Der Beruf des Bauers ist einer der ältesten und traditionsreichsten in Deutschland. Wie bei vielen Berufen bestehen aber gerade beim Job des Bauern viele Klischees – sowohl über die Arbeit als auch den Menschen. Doch der Blick hinter die Kulissen lohnt sich, denn Landwirtschaft kann ziemlich modern und vielseitig sein: „Von Eintönigkeit keine Spur!“

Kühe auf grünen Wiesen, Berge, Seen und Bauernhäuser mit bunten Blumenkästen vor den Fenstern – bayrische Idylle pur. Hier könnte man meinen, dass die Uhren noch etwas langsamer ticken. Doch hinter den typisch bayrischen Fassaden stecken moderne, fortschrittlich denkende Köpfe. Im Ort Riegsee im Landkreis Garmisch-Partenkirchen lebt und arbeitet der Landwirt Georg Mayr mit seiner Familie.

Der Hof der Familie Mayr besteht schon seit über 500 Jahren im Ort Riegsee in Oberbayern. Foto: Lisa Ellinger

Der Hof von Georg Mayr besteht schon seit über 500 Jahren. 2002 hat er den familieneigenen Betrieb von seinem Vater, Georg Mayr senior, übernommen. Wie schon seine Vorfahren hat auch sein Vater einen klassischen Milchbauernhof betrieben. Doch Fortschrittsdenken liegt in der Familie: So habe Georg Mayr senior als einer der ersten in der Region einen Laufstall, einem Stall in dem sich die Nutztiere frei bewegen können, für seine Kühe eingeführt. „Das war 1978 schon fast Pionierarbeit“, erzählt sein Sohn. Doch Georg Mayr junior wollte sein eigenes Ding machen und hat in den letzten Jahren den Familienbetrieb komplett umstrukturiert. Heute gibt es auf dem Bauernhof keine Milchkühe mehr. Der Landwirt betreibt eine Bio-Ochsenaufzucht, produziert nachhaltige Energie, kümmert sich in der kommunalen Landschaftspflege um den Erhalt der Natur und bietet Urlaubern auf seinem Hof Platz zum Entspannen.

Wie vielfältig die Arbeit in der Landwirtschaft sein kann und welche Rolle dabei sowohl Familienzusammenhalt als auch der Spaß an der Arbeit spielen, erzählt Landwirt Georg Mayr im Gespräch.

Herr Mayr, war es für Sie eigentlich schon immer klar, dass Sie einmal den Hof Ihres Vaters übernehmen werden, oder war das eine schwere Entscheidung?

Das ist ganz lustig bei uns: Ich bin nie gefragt worden, ob ich den Beruf machen möchte. Es stand fest, dass ich als ältester Sohn den Hof übernehmen werde. Also man hat mir eigentlich nie die Frage gestellt, was ich beruflich machen möchte, sondern es war einfach klar, dass für mich gar keine andere Wahl da ist.

Was hätten Sie denn beruflich gemacht, wenn Sie die Wahl gehabt hätten?

Der Bereich Hochbau und Architektur hätte mir unheimlich gut gefallen. Das hat mich immer schon interessiert, und ich wäre vielleicht auch auf dem Bau gelandet, wenn mich jemand gefragt hätte. Aber mich hat ja keiner gefragt (lacht). Nach meiner viereinhalbjährigen Ausbildung zum Landwirt wollte ich eigentlich noch ein Jahr auf die höhere Landbauschule gehen, aber dann hätte ich nochmal ein Jahr als Arbeitskraft auf dem Hof gefehlt. Deshalb habe ich, während ich bereits im Familienbetrieb mitgearbeitet habe, noch zusätzlich mehrere Jahre in einer Zimmerei, einem Baugeschäft und bei einem Kunstschmied gearbeitet.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, von der Milchproduktion auf die Bio-Fleischproduktion umzusteigen?

Der Milchbetrieb mit allem, was dazugehört, zum Beispiel auch auf Auktionen und Schauen zu gehen, war die Leidenschaft meines Vaters – meine aber überhaupt nicht. Deshalb habe ich mir Nischen gesucht, die für mich und für meine Familie erstmal mehr Spaß machen. Es ist für mich ganz, ganz wichtig, dass mir mein Beruf richtig Spaß macht. Sonst ist jeder Tag eine Mühe. Wenn ich aber an der Arbeit Freude habe und dann noch erfolgreich bin, wird die Mühe zum Spaß.

Außerdem stelle ich mein eigenes Tun immer wieder in Frage. Bei allem, was ich mache, überlege ich mir: Ist es richtig oder gehört etwas verändert? Mit dem Thema Bio habe ich mich schon 1991 nach meinem Fachschulabschluss auseinandergesetzt. Die Vermarktung von Bio-Ochsenfleisch in der Gastronomie wäre zu der Zeit aber noch undenkbar gewesen. Das wäre zu teuer gewesen. Mittlerweile gibt es immer mehr Leute, die weniger Fleisch essen, aber wenn, dann eines, von dem sie wissen, wo es herkommt. Sie sind dann auch bereit, den höheren Preis zu zahlen. Neben Getreideschrot von einem Erzeuger aus dem Nachbarort bekommen unsere Rinder ausschließlich Futter vom eigenen Hof und das Gras von den eigenen Weiden. Außerdem haben wir gesagt, wir wollen Vorreiter beim Thema Tierwohl sein. Bei uns haben die Tiere doppelt so viel Platz wie in konventionellen Betrieben, deshalb müssen die Rinder auch nicht mehr enthornt werden, weil sie genügend Freiraum haben. Dadurch sind sie auch viel ruhiger, relaxter und friedlicher miteinander. Das ist ja bei den Menschen auch nicht anders – wenn man zu eng aufeinander ist, dann kriselt es.

Georg Mayr junior will Vorreiter zum Thema Tierwohl sein und hat dafür unter anderem einen großzügigen Stall für seine Ochsen gebaut. Foto: Lisa Ellinger

Wie hat Ihr Vater darauf reagiert, als Sie die Milchproduktion beenden wollten?

Ich bin in der glücklichen Situation, einen sehr verständnisvollen Vater zu haben. Als ich ihm erklärt habe, wie ich mir das neue Modell vorstelle, hat er gesagt: „Wenns moinst, dann machst’as halt.“ Da ist nie ein böses Wort gefallen und er hat mich die ganze Zeit voll unterstützt – genauso wie meine Frau und Kinder. Wenn die Familie intakt ist und alle zusammen helfen, dann lassen sich solche Visionen auch leichter realisieren.

Gibt es bei Ihnen einen typischen Arbeitstag?

Ganz egal ob Sommer oder Winter: Der erste Gang morgens führt in den Stall. Dann werden die Tiere versorgt und geschaut, dass die Kälber ihre Milch bekommen. Auch mittags und abends haben wir unsere festen Zeiten, zu denen wir bei den Tieren sind.

Dann kommt es auf die Jahreszeit an. Jetzt im Sommer ist ganz normale Grünlandarbeit angesagt, das heißt mähen und Futterernte für den Winter. Die stressigste Zeit ist der Spätsommer: Im August geht es los mit der Landschaftspflege. Im Auftrag von Kommunen und Verbänden pflegen wir schwer bearbeitbare Flächen, also extreme Steillagen oder extrem vernässte Lagen in den Moorwiesen. Das geht bis Oktober, und in der Zeit bin ich eigentlich kaum noch zuhause. Im Winter sind wir viel im Wald, da haben wir nochmal 14 Hektar Forstfläche, die bearbeitet werden muss. Was auch noch dazugehört, sind Reparaturen. Wir haben eine eigene Betriebswerkstatt, in der wir Holz und Metall bearbeiten können, um so teure Fremdarbeitskosten zu sparen. Außerdem bin ich auch für das Administrative, was den landwirtschaftlichen Betrieb angeht, zuständig. Meine Frau kümmert sich um alles, was die Ferienwohnungen betrifft. Wir sitzen also auch immer wieder zusammen im Büro.

Hat sich Ihr Arbeitsalltag seit der Umstrukturierung verändert?

Verändert haben sich vor allem die Arbeitszeiten. Milchkühe brauchen ganz feste Zeiten. Meine Frau und ich sind 23 Jahre lang jeden Tag um 4:45 Uhr aufgestanden und das sieben Tage die Woche. Das ist schon ganz schön zäh. Jetzt können wir den Wecker auch mal ein bisschen später stellen, wenn es am Abend vorher länger geworden ist. Zwar ist man in der Landwirtschaft mit Tieren eigentlich 365 Tage im Jahr gebunden, aber wir haben es mit der jetzigen Betriebsform geschafft, dass wir unsere Zeit flexibler gestalten und auch mal spontan einen Ausflug machen können. Es kommt natürlich auf die Jahreszeit an: Im Winter ist der Stall mit Tieren komplett gefüllt, da ist die Arbeit am meisten. Wenn die Tiere im Sommer auf den Almen sind, ist mehr Luft. Wenn die Arbeit also gerade nicht zu viel ist, springen auch mal unsere Kinder oder Ersatzkräfte ein und versorgen die Tiere.

Mit der Betriebsumstellung ist auch noch das Thema Marketing dazu gekommen. Da wir unser Fleisch selber vermarkten und nicht über einen Großabnehmer, bin ich immer wieder bei Geschäftsterminen und Verkaufsgesprächen.

Obwohl der Weg als Landwirt für Sie vorgezeichnet war, haben Sie sich in diesem Beruf verwirklicht. Was ist für Sie das Schönste an ihrer Arbeit?

Es ist einfach genial, wenn man eine Idee hat, diese umsetzt und dann auch noch Erfolg damit hat. Meine Arbeit ist so vielschichtig und breit gefächert – das macht Spaß und von Eintönigkeit ist keine Spur. Außerdem finde ich es schön, wenn man von etwas existieren kann, was seit vielen Generationen schon eine Familie ernährt hat – wir arbeiten immer noch mit der gleichen landwirtschaftlichen Fläche, die mein Vater und Urgroßvater schon hatten.

Wie sieht das eigentlich heutzutage aus: Haben Ihre Kinder einmal die Wahl, ob sie den Hof übernehmen wollen?

Ja klar, bei uns steht noch nicht fest, wer den Hof übernimmt. Wir lassen jedem unserer fünf Kinder die komplette Freiheit. Meine Frau und ich haben gesagt, wir betreiben den Hof, so wie wir ihn gerade führen, weiter für uns, ohne dass wir die Weichen stellen. Da müssen auch wir offen sein, wenn unsere Kinder einmal etwas ganz anderes machen wollen.

 


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1 Antwort
  1. Franziska Sieb
    Franziska Sieb sagte:

    Ein richtig tolles Interview! Ich komm auch vom Land und hab eine ganze Weile bei uns im Nachbarort als Aushilfe im Hofladen eines Bauernhofs gearbeitet. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie vielseitig der Beruf des Bauern heute ist! Es hat richtig Spaß gemacht das Interview zu lesen und die Fotos sehen einfach aus wie aus einer Urlaubsbroschüre!

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