Kleine Vierzehnjährige Tänzerin von Edgar Degas

Die „Kleine Vierzehnjährige Tänzerin” von Edgar Degas gehört zu den teuersten Skulpturen der Welt. Wenige kennen jedoch die Besonderheit ihrer Darstellungsweise und die Bedeutung dieser Idee in der modernen Kunstgeschichte. Was hat Edgar Degas mit der Skulptur getan? Eine Geschichte, die verdeutlicht, welche Rolle Haare im materiellen Fortschritt der Plastik spielen.

Die Kleine Vierzehnjährige Tänzerin ist das einzige veröffentlichte plastische Werk von Edgar Degas (1834-1917). Dieses kurze Video zeigt euch, wie lebendig die Figur ist. Die Tänzerin steht in einer aufmerksamen und selbstbewussten Ruheposition mit hoher Körperspannung, als ob sie sich noch in der Tanzprobe befinden würde.

Der Künstler Edgar Degas wird häufig zu den Impressionisten gezählt. Diese Avantgardisten waren fasziniert von den Möglichkeiten neuer Darstellungsweisen, um den Alltag der Menschen abzubilden. Und das, obwohl ihre Zeitgenossen solche Ansätze für wenig anspruchsvoll hielten. Genauso widmete sich Degas der sogenannten Modernen Kunst und entwickelte eine Reihe von Bildthemen. Denn er wollte sich nicht nur mit der Malerei, sondern auch mit der Plastik auseinandersetzen. Eines seiner bevorzugten Themen war bekanntlich die Ballerina.

Mit verschiedenen Medien wie Bleistift, Kohle und Kreide behandelte der Künstler also mehr als 200 Werke zum Thema Ballett-Tänzerin und Tanzkurs. Er bildete mittlerweile seinen eigenen Stil heraus: dynamische, aber klar strukturierte Bildkompositionen. Nun wollte er ebenfalls etwas Neues in den dreidimensionalen Arbeiten erschaffen. Er dachte schließlich an Materialien, die man noch nie in den plastischen Produktionen gesehen hatte – Wachs, Ton, Tüll sowie erstaunlicherweise: echte Haare.

Ein großer Schritt für die Plastik

Im Kontext der Entwicklung der Skulptur ist die kleine Tänzerin ein bahnbrechendes Kunstwerk. Der Künstler gab dem Mädchen auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung im Jahr 1881 in Paris ein klassisches Tutu und ein Paar Ballettschuhe. Die Wachsfigur war realistisch in der Farbgebung dargestellt. Es gab aber eine weitere Überraschung. Denn Degas verwendete eine erstaunliche Perücke. Diese Großaufnahme zeigt euch deutlich, dass der Künstler echte Haare mit Wachs vermischte. Darauf setzte er eine Haarschleife aus Satin: fertig.

Kleine Vierzehnjährige Tänzerin von Edgar Degas (Grossaufnahme)Klickt man das Bild, sieht man sogar die einzelne Haarsträhne. (Sammlung von Herrn und Frau Paul Mellon, Quelle: National Gallery of Art, Washington, D.C.)

Klickt man das Bild an, sieht man sogar die einzelnen Haarsträhnen (Sammlung von Herrn und Frau Mellon, Quelle: National Gallery of Art, Washington, D.C.).

Dieser einzigartige Versuch war so „realistisch”, dass damals die meisten Kunstkritiker es einfach nicht akzeptieren konnten. Sie bedachten die Skulptur mit Beschreibungen wie „Affe“, „Monster“ oder „Schwächling“: Mit ihrem aztekischen Kopf und Gesichtsausdruck wirke Degas’ kleine Tänzerin „halbdebil“. Überdies fragte eine Rezensentin den Künstler: „Haben Sie wirklich ein derart scheußliches, abstoßendes Modell finden können?”

Jedoch bewerteten einige Kritiker die Wachsfigur als einen neuartigen Realismus. Wie Joris-Karl Huysmans nach dem Besuch der Ausstellung schrieb: „Raffiniert und barbarisch ist diese Figur mit ihrem geschickten Kostüm und ihrem farbigem Fleisch, das zittert, durchfurcht von der Arbeit der Muskeln, der einzige wahrhaft moderne Versuch in der Skulptur, den ich kenne.”

Der Platz der Kleinen Tänzerin in der Kunstgeschichte

Jedes Medium oder jede Technik, die notwendig war, um den gewünschten Effekt auf die Skulptur zu vermitteln, ist frei zu benutzen. Diese befreiende Idee kann auf dieses Werk zurückgeführt werden. Es geht nämlich um die Bedingungen bei der damaligen künstlerischen Tätigkeit. Tatsache ist, dass für die Ästhetik der Skulptur der Faktor der Materialauswahl entscheidender war als die formale Produktion. Zum Beispiel waren Bronze und Marmor in den meisten plastischen Werken des späten 19. Jahrhunderts zumindest teilweise das Ergebnis der Abhängigkeit der Künstler von der „Klasse der Bourgeoisie“. Bestimmungen plastischer Materialien ergaben sich daher nicht nur aus den professionellen Eigenheiten des Schöpfers, sondern auch aus den Erwartungen der Sammler.

Die Kleine Vierzehnjährige Tänzerin war deshalb eine großartige Weltsensation. Degas zeigte dem Publikum, dass Künstler selbst freiwillig die Materialien bestimmen können und sollten. Denn wichtiger ist, dass Materialien zu den Vorstellungen der Werke passten. Egal, ob sie Alltagsgegenstände oder organische Stoffe wie echte Haare sind.

X-Ray-Aufnahme von der Kleine Vierzehnjährige Tänzerin

Welche Materialien hat Edgar Degas für die kleine Tänzerin verwendet? Die Röntgen-Aufnahme zeigt: pigmentiertes Bienenwachs, Gips, Metallarmaturen, Seil, einige Pinsel, Haar, Seiden- und Leinenband, Baumwoll- und Seiden-Tutu sowie Leinenschuhe aus Holz-Plinthe (Quelle: National Gallery of Art, Washington, D.C.).

Schwierigkeiten der Kunstkonservierung und Restaurierung

Die Vollständigkeit des Werks ist allerdings aufgrund der Vergänglichkeit der Materialien nicht leicht aufrechtzuerhalten. Beispielsweise musste die kleine Tänzerin von Anfang an in einer Glasvitrine geschützt werden, sonst gehen die organischen Substanzen wie Seide, Leinen sowie die echten Haare zu schnell kaputt.

Nach Degas’ Tod im Jahr 1917 wurde die Tänzerin mit anderen 150 Wachsplastiken in seinem Atelier gefunden. Obwohl der Künstler offenen Widerstand leistete, seine Skulptur in Bronze zu gießen, entstanden ab 1920 nach der Gipsform des Originals circa 28 Bronzegüsse der kleinen Tänzerin. Sie befinden sich jetzt weltweit in Museen und Privatsammlungen. Leider ist darauf die Haarstruktur wegen der Bronzegüsse nicht mehr zu erkennen. Stattdessen tragen sie jeweils ein neues Tutu und ein Haarband als Symbol für Degas’ bedeutsamen Idee. Wer die originale Wachsfigur ansehen möchte, muss also in die National Gallery of Art in Washington gehen. 

Interessanterweise zeigt euch dieses Video, wie im April 2011, kurz vor der Eröffnung der Ausstellung im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, ein neues Band auf das Haar der Tänzerin gelegt wird. Das vorherige Stück, das das Mädchen seit den 1990er-Jahren hatte, sei in Farbe und Größe zu auffällig gewesen. Nach der Recherche des Experten würde sich die Bronzefigur freuen, ein neues Haarband zu tragen. Mit diesem Bändchen erinnert die kleine Tänzerin die Besucher hoffentlich daran, was der Künstler für den materiellen Fortschritt der Plastik getan hat.

Quellen

Benjamin H. D. Buchloh (1983), Michael Asher and the Conclusion of Modernist Sculpture. Art Institute of Chicago Museum Studies, Vol. 10, The Art Institute of Chicago Centennial Lectures (1983), pp. 276-295

Damalige Kritik über die Kleine Tänzerin: Die Geschichte des berühmtesten Tutus der Welt

Materielle Beschreibung des Kunstwerks (Originale Wachsfigur): National Gallery of Art, Washington, D.C.

Materielle Beschreibung des Kunstwerks (Bronzestatue): Musée d’Orsay

Geschichte des Bronzegusses der Kleinen Tänzerin: Why are there so many Degas Little Dancers?

Untersuchung von der National Gallery of Art (Röntgen-Aufnahme) im Jahr 2010: Analyzing the Controversial Plasters