Jeder hat sie bestimmt schon einmal in der Comicabteilung von Buchläden, oder in der Popkultur wahrgenommen. Die quietschbunten Charaktere aus Fernost, mit ihrer auffallend üppigen und skurrilen Haarpracht. Die Rede ist von den Figuren aus sogenannten japanischen „Manga“ und „Anime“, die schon seit Jahren auch im Westen sehr populär sind. Doch was steckt hinter den ausgefallenen Looks der Figuren? Und was verraten sie über die japanische Popkultur im Allgemeinen?

Dragon Ball, der im Westen wohl bekannteste Vertreter, ist ein Manga (japanisch für Comic), der im Zeitraum von 1984 bis 1995 wöchentlich im Magazin „Shonen Jump“ erschien. Heutzutage kann er sich einer sehr großen Fangemeinde erfreuen. Der Erfolg führte dazu, dass die Mangavorlage in Anime, also in japanische Zeichentrickfilme oder Serien umgesetzt wurde. Dies steigerte den Bekanntheitsgrad der Serie nochmals gehörig. Selbst wenn man die Serie in ihrer Gänze, was immerhin stattliche 42 Bände, vier Fernsehserien, 18 Kinofilme sowie etliche Videospielumsetzungen beinhaltet, nicht kennt, so sind es doch die ausgefallenen, hochstehenden Frisuren, die viele mit der Reihe in Verbindung bringen. Viele entgegnen daher auf die Frage: „Kennst du Dragon Ball?“ – „Das sind doch die mit den komischen Frisuren“.

Doch was steckt dahinter? Oder besser gesagt: darunter? Im Clip sieht man den Protagonisten Son Goku, wie er in einem der vielen dramatischen Höhepunkte der Serie seine Kampfkraft aus Wut über den Verlust eines Mitstreiters um ein Vielfaches steigert. Was in der Folge seine sowieso schon einzigartige schwarze Mähne in eine goldgelbe, schimmernde Föhnfrisur verwandeln lässt, die scheinbar unbeeindruckt von den Gesetzen der Gravitation gen Himmel reicht. Ein zweifellos beeindruckender Effekt.

Bunte Frisuren als Element der Stilisierung

Doch warum das ganze Trara? Inwieweit steht eine gesteigerte Kampfkraft in Verbindung mit einem so drastischen Frisurenwechsel?! Akira Toriyama, der Schöpfer von Dragon Ball, begründet die Entscheidung mit der einfachen Tatsache, dass dies im Kolorierprozess einfacher von der Hand gehen würde. Das Ausmalen mit schwarzer Farbe sei deutlich zeitaufwendiger als mit Gelb. Doch es gibt auch Leser, denen die grelle Haarfarbe in Kombination mit der zackigen Frisur  und einer leichten Tendenz zum „overacting“ der Charaktere ein bisschen zuviel ist. Zumindest wenn man durch eine westlich geprägte Brille blickt. In Japan, speziell im Manga oder Anime, werden Emotionen direkt auf den Punkt gebracht. Das kompromisslose Vermitteln der Inhalte steht hier im Vordergrund und der Realismus ist zweitrangig. Die Animatoren in Japan konzentrieren sich lieber auf die Komposition und den Ausdruck des Moments, die sie durch starke Stilisierungselemente, wie zum Beispiel verspielte, bunte Haarschnitte, bewirken wollen.

Orientierung am Westen

Ein weiterer Faktor im Kreativprozess der Animationsstudios, ist der westliche Einfluss. Die stückweite Anlehnung an der westlichen Kultur ist ein Phänomen, das in der japanischen Popkultur nicht selten vorzufinden ist. Insbesondere die Deutschen haben es den Japanern angetan. Und das merkt man nicht nur an den Scharen japanischer Touristen, die sich mit ihren Fotoapparaten auf Schloss Neuschwanstein tummeln.

Der Schwarzwald als Inspirationsquelle der japanischen Popkultur?

Der Schwarzwald als Inspirationsquelle der japanischen Popkultur © Harke, Wikimedia Commons,https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Schiltach_Ufer.jpg

In der Animeserie „Attack on Titan“ beispielsweise ist der Handlungsort an ein kleines Dorf angelehnt, das so gut und gerne auch mal im idyllischen Schwarzwald vorzufinden sein könnte. Dazu kommt, dass die Charaktere auch teilweise deutsche Namen wie Armin, Reiner und Berthold haben.

Es geht auch mit gesitteter Haarpracht

Aber zurück zu den Haaren. Neben den ikonischen Mangaserien wie Dragon Ball oder auch One Piece, die sich mit verspielter Flippigkeit übertrumpfen, findet man im japanischen Zeichentrickkosmos auch Vertreter, die sich im Haardesign der Charaktere eher an eine realistische Wiedergabe von Frisuren halten. Zu nennen ist hier das preisgekrönte „Studio Ghibli“, welches für seinen Film „Chihiros Reise ins Zauberland“ sogar einen Oscar gewann. Trotz der märchenhaften, fantastischen Gestaltung der Welt ist die Protagonistin Chihiro eher natürlich gezeichnet und unterscheidet sich nicht wesentlich von amerikanischen und europäischen Comicfiguren.

Japanisches Poster zu Chihiros Reise ins Zauberland

Japanisches Poster zu „Chihiros Reise ins Zauberland“ © Studio Ghibli

Als eine Art Satire auf die Sehgewohnheiten japanischer Serien ist der vergleichsweise neue Vertreter „One Punch Man“ zu verstehen. Hier trägt der gleichnamige Hauptcharakter als Kontrastprogramm zu den restlichen Animefiguren und entgegen allen bisher etablierten Prinzipien schlicht eine Glatze.

Japans bunte Popkultur, eine Art Eskapismus?

Schrille Frisuren und kunterbunte Charaktere findet man in Japans Popkultur aber nicht nur in der Fiktion. Auch im realen Leben, wie in der Musik, dem sogenannten J-Pop Genre, der Mode oder in der Cosplay-Community sind sie vertreten. Bei Letzterer kleiden und stylen sich die Fans von Manga und Anime nach ihren Vorbildern und nähen sogar selbst aufwendige Kostüme und Perücken. Diese führen sie dann bei Conventions oder auf der Straße vor. Auch dieser Trend ist mittlerweile in Deutschland angekommen.

Cosplayer posieren wie ihre Vorbilder

„Cosplayer“ posieren wie ihre Vorbilder © Sigismund von Dobschütz, Wikimedia Commons, https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Anime-Cosplay_05.JPG

All diese Phänomene beinhalten eine Kernbotschaft: Man will sich von der gewöhnlichen Masse abheben. Sozusagen eine Art Eskapismus beziehungsweise ein Ausbruch aus dem Alltag. Ob nun in Form einer ausgefallenen Frisur, eines Kostüms oder den unzähligen bunten Neonleuchtreklamen in Tokios Szeneviertel Shibuya. Es ist bekannt, dass der Arbeitsalltag in Japans Turbokapitalismus kein Zuckerschlecken ist. Arbeitszeiten von zwölf bis dreizehn Stunden und der damit verbundene Schlafmangel sind keine Seltenheit. Vielleicht also schaffen sich die Japaner mithilfe ihrer Popkultur eine Art Ventil, um den harten, disziplinierten Alltag etwas erträglicher zu machen.

Wir Außenstehende im Westen dürfen dennoch erst mal weiterhin über die Frisuren und Looks von Manga- und Animecharakteren schmunzeln. Allerdings können wir auch viel daraus lernen, welche kulturellen Hintergründe sich dahinter verbergen.

 

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3 Kommentare
  1. Yu-Hsuan
    Yu-Hsuan sagte:

    Beim Lesen ist mir etwas eingefallen. Also ein ganz aktuelles und beliebtes Manga in Japan sowie weltweit: Attack on Titan. Interessanterweise tragen die Charaktere alle deutsche Namen. Eine Stadt drin heißt Shiganshina, und Inspiration für ihre Architektur der Gebäude liefert Nördlingen, eine Stadt in Bayern.

  2. MarcelLe
    MarcelLe sagte:

    Son Goku wird zum Sauper-Saiyajin – Kindheit pur! Die Verwanldung zum Super-Sayajin 3 ist aber noch besser, vor allem auf Englisch: https://www.youtube.com/watch?v=2cjbSgy3vSw

    Gerüchteweise soll der englische Synchronsprecher bei den Aufnahmen für die Szene am Ende des Schreis sogar in Ohnmacht gefallen sein!

    Haare sind auf jeden Fall ein sehr spezielles Thema in Anime und Manga. Ein gutes Beispiel, was mir da immer wieder einfällt, ist Yugi aus Yu-Gi-Oh!:http://uploads3.yugioh.com/character/3/detail/detail/yamiyugi-l.png?1371744397

    Noch ausgefallener geht’s fast nicht!

  3. Sahra
    Sahra sagte:

    Interessante Betrachtungsweise auf japanische Popkultur. Ich habe mich, ehrlich gesagt, noch nie wirklich mit den Gründen für die ganze Cosplay-Bewegung befasst. Unter dem Aspekt des Eskapismus ergibt das natürlich Sinn. Dein Beitrag weckt auf jeden Fall mein Neugier nach mehr Hintergrundinformationen.

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