Drei-Tage-Bart, Vollbart, Schnauzer – ein Blick auf die Straßen zeigt die Allgegenwart und die Vielfalt des männlichen Gesichtswuchses. Grund genug, das Phänomen des Barttragens ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die Frage, was mit dem monatlichen Bartwuchs von 12 Millimetern geschehen soll, blickt auf eine jahrtausendalte Tradition zurück. Kultur- und epochenabhängig sind dem Bart vielerlei Bedeutungen zugekommen. Oftmals heißt es, die passende Bartfrisur unterstreiche die Persönlichkeit des Mannes und gebe dem Gesicht das gewisse Extra. Der Bart wurde auch zur Demonstration von Macht und Potenz, Freiheit und Unabhängigkeit eingesetzt. So etablierten sich die Gesichtshaare früh zum Zeichen von Kraft und zur Zierde der Männlichkeit. Manchmal werden Bärte auch aus religiöser Überzeugung getragen.

Allan Peterkin (2014: 11) schreibt deshalb zu der Frage, was der Bart alles sein kann:

[Der Bart] war […] schon Kennzeichen von Königen (und Sklaven) gewesen, heilig (oder niederträchtig), Symbol devoter Gläubiger (oder Ungläubiger), ein Zeichen robuster Gesundheit (oder eine Bakterienfalle), weise und väterlich (oder kalt und kriegslüstern), männlich (oder eine stutzerhafte Ziererei), von Frauen geliebt (oder ein Scheidungsgrund), der Stolz des britischen Empires (oder das barbarische Kennzeichen des Fremden) und die Zierde eines jungen Mannes (oder die krümelübersäte Schande eines alten Mannes).

Der Bart in alten Zeiten …

Hatschepsut

Auch die ägyptische Königin Hatschepsut trug eine Bartattrappe (Wikicommons).

Wir begeben uns auf eine kleine Zeitreise. Natürlich können dabei nur einige Impulse und Kuriositäten der Bartgeschichte aufgegriffen werden. Im Altertum kamen durch den Bart sowohl kultische als auch religiöse Komponenten zum Vorschein. Bei den alten Ägyptern war die Rasur der Barthaare üblich. Der Pharao trug zu repräsentativen Anlässen aber einen Zermonialbart. Dabei handelte es sich um eine künstliche, stilisierte Attrappe mit heiliger Bedeutung. Der Pharaonenbart war mit feinen Riemen an das Gesicht befestigt.

Die alten Griechen trugen ihre Bärte eine lange Zeit mit Stolz. Vor allem bei älteren Männern und Philosophen galt der Bart als Zeichen der Weisheit und Würde. Noch heute sind solche Assoziationen bei Vollbartträgern älterer Generationen verbreitet. Zuweilen galt es sogar als Bestrafung, jemanden den Bart abzuschneiden. Vor allem im Kampf wurden griechische Bärte schließlich doch gestutzt. Man spricht auch vom „Strategenbart“. Alexander der Große brachte bei der Eroberung Griechenlands die Glattrasur mit sich, die in den oberen Schichten Sitte wurde. Manche Griechen behielten aber aus Tradition ihren Vollbart. Auch die alten Römer griffen durch den Kontakt mit dem griechischen Hellenismus die bartlose Mode auf. Doch auch in ihrer Geschichte finden sich durchaus bärtige Perioden.

… und auf dem Weg in die Moderne

Die europäische Bartgeschichte war lange stark vom Geschmack des jeweiligen Herrschers geprägt. Zu vielen Zeitpunkten war die Art des Barttragens auch ein Zeichen der Standes- bzw. Klassenzugehörigkeit. Vor allem der Mann höherer Schichten orientierte sich oft an den Bart- und Haarvorlieben des Herrschers: Heinrich IV. von Navarra (1553-1610) zum Beispiel machte den Bart in Frankreich populär. Seine Bartform heißt „Henriquatre“. Ludwig XIV. (1638-1715) setzte später wiederum die Glattrasur als Standard. Auch Zar Peter I. von Russland (1672-1725) hatte etwas gegen den Bart. Um den russischen Mann zu modernisieren, führte er eine Bartsteuer ein. Paradoxerweise trug er selbst ein Schnurrbärtchen.

Karl Marx

Rauschebart der Revolution: Karl Marx (1875) (Wikicommons).

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Schnauzbart als Zeichen der Zugehörigkeit zum Militär. Um die Mitte dieses Jahrhunderts trugen ihn die meisten Kavallerieangehörigen und Offiziere. Fehlte es an einem beeindruckenden Schnauzbart, wurde dieser vor allem von jüngeren Kavallerieangehörigen gerne entsprechend ausgemalt.

Der Vollbart bekam im Weiteren auch eine politische Bedeutung zugeschrieben, indem er die revolutionäre Gesinnung des Trägers symbolisierte. Der sogenannte „Revoluzzer“-Bart kam 1830 mit der Französischen Julirevolution auf. Ab 1848 fand er auch in Deutschland Verbreitung. Viele männliche Rebellen folgten diesem Trend, auch später noch im 20. Jahrhundert. Berühmte Bartträger sind hier unter anderem Che Guevara und Fidel Castro. Doch auch Karl Marx’ wallende Backenmähne ist als Ausdruck der Revolution nicht wegzudenken.

Der Wandel der Mode

Clark Gable

Clark Gable mit einem feinen Oberlippenbärtchen, das in den 1940ern sehr populär war (Wikicommons).

Leonardo DiCaprio

Rund um den Mund: Der „Henriquatre“-Bart ist noch heute beliebt. Leonardo DiCaprio ist ein prominenter Träger (Wikicommons).

Die politische und militärische Bedeutung ging gegen Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend verloren, und verschiedene Bartformen wurden in allen gesellschaftlichen Kreisen aufgegriffen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der moderne Mann weitgehend wieder glattrasiert unterwegs, was unter anderem Filmvorbildern des amerikanischen Kinos zu verdanken ist. Einflussreich für die glatten Gesichter waren zudem die Erfindung des Einwegrasierers von King Camp Gillette und die damals kursierenden Berichte über den Bart als Bakterienschleuder. Mit der Glattrasur wird oftmals Jugendlichkeit, Energie, Reinheit und Verlässlichkeit assoziiert. Doch nicht lange Zeit später verbreitete sich wieder der Bartwuchs, der zunehmend mit Natürlichkeit verbunden wird. Jede Zeit bringt so ganz eigene Vorlieben mit sich: Sei es ein elegantes Schnurrbärtchen wie in den 1940ern, der Vollbart der Flower-Power-Generationen oder ein Ziegenbärtchen (Goatee) wie in den 1990ern. Bartmoden kommen und gehen.

Bart dran oder Bart ab? Man(n) muss entscheiden, was schön ist

Heute darf das Barthaar in nie gesehenen Stilen sprießen. In der säkularisierten westlichen Welt soll der Bart individuell zum Lebensgefühl des Trägers passen. Ganz persönliche Beweggründe sind ausschlaggebend bei der Entscheidung für oder gegen Haare im Gesicht. Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterson stellte jedoch treffenderweise fest: „You cannot grow a beard in a moment of passion.“ Heutzutage liegt der bärtige Mann zwar im Trend, doch darf die Pflege und Zuwendung nicht vernachlässigt werden. Insbesondere kernige, aber pflegeintensive Vollbärte sind im Zuge der Hipster-Bewegung seit 2010 zu einem beliebten Mode-Accessoire geworden.

Hans Langseth, Bart

Pflege ist alles: Der Norweger Hans Langseth (1846-1927) hatte mit 5,33 Metern den längsten Bart der Welt (Wikicommons).

Es zeigt sich also ein deutliches Auf und Ab in der Geschichte von glattrasierten Gesichtern und rauschenden Bärten. Doch der Bart war und ist zu keinem Zeitpunkt vollständig aus jedem Männergesicht verschwunden, was die Wertschätzung der Gesichtsbehaarung verdeutlicht. Insgesamt ist das Barttragen ein komplexes Phänomen, das sich auf keinen Fall über einen Kamm scheren lässt.

 

 

 

Quellen

Gnegel, Frank (1995): Bart ab. Zur Geschichte der Selbstrasur. Köln: DuMont Buchverlag.

Martin, Barbara (2000): Der bärtige Mann. Eine Skizze um ein erotisches Attribut. Berlin: Kryolan.

Peterkin, Allan (2014): Tausend Bärte. Zur Kulturgeschichte des Bartes im 20. und 21. Jahrhundert in Nordamerika und Europa. In: Scheller, Jörg/Schwinghammer, Alexander (Hgg.): Anything Grows. 15 Essays zur Geschichte, Ästhetik und Bedeutung des Bartes. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, S. 11- 24.

Wietig, Christina (2005): Der Bart. Zur Kulturgeschichte des Bartes von der Antike zur Gegenwart. Dissertation. Universität Hamburg. https://www.chemie.uni-hamburg.de/bibliothek/2005/DissertationWietig.pdf

https://www.was-war-wann.de/mode/bartmode.html (10.06.2018)

Mehr berühmte Bartträger: http://www.spiegel.de/fotostrecke/geschichte-der-bartmode-von-1860-bis-heute-fotostrecke-107659.html (05.07.2018)