Menschen wollen in ihrer Arbeit einen Sinn sehen. Ansonsten fehlt oft der Ansporn für eine Tätigkeit und ganz schnell kommt die Frage auf: Warum mache ich das? Welcher Sinn steckt überhaupt hinter der Arbeit? Eine philosophische Betrachtung.

Warum arbeite ich eigentlich? Haben wir uns das nicht alle einmal gefragt? Um Geld zu verdienen. Das scheint eine logische Antwort zu sein. Aber dahinter steckt mehr. Für die Generation Y, die zwischen 1980 und 2000 geboren ist, muss der Beruf nicht nur ihr Leben finanzieren. Wichtig ist für sie, Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden zu verbringen. Zusätzlich soll die Tätigkeit sinnstiftend sein.

Laut des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Index – Gute Arbeit von 2018 sehen viele Beschäftigte einen Sinn in ihrer Arbeit: 82 Prozent sind es bei Angestellten mit Kundenkontakt, 77 Prozent bei Arbeitnehmern, die diesen Kontakt nicht haben. Doch was ist eine sinnvolle Arbeit? Gibt es sinnlose Jobs? An was kann man überhaupt bemessen, dass ein Job wertvoll ist?

In der Wissenschaft gibt es darüber unterschiedliche Ansichten. Für Soziologin Friedericke Hardering ist sinnvolle Arbeit nützlich, gut oder subjektiv bedeutsam. Nützlich sei sie, wenn die Gesellschaft davon profitiere – zum Beispiel Ärzte, die für Gesundheit oder Polizisten, die für Sicherheit sorgen. Gut sei sie, wenn die Arbeitsgestaltung für den Beschäftigten komplex und ganzheitlich sei. Subjektiv bedeutsam sei sie, wenn die Fähigkeiten eines Beschäftigten beachtet würden und diese notwendig seien.

Viele Menschen definieren sich über ihren Beruf

Doch wie wichtig ist Arbeit überhaupt für den Sinn des Lebens? Auch darauf hat Hardering eine Antwort. In Erwerbsgesellschaften sei die Erwerbsarbeit die führende Sinnquelle. Das Motto in Deutschland scheint zu sein: Nur wer arbeitet, ist etwas. Viele definieren sich über ihren Beruf. Eine der ersten Fragen auf einer Party ist oft: „Was arbeitest du?“ Daher sei ein sinnerfülltes Leben ohne Arbeit aus dieser Perspektive laut Hardering nicht möglich.

Ein gutes und gelungenes Leben hat aus der Sicht des Philosophen Markus Rüther mehrere Dimensionen. Im persönlichen Gespräch sagt er: „Dazu gehört, sich gut fühlen, Erfolg haben, authentisch sein und das verwirklichen, was man möchte.“ Den Sinn der Arbeit charakterisiert er anhand der klassischen Philosophen Aristoteles und Platon: Sinnvoll sei eine Tätigkeit, die schön (künstlerisch), gut (Hilfe gebend) und wahr (wissenschaftlich) ist. Rüther betont, dass man diese Ansicht im minimalistischen Sinn verstehen muss: „Auch in der Freizeit kann ich etwas Wissenschaftliches machen, wie beispielsweise mich der Astronomie widmen.“

Macht jede Tätigkeit Sinn?

Wenn Rüther arbeitet, orientiert er sich an den bekannten Philosophen Aristoteles und Platon. Nach ihrem Verständnis ist die Wissenschaft eine Betätigung in der Muße. Rüther hat das für sich folgendermaßen definiert: „Ich arbeite nicht, damit ich glücklich bin, Erfolge habe und meine Talente verwirkliche. Sondern nur damit ich eine gute wissenschaftliche Arbeit leiste.“ Andere Dimensionen wie moralische Arbeit, Einsatz für Gerechtigkeit und Fairness wurden jedoch auch zu einer Arbeit motivieren. – Genauso wie, sich selbst zu verwirklichen oder Anerkennung zu bekommen. Zum Beispiel in dem die Ergebnisse der eigenen Arbeit für andere sichtbar sind.

Doch nicht jede Tätigkeit mache seiner Meinung nach Sinn. „Wir müssen aufpassen, dass das nicht überhandnimmt.“ Er nennt den Fabrikarbeiter, der Eis einpackt. Der Arbeiter könnte selbst keinen Zweck darin erkennen und sich nicht als Teil der Firma sehen. Sich einem Unternehmen zugehörig fühlen, sei jedoch sinnstiftend. Daher fordert er, manche Arbeitsplätze umzugestalten. Den Beschäftigten müsste deutlicher gemacht werden, welchen Zweck ihre Arbeit hat. Jeder ist eines von vielen kleinen Zahnrädern ohne die ein Unternehmen nicht funktionieren würde.

Leider sei aber das Ziel der meisten Arbeiten, dass sie erledigt seien, so Buchautor und Journalist Patrick Spät in einem YouTube-Video zur Karriereverweigerung. Die Politik trichtere uns ständig ein, dass Wachstum nötig sei, dass wir uns noch mehr anstrengen müssten. „Aber in Wahrheit füllen wir damit nur die Konten einiger weniger“, sagt Spät. Zurückzuführen ist diese Entwicklung nach dem Streben „immer mehr zu produzieren“ auf die Industrialisierung. Sie änderte die Ansicht darüber, was Arbeit sein soll. Die Arbeiter mussten schneller arbeiten. Durch die neue Technik verlor der Angestellte zunehmend den Überblick darüber, warum er arbeitet. So entstand Eintönigkeit bei der Arbeit. Karl Marx, Gesellschaftstheoretiker und Philosoph, spricht hier von einer Entfremdung der Arbeit.

Arbeit soll der Gesellschaft nutzen

Der amerikanische Ethnologe David Graeber prägt im Hinblick auf das „Streben nach mehr“ den Begriff der Bullshit Jobs. Das seien Tätigkeiten, bei denen der Beschäftigte selbst davon ausgehe, dass seine Stelle nicht rechtzufertigen sei. Man hätte eigentlich nichts zu tun. Wie ein spanischer Angestellter, von dem Graeber in seinem gleichnamigen Buch berichtet. Er kam sechs Jahre lang nicht zur Arbeit und keiner merkte es. Seine eigentliche Arbeitszeit nutzte er dazu, Experte von Texten des jüdischen Philosophen Baruch Spinoza zu werden.

Für den Angestellten war seine neue Tätigkeit sinnvoll. Doch Markus Rüther merkt an: „Das machte nur sein Leben besser.“ Doch was ist mit der Gesellschaft? Nur wenn eine Arbeit auch den anderen nutze, sei diese – allgemein betrachtet – sinnvoll. Individuell betrachtet, sieht es nochmal anders aus: Jeder von uns muss seinen eigenen Sinn in der Arbeit sehen. Letzten Endes geht es immer darum, dass der Beschäftigte selbst Sinn in seiner Arbeit sieht. Für einen Außenstehenden mag der Beruf eines Kassierers eintönig wirken. Das muss jedoch keineswegs die Ansicht des Beschäftigten selbst sein. So sieht der Journalisten und Autor Patrick Spät eine gute Arbeit darin, wenn er selbstbestimmt entscheiden kann, was er machen möchte. Für die Soziologin Friedericke Hardering ist sinnvolle Arbeit dann gegeben, wenn die Gesellschaft davon profitiert. Die klassischen Philosophen Aristoteles und Platon haben ein ganz anderes Verständnis vom Sinn der Arbeit: Sie sollte künstlerisch, Hilfe gebend oder wissenschaftlich sein. Sich selbst verwirklichen ist für Markus Rüther, einem Philosophen unserer Zeit, eine sinnerfüllende Arbeit.

Seht ihr das genauso: Was ist für euch eine sinnvolle Arbeit?

 

Verwendete Quellen und mehr Information zum Thema:

Graeber, David (2018): Bullshit Jobs. Vom Wahren Sinn der Arbeit. Klett-Cotta, Stuttgart.

Hardering, Friedericke (2015): Meaningful work: Sinnvolle Arbeit zwischen Subjektivität, Arbeitsgestaltung und gesellschaftlichem Nutzen. Springer Fachmedien, Wiesbaden.

Institut DGB-Index Gute Arbeit (2018): Der Report 2018. Wie die Beschäftigten die Arbeitsbedingungen in Deutschland beurteilen. Bonifatius GmbH, Paderborn.

Bundeszentrale für politische Bildung (2016): Karriereverweigerung – Interview Patrick Spät. https://www.youtube.com/watch?v=Pqco6zCgHLQ . Abgerufen: 01.07.2019

Selbstgeführtes Interview mit Markus Rüther, Philosoph der Uni Bonn


Mehr zum Thema Sinn und Arbeit lest ihr in Mais Beitrag Auf der Suche nach dem Sinn, weitere spannende Beiträge gibt es auf unserem Blog Under Construction. Außerdem halten wir unsere Leserinnen und Leser auf Facebook und Instagram auf dem Laufenden.

6 Kommentare
  1. Friederike Schmidt
    Friederike Schmidt sagte:

    Liebe Tanja, schön zu sehen, was aus deinem Blogeintrag schlussendlich noch geworden ist. Ich habe ihn gerne noch einmal gelesen! Was mir besonders gefällt ist, dass du nun auch die/unsere Leser einbeziehst! Um hier einmal den Anfang zu machen: Sinnvolle Arbeit ist für mich eine Arbeit, die mich (mit Glück) erfüllt und die ich gerne erledige. Gleichzeitig muss sie mir aber auch sinnvoll erscheinen und einen Mehrwert für Menschen oder die Menschheit, Tiere, die Umwelt, unseren Planeten oder zumindest für ein Unternehmen (hinter dem ich stehen kann) haben.

  2. Laura Mitlewski
    Laura Mitlewski sagte:

    Ich finde die Sinnhaftigkeit von Arbeit enorm wichtig! Ohne sie, verliert man jede Motivation, seiner Arbeit nachzugehen.

  3. Elisabeth Harvey
    Elisabeth Harvey sagte:

    It was very interesting to read about a philosopher’s take on work and employment! Your article speaks to one of the key issues in the modern workforce: people experience a conflict between their financial motivation for employment and their desires to devote their time to endeavors that they find meaningful, to feel needed in their pursuits, and to make a contribution to society through their work. I think that for employers and HR departments this tendency is worth taking under consideration, and that supporting employees in their desire for meaningful work will be an important factor in recruiting and retaining workers in the coming decades.

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