinken an, stürzte in der Folge komplett ab, hatte 13 Millionen Euro Schulden. In seinem 2003 erschienenen Song „Träumer“ schildert Reim ungeschönt seine damalige Lebenslage:

„Hab meine Gitarre ins Pfandhaus gebracht / Der Typ, der kennt mich schon und hat hämisch gelacht / Und meinen alten Cadillac haben sie einfach still gelegt / Scheiß Realität / Doch dieser neue Song, der grad in meinem Kopf rotiert / Der wird bestimmt ein Hit, verkauft Millionen garantiert / Und in ein paar Wochen sind wir aus dem Gröbsten raus / Verlass dich drauf“

Reims Plan ging auf, er kämpfte sich aus den Schulden und zurück ins Geschäft. Auch seine Ex-Frau Tanja Hewer, bekannt als Michelle, landete fast auf der Straße. Gorgoglione, Reim und Hewer sind heute wieder dick im Geschäft. Jedoch sind die drei eher die Ausnahme…

Alptraum Nummer Vier: Tragische Todesfälle

Besonders männliche Interpreten der Branche, welche nur einen großen Hit hatten und nicht mehr an dessen Erfolg anknüpfen konnten, verfielen häufig dem Alkohol, welcher sie letztlich ins Grab brachte:

„Der Junge mit der Mundharmonika“, Bernd Clüver, war eines der ersten klassischen One-Hit-Wonder in der Musikgeschichte Deutschlands, verkaufte mehr als 10 Millionen Tonträger. Im Jahr 2011 starb er mit 63 Jahren nach einem Treppensturz. Gerüchten zufolge soll Clüver stark betrunken gewesen sein, als er die Treppe zu seinem Haus hinunterfiel. Ehemalige Schlagerkollegen sagten, der mangelnde Erfolg in den letzten Jahren und das Ende seiner letzten Ehe hätten ihn öfters zur Flasche greifen lassen.

Drafi Deutscher war gerade einmal 19, als er seinen großen Hit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ landete. Mit dem frühen Ruhm kamen die üblichen Probleme: Drogen und Alkohol. Auch nach seinem Schlaganfall im Jahr 1998 mochte er nicht darauf verzichten. Deutscher starb 2006 an multiplem Organversagen.

Roy Black, bürgerlich Gerhard Höllerich, bekannt u.a. für „Ganz in Weiß“ und „Schön ist es auf der Welt zu sein“, wollte eigentlich gar kein Schlagerstar werden, sondern hauptberuflich Rock- und Popmusik machen. Doch daraus wurde nichts. Die Kunstfigur Roy Black mit dem glattgebügelten Schwiegermuttertraum-Image, verkaufte sich sehr viel besser. So wollten seine Fans ihn sehen. Und Höllerich konnte oder wollte nicht auf den Ruhm und das damit einhergehende Geld verzichten. An diesem Zwiespalt zerbrach er schließlich. 1991 wurde er tot in seiner Waldhütte gefunden. Eine Obduktion ergab, dass der damals 48-Jährige mehr als drei Promille Alkohol in seinem Körper hatte.

Ludwig Franz Hirtreiter sprang aus seinem Badezimmerfenster. © flickr

Protagonist des vielleicht spektakulärsten Todesfalls der Branche war Ludwig Franz Hirtreiter, Künstlername: Rex Gildo, der Interpret des Partyklassikers „Fiesta Mexicana“. Am Tag seines Todes im Jahr 1999 war er von einer Möbelkette in Bad Vilbel gebucht worden und sollte dort singen. 3 000 Menschen kamen. Vorausgegangen waren etliche misslungene Auftritte in den Jahren davor, die zu Gerüchten über Alkoholprobleme und Medikamentenabhängigkeit führten.

Auch sein letzter Auftritt missglückte. Mit der Begründung, der Sänger habe einen Virusinfekt, hatten die Veranstalter schon vorsorglich die geplante Autogrammstunde abgesagt. Seinen Gesangsauftritt brachte der Sänger mehr schlecht als recht über die Bühne. Als Hirtreiter dann mit seinem Geliebten Dave, den der Frauenschwarm bis zu seinem Tod als seinen Chauffeur ausgab, in München ankam, eskalierte die Lage. Hirtreiter schien verwirrt, sein Freund alarmierte den Notarzt. Als dieser an die Badezimmertür klopfte, sprang der Schlagersänger die acht Meter aus dem zweiten Stock. Ob er sich damit wirklich umbringen wollte, bleibt ungeklärt. Fakt ist: Auch Ludwig Franz Hirtreiter ging an dem ausbleibenden Erfolg nach seinem Megahit zugrunde. Wie für viele zuvor hatte sich auch für ihn der Traum vom Schlagerstar zu einem Alptraum gewandelt.

Titelbild: © Unsplash

 

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Der American Dream ist für viele US-Amerikaner*innen und Immigrant*innen auch heute noch relevant. Doch wie sehen die Chancen aus, ihn auch zu erreichen? Und trägt Amerikas Traumfabrik Hollywood durch Filme und Serien dazu bei, die scheinbaren Ideale der USA zu verstärken? Ein kleiner Rundumblick.

Der American Dream verspricht gleiche Aufstiegschancen für alle, die hart an sich arbeiten, um ihre Träume zu erreichen. Für den amerikanischen Psychologen Walter Fisher ergeben sich daraus zwei Perspektiven: den Traum des wirtschaftlichen Wohlergehens, aber auch die Wertschätzung und Fürsorge gegenüber anderen Menschen, die keinen hohen sozialen Status genießen. Erstmals verwendet wurde der Begriff des American Dream 1931 von James Truslow Adams, der ihn in sein Buch The Epic of America einbaute und damit der herrschenden Gesinnung von individueller Freiheit und Chancengleichheit einen Namen gab. Sein Grundgedanke manifestierte sich jedoch bereits seit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776. In dieser wurde unter anderem die Loslösung der Bevölkerung von ihren ungerechtfertigten Herrschenden und die damit einhergehende Selbstbestimmung beschrieben.

Ist Chancengleichheit ein Mythos?

Der amerikanische Traum ist zwar auch heute noch bedeutsam, doch seine Fassade bröckelt und enthüllt eine Realität fernab von romantischen Hollywood-Dramen. Laut einer Umfrage von YouGovAmerica aus dem Jahr 2020 glauben bereits 37 Prozent der befragten Amerikaner*innen, dass der American Dream mittlerweile schwerer zu erreichen sei als für frühere Generationen. Doch wie viel Schuld trägt jede*r Einzelne am Nichterreichen der festgelegten Ziele? Ist die angepriesene Chancengleichheit gelebte Realität oder ein weitverbreiteter Mythos?

Um diesen Fragen nachzugehen, lohnt sich ein Blick in Statistiken. Allein die Lebenserwartung der US-Amerikaner*innen hängt bereits mit ihrem Wohnort zusammen und variiert dabei um bis zu 20 Jahre. Während die durchschnittliche Lebenserwartung in Bereichen von Minnesota beispielsweise bei 83,2 Jahren liegt, erreichen Bürger*innen in Teilen von Mississippi lediglich ein Durchschnittsalter von 67,4 Jahren. Überdies gibt es zwischen den verschiedenen Wohnorten große Diskrepanzen in der Zugänglichkeit zu Bildung und deren Qualität. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden, schwankt ebenfalls stark. Hinzu kommt, dass lediglich acht Prozent der Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen später zu den Erwachsenen gehören, die in den USA zu den Vielverdiener*innen zählen. Der Aufstieg scheint demnach unwahrscheinlich. Und der Traum eines besseren Lebens rückt für viele US-Bürger*innen angesichts dieser Zahlen zusehends in weite Ferne.

Hollywood und der American Dream

Trotz alledem wird der American Dream als eindrucksvoller Lebenstraum auch heute noch in Hollywoods Filmen und Serien dargestellt: Vom Tellerwäscher zum Millionär in 120 Minuten, bis der Kinovorhang fällt. Unzählige bekannte Filme wie Forrest Gump, The Great Gatsby oder The Pursuit of Happyness verherrlichen den American Dream, denn das Geschäft rund um die Traumindustrie ist lukrativ. Doch auch wenn viele Hollywood-Filme Hoffnung stiften und der American Dream auch heute noch relevant ist, leidet seine Glaubwürdigkeit zunehmend. Umfragen aus dem Jahr 2019 zeigen einen deutlichen Rückgang, was den Glauben betrifft, ein besseres Leben führen zu können als die Elterngeneration. Besonders junge Frauen bezeichnen den American Dream zunehmend als unerreichbar.

Pretty Woman – vom Retten und gerettet werden

Pretty Woman

Pretty Woman – Vivian und Edward verkörpern den American Dream © Screenshot „Pretty Woman“ (1990), Buena Vista Pictures, USA

Eine der erfolgreichsten Hollywood-Produktionen der 1990er Jahre, der das amerikanische Lebensziel in den Fokus rückt, ist Gary Marshalls Pretty Woman mit Julia Roberts in der Rolle der Prostituierten Vivian und Richard Gere als reicher Finanzinvestor Edward. Der Film geht dabei auf die großen Klassenunterschiede zwischen den beiden ein und beobachtet, wie diese ihre Liebesgeschichte beeinflussen. Laut Walter Fishers Definition des American Dream rettet sich demnach nicht nur Vivian aus ihrer Armut, sondern auch Edward aus seiner Depression und seiner unethischen Lebensführung, was für beide in der Erfüllung ihrer Träume in Form von Liebe und Glück resultiert.

Die weitestgehend idyllische Darstellung ihrer klassenübergreifenden Liebe bietet eine idealistische und romantisierte Sicht auf den amerikanischen Traum. Der Film suggeriert, dass soziale Gleichheit erreicht werden kann und aus jeder Startposition des Lebens möglich ist, da die soziale Ordnung durchbrochen werden kann. Durch Vivians gute Freundin Kit, die sich durch ihren Drogenkonsum nicht aus ihrem Hamsterrad befreien kann, wird zudem die Ideologie bestärkt, dass arme und wirtschaftlich benachteiligte Menschen ihr Schicksal selbst in der Hand haben und ihre miserable Lage durch eigenes Versagen verursachen und auch verdient haben. Pretty Woman stellt Klassenkonflikte als persönliche Probleme dar, die sich völlig unabhängig vom sozialen Satus auflösen können. Hollywood vermittelt durch seine Filmproduktionen demnach ein schwer zu erreichendes Ideal, das in einer Welt ohne echte Chancengleichheit keine Verwendung findet.

Die Diskursivierung der Traumfabrik

Durchstöbert man die Archive, finden sich jedoch auch kritischere Filme wie Nomadland oder Death of A Salmesman, welche die Brüche des Konzepts thematisieren und einen differenzierten Diskurs jenseits von idealistischen Darstellungen auf die Kinoleinwand bringen. Der American Dream ist bekanntlich nicht mehr, was er einmal war, und diese Erkenntnis ist auch den amerikanischen Filmemacher*innen rund um Hollywood nicht entgangen. So werden geplatzte Träume, schwere Lebenswege und tragische Geschichten ohne Happy End verfilmt, die einem realistischeren Querschnitt des amerikanischen Lebens entsprechen zu scheinen. Somit bleibt der American Dream für viele eben genau das: ein Traum.

Titelbild: © Unsplash

 

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Träume Kopf bunte Wolke

„Träum weiter“ – mit diesem dumpfen Gefühl, uns etwas Unrealistisches und Irreales in den Kopf gesetzt zu haben, bleiben wir oft zurück und verwerfen unsere Ideen. Dagegen wendet sich Regisseur Valentin Thurn mit seinem Dokumentarfilm Träum weiter! Sehnsucht nach Veränderung, der im September 2021 in die deutschen Kinos kommt. Er gibt der Redewendung eine ganz neue Bedeutung und ermutigt die Zuschauer*innen, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Ein One-way-Ticket auf den Mars – diese Idee halten die meisten wahrscheinlich für eine skurrile Spinnerei. Günther Golob nicht. Er träumt davon, bei der ersten Mars-Kolonialisierung dabei zu sein und hat dafür sogar die Leitung einer Kulturagentur in Graz aufgegeben. Seither konzentriert er sich ausschließlich auf seine Bewerbung für die sogenannte Mars-One-Mission und erklärt: „Sicherheit, das war mit 40-Stunden-Job, Familie – ja alles gut, recht und schön, aber nur für mich war es zu wenig, ich musste ausbrechen aus meinem Leben.“ Und tatsächlich, die erste Prüfung hat er bestanden: Von über 200 000 Bewerber*innen wurde er mit 99 anderen für die letzte Runde ausgewählt. Der Marsflug ohne Rückkehr ist von einer privaten Investoren-Gruppe für 2026 geplant. Im Anschluss sollen weitere Flüge weitere Menschen zu dem fernen Planeten bringen.

„Das ist für mich ein riesengroßes Abenteuer. Wahrscheinlich das größte in meinem Leben und als einer der Ersten da zu sein, der sowas erleben darf, sprengt eigentlich jegliche Vorstellungskraft, aber das ist genau das, was ich will“, so Golob.

Fünf unterschiedliche Lebensträume

Van Bo Le-Mentzel in einem seiner Tiny-Häuser. © AlmodeFilm

Neben ihm sind es noch vier weitere Protagonist*innen, die der 58-jährige Regisseur Valentin Thurn über drei Jahre lang auf ihrem Weg, ihre ganz individuellen Träume zu verwirklichen, begleitet hat. Van Bo Le-Mentzel, der früher Planer eindrucksvoller Shoppingmalls und Museen war, hat seinen gut bezahlten Job während der Schwangerschaft seiner Frau an den Nagel gehängt. „Ich habe viele Dinge gemacht, die eigentlich nichts bedeuten“, sagt der Architekt. „Ich wusste, ich muss irgendwas tun, was anderen Menschen auch hilft.“ Jetzt entwirft und baut er Tiny-Häuser, schafft dadurch öffentliche Begegnungsstätten, und träumt von Wohnraum für alle und mietfreiem Wohnen – mitten in Berlin.

Carl-Heinrich von Gablenz träumt von nachhaltigen Luftschiffen. © AlmodeFilm

Auch Carl-Heinrich von Gablenz hat sein Job als erfolgreicher Manager in einem Maschinenbau-Konzern nicht mehr erfüllt. Stattdessen hat er die Idee entwickelt, Schwerlasten mit Ballons schweben und transportieren zu lassen. Hierfür kämpft er immer weiter. Obwohl er während der Finanzkrise schon einmal mit seiner Erfindung Pleite gegangen ist, hält er daran fest und gibt die umweltfreundliche Alternative zum Flugzeug nicht auf.

Ein Symbol gegen den Klimawandel setzt auch der Designer Joy Lohmann. Er träumt davon, schwimmende Recycling-Inseln aus Müll zu bauen, um so beispielsweise Menschen vor der Überschwemmung zu retten und aufzunehmen. In eine ganz andere Richtung geht der Wunsch von Line Fuks: Sie und ihre Partnerin Katja wandern gemeinsam mit den Kindern nach Portugal aus, damit diese nie mehr in die Schule müssen und ihnen das Freilernen in Eigenregie ermöglicht werden kann.

Joy Lohmanns Recycling-Inseln mit Symbolkraft. © AlmodeFilm

Line Fuks‘ Kinder lernen auf einem Bauernhof in Portugal in Eigenregie – ganz ohne Schulpflicht. © AlmodeFilm

„Nur wer träumt, kann auch wirklich Zukunft erfinden“

Dokumentarregisseur Valentin Thurn ©ThurnFilm

„Wir haben hinter den Filmtitel bewusst ein Ausrufezeichen gesetzt“, erklärt Valentin Thurn im Interview mit Zwischenbetrachtung. „Wohlwissend, dass es diese negative Konnotation gibt, denn da kann man natürlich nicht dran vorbeigehen, dass Träumer oder Visionäre in dieser Gesellschaft oft nicht ernst genommen werden. Wir meinen das aber affirmativ, denn nur wer träumt, kann auch wirklich Zukunft erfinden.“ Bei Kino-Diskussionen um seine beiden mehrfach ausgezeichneten Filme Taste the Waste und 10 Milliarden – wie werden wir alle satt?, in denen er sich mit den Themen Welternährung und Lebensmittelverschwendung beschäftigt hat, habe er beobachtet, dass vor allem die jüngere Generation nach grundlegenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft strebe und auf der Suche nach echten Alternativen sei. In einer Zeit des andauernden Produzierens und Konsumierens, der fehlenden Ruhe und Überreiztheit der Sinne bleibe häufig keine Zeit zum Reflektieren und Träumen. Die Folge: keine Zukunftsentwürfe und -visionen, keine Alternativen zum Bestehenden.

„Ich will dazu beitragen, diese Lähmung zu überwinden, indem ich zeige, wie Menschen neue Visionen und Utopien entwerfen und auch versuchen, diese zu realisieren. Manches davon ist handfest, anderes vielleicht eher unrealistisch. Aber das ist nicht entscheidend: Wichtig ist, dass wir uns wieder darauf fokussieren, das eigene Potential zu erkunden und etwas zu wagen“, so Thurn.

Momente des Nichtstuns und sinnfreien Auswohnens

Auch er selbst habe sich lange Zeit in einem Hamsterrad befunden, in dem ihm die Momente gefehlt hätten, die er im Sinne seines Films als Träume definiert: „Ich meine damit nicht das Träumen in der Nacht, sondern ich meine die schöpferischen Momente, die Momente sinnfreien Auswohnens. Gedanken, die manchmal aus dem Nichtstun oder bei Routinetätigkeiten, sei es beim Fahrradfahren, Laufen, Aus-dem-Fenster-Starren oder Duschen jenseits der Arbeit entstehen. Wenn man das zulässt, entsteht Neues. Das sind die Träume, die ich meine.“ Dabei gehe es zunächst einmal nicht um gewinnbringende Projekte, betont Thurn. Sie seien oftmals vielmehr jenseits des Geldverdienens angesiedelt – „man macht etwas, weil man es für richtig erachtet.“ Und zwei Eigenschaften dürfen dabei nicht fehlen, weiß der Regisseur nach den drei Jahren: Selbstliebe und eine Portion Größenwahn.

Der Film läuft ab dem 30. September 2021 in den deutschen Kinos. © AlmodeFilm

Titelbild: © AlmodeFilm

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Kopf mit bunter Wolke Träume

Eine Stadt voller Bücher – der größte Wunschtraum für die leidenschaftlichen Leser*innen unter uns. Wohl auch für Walter Moers. Sein Buch Die Stadt der Träumenden Bücher ist eine große Liebeserklärung an das Medium Buch, auch wenn er mit der Verlagsbranche nicht ganz gnädig umgeht.

Hildegunst von Mythenmetz – der Name der Hauptfigur spricht schon für die Komik des gesamten Buches – lebt in einer Traumwelt auf dem Fantasie-Kontinent Zamonien. Der Lindwurm erzählt seine Abenteuergeschichte aus der Stadt der träumenden Bücher – einer Stadt voller antiquarischer Bücher, die sich in einem Dämmerzustand zwischen Leben und Tod befinden und davon träumen, wiederentdeckt und gelesen zu werden. Bevor Hildegunst seine Abenteuergeschichte erzählt, wobei sich Autor Walter Moers ganz bescheiden als Übersetzer ausgibt, müssen die Leser*innen erst einmal gewarnt werden: „Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven – welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuch-Abteilung zu verkrümeln. Husch, husch, verschwindet, ihr Kamillenteetrinker und Heulsusen, ihr Waschlappen und Schmiegehäschen“. Ja, der Lindwurm – ein Nachkomme der Dinosaurier – schwingt große Töne über seine eigene Geschichte. Und die werden auch erfüllt.

Ein junger Autor auf der Suche nach Vollkommenheit

Autor Hildegunst von Mythenmetz alias Walter Moers.

Autor Hildegunst von Mythenmetz alias Walter Moers. © Walter Moers / Penguin Random House Verlagsgruppe

Als Lindwurm ist Hildegunst von Mythenmetz zum Dichter geboren. Doch bevor er etwas veröffentlicht, überreicht ihm sein ‚Dichtpate‘, eine Art Lehrer und Mentor zugleich, ein Manuskript, das von solch einer Perfektion und Vollkommenheit ist, dass es sämtliche Emotionen – von Weinen über Lachen bis zu zustimmender Euphorie – in jedem auslöst, der etwas von Literatur versteht. Hildegunst möchte den geheimnisvollen Autor unbedingt finden, um von ihm zu lernen. Er bricht auf nach Buchhaim, der Stadt der träumenden Bücher, in der sich Antiquariat an Antiquariat reiht und hinterhältige Verleger*innen, Händler*innen sowie die schlimmste Sorte – unfaire Literaturkritiker*innen – zusammenfinden. Doch Bücher können nicht nur träumen, sie können auch gefährlich werden. Hildegunst von Mythenmetz erlebt vergiftete, explodierende und sogar bissige Bücher, die durch die Katakomben der Stadt geistern, in denen die Geschichte zu großen Teilen spielt.

„Manche Toxine verursachten tödliche Lachanfälle oder Gedächtnisverlust, Delirium oder Schüttelsucht. Von anderen fielen einem alle Haare und Zähne aus, oder die Zunge verdorrte. Es gab ein Gift, das, wenn man mit ihm in Berührung kam, einem dünne Stimmen eingab, die so lange in den Ohren sangen, bis man freiwillig aus dem Fenster sprang.“

Moers lässt sich für seine Traumwelt aber noch viel mehr einfallen: Buchlinge, die sich vom Lesen ernähren, Bücherjäger, die auf der Jagd nach wertvollen Büchern vor keinem Mord zurückschrecken, und schließlich den sagenumwobenen Schattenkönig. Dass der Lindwurm in der Geschichte noch ausgesprochen hypochondrisch, ein bisschen tollpatschig und naiv angelegt ist, verleiht ihr noch mehr Komik. Aber die Vorsicht bei seinem mehr oder weniger schiefgehenden Abenteuer ist für Hildegunst ganz wichtig:

„Ich würde nicht hineingehen. Ich war gebrannt und fallengeprüft durch schmerzliche Erfahrung, ich war kein stupider Held, der zur Befriedigung niedriger Unterhaltungsbedürfnisse sein Leben riskierte! Nein, ich würde nicht wirklich hineingehen – ich würde nur ein bisschen hineingehen.“

Wenn der Alptraum zur Komik wird

Walter Moers, der Erfinder der Figur des Käpt’n Blaubär, geht auf eine einzigartige Weise mit Sprache um. Seine Sätze und Wortspiele scheinen einfach, doch sind sie so durchdacht, dass sie regelmäßig für ein Schmunzeln sorgen. Und sogar noch mehr: Die Stadt der Träumenden Bücher löst beim Lesen tatsächlich Lachanfälle aus. Dafür sorgt aber auch die Selbstironie des Autors, wobei Kapitel auch mal Titel tragen wie „Ein sehr kurzes Kapitel, in dem herzlich wenig passiert“.

Auch wenn Hildegunst so sympathisch ist, dass man eigentlich nur Empathie empfinden kann, so ist sein Leid doch auch ein witziger roter Faden, der sich durch das Buch zieht.

„Komisch war, dass inmitten eines Wirklichkeit gewordenen Alptraums, in einem unterirdischen Schloss ohne Ausgang mir schon der Anblick von lesbarer Schrift ein Gefühl von Geborgenheit geben konnte. Deshalb musste ich lachen, oh meine Freunde, schallend und anhaltend. Dann riss ich mich wieder zusammen, auch weil eine einsam lachende Person etwas Verzweifeltes an sich hat.“

Das Buch, das uns zum Träumen bringt

Die Stadt der Träumenden Bücher ist es auf jeden Fall wert, gelesen zu werden. Wer sich von Fantasy-Romanen nicht sofort abschrecken lässt, der erlebt mit Hildegunst von Mythenmetz eine Geschichte, die durch solch eine Phantasie und Tragik geprägt ist, dass man sich manchmal nicht entscheiden kann, ob man weinen oder lachen soll. Die fantasievollen Details, wie beispielsweise Autorennamen wie Ohjann Golgo van Fontheweg (ein Anagramm von Johann Wolfgang von Goethe, aber das habt ihr natürlich sofort bemerkt), wie auch die verrücktesten Wesen mit noch verrückteren Fähigkeiten machen das Buch besonders. Oder habt ihr vorher schon mal von lebendigen und träumenden Büchern gehört?

Moers wurde beim Schreiben des Buches wohl eindeutig vom Orm – der Kraft, die im Buch Kreativität hervorbringt und Schriftsteller wie im Rausch schreiben lässt – durchströmt. Passend dazu sagte der medienscheue Moers im Interview mit der Augsburger Allgemeinen: „Das Schreiben war eigentlich eine Form von regelmäßiger Psychotherapie, ich lag bei mir selber auf der Couch. Das Buch hat sich fast von selbst geschrieben – was ich wirklich nicht von all meinen Büchern behaupten kann.“ Und noch etwas verrät er über seine Branche: Die Bibliothek des Orm, die im Buch voll von unbekannten, aber grandiosen Werken ist, gibt es so ähnlich wohl auch bei ihm Zuhause. Denn gute Bücher schafften es laut Moers oft nicht auf die großen Bestsellerlisten.

Können Bücher träumen?

Und um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Ob Bücher in unserer Welt träumen können, das kann wohl niemand wirklich sagen. Oder habt Ihr schon mal mit einem gesprochen? Aber durch das Buch von Walter Moers, oder besser gesagt von Hildegunst von Mythenmetz, kommen wir auf jeden Fall ins Träumen – von einer Welt in Zamonien mit vielen Abenteuern und noch mehr Büchern. Denn in seinem Buch konnte Moers wohl einen großen Wunschtraum zum Leben erwecken: Eine Stadt voller Bücher und Figuren, die nur für die Literatur leben. Wobei Moers auch deutlich macht, dass die Welt als Schriftsteller*in nicht nur traumhaft ist, sondern durch die falschen Verleger*innen durchaus zum Alptraum werden kann.

Titelbild: © Penguin Random House Verlagsgruppe

 

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„Wenn wir träumen, betreten wir eine Welt, die ganz und gar uns gehört. Vielleicht durchschwimmt er gerade den tiefsten Ozean oder gleitet über die höchste Wolke“, flüstert Hogwarts-Schulleiter Albus Dumbledore im dritten Harry-Potter-Film über den vermeintlich schlafenden Harry gebeugt. Wenn Dumbledore nur wüsste, dass Fans der Buchreihe vermuten, Harry hätte ihn, Hogwarts und die gesamte Zauberwelt nur erträumt. Wir schauen uns eine der verrücktesten Harry-Potter-Theorien genauer an.

Kuriose Fantheorien gibt es nahezu über jedes bekannte Franchise: Fans interpretieren gern Zweideutiges, rätseln über ungelöste Geheimnisse oder rücken mal eben die gesamte Geschichte in ein anderes Licht. Davon bleibt auch die von der britischen Schriftstellering J.K. Rowling erschaffene Harry-Potter-Welt nicht verschont. Theorien wie solche, dass Harrys bester Freund Ron in Wahrheit ein zeitreisender Dumbledore sei, kursieren in zahlreichen Foren und werden heiß diskutiert. Eine dieser Theorien sticht jedoch besonders heraus: Harry sei eigentlich gar kein Zauberer, sondern hätte sich seine Abenteuer nur erträumt. Die miserable Erziehung durch Tante und Onkel Dursley, seinen Zieheltern, hätte Harry dazu veranlasst, sich in eine andere Welt zu fantasieren – in eine, in der er selbst der Held ist und die Macht hat, das Böse zu bekämpfen. Was soll man auch anderes tun, wenn man Zeit seines Lebens in einem Schrank unter der Treppe eingesperrt ist?

Die Theorie stellt Harry als einen psychisch hochgradig belasteten Jugendlichen vor, welcher als Bewältigungsstrategie gleich eine ganze Welt erträumt. Demnach seien Harrys Eltern auch gar nicht von dessen Erzfeind Lord Voldemort getötet worden, sondern tatsächlich bei einem Autounfall gestorben. Ganz so, wie die Dursleys es Harry auch beigebracht haben, um ihn so fern wie möglich von seinem Schicksal als Zauberer zu halten. Das Aufwachsen ohne Eltern und die schlechte Behandlung durch die Dursleys führten schließlich zu seinem psychisch labilen Zustand. So erschütternd diese Theorie auch klingt, die originellen Ausschmückungen der Fans erlauben es unserer Meinung nach, zur genaueren Betrachtung ein klein wenig Galgenhumor in den Gerüchtekessel zu streuen.

Ein Ausraster bringt Harry geradewegs in die Psychiatrie

Der Fantheorie zufolge hatte Harry die miese Erziehung und die Sticheleien seines Cousins und Ziehbruders Dudley satt und beendete den Aufenthalt bei Onkel und Tante mit einem gewaltigen Knall. Im ersten Teil Harry Potter und der Stein der Weisen ist es der Halbriese Hagrid, welcher Harry aus den Fängen der Dursleys befreit, Dudley als Strafe ein Schweineschwänzchen ans Gesäß zaubert und den kleinen Zauberer dorthin bringt, wo er eigentlich hingehört: Nach Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei. In ‚Wahrheit‘ soll es Harry selbst gewesen sein, der in einem wilden Anfall den wehrlosen Dudley angegriffen und gefährlich verletzt hat. Das Resultat: der direkte Weg in die Psychiatrie. Bye, Harry.

„Harry, du bist ein Zauberer“, heißt es im ersten Teil an dieser Stelle. Was Hagrid laut Fantheorie wohl eigentlich sagen wollte: „Harry, du bist psychisch krank.“
© Runa Marold

Hogwarts ist gar keine Schule

An dieser Stelle öffnet sich erstmals die Tür zu Harrys fantastischer Traumwelt. Anstatt einer Psychiatrie hat der vermeintliche Zauberer plötzlich ein sagenumwobenes Schloss voller Magie, Wunder und jeder Menge Obskuritäten vor sich. Geister tauchen aus Esstischen hervor, Treppen verschieben sich nach eigenem Willen, Kinder bringen Federn mit Zauberformeln zum Schweben, und in einer geheimen Kammer haust ein gefährlicher dreiköpfiger Hund. Klingt ziemlich irre, oder? Dachten sich auch die Vertreter*innen der Fantheorie und fühlten sich sofort an abstruse Bilder aus anderen filmischen Interpretationen von Psychiatrien erinnert. Harry soll sich demnach von den verrückten Machenschaften anderer Anstaltbewohner*innen inspirieren lassen und darauf aufbauend seine Fantasie-Zauberwelt ersonnen haben. Dumbledore und die anderen Lehrer*innen seien eigentlich die angestellten Ärzt*innen, welche ihr Bestes versuchen um die psychisch kranken Insassen zu behandeln. Und der dreiköpfige Hund? Vielleicht nur eins der von Harry gehassten Therapie-Kuscheltiere. Wer nennt so ein Monstrum schließlich Fluffy?

Hogwarts, die Schule für Hexerei und Zauberei – ist in Wahrheit gar nicht so magisch? Wilkommen in der Psychiatrie, Harry.
© Runa Marold

Harry ist der Star seiner eigenen Welt

Zauberer-Dasein hin oder her, Harrys Identität besteht bei weitem nicht nur aus der Fähigkeit, mit Zaubertricks zu begeistern. Er ist obendrein auch noch der berühmteste Junge der ganzen Zauberwelt. Ein weiteres Indiz für die Fans: Ein vernachlässigter Junge ohne feste Bindungen stellt sich vor, als Auserwählter heldenhaft gegen das Böse zu kämpfen und plötzlich Freunde zu finden, die ihm kopfüber in jede Gefahr folgen. Im auf Besen ausgetragenen Schulsport Quidditch zeigt Harry unvergleichbares Talent, Dumbledore höchstpersönlich ist an ihm interessiert wie an keinem anderen, und der Oberbösewicht Lord Voldemort hat es nur auf ihn abgesehen. Geht es noch klischeehafter?

Harry, der Held aller Zauberer und Hexen? Wer’s glaubt.
© Runa Marold

Dumledore ist Harrys persönlicher Therapeut

Dumbledores Interesse an Harry begründet sich in den Büchern über das wundersame Triumphieren von Baby-Harry über Lord Voldemort. Zahlreiche Gespräche finden über die Jahre hinweg zwischen Harry und Dumbledore statt, alle von ihnen sind von den weisen Ratschlägen des Schulleiters geprägt. Tiefgründige Gespräche über Harrys Dasein? Moment, das klingt doch ganz nach Therapie – denken sich die Verfechter*innen der Theorie und sehen Dumbledore in Wahrheit in der Rolle eines Psychiaters. Anhaltspunkt für diese Interpretation bietet eine im ersten Buch stattfindende Unterhaltung der beiden über den Spiegel Nerhegeb, welcher seinen Betrachter*innen ihre sehnlichsten Wünsche zu offenbaren vermag. Dumbledore warnt Harry davor, dass es Menschen gäbe, die bei seiner Betrachtung wahnsinnig geworden wären. Sie wüssten nicht mehr, ob ihnen der Spiegel etwas Wirkliches oder etwas Wünschenswertes zeige. Hat Harry hier die offene Warnung vor dem Abdriften in seine Traumwelt verarbeitet? Wer weiß. Im Buch erklärt Dumbledore daraufhin, dass er beim Blick in Nerhegeb sich selbst mit einem Paar dicker Wollsocken sehe. Vorausgesetzt, dieses Gespräch entspringe auch nur Harrys Fantasie: Was würde Freud wohl dazu sagen?

Lieber Harry, neigst du etwa in Wahrheit auch zur Gerontophilie? Dumbledore ist zumindest nicht gerade in deinem Alter.
© Runa Marold

Die augenscheinlich Verrückten in Harrys Welt

Wäre Hogwarts eine Psychiatrie, würde das bedeuten, dass Harrys Mitschüler*innen in Wahrheit seine Mitpatient*innen sind. Die Fantheorie begründet diese Behauptung damit, dass einige von ihnen offenbar auch in Harrys Traumwelt nicht mehr alle Tassen im Schrank hätten. Allen voran hüpft die schrullige Luna Lovegood mit ihrem Glauben an Wesen, welche sogar in der Zaubererwelt nur als Hirngespinste belächelt werden. Ihr Name Luna erinnert an lunacy, das englische Wort für Wahnsinn, was diese Deutung unterstützen soll. Ein weiteres Indiz soll der unter Verfolgungswahn leidende Alastor „Mad-Eye“ Moody darstellen. Er tritt im vierten Teil der Reihe zunächst als neuer Lehrer auf, wird am Ende des Schuljahrs jedoch durch die Täuschung über seine wahre Identität selbst zur Gefahr. Sein Nachname bedeutet so viel wie launisch oder unausgeglichen. „Immer wachsam“, poltert Moody stets seinen Schüler*innen entgegen, und die Fantheorie heißt damit die Paranoia in der Hogwarts-Psychiatrie willkommen.

Alastor „Mad-Eye“ Moody und Luna „Loony“ Lovegood: als wäre Harrys eigener Wahnsinn noch nicht genug. © Runa Marold

Lord Voldemort ist Harrys dunkle Seite

Zu guter Letzt vermutet die Fantheorie hinter dem gefährlichen Hauptantagonisten Lord Voldemort eine Projektion von Harrys innerem Wahnsinn. Zwischen beiden Figuren existieren tatsächlich viele Parallelen: Beide sind als Waisen aufgewachsen, gelten in der Zauberwelt als Halbblüter und ihre Zauberstäbe tragen mit den Federn desselben Phönix’ den gleichen Kern. Im Laufe der Geschichte hat Harry immer wieder Visionen und Träume von Voldemort, später teilen sie sogar ihre Gedanken. Der sich durch alle Bücher ziehende Kampf der beiden soll Harrys Bemühungen verarbeiten, Herr über seine psychischen Probleme zu werden. Ein weiteres Indiz sei außerdem der Mord an Harrys Mitschüler Cedric Diggory. Dieser stelle, so die Vermutung, Harrys Wunsch-Ich dar: ein glücklicher, überall beliebter und gut behüteter Junge. Zu perfekt um wahr zu sein, denkt sich Fantheorie-Harry und benutzt sein Alter-Ego Voldemort um Cedric in seiner Traumwelt zu töten. Böser Harry.

Harrys stillschweigende Gedanken: „Tod den Muggeln, Tod den Schlammblütern! Weltherschafft, muhahaha.“ Dream big, Harry.
© Runa Marold

Ein Fünkchen Wahrheit?

Den Galgenhumor beiseite genommen, erscheint die Fantheorie je nach Betrachtungsweise sogar durchaus plausibel. J.K. Rowling erwähnte bereits in einem Interview, dass sie auch selbst mehr als einmal daran gedacht habe, dass Harry im Schrank tatsächlich verrückt geworden sei und ein Fantasieleben entwickelt habe. Auch wenn es denkbarer erscheint, dass die eigentliche Intention für den Kinder- und Jugendroman eine andere war – eines steht fest: Harry Potter ist zu Zaubereien fähig, von denen unsereins nur zu träumen wagt. Und das kann wahrlich neidisch machen. Den heldenhaften Zauberer zu einem Fall für die Psychatrie zu degradieren, wirkt also durchaus menschlich. Es zeigt das Bedürfnis, diese magische und fantastische Welt mit der eigenen Realität in Einklang zu bringen. Wenn wir von einem Leben als Zauberer oder Hexe träumen können, wieso sollte es Harry in unserer Welt nicht genauso ergehen? So oder so ist es stets spannend zu beobachten, welche wundersamen gedanklichen Abzweigungen sich uns dank der Träumereien von Fans eröffnen können. Oder wer ist hier eigentlich am Träumen?

 

Vielen Dank an Zwischenbetrachtung-Autorin Runa Marold für die visuellen Pointen!

Titelbild: ©unsplash

 

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Kopf mit bunter Wolke Träume

Wie malt man einen Alptraum? Dieser Frage begegneten schon verschiedene Künstler*innen. Ihre Werke sind geprägt von ihrer Zeit und verbildlichen ihre Visionen, Ängste und die dunkle Seite der Traumwelt. Was passiert also, wenn Albrecht Dürer schweißgebadet aufwacht und was hat ein Granatapfel mit Salvador Dalís Alptraum im Gemälde zu tun?

Träume sind individuell und fantasiereich. Die Bilder, welche in unseren Köpfen entstehen, lassen sich jedoch nur schwer anderen erzählen. Wie würden diese auf einer Leinwand aussehen? Künstler*innen der verschiedensten Epochen beschäftigen sich schon sehr lange mit den Eigenarten unserer Träume. Die Freiheit der bildenden Künste, jeden noch so verrückten oder realitätsfernen Traum verbildlichen zu können, bietet den Kunstschaffenden viele Möglichkeiten anderen ihre Träume zu zeigen. Hierbei werden jedoch nicht ausschließlich die guten, schönen Träume künstlerisch umgesetzt, sondern auch die düsteren, gruseligen Alpträume.

Albrecht Dürer, Johann Heinrich Füssli, Francisco de Goya und Salvador Dalí sind Künstler, welche sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Alptraum beschäftigt haben. Ihre Alptraum-Werke zeigen die vielen Interpretationsmöglichkeiten der Alptraumwelt. Die Gemeinsamkeit ihrer Gemälde liegt in der Darstellung der jeweiligen persönlichen Auffassung eines Alptraums. Die Werke und das Gedankengut dieser vier Künstler sind zudem auch durch die Epochen geprägt, in welchen sie entstanden sind. So wandeln die vier Alpträume von der Renaissance bis zum Surrealismus.

© Katharina Mauderer

Albrecht Dürers „Traumgesicht“

Albrecht Dürers Alptraum als Aquarell Gemälde

„Traumgesicht“ – Albrecht Dürer, 1525 © Wikimedia Commons

8. Juni 1525 – Der Maler Albrecht Dürer (1471-1528) wacht schweißgebadet auf. Ein schrecklicher Alptraum, ein regelrechter Angsttraum quälte ihn durch die Nacht. Noch spürbar mitgenommen von seinen nächtlichen Schreckensvisionen, versucht er die Ereignisse seines inneren Auges aus der Traumwelt zu holen. Er greift schließlich zu seinen Aquarellfarben und beginnt zu malen – sein Alptraum im Gemälde „Traumgesicht“ entsteht.

Auf dem Werk zu sehen ist eine ockerfarbene Landschaft mit weit entfernten Bäumen und einer Stadtsilhouette, welche sich mitten in einer fürchterlichen Naturkatastrophe befinden. Es stürzen blaue Wassermassen vom Himmel herab und zerstören alles Umliegende. Dürer beschreibt sein geträumtes Szenario unter seinem Aquarellwerk sehr detailliert und schildert auch seine Gefühle über diese Vision: „das ich also erschrack do ich erwacht das mir all mein leichnam zitrett und lang nit recht zu mir selbs kam“. Sein Traum hat wahrliche Weltuntergangsstimmung. Seinen Bericht beendet er allerdings im Vertrauen auf den Allmächtigen: „Got wende alle ding zu besten“ (Gott wende alle Dinge zum Besten).

In der Renaissance fürchtete man sich vor Kriegen, Hungersnöten, Naturkatastrophen – und sah jedes Mal den Weltuntergang nahen. Eine Sintflut, wie auf seinem Gemälde dargestellt, galt als göttliche Strafe für Bosheit. So liegt es nahe, dass auch Dürers Träume davon beeinflusst worden sind und er in seiner Vision die Rückgängigmachung von Gottes Schöpfung fürchtet.

Der „Nachtmahr“ und die schwarze Romantik

Alptraum verbindlich von Füssli als Ölgemälde

„Der Nachtmahr“ – Johann Heinrich Füssli, 1790/1791 (spätere Version) © Wikimedia Commons

Johann Heinrich Füssli (1741-1825) war ein bedeutender Maler der Schwarzen Romantik, der einen Hang zu Träumen und mystischen, gruseligen Darstellungen hatte. Oft beeinflusst durch die Französische Revolution erschufen Künstler*innen dieser Epoche zunehmend düstere Werke. Füsslis Ölgemälde „Der Nachtmahr“ gilt als eines der ersten Werke, welches entgegen den Historienbildern nicht den Menschen fokussiert, sondern eine bestimmte Situation. Das Werk entstand rein aus seiner Fantasie und greift das alte Motiv des „Nachtmahrs“, oder auch „Nachtalbs“ auf. Dieses gruselige Fabelwesen soll schlechte Träume verursachen. Es setzt sich auf die Brust von Schlafenden und löst ein Druckgefühl aus. Der Alb soll zudem immer auf einem Pferd reiten, welches Füssli schemenhaft durch den Vorhang blicken lässt.

Er versinnbildlicht in seinem Werk die Schwelle von der Wirklichkeit zum Alptraum. Gleichzeitig zeigt er die Umstände, welche nach seiner Auffassung zum Alptraum der schlafenden Frau führen. Die Verwendung des Chiaroscuro-Effekts, also starken Hell-Dunkel-Kontrasten, unterstreicht die gespenstische Stimmung des Werkes. Füssli schuf mehrere Versionen des „Nachtmahrs“. Der erste Alptraum im Gemälde entstand 1781 im Querformat. Die Werke wurden später vor allem von den Künstler*innen des Surrealismus wieder aufgegriffen.

Auf dem Weg zum Realismus mit Francisco de Goya

Alptraum und Vernunft als Thema von Goyas Radierung

„El sueño de la razón produce monstruos“ – Francisco De Goya, 1797-1799 © Wikimedia Commons

Schläft oder träumt die Vernunft bei einem Alptraum? Diese Frage stellt sich bei Francisco de Goyas (1746-1828) Werk „El sueño de la razón produce monstruos“. Es ist Teil einer Serie aus 80 Radierungen, in denen er sich mit den derzeitigen Missständen in Spanien auseinandersetzt. Goya ist zeitlich in die Romantik einzuordnen, er gilt jedoch als Wegbereiter der Moderne und des Realismus. In dieser Epoche sollte die Realität möglichst genau herausgearbeitet werden und der Mensch als Einzelne*r stand im Mittelpunkt.

Die Französische Revolution hatte Goya die Augen geöffnet und er strebte nach Aufklärung und Vernunft. Folglich entsteht seiner Auffassung nach das Ungeheuerliche nicht aus Aberglauben, sondern aus einer befangenen Vernunft. Der „sueño“ von Goyas Alptraum-Werk kann hier verschieden übersetzt werden – als Traum oder als Schlaf. So ergibt sich die Übersetzung „Der Traum/Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.“ Der Alptraum im Gemälde, das Ungeheure, stellt Goya in seinem Werk durch Eulen dar. Sie gelten als Nachttiere und verkörpern, als Wappentier der Göttin Athene, die Vernunft. Eine der Eulen scheint den im Vordergrund schlafenden Künstler, womöglich Goya selbst, vor den im Hintergrund fliegenden, schwarzen Feldermäusen schützen zu wollen. Diese sind laut Dürer die Boten des Bedrohlichen. Das Gemälde lässt keine eindeutige Interpretation zu, somit entsteht Goyas Alptraum entweder aus einer schlafenden Vernunft oder die träumende Vernunft bringt selbst den Alptraum hervor.

Über der Wirklichkeit – Alpträume im Surrealismus

Gemälde des Surrealismus von Dalí zeigt die Ursache des Alptraums

„Sueño causado por el vuelo de una abeja alrededor de una granada un segundo antes de despertar“ – Salvador Dalí, 1944 © Wikimedia Commons

Dass Salvador Dalí (1904-1989) ein Maler des Surrealismus ist, wird mit Blick auf seine Gemälde schnell ersichtlich. Vor allem skurrile Zusammenhänge und sonderbare Darstellungen, fernab von der Realität prägen seine Werke ganz getreu den Ansichten dieser Kunstströmung. Die revolutionäre Form des Surrealismus hatte das Ziel, als Epoche der Moderne das Alltägliche und Reale zu übertreffen. Gezeichnet vom Ersten Weltkrieg, suchten Künstler*innen nach einer Gegenbewegung zu den bisherigen Darstellungen. Träume, Übernatürliches und realitätsferne Zusammenhänge wurden zum Gegenstand der surrealistischen Kunst.

So scheint es auf den zweiten Blick auch nicht mehr verwunderlich, dass Dalís Alptraum-Werk nicht den dunklen und düsteren Gemälden seiner Vorreiter gleicht. Mit dem langen Titel, zu deutsch: „Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen“ verbildlicht er die Entstehung eines Alptraums, bedingt durch eine banale Situation. Zu sehen ist eine schlafende Frau, auf welche sich zwei zornige Tiger stürzen. Diese entspringen aus einem Fischmaul. Der Fisch wiederum scheint aus einem Granatapfel zu entstehen. Im Hintergrund stakst ein Elefant auf stelzenartigen Beinen über das Wasser. Mit diesem verwirrenden Bedrohungsszenario verweist Dalí unverkennbar auf die Eigenarten unserer Träume, verschiedene Handlungen in groteske Zusammenhänge zu bringen. Also gipfelt der bloße Flug einer Biene um einen Granatapfel in einem Alptraum im Gemälde mit gefährlicher Bedrohung durch die Tiger.

 

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Kopf mit bunter Wolke Träume