„Das kann ich auch noch morgen machen.“ – Prokrastination ist das Aufschieben wichtiger Aufgaben und betrifft vor allem junge Menschen. Die Art und Weise, wie wir unsere Hängepartien verbringen, ist dabei eine Kunst für sich. Wie wir heutzutage prokrastinieren, wann wir von pathologischer Prokrastination sprechen und warum der Hang zur Aufschieberitis nicht immer schlecht sein muss, verraten uns leidenschaftliche Wissenschaftler und Prokrastinierer.

Kaffeemachen, Tagträumerei, die Suche nach einer TV-Serie auf sämtlichen Streaming-Plattformen und Elektrofachgeschäften. Binge-Watching als natürliche Konsequenz. Eine weitere Ausrede, um diesen Text nicht schreiben zu müssen, fällt mir schon noch ein. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Morgen – ein mystischer Ort, an dem sich all unsere Motivation und Produktivität zu verbergen scheint. Das glaubten wohl auch die größten Berühmtheiten. Leonardo da Vinci, Abraham Lincoln oder auch Franz Kafka verstanden es scheinbar gut, wichtige Aufgaben auf die lange Bank zu schieben. Der Künstler da Vinci galt als Tagträumer, der seine meisten Werke nie vollendet hat. Abraham Lincoln überarbeitete die ikonische Gettysburg Address einen Tag, bevor der ehemalige amerikanische Präsident sie halten sollte. Und Franz Kafka? Der machte wohl seinen Job dafür verantwortlich, dass er nicht zum Schreiben kam, während der Autor gleichzeitig vierstündigen Mittagsschlaf hielt.

Die Angewohnheit, meist unangenehme Aufgaben immer wieder aufzuschieben, ist auch heute weit verbreitet. Rund ein Drittel der Deutschen halten sich selbst nach einer Studie des SINUS-Instituts für treue Opfer der Aufschieberitis. Und seien wir mal ehrlich. Fast jeder kennt es. Ob im Studium oder am Arbeitsplatz: Da ist diese eine wichtige Aufgabe, vor der du dich mit allen Mitteln drücken willst. Alles andere scheint plötzlich so viel wichtiger, interessanter, komfortabler zu sein. Die Art und Weise, wie wir unsere Hängepartien verbringen, ist dabei eine Kunst für sich. Da gibt es zum Beispiel:

Die Procrastineater

Die Aufschiebetaktik, die gut schmeckt. Sobald eine wichtige Aufgabe ansteht, treibt dich die Erledigungsangst zum Kühlschrank. Zwei Schokoriegel, 20 Salzstangen, eine Packung Gummibärchen und drei Tassen Kaffee später ist der Tag vorbei, dein Magen voll und das Papier immer noch leer.

Die Putzweltmeister

Normalerweise lässt der Haushalt schon mal auf sich warten. Doch wenn eigentlich konzentriertes Arbeiten am Schreibtisch an der Tagesordnung steht, wird der Staubsauger plötzlich zur attraktiven Ablenkung. Ehe du dich versiehst, hast du das Bad gewischt, die gesamte Küche aufgeräumt, den Frühjahrsputz hinter dich gebracht. Zumindest kann niemand da behaupten, du wärst nicht produktiv gewesen.

Die Smartphoneverfluchten

Das Smartphone vibriert. Fünf neue WhatsApp-Nachrichten und eine neue, wahnsinnig interessante Insta-Story über das Mittagessen deiner Freunde warten darauf, von dir gesehen zu werden. Und wenn du schon am Handy bist, kannst du gleich noch deine Mails checken und deinen Status updaten. Schließlich sollte jeder wissen, wie hart du gerade arbeitest – #workworkwork.

Die Internetsurfer

Das WordWideWeb ist ein Ort voller Möglichkeiten. Das wissen aufschiebeanfällige Menschen wahrscheinlich am besten. Wird erst einmal die Google-Suchmaschine angerührt, steht die Abwärtsspirale kurz bevor. Erst als du ein Youtube-Tutorial darüber anschaust, wie man einen Schnurrbart richtig zwirbelt, kommst du wieder zu dir. War da nicht was?

Die Panikmacher

Die Deadline? Morgen. Die Nerven? Blank. Nichts ist fertig und vor lauter rasenden Gedanken, Herzklopfen und Schnappatmung kommst du gar nicht dazu, die wenige Zeit, die dir noch bleibt, vollends auszunutzen. Das wird eine lange Nacht, mit viel Kaffee und kräftigen Augenringen.

Prokrastination als pathologische Störung

Neben den harmlosen Alltagströdeleien kann Prokrastination auch pathologische Züge annehmen. Das wird erkennbar, sobald sich das Aufschieben wichtiger Tätigkeiten über einen längeren Zeitraum erstreckt und ernsthafte Konsequenzen nach sich zieht. Obwohl Betroffenen ihr destruktives Verhalten bewusst ist, ändern sie meist nichts daran. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz gehen davon aus, dass zu hohe Leistungsanforderungen und Versagensängste bei Prokrastinationsverhalten eng miteinander zusammenhängen.

Junge Menschen sind besonders betroffen

Die Studie der Universitätsmedizin Mainz zeigt auch, dass insbesondere junge Menschen im Studium oder in der Schule von Prokrastination betroffen sind, weil ein Studium ein hohes Maß an Selbststrukturierung verlangt. Jugendlichen und jungen Erwachsenen stünde außerdem eine Zukunft mit unbegrenzten Möglichkeiten bevor, der sie mit einem gelockerten Zeitgefühl und einem Mangel an Gewissenhaftigkeit begegnen würden.

Schuld ist scheinbar auch die Hirnanatomie: Carolin Schlüter und weitere Autoren von der Universität Bochum fanden in einer Studie heraus, dass aufschiebeanfällige Menschen ein größeres Gefühlszentrum, auch bekannt als Amygdala, besäßen. Sie schlussfolgern daraus, dass Prokrastination mit einer größeren Furcht vor den Konsequenzen einer Handlung einhergeht. Gleichzeitig ist die Verbindung zwischen der Amygdala und dem Hirnareal für unsere Handlungskontrolle alias den dorsalen anterioren cingulären Cortex weniger stark ausgeprägt.

Prokrastination kann auch positiv sein

Tipps gegen den Prokrastinationsschweinehund gibt es im Netz wie Sand am Meer. Realistische Ziele setzen und ein richtiger Umgang mit Ablenkungsquellen sind dabei zentral, so die Prokrastinationsambulanz der Universität Münster. Doch muss Aufschieberitis immer etwas Negatives sein? Immerhin geht das Verb „prokrastinieren“ auf das lateinische „procrastinare“ zurück, das fernab von negativen Assozationen, als reflektiertes Vertagen von gewichtigen Entscheidungen verstanden wird. Und nicht nur das: John Perry ist Prokrastinationsoptimist und – wer hätte es gedacht – leidenschaftlicher Aufschieber. Vermutlich als Zauderhandlung geboren, schrieb der Professor für Philosophie ein Buch über das Thema. Seine These lautet: Menschen mit Hang zur Prokrastination sind gerade durch ihre Trödelhandlungen vielschaffende Liegenlasser. Und wenn da Vinci, Lincoln und Kafka es zu etwas gebracht haben, ist da vielleicht sogar etwas dran.

 

Alle Illustrationen: © Linda Prey

 


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4 Kommentare
  1. Robert Galiard
    Robert Galiard sagte:

    Ich wollte den Beitrag schon vor ner Weile kommentieren, aber dann kam mir was dazwischen.. den Putzweltmeister kann ich bestätigen! Der Internetsurfer ist tödlich. Dem Panikmacher versuche ich weitgehend vorzubeugen und manchmal siegt auch einfach die Kreativität über die alltäglichen Verpflichtungen. 😉

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  2. Franziska Sieb
    Franziska Sieb sagte:

    Ich musste beim Lesen des Beitrags echt ein paar Mal schmunzeln, weil ich mich bei einigen Dingen wiedergefunden habe. Ein toller Artikel, der viele Seiten des Prokrastinierens beleuchtet.

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  3. Anne Schneider
    Anne Schneider sagte:

    Hey Linda, ich finde deinen Artikel zum Thema Prokrastination – das ich von mir ganz gut kenne – sehr aufschlussreich. Besonders interessant und witzig fand ich deine Zusammenstellung von Typen an Prokrastinierern. Ich persönlich würde mich wohl in die Kateorie der „Putzweltmeister“ einordnen, weil ich mich selbst schon oft dabei ertappt lieber das Bad zu putzen oder den Ofen mal wieder richtig zu reinigen anstatt für die Uni zu arbeiten 🙂 Die Illustrationen dazu sind dir auch sehr gut gelungen!

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  4. SmpL
    SmpL sagte:

    Statt zu arbeiten lese ich grade diesen Artikel und fühle mich ertappt 😉
    Aber um nicht direkt weitezuarbeiten formuliere ich nur noch schnell diesen Kommentar und dann….

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