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Grün, Grün, Grün sind alle meine… Bücher! Doch weshalb haben so viele Bücher einen grünen Buchumschlag? Hat das überhaupt eine Bedeutung und wenn ja, welche? Ob Naturschauspiel, Meeresspiegel oder Edelsteine: Wir stellen euch vier grüne Bücher und ihren interessanten Zusammenhang mit der Farbe vor. Weiterlesen

Womöglich ist jeder schon einmal aus dem Kinosaal gewandert, nachdem man endlich die lang erwartete Verfilmung des letzten Lieblingsbuches auf der großen Leinwand gesehen hat, und konnte sich diesen einen, oftmals weit verbreiteten Gedanken nicht verkneifen: „Okay, aber das Buch war irgendwie besser.“ Versuchen wir doch etwas Licht ins Dunkel zu bringen und zu klären, was die eigene Vorstellungskraft und das Eintauchen in fiktive Welten mit diesem Phänomen zu tun haben.

Vor dem Kinobesuch sind wir tief in diese Welt der Buchstaben eingetaucht, haben bei jedem Weiterblättern das Papier zwischen unseren Fingern gespürt und eine Seite nach der anderen verschlungen. Wir haben unserer Fantasie freien Lauf gelassen und Charaktere und Orte in unsere Köpfe projiziert – um uns dann ein visuelles Spektakel vor Augen zu führen, das in keiner Weise jemals unseren Vorstellungen entsprechen könnte.

Dabei bewegt sich die Wahrnehmung von Literaturverfilmungen innerhalb eines breiten Spektrums: von renommierten Buchadaptionen wie „Der Pate“, „Forrest Gump“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ bis zu Verfilmungen, die eher als Flop gelten, zum Beispiel „Fifty Shades of Grey“, „The Circle“ oder „Das Parfüm“. Darüber hinaus gibt es einige wahre Klassiker, bei denen die Buchvorlage tendenziell unbekannter ist, so etwa „Jurassic Park“, „Fight Club“, „Blade Runner“ oder diverse Werke von Stanley Kubrick und Alfred Hitchcock. Ein anderer Faktor, der in die Rezeption hineinspielt, ist der Umfang der Vorlage: Die Bekanntheit und der Anspruch einer mehrteiligen Buchreihe („Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“) sind logischerweise höher als bei der Verfilmung einer Kurzgeschichte, die oft lediglich eine Inspiration für das Drehbuch darstellt („Minority Report“, „Das Fenster zum Hof“, „2001: Odyssee im Weltraum“).

Das Bauchgefühl sagt also gerne mal, dass die Mehrheit der Meinung wäre, das Buch sei besser gewesen. Tatsächlich überprüft wird das aber eher selten. In diesem Zusammenhang hat das audible magazin eine Studie durchgeführt, die über 100 bekannte Buchtitel mit Filmadaptionen vergleicht. Dazu wurden Userbewertungen der Reviewplattformen Goodreads und IMDb herangezogen und in einem Diagramm dargestellt.

Die Werke verteilen sich sehr breit entlang der positiven Trendlinie, allerdings auch in Richtung schlechtere Bewertungen. Die ausgewählten Buchvorlagen schneiden sowohl schwächer als auch besser als die Verfilmungen ab. Jedoch kann man nicht davon ausgehen, dass jede Person, die eine Verfilmung gesehen hat, zuvor ein Urteil über das Buch gefällt hat. Denn in der Regel sind es dann natürlich die Leser, die tatsächlich eine Aussage über den Vergleich von den beiden Versionen treffen können – und der fällt bekanntlich hin und wieder negativ aus. Aber warum ist das so? Für eine möglichst genaue Antwort auf diese Frage schauen wir uns Hintergründe und Einschätzungen aus der Wissenschaft an.

Medium versus Medium

Die Herausforderung einer Verfilmung besteht darin, das adaptierte Werk aus seiner Form zu entbinden und den technologischen und strukturellen Voraussetzungen des Films zu entsprechen. Dabei muss eine Balance zwischen Werktreue und künstlerischer Interpretation der Filmemacher geschaffen werden. Der wohl größte Unterschied zwischen den beiden Medientypen sind die sogenannten Zeichensysteme. Literatur bedient sich der Schrift und verbindet somit den ästhetischen Reiz von Papier, Wortwahl und Erzählperspektive. Den Film charakterisieren die audiovisuelle Erzählebene und damit der „kinematographische Code“, das heißt allen voran Bild, Ton und Sprache.

Aus diesem Gegensatz ergeben sich einige Hauptkritikpunkte bei Vergleichen von Büchern und deren filmischen Adaptionen. Die begrenzte Laufzeit von Filmen und die ebenso limitierte Aufmerksamkeit der Rezipienten müssen sich mit der Detailliertheit und zeitlichen Unbegrenztheit von literarischen Werken messen. Die Gefühls- und Gedankenwelt von Charakteren kann textlich viel einfacher und intensiver eingefangen werden, als es ein Schauspieler jemals darstellen könnte. Trotz der bildlichen Erzählebene des Films muss dieser oft an inhaltlicher Tiefe einbüßen. Denn Literatur vermittelt eine präzise Vorstellung der Autoren über die fiktive Welt und lässt gleichzeitig ausreichend Raum für Interpretation. Diese aktive Förderung von Fantasie ist in Büchern individuell auf jede Person zugeschnitten. Lesende nehmen somit verschiedenste Details sehr unterschiedlich wahr und malen sich eigene Welten aus, in die sie hineingesogen werden.

Immersion, Imagination und Individualität

Gemäß der Literaturwissenschaftlerin Sandra Poppe ist unsere Verarbeitung von visueller Wahrnehmung ein zentraler Aspekt der Immersion, also der gefühlten Präsenz durch vollkommenes Eintauchen in fiktive Welten. Auch wenn die Zugänge unterschiedlich sind, bieten sowohl Text als auch Film durch die Gestaltung eines fiktionalen Hintergrunds eine Plattform für Bedeutungserzeugung und Sinnvermittlung. Die Medienkulturwissenschaftlerin Robin Curtis argumentiert demnach, dass Immersion bei Zuschauenden durch die tatsächlich sichtbare Raumwahrnehmung im Film entsteht. In der Literatur entwickelt sie sich erst durch aktive Beteiligung der Lesenden an der räumlichen Imagination.

Verfilmung Buch Leinwand Kino

© Anja Weber

Jedes Lesen eines Textes ist eine eigene Vision, eine persönliche Adaption von Papier auf die Leinwand des inneren Auges. Filmwelten werden den Zuschauenden aber mit einer festgelegten Visualisierung als unveränderlich präsentiert. Dadurch ist es unmöglich, alle vorausgegangenen Fantasien der Lesenden zu erfassen, geschweige denn umzusetzen. In Büchern werden Welten mit individuellster Vorstellung entworfen und Handlungslücken mit eigener Vorstellungskraft gefüllt. In Filmen müssen hingegen häufig komplexe Handlungsstränge kompensiert und Szenen zum Verständnis entfernt oder erfunden werden. Aus diesem Grund werden auch regelmäßig Charaktere weggelassen, beispielsweise der mythische Tom Bombadil aus „Der Herr der Ringe“, der Poltergeist Peeves aus „Harry Potter“ oder Katniss‘ beste Freundin Madge Undersee aus „Die Tribute von Panem“. Es wäre reiner Zufall, wenn Filmschaffende auch nur eine einzige Fantasie eines ganz bestimmten Lesers genauso treffen würden. Den spezifischen Erinnerungen und Bildern im Kopf, die man oft über viele Stunden verinnerlicht hat, kann die Verfilmung daher kaum gerecht werden.

Genauso muss die Verfilmung aber als ein individuelles, künstlerisches Erzeugnis gesehen werden. Filmemacher sollten die Freiheit besitzen, ein Werk nach eigenen Vorstellungen und Interpretationen zu erschaffen  ohne das Buch aus den Augen zu verlieren. Das Gleichgewicht von Werktreue und eigenständiger Auslegung ist eine Gradwanderung: Weder sollte man sich zu eng an die Vorlage halten, noch sich zu weit von ihr entfernen. Gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen der beiden Medien zweierlei: Das filmische Endprodukt ist ein heterogenes Zusammenspiel diverser Vorstellungen von Regisseuren, Drehbuchautoren, Kameraleuten, Cuttern, Tontechnikern und so weiter, während ein Buch mehr oder weniger aus einem homogenen Guss des Autors kommt.

Die Notwendigkeit des Vergleichs

Kann und soll man Literatur und ihre Verfilmung dann überhaupt vergleichen? Wenn die Medientypen ohnehin so verschieden, die Kontraste in Form und Inhalt unvermeidbar und die Wahrnehmungen zu individuell sind? Die Antwort ist „Ja“! Die Unterschiede von bedeutenden Romanen und Filmadaptionen fordern den Vergleich und damit auch die Polarisierung geradezu heraus. Wann immer sich jemand Literatur annimmt und sie filmisch inszeniert, kann und muss dieses Ergebnis hinterfragt und verglichen werden. Wie wir fiktive Welten wahrnehmen und in sie eintauchen, individuelle Fantasien und Erlebnisse aus ihnen ziehen und letztlich ganz eigene Ansprüche an Verfilmungen stellen: Die daraus entstehende Diskussion und kulturelle Auseinandersetzung von Papier und Leinwand ist womöglich sogar das, was Buchverfilmungen erst so spannend macht. Abschließend gilt also zu sagen:

„… erstens ist jedes Buch unverfilmbar

und zweitens nur so lange, bis es verfilmt wird.“

– Andreas Kilb, deutscher Filmkritiker

 

Literatur:

Curtis, R. (2008). Immersion und Einfühlung. Zwischen Repräsentationalität und Materialität bewegter Bilder. montage AV. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation, 17 (2), 89-107.

Henneberg, R. (2019). Diese Filme sind als Hörbücher besser. Abgerufen am 31. Mai, 2019, von https://magazin.audible.de/film-vs-buch-vs-hoerbuch/.

Hurst, M. (1996). Erzählsituationen in Literatur und Film: Ein Modell zur vergleichenden Analyse von literarischen Texten und filmischen Adaptionen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

Marie, V. (2011). Die Schwierigkeiten einer Literaturverfilmung am Beispiel von Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“, verfilmt von Tom Tykwer. Hochschule Mittweida, Mittweida.

McFarlane, B. (2007). Reading film and literature. In D. Cartmell & I. Whelehan (Hrsg.), The Cambridge Companion to Literature on Screen. New York: Cambridge University Press.

Poppe, S. (2007). Visualität in Literatur und Film: Eine medienkomparatistische Untersuchung moderner Erzähltexte und ihrer Verfilmungen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

 

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Geister suchen wir in dunklen Ecken, schaurigen Ruinen oder auf dem Friedhof – doch was ist eigentlich mit den lebenden und analysierenden Geistern zwischen den Bücherregalen der Bibliotheken? Die Geisteswissenschaften werden genau wie ihre untoten Verwandten gefürchtet oder belächelt. Ein Plädoyer für den Mut, sich seines Geistes zu bedienen.

Das Abitur in der Tasche und voller großer Ideen und Fragen, was die Welt zusammenhält. Was ich werden will? Das weiß ich noch nicht so genau – mich interessieren Menschen und Literatur, ich mag Sprachen und fremde Kulturen. Ich entscheide mich gegen die Vernunft in meinem Kopf und folge meinem Herzen: Anglistik soll es sein. Meine Eltern sind nicht sonderlich überrascht – „Das passt zu dir!“ Was „Das“ ist, wissen wir zu dem Zeitpunkt alle nicht so genau.

An der Universität erfahre ich, dass ich nun zu den sogenannten Geisteswissenschaftler*innen gehöre. Dass Anglistik nur ein kleiner Teil im riesigen Becken der verschiedenen Disziplinen der Geisteswissenschaften ist, begreife ich anfangs noch nicht. Allein an der Universität Tübingen zählen über 25 Institute zur Philosophischen Fakultät, von der Geschichtswissenschaft über die Kunstwissenschaft bis hin zu den Philologien, in denen ich mein Zuhause gefunden habe. Schnell wird klar, die Geisteswissenschaft lebt vom interdisziplinären Austausch. Ich fühle mich wohl zwischen Geschichte-Nerds und Literaturliebhaber*innen und es dauert nicht lange, bis ich mich selbst auch zu dem abstrakten Feld der Geisteswissenschaftler*innen zähle.

„Und was macht man dann damit?“

Laut des Statistischen Bundesamtes entschieden sich im Wintersemester 2017/18 12 Prozent aller Studienanfänger*innen für ein geisteswissenschaftliches Studium an einer deutschen Hochschule. Die Geisteswissenschaften zählen damit zu den großen Universitätswissenschaften und reihen sich neben den Natur- und Sozialwissenschaften ein. Auch wenn 12 Prozent sich nach eher wenig anhören, hat sich die Zahl der Einschreibungen für Geisteswissenschaften seit dem Wintersemester 2015/16 immerhin um 3.000 Studierende in ganz Deutschland erhöht.

Geisteswissenschaftler*innen vergraben sich gerne in Bibliotheken – Vorurteil mit wahrem Kern?

Das Studium beginnt. Endlich bin ich umringt von gleichgesinnten Jane-Austen-Freaks und besuche Seminare zu Theater- und Kulturwissenschaft. Ich lerne alles über Literaturanalyse, den weiten Kulturbegriff und darüber, wie man in kürzester Zeit drei Bücher parallel liest. Lesen ist so ziemlich das einzige, was ich tue, doch das stört mich nicht.

Die Semester fliegen nur so dahin, bis ich das erste Mal auf die Frage aller Fragen antworten muss: „Und was macht man dann damit?“ Ich werfe mit Fachbegriffen um mich und versuche möglichst schlau zu klingen. Schnell merke ich jedoch, dass das mein Gegenüber nicht zufriedenstellt. Von da an wechsle ich zwischen Selbstironie und einem selbstbewussten „Nichts!“, bis hin zu ansatzweise greifbaren Berufen wie Lektorin oder Kulturreferentin. Beides sind Berufe, in denen ich mich eigentlich nicht sehe.

Geisteswissenschaftlerin oder Geisterjägerin?

Langsam realisiere ich, dass außerhalb des universitären Lebens niemand so wirklich weiß, was Geisteswissenschaften genau sind – und vor allem, warum es sie gibt. Selbst ratlos über die Wissenschaft, mit der ich meine Zwanziger verbringe, beginne ich das zu tun, was die Geisteswissenschaftler*innen am besten können – recherchieren.

Der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911) sieht den Hauptcharakter der Geisteswissenschaften in dem Versuch, menschliches Handeln zu verstehen. Damit konnte er sie von den Naturwissenschaften abgrenzen, die allgemein gesprochen das Ziel des Erklärens von Naturphänomenen anstreben. Das Einzelne verstehen kann aber nur derjenige, der das Ganze im Blick hat – das Ganze ergibt sich wiederum durch das Einzelne. Es entsteht eine Art Kreislauf – der sogenannte hermeneutische Zirkel. Man merkt, wir machen uns das Leben gerne selber schwer.

Geisteswissenschaftler*innen bedienen sich ihres kritischen Geistes.

Wahrscheinlich könnte die Gesellschaft mit einer Ausbildung zur Geisterjägerin mehr anfangen, wäre zwar schräg, aber immerhin konkret. Nein, wir Geisteswissenschaftler*innen denken abstrakt und deswegen sind unsere Forschungsfelder es nun mal auch. Es geht nicht darum, zu versuchen das Tonndorfer Schlossgespenst zu fangen, sondern zu hinterfragen, wie diese Legende der weißen Frau überhaupt an Popularität gewinnen konnte.

In dem Sammelband „Geisteswissenschaft heute – Die Sicht der Fächer“ verteidigt Julia Aparicio Vogel die Existenz meines Studiengangs:

„In einer Welt, die zunehmend von Informationsüberfluss und Laienwissen dominiert wird, ist ein solcher kritischer Zugang, das Wissen um die Subjektivität jeglicher Meinung, aber auch das Expertenwissen, das die Geisteswissenschaften sehr wohl vermitteln, wichtiger denn je.“

Was G’scheits

Dieser Satz kann auch nur von einer Geisteswissenschaftlerin geschrieben sein – aber wie Recht sie damit hat. Geisteswissenschaften lehren nicht über Steuererklärungen, Kochrezepte oder Businesspläne. Es geht nicht darum, etwas „G’scheits“ zu lernen, wie man in Baden-Württemberg so schön sagt, sondern darum, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (um Immanuel Kant hier nebenbei mal einfließen zu lassen und zu zeigen, dass sich mein Studium doch im Alltag einbringen lässt!).

Die Geisteswissenschaften beobachten mit einem differenzierten Blick gesellschaftliche Phänomene anhand verschiedener Methoden, immer darauf bedacht, das Ganze im Blick zu haben. Ich beende mein Bachelorstudium und bin zufrieden. Mein Interesse ist geweckt, am Alltäglichen und an Dingen, die Menschen bewegen. Ich habe gelernt zu hinterfragen, warum wir unser Handeln mit „Das macht man halt so“ erklären.

Im Master entscheide ich mich für die Medienwissenschaft und bleibe damit den Geisteswissenschaften treu. Ich freue mich, die lästige Fragerei nach dem Sinn meines Studiums endlich los zu sein – unter Medienwissenschaft kann sich die Allgemeinheit ja vielleicht doch etwas vorstellen. Auf die Frage aller Fragen antworte ich nun voller Zuversicht, als Antwort bekomme ich: „Aah irgendwas mit Medien“. Ist zwar nicht besser, aber immerhin antworte ich jetzt ganz konkret auf die Berufsfrage mit: „Total viel!“ – Gelogen ist das nicht.

Ein Schriftsteller, der keiner ist. Das Phänomen des Ghostwritings ist keine Erscheinung der Neuzeit. Auch in der Vergangenheit verfassten Ghostwriter berühmte Werke. Manche konnten aufgedeckt werden, andere bleiben für immer ein Mysterium.

Geistern wird nachgesagt, sie seien irgendwo zwischen Existenz und Transzendenz ‒ also hier und doch nicht hier. Das ist ebenso gültig für einen Ghostwriter. Einen Autor, der kein Autor ist. Ein Schriftsteller, dessen Name nicht auf dem Buchrücken erscheint. Jemand, der da ist und dann wieder nicht hier ist. Schon in der griechischen und römischen Antike existierte die Praxis, dass Auftragsschreiber Reden für andere schrieben. Dafür verlangten die sogenannten Logographen sogar ein Honorar. Dieses Phänomen zieht sich durch die Jahrhunderte und ist dem heutigen Ghostwriting im akademischen Bereich sehr ähnlich. Heute verfassen Agenturen Hausarbeiten für Studierende, die zu hohen Preisen erstanden werden können. Ein wichtiger Unterschied besteht hier aber: Das Redenschreiben für andere ist weit verbreitet und wird als legitim betrachtet, Hausarbeiten von einer Agentur schreiben zu lassen ist illegal.

Besonders beliebt ist das Ghostwriting außerdem in der Literaturform der Autobiografie. Berühmte Persönlichkeiten schreiben über ihr Leben ‒ obwohl sie das schriftstellerische Handwerk nicht gelernt haben. Es kommen ihnen dann Schreiberlinge zu Hilfe, die diesen Job für sie erledigen. So verfassten Ghostwriter bekannte Biografien wie zum Beispiel von Heidi Klum, Dieter Bohlen oder Helmut Kohl. Barack Obama und sicherlich viele andere Politiker ließen und lassen ihre Reden von anderen schreiben.

Der Geist des Buches ‒ ist es der Schriftsteller auf dem Buchrücken oder der Ghostwriter? (Quelle: pixabay)

Wer also seine Bücher oder seine Hausarbeiten von einem Ghostwriter schreiben lässt, steht mit seinem Namen auf dem Buchrücken. Gleichzeitig ist er aber nur eine leere Hülle. Deshalb stellt sich hier die Frage: Sind nicht eigentlich die inhaltslosen Namen auf dem Buchrücken die Geister? Sie stehen zwar da, aber eigentlich sind sie nicht existent, nicht im Werk.

Wer war William Shakespeare?

William Shakespeare (Quelle: pixabay)

Wenn wir heute auf die großen Werke aus der Literatur blicken, können wir nur aus dem schließen, was auch überliefert ist. Die wahren Umstände, wie ein Werk entstand und wer schlussendlich die Schreibfeder in der Hand hielt, können wir nicht wissen. Um einen berühmten Schriftsteller ranken sich besonders viele kontroverse Diskussionen. William Shakespeare, der „Romeo und Julia“, den „Sommernachtstraum“ und „Kaufmann von Venedig“ verfasst hat. Er soll einen Ghostwriter gehabt haben? Nun, auch daran scheiden sich die Geister.

In der Literaturwissenschaft hat sich die Auffassung etabliert, dass William Shakespeare der Urheber vieler der Werke ist, die unter seinem Namen veröffentlicht wurden. Kritiker zweifeln allerdings an, dass Shakespeare überhaupt Schriftsteller gewesen ist. Seine soziale Herkunft und seine Schulausbildung könnten nicht den erheblichen Wortschatz in seinen Werken ermöglicht haben. Außerdem bestehen erhebliche Lücken in Shakespeares Lebenslauf. Von Literaturwissenschaftlern wird jedoch fest angenommen, dass Shakespeare Schriftsteller war. Auf seinem Grabstein wurde außerdem eine Darstellung mit einer Schreibfeder gefunden.

Die einen sagen so, die anderen sagen so

Falls jedoch tatsächlich ein Ghostwriter existiert haben soll, ist auch die Frage nach dem Namen desselben nicht geklärt. Auch hier bestehen verschiedene Auffassungen und Möglichkeiten. So gelten unter anderem Francis Bacon, Christopher Marlowe oder Edward de Vere (Earl of Oxford) als mögliche Kandidaten für den wahren Schriftsteller hinter William Shakespeare. Alle sind sie Zeitgenossen von Shakespeare und es gibt Argumente, die für oder auch gegen sie sprechen. Edward de Vere (Earl of Oxford) starb zum Beispiel bereits 1604, während einige Werke von Shakespeare erst nach diesem Zeitpunkt verfasst worden sind. Zwischen dem Schreibstil von Sir Francis Bacon (Wissenschaftler und Philosoph) und Shakespeare soll es gewisse Ähnlichkeiten geben, und Bacon selbst behauptete einmal von sich, ein versteckter Dichter zu sein. Der Dramatiker und Dichter Christopher Marlowe soll sogar seinen eigenen Tod vorgetäuscht haben, um in der Verborgenheit die Werke Shakespeares zu schreiben.

Letztlich geklärt worden sind diese Theorien bis heute nicht. Bisher bleibt die Frage ob, und wenn ja, welchen Ghostwriter es gegeben hat, also ein Mysterium. Für dieses Phänomen gibt es noch andere Beispiele. Auch um Homer ranken sich viele Spekulationen. Der Verfasser der „Ilias“ und der „Odysee“ soll gar nicht existiert haben, behaupten die einen. Die anderen behaupten, die Werke wurden von mehreren Dichtern verfasst und diese unter dem Namen „Homer“ zusammengefasst. Bei diesem Phänomen handelt es sich nicht um die typischen Ghostwriter, wie wir sie heute kennen. Trotzdem gilt für diese Schriftsteller ebenfalls, dass sie unter einem anderen Namen schreiben. Ob es die Person mit diesem Namen gab oder nicht, ist eine andere Frage.

Früher war ein versteckter Autor vielleicht noch an der Handschrift erkennbar, heute in der digitalen Welt gibt auch die Schrift darauf keinen Hinweis mehr (Quelle: pixabay)

Während also niemand sicher weiß, wer der Urheber der Texte von Shakespeare oder Homer war, die Debatte darüber, ob es einen Ghostwriter gab, macht den Schriftsteller zu einer zweifelhaften Person. Die Debatte hinterfragt das Genie, das Leistungsvermögen des Dichters und macht ihn so zu einer Person ohne Inhalt. Der Ghostwriter ist eine Figur ohne Hülle, existiert aber in dem Text, den er verfasst hat. Er ist also allgegenwärtig, obwohl sein Name nicht erscheint. Der Schriftsteller, der auf dem Buch steht, ist ein Name ohne Inhalt und abwesend im Text. Wer ist hier eigentlich der Geist?

Einen lesenswerten, weiterführenden Artikel zum Thema Shakespeare-Urheberschaft (aus Zeit online) finden Sie hier.

Beitragsbild: Quelle pixabay

In „Herr der Ringe“ wird Frodo von Nazgul verfolgt, Harry Potter badet in Gesellschaft der Maulenden Myrte, der Geist von Aslan wacht über Narnia und Mina heiratet dem Vampir Dracula. Fantastische Literatur stellt unbegrenzte Möglichkeiten nicht lebende Kreaturen zu bilden, die noch immer in der „realen“ Welt existieren. Aber was für eine Realität konstruieren die Autor*innen und was für eine Rolle spielen ihre Gespenster in dem Ganzen?

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Ni Kungs Roman Haar

Der bekannte Hongkonger Schriftsteller Ni Kuang hat über 300 Wuxia- und Science-Fiction-Romane und mehr als 400 Drehbücher geschrieben. Er ist als einer von vier Gelehrten Hongkongs bekannt. Eine seiner repräsentativsten Arbeiten, die „Wisely-Serie“, besteht aus 156 Abenteuer-Science-Fiction-Romanen, die er zwischen 1963 und 2004 veröffentlicht hat.

Cover von Haare (頭髮),  Wisely, 17. Auflage, Mingjing, Hongkong.

Cover von Haare (頭髮),  Wisely, 17. Auflage, Mingjing, Hongkong. Quelle

Im Jahr 1978 hat er für diese Reihe eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Haare“ geschrieben. Es geht um Wiselys Abenteuer in Nepal, wo er einen antiken Tempel mit uralten Geheimnissen entdeckt. Im Tempel, so die Geschichte, wurden uralte Artefakte ursprünglich von Außerirdischen zurückgelassen, so dass Menschen den fremden Planeten finden könnten. Wie Wisely herausfindet, sind die Vorfahren der Menschheit nämlich von fernen Planeten gekommen. Aber wegen ihrer Sünden wurden sie auf die Erde verbannt. Danach habe man ihre Sünden ausgelöscht. Bedauerlicherweise wurden sie aber auch ihrer Intelligenz, Unsterblichkeit und der Funktion ihrer Haare beraubt. Das heißt, dass die Menschen sich vom Primitiven noch einmal neu entwickeln mussten.

Was ist die Funktion von Haaren?

Ni Kuang wirft in dieser Geschichte die folgende Frage auf: Was ist die Funktion von Haaren? Schließlich sind Menschen die einzigen Lebewesen auf der Erde, die lange Haare auf dem Kopf haben. Im jungen Alter erzählte man uns vielleicht deswegen, dass die Haare zum Schutz des Kopfes da wären. Dabei hat der Kopf doch mit seinem harten Schädel schon genug Schutz. Und selbst wenn Menschen eine Glatze tragen, hat es keinen Einfluss auf ihr alltägliches Leben. Ist es also wirklich notwendig, etwas so Weiches wie Haare zum Schutz des Kopfes zu besitzen? Jedes Lebewesen auf der Erde hat sich langsam über Millionen von Jahren entwickelt, um sich an die Natur anzupassen. Die Evolution hat fast alle nutzlosen Kreaturen und die nutzlosen Teile heutiger Arten eliminiert. Doch das Haar ist immer noch vorhanden – warum?

Mutige Fantasie in Ni Kuangs Science-Fiction

In seiner Geschichte vermutet Ni Kuang, dass unsere Haare früher eine konkrete Funktion hatten. Früher hätten die Menschen jedes Haar wie einen Finger kontrollieren können. Mit derart vervielfachten Fingern hätten die Menschen viel effizienter gearbeitet als aktuell. Grundsätzlich könnte die Menschheit diese Fähigkeiten immer noch hervorbringen, wenn sie zu ihrem Heimatplaneten zurückfinden würde. Mit einer kleinen Einschränkung: Nur den unschuldigen Menschen wird es erlaubt sein, eines Tages zurückzukehren. Alles nur Science-Fiction?

Alle großen Propheten der Menschheits-Geschichte wie Shakyamuni, Jesus, Mohammed oder Lao seien von diesem fernen Planeten auf die Erde gesandt worden. Damit sie den Menschen diese Weisheit beibringen. Ihre Seelen fuhren in die Körper von Säuglingen und wuchsen in diesen Gestalten auf. Letztendlich geht es auch Ni Kuang darum, die menschliche Güte zu fördern: Solange die Menschen von ganzem Herzen gut sind, könnten sie auf den Heimatplaneten zurückkehren, der das sogenannte Paradies ist. Deshalb seien die vier einflussreichsten Religionen der heutigen Welt im Kern so ähnlich. Sie alle raten dem Menschen, gut zu sein: auch Humanismus genannt.

Obwohl diese Annahme zunächst einmal erstaunlich klingt, formuliert der Autor sie äußerst rational. Religionen bringen nicht nur die Inspiration, sondern beruhen auch auf einem philosophischen System. Die Seele ist ewig, während der Körper zeitlich begrenzt ist.

Eine andere Geschichte über Haare in der Bibel

Dass die Haare eine Schlüsselrolle in Ni Kuangs Kurzgeschichte darstellen, ist nicht unbedingt außergewöhnlich. In vielen verschieden Kulturen spielen die Haare eine Rolle als Topos. Die Vorstellung, dass die Haare eine geheimnisvolle Fähigkeit haben, ist auch in der Bibel vorhanden. So gibt es im Alten Testament eine ähnliche Geschichte über Haare. Der Held Samson hat unbezwingbare Kräfte und tötet Hunderte von den feindlichen Philistern. Später verliebt er sich in eine Frau, die Delila heißt. Aber diese Frau ist auch eine Philisterin. Sie fragt Samson immer und immer wieder, warum er so stark ist. Nach einiger Zeit verrät er ihr tatsächlich sein Geheimnis: Die Herkunft seiner Kraft sind seine Haare. Sollten die Haare einmal geschnitten werden, würde er seine komplette Stärke umgehend verlieren.

Caravaggio, born Michelangelo Merisi, 1571-1610, Imitator. "Samson and Delilah". (Judges 16,20-21). Oil on canvas

Caravaggio, born Michelangelo Merisi, 1571-1610, Imitator. „Samson and Delilah“. (Judges 16,20-21). Oil on canvas

Delila verrät den Philistern diese Geheimnis. Als Samson am nächsten Tag aufwacht, hat sie seine Haare bereits abgeschnitten und er hatte seine Kraft verloren. Die Philister können ihn gefangen nehmen und stechen ihm die Augen aus.

Eines Tages feiern die Philister ein großes Fest und holen Samson aus dem Gefängnis, weil sie ihn demütigen möchten. Aber Samsons Haare sind in der Zwischenzeit wieder gewachsen. Deshalb betet er zu Gott, um seine Kraft wiederzuerlangen. Und tatsächlich gewährt Gott ihm diesen Wunsch. Auf dem Fest tötet Simon schließlich alle seine Peiniger.