Beiträge

Grün, Grün, Grün sind alle meine… Bücher! Doch weshalb haben so viele Bücher einen grünen Buchumschlag? Hat das überhaupt eine Bedeutung und wenn ja, welche? Ob Naturschauspiel, Meeresspiegel oder Edelsteine: Wir stellen euch vier grüne Bücher und ihren interessanten Zusammenhang mit der Farbe vor. Weiterlesen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan soll einmal gesagt haben: „Manche Bücher sind gefährlicher als Bomben.“ In der Menschheitsgeschichte gab es unzählige Würdenträger, die das geschriebene Wort als Bedrohung ausriefen. Nicht selten folgte die Zensur. Auf der documenta 14 machte die argentinische Konzeptkünstlerin Marta Minujín das Ausmaß dieser Meinungskontrolle auf eindrucksvolle Weise erlebbar.

Weiterlesen

Geister suchen wir in dunklen Ecken, schaurigen Ruinen oder auf dem Friedhof – doch was ist eigentlich mit den lebenden und analysierenden Geistern zwischen den Bücherregalen der Bibliotheken? Die Geisteswissenschaften werden genau wie ihre untoten Verwandten gefürchtet oder belächelt. Ein Plädoyer für den Mut, sich seines Geistes zu bedienen.

Das Abitur in der Tasche und voller großer Ideen und Fragen, was die Welt zusammenhält. Was ich werden will? Das weiß ich noch nicht so genau – mich interessieren Menschen und Literatur, ich mag Sprachen und fremde Kulturen. Ich entscheide mich gegen die Vernunft in meinem Kopf und folge meinem Herzen: Anglistik soll es sein. Meine Eltern sind nicht sonderlich überrascht – „Das passt zu dir!“ Was „Das“ ist, wissen wir zu dem Zeitpunkt alle nicht so genau.

An der Universität erfahre ich, dass ich nun zu den sogenannten Geisteswissenschaftler*innen gehöre. Dass Anglistik nur ein kleiner Teil im riesigen Becken der verschiedenen Disziplinen der Geisteswissenschaften ist, begreife ich anfangs noch nicht. Allein an der Universität Tübingen zählen über 25 Institute zur Philosophischen Fakultät, von der Geschichtswissenschaft über die Kunstwissenschaft bis hin zu den Philologien, in denen ich mein Zuhause gefunden habe. Schnell wird klar, die Geisteswissenschaft lebt vom interdisziplinären Austausch. Ich fühle mich wohl zwischen Geschichte-Nerds und Literaturliebhaber*innen und es dauert nicht lange, bis ich mich selbst auch zu dem abstrakten Feld der Geisteswissenschaftler*innen zähle.

„Und was macht man dann damit?“

Laut des Statistischen Bundesamtes entschieden sich im Wintersemester 2017/18 12 Prozent aller Studienanfänger*innen für ein geisteswissenschaftliches Studium an einer deutschen Hochschule. Die Geisteswissenschaften zählen damit zu den großen Universitätswissenschaften und reihen sich neben den Natur- und Sozialwissenschaften ein. Auch wenn 12 Prozent sich nach eher wenig anhören, hat sich die Zahl der Einschreibungen für Geisteswissenschaften seit dem Wintersemester 2015/16 immerhin um 3.000 Studierende in ganz Deutschland erhöht.

Geisteswissenschaftler*innen vergraben sich gerne in Bibliotheken – Vorurteil mit wahrem Kern?

Das Studium beginnt. Endlich bin ich umringt von gleichgesinnten Jane-Austen-Freaks und besuche Seminare zu Theater- und Kulturwissenschaft. Ich lerne alles über Literaturanalyse, den weiten Kulturbegriff und darüber, wie man in kürzester Zeit drei Bücher parallel liest. Lesen ist so ziemlich das einzige, was ich tue, doch das stört mich nicht.

Die Semester fliegen nur so dahin, bis ich das erste Mal auf die Frage aller Fragen antworten muss: „Und was macht man dann damit?“ Ich werfe mit Fachbegriffen um mich und versuche möglichst schlau zu klingen. Schnell merke ich jedoch, dass das mein Gegenüber nicht zufriedenstellt. Von da an wechsle ich zwischen Selbstironie und einem selbstbewussten „Nichts!“, bis hin zu ansatzweise greifbaren Berufen wie Lektorin oder Kulturreferentin. Beides sind Berufe, in denen ich mich eigentlich nicht sehe.

Geisteswissenschaftlerin oder Geisterjägerin?

Langsam realisiere ich, dass außerhalb des universitären Lebens niemand so wirklich weiß, was Geisteswissenschaften genau sind – und vor allem, warum es sie gibt. Selbst ratlos über die Wissenschaft, mit der ich meine Zwanziger verbringe, beginne ich das zu tun, was die Geisteswissenschaftler*innen am besten können – recherchieren.

Der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911) sieht den Hauptcharakter der Geisteswissenschaften in dem Versuch, menschliches Handeln zu verstehen. Damit konnte er sie von den Naturwissenschaften abgrenzen, die allgemein gesprochen das Ziel des Erklärens von Naturphänomenen anstreben. Das Einzelne verstehen kann aber nur derjenige, der das Ganze im Blick hat – das Ganze ergibt sich wiederum durch das Einzelne. Es entsteht eine Art Kreislauf – der sogenannte hermeneutische Zirkel. Man merkt, wir machen uns das Leben gerne selber schwer.

Geisteswissenschaftler*innen bedienen sich ihres kritischen Geistes.

Wahrscheinlich könnte die Gesellschaft mit einer Ausbildung zur Geisterjägerin mehr anfangen, wäre zwar schräg, aber immerhin konkret. Nein, wir Geisteswissenschaftler*innen denken abstrakt und deswegen sind unsere Forschungsfelder es nun mal auch. Es geht nicht darum, zu versuchen das Tonndorfer Schlossgespenst zu fangen, sondern zu hinterfragen, wie diese Legende der weißen Frau überhaupt an Popularität gewinnen konnte.

In dem Sammelband „Geisteswissenschaft heute – Die Sicht der Fächer“ verteidigt Julia Aparicio Vogel die Existenz meines Studiengangs:

„In einer Welt, die zunehmend von Informationsüberfluss und Laienwissen dominiert wird, ist ein solcher kritischer Zugang, das Wissen um die Subjektivität jeglicher Meinung, aber auch das Expertenwissen, das die Geisteswissenschaften sehr wohl vermitteln, wichtiger denn je.“

Was G’scheits

Dieser Satz kann auch nur von einer Geisteswissenschaftlerin geschrieben sein – aber wie Recht sie damit hat. Geisteswissenschaften lehren nicht über Steuererklärungen, Kochrezepte oder Businesspläne. Es geht nicht darum, etwas „G’scheits“ zu lernen, wie man in Baden-Württemberg so schön sagt, sondern darum, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (um Immanuel Kant hier nebenbei mal einfließen zu lassen und zu zeigen, dass sich mein Studium doch im Alltag einbringen lässt!).

Die Geisteswissenschaften beobachten mit einem differenzierten Blick gesellschaftliche Phänomene anhand verschiedener Methoden, immer darauf bedacht, das Ganze im Blick zu haben. Ich beende mein Bachelorstudium und bin zufrieden. Mein Interesse ist geweckt, am Alltäglichen und an Dingen, die Menschen bewegen. Ich habe gelernt zu hinterfragen, warum wir unser Handeln mit „Das macht man halt so“ erklären.

Im Master entscheide ich mich für die Medienwissenschaft und bleibe damit den Geisteswissenschaften treu. Ich freue mich, die lästige Fragerei nach dem Sinn meines Studiums endlich los zu sein – unter Medienwissenschaft kann sich die Allgemeinheit ja vielleicht doch etwas vorstellen. Auf die Frage aller Fragen antworte ich nun voller Zuversicht, als Antwort bekomme ich: „Aah irgendwas mit Medien“. Ist zwar nicht besser, aber immerhin antworte ich jetzt ganz konkret auf die Berufsfrage mit: „Total viel!“ – Gelogen ist das nicht.

Was hat der Kinderbuch-Klassiker Otfried Preußlers mit Saudi-Arabien zu tun? Die Amerikanerin Kristie Pladson schreibt über ihre Zeit an einer saudischen Mädchen-Highschool und darüber, wie es kam, dass sie auf das kleine Gespenst neidisch wurde. 

Ich saß auf einem winzigen Sofa, meine Beine untergeschlagen, einen Druckbleistift in der einen Hand, Otfried Preußlers „Das kleine Gespenst“ in der anderen. Die Seiten des englisch-deutschen Wörterbuchs auf dem Wohnzimmertisch vor mir flatterten im Luftzug der Klimaanlage. Der Plan war klar: Lies das Kapitel einmal, unterstreiche alle neuen Wörter, schlag sie im Wörterbuch nach und lies das Kapitel noch einmal.

„In Deutschland hatte ich bereits ein paar Deutschkurse belegt. Mein Verlobter meinte, ich sei bereit, ein richtiges Buch zu lesen.“ Otfried Preußler: „Das kleine Gespenst“ (1966)

Zwei Seiten, 20 neue Wörter und eine halbe Stunde später lachte ich auf bei dem Gedanken an die Leute, die mir vorgeschlagen hatten, ich solle mit Kafkas „Verwandlung“ anfangen.

Aber welchen Unterschied machte es schon, wie lange ich brauchen würde? Ich hatte Zeit. Keine Bars, keine Musik, keine Kinos, kein Grün, kein öffentlicher Nahverkehr. Draußen war es 35 Grad heiß, es gab dort nichts und für mich sowieso keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen. In Saudi-Arabien hatte ich alle Zeit der Welt für mein kleines Gespenst.

Kapitel 1

Es war das Jahr 2014. Noch drei Monate zuvor hatte mein Leben dem vieler anderer, frischgebackener amerikanischer College-Absolventen geglichen: Ich saß im Haus meiner Eltern im mittleren Westen der USA und durchsuchte das Internet nach einem Job. Allerdings nicht nach irgendeinem Job. Was ich suchte, war scheinbar unmöglich – ich wollte eine gute Bezahlung und mit dem deutschen Studenten zusammenziehen, in den ich mich in einem Auslandssemester verliebt hatte. Ich merkte schnell, dass der internationale Arbeitsmarkt für Literaturstudentinnen aus Indiana ziemlich überschaubar war. Doch es musste diesen Weg geben, und ich würde ihn finden.

Riad – „Mein Verlobter sträubte sich. ‚Das ist der letzte Platz auf der Erde, an dem ich jemals würde leben wollen‘, waren seine exakten Worte.“ Foto: B.C. Biega

Es gab ihn tatsächlich, und er führte weit nach Osten.

„In Saudi-Arabien zu arbeiten ist herausfordernd und lohnend. Wenn Sie einen absolut einzigartigen Lebensstil kennenlernen und Teil eines sich schnell wandelnden Landes sein wollen, dann möchte ich jetzt mit Ihnen sprechen. Dies ist eine ausgezeichnete Chance auf einen schnellen Karriereschritt und ein beträchtliches, STEUERFREIES GEHALT.“

Steuerfrei. Mietfrei. Persönlicher Fahrer. Swimming Pool. Arbeitsvisum. Die Liste ging weiter.

Mein Verlobter sträubte sich. „Das ist der letzte Platz auf der Erde, an dem ich jemals würde leben wollen“, waren seine exakten Worte. Aber er hatte in seinen Augen Herzen so groß wie die Dollarzeichen in meinen. Als sich für ihn ein Job mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in Riad auftat, war die Sache entschieden. „Es wird ein Abenteuer sein“, sagte ich, erst um ihn zu überzeugen, später dann, um mich selbst zu beruhigen.

„Das kleine Gespenst“ war in meinem Handgepäck auf dem Flug über den Atlantik zu meiner neuen Arbeitsstelle als Englischlehrerin. In Deutschland hatte ich bereits ein paar Deutschkurse belegt. Mein Verlobter meinte, ich sei bereit, ein richtiges Buch zu lesen.

„Das war das erste Buch, das ich je gelesen habe,“ meinte er. „Ich war so stolz, als ich es durch hatte. Du wirst es auch sein.“

Ottfried Preußlers Kinderbuch-Klassiker erzählt die Geschichte eines freundlichen Geists, der in der Burg der Stadt Eulenstein spukt. Mehr als irgendetwas sonst wünscht er sich, Eulenstein bei Tageslicht zu sehen, aber er verschläft jeden Tag aufs Neue. Eines Tages erwacht er zur Mittagsstunde, im hellen Sonnenschein. Er verbringt einen glücklichen Nachmittag damit, Unfug in der Stadt zu treiben, bevor er merkt, dass er in dieser Tageszeit gefangen ist.

Über die nächsten zehn Monate sollte sich diese schlichte Erzählung mir enthüllen, Wort für Wort.

Kapitel 2

Das Taxi holte uns am König-Khalid-Flughafen ab und setzte uns eine Stunde später in einer Straße ab, die rechts und links von stockwerkhohen Metallwänden gesäumt war. Große, verschlossene Metalltore waren in regelmäßigen Abständen zu sehen. Man sagte mir, die Mauern seien einem alten Gesetz gemäß gebaut, demzufolge sie so hoch sein müssten, dass ein Kamelreiter nicht darüberschauen kann. Jede Wohngebietsstraße in dieser Sechs-Millionen-Stadt sieht identisch aus.

Der Ort, an dem ich jetzt stand, war vor weniger als 80 Jahren noch eine Oasenstadt aus Lehm und Palmholz gewesen. Dann wurde Öl entdeckt, und eine klimatisierte Metropole aus Wolkenkratzern, Einkaufszentren und Stadtautobahnen entstand scheinbar aus dem Nichts. Mit der neuen Stadt kam eine neue Bevölkerung. Von ihren nomadischen Vorgängern unterschied sie sich dadurch, dass sie nicht mehr nur in der Moschee, sondern auch bei McDonalds und Starbucks einen Lebensmittelpunkt hatte. Das neue Riad baute eine wackelige Brücke in den Westen, auf der es Jahr für Jahr Tausende Englischsprecher wie mich herbeilockte, um seinen Einwohnern die englische Sprache beizubringen. Vorübergehend verzichteten mein Verlobter und ich auf mehrere Menschenrechte – auf Meinungsfreiheit, auf freie Ausübung unseres Glaubens, auf Musik, auf Bewegungsfreiheit. Im Gegenzug erhielten wir ein aufgeblähtes Gehalt und, anders als unsere Schicksalsgefährten aus Sri Lanka und Pakistan, die Sicherheit, dass wir jederzeit wieder würden verschwinden können.

Ich stand auf der Straße in dieser Nacht. In der Hand hielt ich mein Iqama, meinen saudischen Aufenthaltstitel: Ein Jahr lang würden wir hier leben.

Mein Körper gewöhnte sich erst noch an die Wärme, den trockenen Wind und den wehenden schwarzen Umhang, der ihn zum ersten Mal verbarg. Mein Verlobter nestelte am Schloss herum. Eine Neonlampe schien auf das schwarze Tuch herab, das um mein Gesicht gelegt war, während ich die Wand hinaufstarrte, hinter der wir wohnen würden. Die Tür öffnete sich mit einem Quietschen. Wir rollten unser Gepäck hinein und schlossen sie hinter uns.

Die Wohnung, die uns mein Arbeitgeber zur Verfügung stellte, war einfach aber ausreichend: Zwei Zimmer plus Küche und Bad, billige Möbel, Plastikböden. Jeder Zentimeter war mit feinem Staub bedeckt, der von der Wüste, die die Stadt umgibt, hereingetragen wurde. Über die Monate würden wir wischen und fegen und putzen. Stets war der Staub binnen einer Stunde zurück und legte sich wie ein Schleier über die Wohnung, als sei sie verlassen und unbewohnt. Unsere Wohnung ähnelte auf diese Weise dem staubigen, verlassenen Dachstuhl, in dem Preußlers Gespenst den Tag verschläft. Und doch würde sie sich später weit entfernt anfühlen von jenem gemütlichen, stillen Zufluchtsort, um den ich das kleine Gespenst noch beneiden sollte.

Kapitel 3

Der Unterricht begann um 6:45 Uhr. Auf diese Weise konnten die Schülerinnen nach Hause, bevor die Hitze 30 Grad überschritt. Früh an jedem Morgen weckte mich die knarrende Stimme eines Mannes, der den ersten von fünf Gebetsrufen per Lautsprecher über unserer Straße ertönen ließ. Ich schloss meine Augen fester und versuchte, ein paar Minuten mehr Schlaf zu stehlen, bevor um 5:45 Uhr mein Wecker klingeln würde.

Aus dem Bett und in der Dunkelheit zog ich die Leggings, den knöchellangen Rock und das langärmlige Hemd an, die an der Mädchen-High-School, an der ich arbeitete, Pflicht waren. Darüber meine Abaya, der schwarze Umhang, den alle Frauen in Saudi-Arabien in der Öffentlichkeit tragen müssen. Ich legte ein schwarzes Tuch um meinen Hals, wie es von Ausländerinnen erwartet wird. Zehn Minuten war ich mit dem Fahrer auf dem Weg zur Schule. Fünf Minuten danach schritt ich an Wachmännern vorbei, durch das Tor der Al-Tarbiyah Al-Namouthajiyah International School.

An meinem ersten Tag lernte ich meine Schülerinnen kennen, saudische Mädchen im Alter von elf bis 14 Jahren, und meine Kolleginnen, Frauen aus Riad, Ägypten, Jordanien, Indien, einige aus England und den USA. Ich hatte keinen Plan. Stattdessen ließ ich meine Schülerinnen Fragen an mich an die Tafel schreiben. In großen, schnörkeligen Buchstaben krakelten sie: „Wie alt sind Sie?“, „Sind Sie verheiratet?“, „Was ist Ihre Religion?“, „Tragen Sie Bikinis?“, „Hatten Sie einen Freund, als Sie so alt waren wie wir? Haben Sie ihn geküsst?“

Die Flure und Klassenzimmer der Schule dröhnten vor Lachen und Geschrei, an jenem ersten Tag und jedem darauf folgenden. Die Schülerinnen blickten lächelnd zu mir auf, wie uniformierte katholische Schulmädchen, aber mit bodenlangen Röcken. Auf dem Parkplatz vor dem Fenster standen Palmen, die Blätter reglos in der Sonne.

„Ich legte ein schwarzes Tuch um meinen Hals, wie es von Ausländerinnen erwartet wird.“ Foto: Kristie Pladson

Kapitel 4

Ich hatte null pädagogisches Training oder Erfahrung und den Job trotzdem irgendwie bekommen. Ich dachte, weil man mir den Job gegeben hatte, müsse ich wohl auch qualifiziert dafür sein.

Meine Absichten waren gut, aber meine Umsetzung war fürchterlich. Ich entwickelte die schlechte Angewohnheit, Unterrichtspläne erst kurz vor dem Klingeln zusammenzuschustern, nur um es bis zum Ende des Tages zu schaffen. Jeden Tag nahm ich mir vor, „heute Abend wirst Du einen richtigen Unterrichtsplan machen. Heute Abend kommst Du wieder auf Spur.“

Aber dieser Abend kam nie. Meine dürftigen Schulaufgaben kamen bearbeitet zurück und bildeten wachsende Stapel in meinem staubigen Wohnzimmer. Vorwurfsvoll warteten sie darauf, benotet zu werden.

Erst schob ich es auf den Jetlag. Dann auf den Kulturschock. Dann auf die Organisation der Schule.

Diese Beanstandungen waren gerechtfertigt, meine Reaktion auf sie eher nicht.

Der Stundenplan änderte sich wöchentlich, manchmal von heute auf morgen oder sogar im laufenden Schultag. Lehrerinnen platzten unvermittelt in mein Klassenzimmer und schrien die Mädchen auf Arabisch an. Alle verließen den Raum. „Wir haben jetzt Koranunterricht, Miss.“

Mütter tauchten unangekündigt auf, um über die Noten ihrer Töchter zu diskutieren. 20 Zwölfjährige blieben im Englischunterricht sich selbst überlassen, während ich abgezogen wurde, um Nespresso zu trinken und ein sich im Kreis drehendes Gespräch zu führen, das immer damit endete, dass die Schulleiterin die Note nach oben korrigierte.

Jeden Morgen schallte der Gebetsruf durch das Fenster meines Klassenzimmers. Der Unterricht stoppte. Die Schülerinnen drängelten raus, um ihre Hände zu waschen und zu beten. Zehn Minuten später ging der Unterricht weiter. Aber die „unartigen Schülerinnen“, wie die saudischen Lehrerinnen sie nannten, versteckten sich jedes Mal auf der Toilette. Ich spürte sie dort auf; sie bettelten und flehten, noch beten gehen zu dürfen. Bis sie zurück kamen, war der Unterricht vorbei.

Einen Morgen erzählte eine Schülerin von einem Zauberer, der bei ihnen zuhause angerufen habe; am nächsten Tag beklagte sich eine andere über die Hexe, die ihre Cousine mit dem bösen Blick krank gemacht habe. Kollegen erzählten Geschichten von Dienstmädchen, denen unter Folter Geständnisse der Hexerei abgerungen und dann der Kopf abgeschlagen worden sei. Ich dachte an das kleine Gespenst und wie seine Schwierigkeiten im Vergleich dazu verblassten.

Jeden Nachmittag kam ich euphorisch nach Hause, einen weiteren Tag überstanden zu haben. An guten Tagen belohnte ich mich selbst mit einem Nachmittag auf dem Sofa, wo ich mich von der Klimaanlage anpusten ließ und „Verbotene Liebe“ und andere Vorabendserien der ARD anschaute – seltsamerweise einer der fünf Sender, die wir empfangen konnten. An schlechten Tagen zog ich die Polyestervorhänge zu und kroch ins Bett. Manchmal blieb ich dort zwei oder drei Tage liegen und grübelte über mein Versagen.

Kapitel 5

Ich arbeitete mich weiter mühsam durch „Das kleine Gespenst“, das ich bei meiner Ankunft angefangen hatte. Eine Seite hier, zwei Seiten da. Eine Passage auf der allerersten Seite blieb mir im Gedächtnis haften: „Tagsüber schlief es in einer schweren, eisenbeschlagenen Truhe aus Eichenholz, die stand auf dem Dachboden, wohl versteckt hinter einem der dicken Schornsteine, und kein Mensch hatte eine Ahnung davon, dass sie eigentlich einem Gespenst gehörte.“

Ich musste sowohl „Truhe“ als auch „Eichenholz“ in meinem englisch-deutschen Wörterbuch nachschlagen, bevor ich mir ein Bild machen konnte von dem stillen, gemütlichen, sicheren Platz, den das kleine Gespenst gefunden hatte, um dort den Tag zu verschlafen. Während sich meine Zeit in Saudi-Arabien in die Länge zog und mein Kontrollgefühl mir in den Fingern zerrann, tauchte dieses friedliche Bild in Anwandlungen plötzlichen, heftigen Neids immer wieder vor meinem geistige Auge auf.

„Tagsüber schlief es in einer schweren, eisenbeschlagenen Truhe aus Eichenholz…“ Bild: Thienemann-Esslinger Verlag GmbH

„Ich wünschte, auch ich könnte in eine Truhe klettern und den ganzen Tag lang versteckt bleiben“, sagte ich zu meinem Verlobten. Vielleicht war das an einem jener Tage, die mit einer auf dem Tisch tanzenden Schülerin und einer im Takt klatschenden Klasse endeten. Ihr fröhliches Gejohle übertönte meine hilflosen Ordnungsrufe.

Hätte ich noch Gedanken auf etwas anderes als mein Selbstmitleid verwenden können (und etwas schneller gelesen), wäre mir aufgefallen, dass das kleine Gespenst und ich noch durch viel mehr als meinen Neid auf seine Truhe verbunden waren.

Gefangen im Eulensteiner Tageslicht merkt das kleine Gespenst, dass der Schein der Sonne es von weiß zu schwarz verwandelt hat. Von da an will es nichts anderes mehr, als wieder das weiße Nachtgespenst zu werden, das es früher war, und in seine Eichentruhe auf dem Dachboden zurückzukehren.

Jeden Morgen legte ich wie betäubt meinen fließenden, schwarzen Umhang und mein schwarzes Kopftuch um und bewegte mich ziellos durch eine Stadt aus Mauern, die ich nie überwinden würde. Erst später wurde mir klar, dass auch ich ein Gespenst geworden war..

Kapitel 6

Ich las das Buch fertig. Mein Verlobter hatte Recht, ich war stolz auf mich. Aber wegen der Sprachbarriere hatte ich viele Details verpasst, und was ich verstanden hatte, ließ bei mir viele Fragen zurück. Wie zum Beispiel:

Wenn Kugeln und Schwertklingen durch den Körper des kleinen Gespensts fliegen können, ohne es zu verletzen, warum braucht es dann Schlüssel und Türen, um von Raum zu Raum zu schweben?

Ist das kleine Gespenst der Geist einer verstorbenen Person? Falls nicht, wo kommt es her?

Warum sucht es den Uhu Schuhu für seinen Rat und seine Weisheit auf, wenn es selbst doch eigentlich viel, viel älter ist als er?

Warum hatte die schwedische Armee solche Angst vor dem kleinen Gespenst, aber die Schulkinder, die ihn herumjagen, überhaupt keine?

Ist es nicht etwas rassistisch, dass die Bürger Eulenbergs ihn den „schwarzen Unbekannten“ nennen und versuchen, ihn aus der Stadt zu jagen?

Mein Verlobter lachte und meinte, ich solle die Geschichte einfach so akzeptieren, wie sie ist, wie er es als Kind auch getan habe.

Kapitel 7

Das Ende des Schuljahrs nahte. Ich gab alle Hoffnung auf ein professionelles Comeback auf, und meine Selbstmitleidstour gleich mit. Der bevorstehende Aufbruch nach Deutschland nahm mich jetzt ganz ein.

In den USA basteln Grundschulklassen, wenn sie zählen lernen, Ketten aus Papier, die für die Tage bis zu den Sommerferien oder Weihnachten stehen. Jedes Glied symbolisiert einen Tag. Mit jedem Tag, der vergeht, entfernen die Kinder ein Kettenglied. Ich riss alte Schülerarbeiten in Streifen, um eine Papierkette mit 14 Gliedern zu basteln, genug, um meine verbleibenden beiden Wochen zu messen. Jeden Tag riss ich ein Kettenglied ab und zählte alle verbliebenen Glieder zweimal laut.

Es waren vier Kettenglieder übrig, als ich mein Iqama verlor.

Ohne meine saudische Aufenthaltserlaubnis würde ich das Land nicht verlassen können. Ich benachrichtigte die Schule, von wo aus ich sofort zu einer Polizeistation gefahren wurde, mit der Anweisung zu lügen – mein Iqama sei gestohlen worden. Es zu ersetzen, würde andernfalls zu lange dauern, und ich würde meinen Flug verpassen. Die nächsten vier Stunden verbrachte ich damit, auf einer saudischen Polizeiwache Polizisten anzulügen.

Es funktionierte. Das neue Iqama kam rechtzeitig an. Weniger als 24 Stunden später gab ich es am König-Khalid-Flughafen ab und verließ Saudi-Arabien für immer.

Es ist jetzt vier Jahre her, dass ich in Deutschland gelandet bin. Alles Geld, das ich damals verdient hatte, ist weg. Ich habe meine Ausgabe des kleinen Gespensts verloren, habe aber neulich das Audiobuch angehört. Es dauerte 90 Minuten. Ich weiß jetzt, dass mein Neid auf das Gespenst nicht gerechtfertigt war. Genau wie ich verbrachte es die meiste Zeit des Buches damit, zu versuchen, zu seiner Truhe zurückzukommen. Ich war einfach ein langsamer Leser.

Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sagt meine Schwiegermutter gerne, dass wir in Saudi-Arabien ein Jahr unseres Lebens verschwendet hätten. Das macht mich jedes Mal wütend. Liegt das aber daran, dass sie falsch liegt, oder richtig?

Das kleine Gespenst schafft es zurück in sein altes Leben dank der Freundschaft der Kinder von Eulenstein. Ich bin nie in mein altes Leben zurückgekehrt, aber die Menschen in Riad halfen mir in mein neues.