Der Hamburger Sportverein e. V. (HSV) ist ein deutscher Fußball-Bundesligist, der ungefähr zur gleichen Zeit entstand, als in England H.P. Lovecraft, das Horrorgenre mit Geschichten über grausige Monster aus den Tiefen des Verstandes, revolutionierte. Ein solches Wesen sollte auch knapp 100 Jahre später den HSV heimsuchen.

Gegründet wurde der Hamburger Sportverein 1919 und durchlief in seiner langen Historie ruhmreiche Zeiten voller Erfolge, großer Titelsiege, steckte aber auch die ein oder andere herbe Niederlage ein. Jedoch gelang es dem HSV als einzige Mannschaft in Deutschland seit der Gründung der Bundesliga im Jahr 1963, bis ins Jahr 2018 am Erstliga-Betrieb teilzunehmen. Das kontinuierliche Bestehen der Hamburger in der ersten Liga brachte ihnen den Spitznamen „Dino“ ein. In ihrem Stadion prangt eine gigantische digitale Uhr, die die Minuten seit der Gründung der Bundesliga mitzählt und somit auch die beharrliche Anwesenheit des HSV in derselbigen.

Doch diese Saison schien etwas anders zu sein. Manch ein Gast des Hamburger Stadions berichtete von kalten Windzügen, seltsamen Geräuschen auf den Tribünen und schlotternden Knien auf dem Platz. Als würde sich ein Schatten über die Arena legen, beginnend, die ewige Uhr des HSV zu umhüllen. Es dauerte nicht lange bis eine Fotografie die Ursache des Phänomens einfangen und dadurch erklären konnte.

quelle: pixabay - das abstiegsgespenst

Das Abstiegsgespenst (Foto: Pixabay)

Das Abstiegsgespenst geistert durch die Medien

Im Mai 2018 stieg der Hamburger SV in die zweite Bundesliga ab. Noch bevor das letzte Saisonspiel ausgetragen worden war, wurde schon von mutmaßlich okkult-agierenden Journalist*innen ein in den Annalen der Bundesliga stets gefürchteter Antagonist beschworen: das Abstiegsgespenst. „Und plötzlich grüßt wieder das Abstiegsgespenst“, titelte Die Welt. Auf RTL-Radio ging ein Joachim-Löw-Imitator in Hamburg auf Abstiegsgespensterjagd. Auf Spox.com geisterte es schon länger durch die Berichterstattung. Der Kicker verpatzte die Beschwörung und verwechselte es mit den Geistern einiger Vereinsikonen aus einem längst vergangenen HSV-Vorfall in Malente. Auch Der Spiegel hatte seine Probleme und meinte noch im März 2018 eher den Teamgeist zu sehen anstelle des Abstiegsgespenstes. Doch hätte man sich in Hamburg nicht wundern sollen, als man das Gespenst um die Köpfe von Fans und Verantwortlichen huschen sah. Denn das ZDF hatte schon Wochen zuvor berichtet: „Stuttgart vertreibt das Abstiegsgespenst.“ Und irgendwo musste es ja hin.

Aber wo kam es her?

Zum ersten Mal erschien das Abstiegsgespenst in einer englischen Karikatur aus dem Jahr 1906. Zu sehen ist der Fußballer Alfred Common, der für eine damals furchteinflößende Summe von 1000. Pfund Sterling von Ligakonkurrent Middlesbrough zu Sunderland wechselte. Davor sollte wohl auch das Abstiegsgespenst Angst haben. Auf der Zeichnung schützt Common seinen neuen Verein, der in Form einer scheuen jungen Frau verkörpert wird, vor einem Gespenst, das die gefürchtete zweite Liga repräsentiert. Noch bis heute jagt den Fußballinteressierten das Gespenst auf dieselbe Art Angst ein. Es kommt schleichend und will einen hinab zerren in die chaotischen Tiefen der unteren Ligen. Wo das Fegefeuer sportlichen Misserfolges wartet und man droht, für immer seinen Platz an der Sonne zu verlieren. Tatsächlich verblieb Middlesbrough in der Premier League und konnte dem Spuk vorerst ein Ende setzen. Common war es dann auch, der den ersten Schritt des Exorzismus einleitete, als er direkt bei seinem Debüt einen unscheinbaren Elfmeter in einen 1:0-Siegtreffer verwandelte. Das effektivste Gegenmittel bei Abstiegsgespensterbefall.

abstiegsgespenst

„Who you gonna call?“ Alfred Common! (Foto: Wikipedia)

Fußball und das Spirituelle

Doch existiert das Abstiegsgespenst nicht nur als Hirngespinst geistreicher Journalist*innen. Denn was das Übernatürliche betrifft, ist das Abstiegsgespenst im Fußball in guter Gesellschaft. Fußball wird von Kulturwissenschaftlern*innen und Philosophen*innen schon länger als Art der Ersatzreligion oder Zusatzreligion angesehen und strotzt nur so vor Heiligen, Fußballgöttern und Geistern. Der australische Soziologe Harry Edwards („Sociology of Sport“, 1973) spricht gar davon, Fußball als Super-Religion zu bezeichnen. Ob Fußball Religion ist, steht natürlich zur Diskussion. Aber genau wie Jagd, Krieg, Bürokratie oder auch Formen des Musikkonsums, so kann auch Fußball als Kult beschrieben werden. Der Schritt vom Kult zur Religion ist dann wiederum ein kurzer. Versteht man Religion als die Öffnung einer transzendentalen Welt und Möglichkeit zur Suche nach Bedeutung und Sinn, dann erfüllt der Fußball eigentlich alle Kriterien.

Er öffnet damit aber auch seinen Anhänger*innen die Tür zu einer Geisterwelt. Mal treten die Geister verstorbener Vereinshelden hindurch und setzen sich jungen Spieler*innen belastend auf die Schultern. Oft werden Geister bewusst beschworen zur Unterstützung der eigenen Mannschaft oder zum Leid der gegnerischen. Gerne wird der Fußball aber auch von den Geistern heimgesucht, die er selber gerufen hat. Beispielsweise in Form von geldgierigen Spielerberater*innen und aggressiven Poltergeistern, die auf den Tribünen schwarz vermummt ganze Stadien in dunkle Rauchschwaden einhüllen. Legenden zufolge sind die dunklen Poltergeister meist Vorboten des Abstiegsgespensts. Wo sie gesehen werden folgen meist schon wenig später die ersten Fans, die verkleidet vor der Ankunft des eigentlichen Gespenstes warnen.  So entpuppt sich das Abstiegsgespenst am Ende als die Manifestation der eigenen Angst der Fußballfans. Aber wie schon H.P. Lovecraft sagte: „Selbst bei den größten Ungeheuerlichkeiten ist die Ironie selten abwesend.“

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Mit Beschwörungsformeln und Gebeten Dämonen aus Besessenen verjagen: Es klingt wie ein längst vergessener religiöser Ritus. Dabei ist der Exorzismus weltweit verbreitet. Auch in Deutschland treiben Priester noch immer den Teufel aus.

Die junge Frau redet mit sich selbst, schlägt um sich und ist bald nicht mehr zu bändigen. Ihre Familie ist sich sicher: Die Südkoreanerin ist vom Teufel besessen. Fünf Verwandte, Mitglieder einer christlich-fundamentalistischen Sekte, fesseln sie schließlich ans Bett, stopfen ihr ein Handtuch in den Mund und prügeln über Stunden auf ihren Brustkorb ein. Sie sind überzeugt davon, ihr mit einem Exorzismus den Dämon austreiben zu können. Dieser Fall hat sich nicht etwa im düsteren Mittelalter ereignet, sondern in Zimmer 433 eines Frankfurter Luxushotels. Am Ende dieses Tages im Dezember 2015 ist die Südkoreanerin tot, erstickt. Die Polizei findet ihre Leiche im Bett: mit einem Kleiderbügel im Rachen, von Hämatomen übersät. Ihre fünf Verwandten, darunter ihr 15 Jahre alter Sohn, werden festgenommen.

Auch im aufgeklärten 21. Jahrhundert glauben weltweit Menschen daran, von Dämonen besessen zu sein, und hoffen auf Erlösung durch eine Teufelsaustreibung, vor allem in Mittel- und Lateinamerika. Dort seien der Dämonenglaube und Exorzismen feste Bestandteile des Glaubens, sagt der Historiker und Autor Bernd Harder von der „Gesellschaft für die wissenschaftliche Untersuchung der Parawissenschaften“ im Gespräch mit diesem Blog. Harder beschäftigt sich seit Jahren mit der Teufelsaustreibung in der heutigen Zeit.

Exorzismus ist weltweit verbreitet

Exorzisten versuchen in Ritualen und durch Gebete, mit dem Dämon Verbindung aufzunehmen und ihn dazu zu bewegen, die „Besessenen“ zu verlassen. Gerade in fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften wie den evangelikalen Freikirchen, das zeigt das Beispiel des eskalierten Exorzismus in Frankfurt, spielt Gewalt bei den Ritualen oft eine Rolle. Zu manchen Riten gehöre es, dass auf die Betroffenen eingeschlagen werde, erklärt Bernd Harder. Manchmal zeigen die Geplagten aber auch starke körperliche Reaktionen auf den Exorzismus, sodass sie der Teufelsaustreiber festhalten und fixieren muss. Das könne fatale Folgen haben, sagt der Exorzismus-Experte. Das Ritual bestätige das Opfer in seiner Rolle als „Besessene“ oder „Besessener“: „Der Betroffene wird immer weiter aufgestachelt, das Verhalten zu zeigen, was die Exorzisten und Gläubige erwarten.“ Dadurch erreiche man das Gegenteil von dem, was angestrebt werde, glaubt Harder: „Die psychischen Symptome verstärken sich, dem Betroffenen geht es immer schlechter.“

Nicht nur in christlich-fundamentalistischen Sekten, sondern auch im Katholizismus gehört die Teufelsaustreibung zum religiösen Alltag. Dort ist der Exorzismus seit dem Mittelalter bekannt, als sich der Volksglaube an Dämonen, Geister und Teufel ausbreitete. 1614 führte die Katholische Kirche den Exorzismus offiziell ein. Im „Rituale Romanum“, einem liturgischen Kirchenbuch, schrieb der Vatikan vor, wie ein Exorzismus durchzuführen sei. Der Priester betet: „Ich befehle dir im Namen unseres Herrn Jesus Christus, verlasse den Körper, den (sic!) du dich bemächtigt hast.“ Die Betroffenen werden dem Ritual nach mit Weihwasser besprengt, es werden verschiedene Psalmen vorgelesen, das Glaubensbekenntnis gebetet, das Kreuz gezeigt und die Hand aufgelegt. Danach seien die Gläubigen vom Bösen befreit, glaubte man. Historiker Harder sagt:

„Im Mittelalter hatte das Böse ein klares Gesicht: Satan oder Teufel.“

Eine einfache Variante, mit dem abstrakten Bösen in der Welt umzugehen: Die Menschen zentrierten es in einem Dämon, den man nur austreiben müsse, um das Unheil abzuwenden. Durch Bibelverse wie „Heilt Kranke, weckt Tote auf, reinigt Aussätzige, treibt Dämonen aus“ sahen sich Exorzist*innen legitimiert, geradezu dazu aufgerufen, Teufelsaustreibungen vorzunehmen. Und das bis heute.

Die Katholische Kirche hält an Exorzismus fest

2014 erkannte der Vatikan die in etwa 30 Ländern vertretene internationale Vereinigung der Exorzisten (AIE) offiziell als private rechtsfähige Gesellschaft an. Zur Organisation gehören rund 250 Teufelsaustreiber*innen, die jährlich etwa 30.000 Mal zum Einsatz kommen. Der AIE-Vorsitzende Francesco Bamonte begrüßte die Entscheidung der Kirche – und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass nun mehr Priester der „oft ausgeblendeten oder unterschätzten dramatischen Situation“ besessener Menschen Beachtung schenkten. Der Exorzismus sei eine Form der Nächstenliebe. Harder vermutet einen weiteren Grund dafür, dass die Kirche noch immer an dieser aus der Zeit gefallenen Praxis festhält. Der Exorzismus soll als indirekter Gottesbeweis fungieren: Wenn es den Teufel gebe, dann müsse es folglich auch Gott geben, so der Historiker. „Der Exorzismus ist quasi die letzte Bastion des Übernatürlichen.“

Auch wenn sich die Katholische Kirche in Deutschland darüber ausschweigt, treiben Priester auch hierzulande immer wieder Gläubigen den Teufel aus. Der Bayerische Rundfunk hat bereits 2008 aufgedeckt, dass im Auftrag der Katholischen Kirche fast täglich Exorzismen durchgeführt werden. Der Sprecher des Erzbistums Paderborn, Ägidius Engel, bestätigte schließlich der „Süddeutschen Zeitung“, dass die Kirche „seelisch höchst notleidende(n) Menschen“ mit einer „Liturgie der Befreiung“ helfe. Es sei dann „die Pflicht des Bischof“, Exorzist*innen zu beauftragen. Weitere Stellungnahmen dazu sind von den deutschen Bistümern kaum zu erhalten. In anderen Ländern ist es deutlich einfacher,  kirchliche Exorzist*innen zu finden. Vielerorts wird aus dieser Praxis keinen Hehl gemacht. In Großbritannien etwa ist in jeder Diözese ein Priester als Exorzist angestellt. In Österreich nennen sich Priester, die mit dem Exorzismus beauftragt sind, euphemistisch „Beauftragte im Befreiungsdienst“.

Hunderte bitten jährlich um einen Exorzismus

Offiziell haben von den 27 deutschen Bistümern nur noch sieben Exorzisten in ihren Reihen. Die Nachfrage aber ist hierzulande groß: Jährlich erhalte die Katholische Kirche hunderte Anfragen von Menschen, die überzeugt davon sind, von Dämonen besessen zu sein und auf Erlösung durch Exorzist*innen hoffen. Das bestätigt eine Sprecherin auf Anfrage. Woran liegt das? Bernd Harder hat eine Vermutung:

„Für Betroffene ist ihre Besessenheit eine einfache Antwort auf komplexe Probleme.“

Mit tieferen Ursachen, etwa Angststörungen, psychischen Erkrankungen oder Süchten, müssten sie sich dann nicht mehr auseinandersetzen. Oftmals seien solche Menschen in psychiatrischer Behandlung besser aufgehoben als in den Händen der Teufelsaustreiber*innen. „Gesucht wird aber häufig eine Instant-Heilung durch einen Exorzisten, ohne anstrengende Therapie“, erklärt Historiker Harder.

Der tragische Tod der Anneliese Michel

Das erhoffte sich wohl auch Anneliese Michel. Sie suchte Erlösung im Exorzismus – und fand den Tod. Der Fall der 23 Jahre alten Pädagogik-Studentin sorgte 1976 weltweit für Aufsehen. Die Frau aus dem unterfränkischen Klingenberg litt jahrelang unter epileptischen Anfällen, trotz der Medikamente, die sie dagegen einnahm. Obwohl sie klare Symptome einer Schizophrenie zeigte, kam sie nie in psychiatrische Behandlung, sondern zur Teufelsaustreibung. Zwei katholische Priester mühten sich über Monate ab, ihren vermeintlichen Dämon zu verjagen. Dass die junge Frau bald keine Nahrung mehr zu sich nahm, blendeten die Priester aus. Nach insgesamt 67 Exorzismen starb Anneliese Michel im Beisein ihrer Eltern, nur noch 31 Kilogramm schwer, an Unterernährung und einer Lungenentzündung.

Der Fall Michel inspirierte auch das Psychodrama „Requiem“ aus dem Jahr 2006. Und er löste einen Skandal aus, der die Katholische Kirche in Deutschland erschütterte. Möglicherweise ein Grund, warum die deutschen Bistümer das Thema heute tabuisieren, meint Bernd Harder. Die Kirche zog allerdings Lehren aus diesem Fall. Der Vatikan überarbeitete 1999 sein jahrhundertealtes Regelwerk. Seither darf der Exorzismus nur mit besonderer und ausdrücklicher Erlaubnis des jeweiligen Ortsbischofs angewendet werden. Und das auch nur, wenn Suchterkrankungen und psychische Störungen zuvor in einer medizinischen Untersuchung ausgeschlossen worden sind.

Vier der fünf Südkoreaner*innen kamen mit Bewährungsstrafen davon

Der heute durchgeführte Exorzismus der Katholischen Kirche habe also nichts mehr mit den Praktiken im Fall Michel oder brutalen Filmklischees wie etwa in „Der Exorzist“ zu tun, so Bernd Harder. Das Ritual bestehe vielmehr aus Gebeten und der Bitte um Befreiung vom Bösen, wie es etwa schon im „Vater Unser“ zum Ausdruck komme. Kirchensprecher Ägidius Engel versicherte der „Süddeutschen Zeitung“: Ein Exorzismus werde erst vollzogen, wenn Fachleute bescheinigten, dass „da eigentlich nur noch der liebe Gott helfen könne.“

Davon überzeugt, dass nur noch ein Exorzismus die Rettung sei, waren auch die fünf Südkoreaner*innen aus Frankfurt. Vier Verwandte der getöteten jungen Frau kamen mit Bewährungsstrafen davon, eine Cousine wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Gericht glaubte ihnen, dass sie das Opfer nicht töten wollten, sondern in dem festen Glauben handelten, der Frau zu helfen.

Die Geschichte über den kopflosen Reiter, der das Dorf Sleepy Hollow in Angst und Schrecken versetzt, kennen die meisten vor allem durch die Verfilmung von Tim Burtons „Sleepy Hollow“ aus dem Jahre 1999. Nur ein Jahr später gewann der Film den Oscar für das „Beste Szenenbild“. Der Gruselstreifen ist dabei nicht nur einer der bislang besten Inszenierungen des Regisseurs, die ursprüngliche Handlung stammt auch noch von einer deutschen Legende aus den früheren Jahrhunderten. Doch was genau steckt hinter der Spukgeschichte wirklich? Wer war der kopflose Reiter? Und wo beginnt der Ursprung der Sage?

Die moderne Adaption von „Sleepy Hollow“

Schauen wir uns zunächst einmal die moderne Umsetzung der Geschichte des kopflosen Reiters an. In Burtons „Sleepy Hollow“ geht es um den Polizisten Ichabod Crane aus New York, der 1799 in das Dorf Sleepy Hollow kommt. Dort soll er geheimnisvolle Morde aufklären, bei denen ein geisterhafter Mann ohne Kopf sein Unwesen treibt und die Bewohner*innen des Ortes umbringt, indem er ihnen die Köpfe abschlägt. Ein Gerücht besagt, dass es sich bei dem Serienkiller um einen getöteten und enthaupteten hessischen Söldner handelt, der nun wieder zum Leben erwacht sei. Crane jedoch weigert sich, an das Übernatürliche zu glauben und sucht – gemeinsam mit der schönen Katrina van Tassel und dem jungen Masbath – nach einer logischen Erklärung für die seltsamen Vorfälle. Als er jedoch selbst Zeuge dieser abscheulichen Taten wird und den geisterhaften Reiter in Aktion erlebt, verschwindet sein Widerstand des Leugnens und er akzeptiert das Unausweichliche: Der Geist existiert wirklich. Um ihn aufzuhalten, begibt sich Crane auf die Suche nach dem Grab des Söldners. Er ist überzeugt, dass derjenige, der den Schädel besitzt, auch die Macht über den kopflosen Reiter hat. Dieser, so vermutet Crane, wird dagegen solange weitermorden, bis er seinen Kopf wieder in seinem Besitz hat.

Burtons Adaption basiert auf der Novelle „The Legend of Sleepy Hollow“ (dt.: „Die Sage von der schläfrigen Schlucht“) des Schriftstellers Washington Irving von 1820. Die Erzählung über den geisterhaften Reiter ohne Kopf ist als eine der ersten und populärsten Kurzgeschichten in der amerikanischen Literatur bekannt. Allerdings gibt es nur wenige Gemeinsamkeiten zum Film. Zwar herrscht auch hier das Gerücht von dem Kopflosen, der als Geist eines

Washington Irving

Washington Irving. Quelle: Wikimedia Commons

verstorbenen hessischen Soldaten sein Unwesen treibt und beim Kampf seinen Kopf durch eine Kanonenkugel verlor. Ebenso soll er sich – wie in der Filmversion – jede Nacht aus seinem Grabe heraus bemühen und sich auf die Suche nach seinem verlorenen Kopf machen. Doch da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Die Figur des Ichabod Cranes, im Film dargestellt von Johnny Depp, spielt in Irvings Geschichte ebenfalls eine zentrale Rolle. Allerdings ist Cranes hier kein Polizist, sondern ein Schulmeister, der die Kinder aus dem Dorf unterrichtet und sich in die schöne Tochter des reichen Geschäftsmanns van Tassel verliebt, wenn auch mehr des Geldes als der Liebe wegen. Nach einer Abfuhr seitens der jungen Frau wird Crane auf dem Heimweg von einem unbekannten Reiter verfolgt, der scheinbar seinen Kopf vor sich auf dem Schoß transportiert. Der Geist packt den Kopf und wirft ihn auf Crane. Am nächsten Tag scheint Crane verschwunden und wurde nicht mehr gesehen. Lediglich ein Kürbis blieb am Ort des Geschehens zurück.

Wo liegt der Ursprung der Sage begraben?

Die Erzählung über den kopflosen Reiter ist jedoch nicht erst seit Irvings Novelle bekannt. Bereits der deutsche Schriftsteller und Literaturkritiker Johann Karl August Musäus behandelte in seiner Sammlung „Volksmärchen der Deutschen“ (1782-1786) die Geschichte einer Gestalt, die ihren Kopf nicht wie üblich auf den Schultern, sondern vor sich auf dem Schoß trägt.

Man nimmt an, dass Irving die Geschichte des geisterhaften Reiters ohne Kopf auf seiner Reise an den Rhein 1806 bis 1809 zu hören bekam. Somit stammt der Ursprung der Sage tatsächlich aus Deutschland – genauer genommen aus dem Rheingebiet in Westdeutschland. Damals erzählte man sich, dass die kopflosen Reiter zur nächtlichen Stunde erscheinen und Menschen mit ihrer bloßen Berührung töten können. Die Geister sind demnach keine materiallosen Gestalten, sondern besitzen eine vollständige Körperlichkeit. Außerdem töten sie mit ihrer bloßen Berührung, und nicht, wie im Film, durch das Enthaupten.

Sünder als untote Wiedergänger

Im Rheinland ging man damals davon aus, dass es sich bei den kopflosen Geisterreitern um Menschen handelte, die zu ihren Lebzeiten eine Sünde begangen hätten und nun für ihre Taten büßen müssten. So waren sie entweder Selbstmörder, deren Leichen geköpft wurden und deren Köpfe an einem ungeweihten Ort wie beispielsweise einer Wegkreuzung vergraben wurden. Oder sie machten sich des Grenzsteinversetzens schuldig. Dabei versetzte man den Grenzstein in das benachbarte Grundstück hinein, um sein eigenes Land zu vergrößern. Als Strafe durften die Geschädigten die Schuldigen jeweils bis zum Hals vergraben und mit dem Pflug solange über deren Köpfe fahren, bis von diesen nichts mehr übrig blieb.

Aufgrund der Auffassung, der untote Wiedergänger sei ein Sünder, konnte dieser auch wieder erlöst werden. Dafür musste ein Gebet gesprochen werden, bei dem Gott oder Christus namentlich genannt wurde. Der kopflose Reiter soll sich daraufhin verwandeln, sich in einem weißen Leichentuch wiederfinden und sich bei seinen Erlöser*innen bedanken.

Der kopflose Reiter als Warnung

In vielen Erzählungen, in denen der kopflose Reiter erscheint, fungiert er als Warnfigur. In den meisten Fällen greift er nicht an, sondern erschreckt lediglich die armen Betrachter*innen, denen er sich zu erkennen gibt. So taucht er beispielsweise dann auf, wenn Menschen gerade etwas Unrühmliches planen wie in etwa das Versetzen des Grenzsteines ihrer Nachbar*innen. Der geisterhafte Reiter tritt dabei als warnendes Beispiel auf und hält die Personen davon ab, die Straftat zu vollziehen. Oft gilt die Geistergestalt auch als Todes-Omen und kündigt den Tod derjenigen an, denen er erscheint.

Auch in Burtons Horrorfilm dient das Erscheinen des kopflosen Reiters als Indiz für einen baldigen Todes- bzw. Mordfall, weshalb sich die Bewohner *innen von Sleepy Hollow kaum noch vor ihre Häuser trauen. Das Motiv, das hinter diesen ganzen Anschlägen steckt, ist jedoch weitaus verzwickter, als es sich Irving oder Musäus womöglich je ausgedacht hätten.

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Berge und Vulkane faszinieren uns Menschen seit eh und je. Sie unterscheiden sich nicht nur in ihrer Art, sondern sind auch geprägt von verschiedenen Geschichten, die uns sowohl eine wissenschaftliche als auch eine religions- und kulturgeschichtliche Perspektive auf sie eröffnen. Durch diese Perspektive erfahren wir Berge und Vulkane als Entstehungsorte für Bräuche, die bis heute standhalten oder als Wohnorte von Göttern, Geistern und Ahnen. 

Heutzutage kann die Entstehung der meisten Berge und Vulkane wissenschaftlich erklärt werden. Sie sind größtenteils eine Folge der Verschiebungen von kontinentalen und ozeanischen Platten. Trotzdem sind sie nicht vollständig erforscht und bergen somit noch viele Geheimnisse.

„Der Benbow ist ein Geist.“

Die Fotojournalistin und Dokumentarfilmerin Ulla Lohmann interessiert sich besonders für die Erforschung des Vulkans Benbow auf der Insel Ambrym in Vanuatu. In ihrem Buch „Ich mach das jetzt! Meine Reise zum Mittelpunkt der Erde“ berichtet sie davon, wie sie es schafft auf die dritte Terrasse des Vulkans zu gelangen und welche Rolle neben ihren wissenschaftlichen Kenntnissen über Vulkane, die mythologischen Vorstellungen der Einheimischen spielen. So trifft sie beispielsweise auf ZakZak, den Hüter des Vulkans, der ihr erklärt: „Der Benbow ist ein Geist. Der Vulkan ist lebendig. Du musst ihn immer ehren und respektieren, wie einen Menschen.“

Gunung Agung Zentrum des Universums

Auf der Insel Bali gibt es ebenfalls Vulkane, die einen mythologischen Hintergrund haben. Laut der balinesischen Schöpfungsmythologie erschufen göttliche Wesen die Insel, indem sie die Schildkröte Bedawang in den Ozean setzten. Auf ihrem Rücken wuchsen Pflanzen, entstanden Flüsse und Seen, Berge und Täler. Die Götter verbannten Dämonen und böse Geister im tiefen Meer (Unterwelt). Sie selbst ließen sich in den Vulkanen und hohen Bergen nieder (himmlische Sphäre).

Der Vulkan Gunung Agung auf Bali in Indonesien

Der Vulkan Gunung Agung auf Bali in Indonesien, Foto: Stephanie Constantin

Der mit 3.142 Metern höchste Vulkan Balis namens Gunung Agung, übersetzt „Hoher Berg“, wird von den Einheimischen als Zentrum des Universums gesehen. Daher gilt er als besonders heilig. Am Hang des Gunung Agung befinden sich heilige Schreine und Tempel, an denen die Bewohner*innen die Götter und Geister der Ahnen verehren.

Im Jahr 1963 explodierte der Vulkan und zerstörte mit seiner austretenden Lava mehrere Dörfer. Bei der Katastrophe starben auch tausende Menschen. Dies passierte zu der Zeit als das sogenannte Eka Dasa Rudra Fest vorbereitetet wurde. Das Fest findet alle 100 Jahre statt und sorgt für die symbolische Reinigung des Universums. Viele Balines*innen vermuten, dass es falsch terminiert wurde und die Götter unzufrieden stimmte, woraufhin sie die Naturkatastrophe auslösten.

Wissenschaftler*innen hingegen sehen einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch des Vulkans und der Lage Balis. Die Insel befindet sich in einer geologisch instabilen Region, nämlich im Pazifischen Feuerring. Hier kollidiert die australische mit der eurasischen Kontinentalplatte und trägt damit zum aktiven Verhalten einiger Vulkane bei.

Der heilige Ort Ambondrombe

Etwas harmloser scheinen Berge zu sein und doch können auch sie Ehrfurcht im Menschen erwecken. Dazu gehört der Berg namens Ambondrombe, im Südosten der Insel Madagaskar liegend. Für die Einheimischen ist er ein heiliger Ort, der als Wohnstätte der Seelen königlicher Ahnen und Geister dient. Die Bewohner*innen des naheliegenden Dorfes Ambohimahamasina bezeichnen sich selbst als „Bewohner*innen der Geister“. Vor geraumer Zeit trauten sich die Madagass*innen nicht in die Nähe des Berges, da sie donnerähnliche Geräusche in seiner Umgebung wahrnahmen. G. A. Shaw, ein englischer Missionar des 19. Jahrhunderts, stellte bei der Besteigung des Berges fest, dass die Geräusche von einem Wind, der durch eine Engstelle des Berges zieht, erzeugt wird. Jedoch ist in der Nähe des Geräusches kein Luftzug spürbar. Aus diesem Grund bezeichnete Shaw den Wind als großen Geistererwecker. Für die Einheimischen sind diese Geräusche ein Zeichen dafür, dass die Ahnen und Geister nicht gestört werden möchten. Bei Tag und Nacht, so erzählen sie sich, kann man sogar Gestalten inmitten des Waldes des Ambondrombe erkennen. Wenn man sich ihnen nähert, verschwinden sie.

Der Brocken – Ort von Hexen und Brockengespenstern

Während der Glaube an mystische Gestalten auf Madagaskar oder Bali fester Bestandteil der Kultur ist, werden solche Vorstellungen in Deutschland kaum noch ernsthaft vertreten. Grund dafür könnte die Ablösung von ethnischen Religionen durch neuere religiöse Bewegungen, wie dem Christentum, sein und/oder der Einzug wissenschaftlicher Erklärungen für bestimmte Naturphänomene. Der Brocken, ein Berg im Mittelgebirge Harz in Deutschland, ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass sich Mythen verändern und trotzdem noch in dem ein oder anderen Brauch niederschlagen können.

Der Brocken im Mittelgebirge Harz in Deutschland

Der Brocken im Mittelgebirge Harz in Deutschland, Foto: Pixabay

Seit Jahrhunderten gilt der Brocken als Versammlungsort von Hexen und bösen Geistern. Er wird häufig auch als Blocksberg bezeichnet, was so viel wie Hexentanzplatz heißt. Auch außerhalb Deutschlands wird dieser Begriff zur Bezeichnung solcher Berge verwendet. Den mittelalterlichen Vorstellungen nach, fliegen die Hexen auf Gegenständen des alltäglichen Lebens wie Besen, Heugabeln und Hüten aber auch auf Tieren wie Ziegen, Wölfen und Katzen auf den Blocksberg. In der Walpurgisnacht ‒ heute auch „Tanz in den Mai“ genannt ‒ feiern sie ausgiebig. Der Name Walpurgisnacht lässt sich von der heiligen Walburga ableiten, die im Christentum als Schutzpatronin gesehen wird und die bösen Geister vertreiben soll. Der Brauch ist jedoch germanischen Ursprungs und geht damit weit in die vorchristliche Zeit zurück. Sie feierten in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai den Frühlingsbeginn ‒ verkleidet und um ein Feuer tanzend. Ihre Absicht war es die bösen Geister des Winters zu vertreiben.

Doch nicht nur in der Walpurgisnacht nahmen die Menschen ungewöhnliche Erscheinungen wahr. Bei aufkommendem Nebel und Sonnenuntergang, zeigte sich das Brockengespenst in Form eines riesigen Menschen am Horizont. Früher jagte es den Menschen Angst ein, nicht zuletzt, weil es sich bewegte. Heute ist es als Naturphänomen bekannt, das entsteht, wenn der Schatten des Beobachters auf eine Nebel- oder Wolkenwand trifft.

Brockengespenst

Brockengespenst, Foto: Pixabay

Mythologie oder Wissenschaft?

Was die aufgeführten Berge und Vulkane miteinander gemein haben ist, dass sie einen wichtigen Teil verschiedener Kulturen darstellen. Sie stehen oft im Zentrum religiöser Vorstellungen und spielen in den Mythen der umwohnenden Menschen eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig sind sie auch für Menschen von Interesse, die anhand der Berge und Vulkane versuchen Naturphänomene besser zu verstehen. Für Ulla Lohmann, die sich bei der Erforschung des Benbow auf seine Mythologie eingelassen hat, ohne jedoch die wissenschaftliche Perspektive auszublenden, ist klar: „Ein Vulkan ist nicht nur durch Mythologie, sondern auch durch Wissenschaft erklärbar.“

 

Quellen:

  • Dusik, Roland (2005): Bali. Java. Lombok. Ostfildern, DuMont Reiseverlag.
  • Graz, Karl (2017): Mythos Berg. Lexikon der weltweit bedeutendsten Berge. myMorawa von Moraga Lesezirkel GmbH.
  • Lohmann, Ulla (2017): Ich mach das jetzt! Meine Reise zum Mittelpunkt der Erde. Wals bei Salzburg, Benevento Publishing.
  • http://www.vulkane.net/vulkane/agung/gunung-agung.html
  • https://www.grenzwissenschaft-aktuell.de/walpurgisnacht20160430/

Lassen sich Geister wirklich beschwören oder täuschen uns die eigenen Sinne? Unsere Reporterin hat es beim Gläserrücken ausprobiert. Ein Selbsttest bis zur Schmerzgrenze mit hohen Erwartungen und Vanilleduft.

Ich schalte das Licht aus. Wir sitzen zu dritt im Halbdunkeln um den Tisch im Wohnzimmer unserer Wohngemeinschaft. Darauf liegt ein Kreis aus mit Buchstaben und Zahlen beschrifteter Blätter, in der Mitte stehen ein Glas und zwei weiße Kerzen. Die Kerzen sollen böse Geister fernhalten und verströmen einen aufdringlichen Vanilleduft. Wir legen alle unseren Zeigefinger auf das Glas, dann beginnen wir mit der Séance. „Großer Geist, wir rufen dich“, sagen wir im Chor – und ich muss mir ein Lachen verkneifen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Geist beim Gläserrücken zur rufen. Das hat meine Mitbewohnerin Teresa erzählt. Sie ist die Einzige von uns, die schon an solchen Sitzungen teilgenommen hat. Nachdem sich der Geist durch ein Zeichen bemerkbar gemacht hat, sollen wir ihm Fragen stellen. Alles ist erlaubt, nur die Zukunft ist Tabu. Durch das Glas soll sich der Geist uns mitteilen. Denn dieses soll sich nach einer Weile scheinbar von selbst bewegen und erst langsam, später teilweise rasant zu den Blättern rücken. Diese sind mit allen Buchstaben des Alphabets, den Zahlen von 0 bis 10 sowie ja und nein beschriftet. Der auf diese Weise entstandene Text wird als Mitteilung des gerufenen Geistes gedeutet und von einem Teilnehmer oder einer Teilnehmerin der Séance protokolliert.

„Bist du da?“

Auf dem Wohnzimmertisch sind alle Utensilien fürs Gläserrücken aufgebaut.

Gläserrücken in der Wohngemeinschaft (Foto: Hannah V.)

Uns antwortet der Geist vorerst nicht. Wir wiederholen in kurzen Abständen unseren Satz und fragen danach: „Bist du da?“ Aber das Glas bewegt sich nicht. „Vielleicht sollten wir einen anderen Spruch ausprobieren?“, frage ich nach einer Weile. Teresa zuckt mit den Schultern und geht googeln. Unsere Handys haben wir nämlich alle aus dem Zimmer verbannt. Die Signale könnten den Geist stören, habe ich nachgelesen. Deshalb kann ich die Séance auch nicht aufnehmen, was mich als Journalistin ein bisschen stört. Denn ein kurzes Video von uns um den Wohnzimmertisch mit geschlossenen Augen im Kerzenschein wäre bestimmt gar nicht schlecht.

Trotzdem gibt es online etliche Videos von Séancen, die alle angeblich keine Fälschungen sein sollen. Einmal fliegt das Glas plötzlich in die Luft und zerspringt an der Zimmerdecke, ein anderes Mal bewegt es sich, obwohl die beiden jungen Männer ihre Finger zurückgezogen haben. Bei einem Selbstversuch Darmstädter Journalismusstudenten erscheint ein 36-jähriger Geist aus Calw namens Hoep. Ganz ernst kann ich das alles nicht nehmen.

Gläserrücken soll Zugang zu Verborgenem schaffen

Es gab und wird immer Phänomene geben, die Menschen nicht erklären können. Das sei aber laut dem Verein „Sekten-Info Nordrhein-Westfalen“ schwer zu akzeptieren. Wenn Menschen mit Logik oder Wissenschaft nicht weiterkämen, versuchten sie diese Phänomene anders zu deuten. Eine Möglichkeit dafür sind okkulte Praktiken – zu denen neben Kartenlegen, Pendeln oder Astrologie auch Gläserrücken zählt. Das lateinische Wort „okkult“ bedeutet „verborgen“. Okkulte Praktiken sollen demnach Zugang zu diesem Verborgenen schaffen und es begreifbar machen. Gläserrücken gehört zu den beliebtesten gemeinschaftlich betriebenen okkulten Praktiken. Denn es erfordert wenig Aufwand und alle benötigten Gegenstände sind leicht zu beschaffen oder selbst herzustellen. In der Regel werden Séancen nachts durchgeführt – vor allem auch zur Geisterstunde.

Vielleicht hätten wir doch auf Nummer sicher gehen und bis Mitternacht mit unserer Sitzung warten sollen. Seit mehr als zwanzig Minuten rufen wir abwechselnd nach dem großen Geist und fragen, ob jemand mit uns sprechen möchte. Bisher möchte das niemand. Obwohl mein ausgestreckter Arm langsam zu schmerzen anfängt, fühle ich mich sehr entspannt – fast wie im Yoga, wenn wir immer wieder dasselbe Mantra wiederholen. Dennoch frage ich mich, was wir falsch machen. Wir haben einen zweiten Spruch ausprobiert, haben inzwischen die Augen geschlossen und den Tisch gewechselt, weil darin Metall verbaut ist. Eigentlich machen wir alles richtig. Nur durch die Stimmen aus dem Nachbarzimmer könnte sich der Geist jetzt noch gestört fühlen. Meine andere Mitbewohnerin schaut eine Serie. Sie hatte uns von Anfang an für verrückt erklärt. „Ihr spinnt doch“, sagte sie, als ich ihr das erste Mal von unserer geplanten Séance erzählte. Das funktioniere nicht, sei alles wissenschaftlich bewiesen.

Eine wissenschaftliche Erklärung gibt es tatsächlich. Demnach entsteht die Bewegung des Glases durch den so genannten Carpenter-Effekt, den der englische Physiologe William Benjamin Carpenter erstmals 1852 beschrieb. Bei diesem wird durch Gedanken oder Vorstellungen eine Bewegung ausgelöst – wenn beispielsweise beim Autofahren der Beifahrer eine imaginäre Bremse tritt, weil ihm der Fahrer zu schnell fährt. Die Bewegung des Beifahrers resultiert aus dem Wunsch, das Auto zu bremsen. „Während des Gläserrückens baut sich eine ähnliche Erwartungshaltung auf: Funktioniert es oder funktioniert es nicht?“, so der Neurologe Tim von Oertzen im MDR. „Jeder will eigentlich, dass es funktioniert – weil man es ja gerne erfahren möchte.“ Die Wünsche, Hoffnungen oder Ängste der Teilnehmer können zu Muskelkontraktionen führen, die das Glas bewegen. „Es ist nicht so, dass jemand aktiv das Glas schiebt, aber unbewusst werden Bewegungen auf das Glas übertragen“, erklärt von Oertzen. Gläserrücken werde deshalb auch durch die bewusste oder unterbewusste Zielvorstellung der beteiligten Personen beeinflusst. Wenn die Teilnehmer*innen demnach eine positive Einstellung haben, erhalten sie eher ein positives Resultat; sind sie negativ eingestellt fällt dieses eher negativ aus.

„Wir hatten nach der Sitzung solche Angst“

Teresa hat als 13-Jährige bereits an einer erfolgreichen Séance mit Freundinnen teilgenommen. Damals hat sich tatsächlich ein Geist bemerkbar gemacht – zumindest vermutet sie das. Ganz sicher ist sie sich nicht. „Es kann immer jemand dabei sein, der sich einen Spaß daraus macht und das Glas absichtlich verrückt“, sagt sie. „Trotzdem hatten wir nach der Sitzung solche Angst, dass wir lieber bei meiner Freundin übernachtet haben, statt nach Hause zu fahren.“

Es gibt in Deutschland mehrere Beratungsstellen der Bundesländer, Kirchen oder Polizei, die über Okkultismus aufklären. Zwar scheinen hierzulande nicht viele Menschen regelmäßig an okkulten Praktiken teilzunehmen – offizielle Zahlen dazu gibt es keine, aber dennoch kommt es auch zu tragischen Vorfällen. So wie vor mehr als zwanzig Jahren in Forchheim. Dort hatte der vermeintliche Geist seines verstorbenen Freundes dem 15-jährigen Thomas und dessen 18-jährigen Freund Markus beim Gläserrücken erzählt, wie süß das Sterben sei. Woraufhin sich die beiden Jugendlichen mit Auspuffgasen das Leben nahmen. Der geplante Selbstmord zweier weiterer Mitglieder der Clique konnte nur durch Zufall verhindert werden.

Kein Spuk im Stuttgarter Altbau

So dramatisch geht unsere Sitzung zum Glück nicht zu Ende. „Wie war die Erfahrung für euch?“, fragt Teresa in die Runde, während ich das Licht einschalte. „Enttäuschend“, sagt mein Freund Alex. Nachdem uns fast vierzig Minuten kein Geist geantwortet hat, haben wir die Séance beendet. Und ich fühle mich darin bestätigt, dass es keine Geister gibt. Dabei war ich wirklich offen dafür, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. „Kurz hatte ich wirklich das Gefühl, das Glas hätte sich bewegt“, sagt Teresa. „Aber als ich die Augen aufgemacht habe, stand es noch an genau derselben Stelle wie vorher.“ Wir schweigen betreten. „Vielleicht lag es am Ort?“, frage ich. Wir wohnen zwar in einem Stuttgarter Altbau – aber das will ja nichts heißen. „Nächstes Mal sollten wir auf den Friedhof gehen“, sagt Teresa. Ich stelle mir vor, wie wir im Kreis um unsere beschrifteten Blätter sitzen und die Vanillekerzen flackernde Schatten an die Grabsteine werfen. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?

Schlangen in Menschengestalt, blutsaugende Dämonen und tödliche Intrigen am Königshof: Die chinesische Kultur ist voller geheimnisvoller Gespenster-Geschichten. Doch hinter dem Überirdischen verbergen sich dann doch ganz irdische Motive.

Eines Tages fragte ein Schüler Konfuzius über das Wesen der Geister. Der Meister sprach: „Wenn man noch nicht den Menschen dienen kann, wie sollte man den Geistern dienen können!“ Konfuzius sprach niemals über Zauberkräfte und widernatürliche Dämonen. Dennoch haben die Mythen über Geister und Gespenster auch im Konfuzianismus zahlreiche Anhänger – selbst unter Würdenträgern und Literaten. Hier nun eine Auswahl der populärsten chinesischen Gespenster-Geschichten.

Yao (妖) – Geister mit menschlichem Aussehen

Green Snake

Szenen aus dem Film „Green Snake“, einer Verfilmung der Geschichte der weißen Schlange aus dem Jahr 1993 (@ Shanghai Film Co., Ltd. All rights reserved).

In der Song-Dynastie (960–1279) gab es einen gut aussehenden jungen Mann namens Xu Xian. Eines Tages machte er einen Spaziergang am Westsee. Da sah er zwei schöne Frauen, die vom heftigen Regen nass geworden waren. Er hatte Mitleid und gab den beiden seinen Regenschirm, während er dem Regen ausgesetzt war. Die Frau mit weißer Kleidung, die Bai Suzhen hieß, verliebte sich auf Anhieb in ihn. Auch Xu fühlte sich von der Frau angezogen. Nach der Hochzeit machte das Ehepaar eine Apotheke am Westsee auf. Alle Menschen bewunderten die neuen Nachbarn für ihre Schönheit und Großzügigkeit. Nur ein buddhistischer Mönch warnte Xu vor seiner Frau. Er behauptete, dass Bai eine böse Hexe sei und den Menschen Unglück bringe. Dann schlug er Xu vor, am Drachenbootfest seine Frau auf einen Xionghuang-Schnaps (einen traditionellen Kräuterschnaps) einzuladen. Xu begann zu zweifeln und tat an dem Tag genau das. Kurz nachdem Bai den Schnaps getrunken hatte, erschien ihre eigentliche Figur: eine weiße Schlange. Der weißen Schlange war  es nach tausendjähriger Meditation endlich gelungen, Menschengestalt anzunehmen. Und Bais sogenannte Schwester war in Wirklichkeit eine grüne Schlange. Sie zaubert an dem Tag des ersten Treffens von Xu und Bai Suzhen einen Platzregen herbei, um ihr dabei zu helfen, Xu um den Finger zu wickeln.

Das Schriftzeichen Yao (妖) steht im Altchinesischen auch für die weibliche Schönheit. Aber in der patriarchalen Kultur wandelte sich die Bedeutung des Wortes allmählich und bezeichnete Tier- und in einigen Fällen auch Pflanzengeister, die Menschengestalt annehmen und die Menschen verführen, weil diese unrechte Begierden haben oder mutwillig Verbrechen begehen.

Guai (怪) –  Geister mit bizarrem Aussehen

Buchcover Jingwei

Der Dialog zwischen dem Vögelchen und dem Gott des Meeres. Titelblatt eines illustrierten Buch über die Legende von Jingwei (Foto: @Tomorrow Publishing House All rights reserved).

Nüwa, die jüngste Tochter von Yandi, einem Kaiser in der Vorgeschichte, führte ein naives und sorgenfreies Leben. Eines Tages spielte sie am Strand des Ostmeeres und war von der schönen Blauen angezogen. Sie schwamm fröhlich ins Meer. Nach und nach wurde das Meer stürmisch, während ihre Kräfte schwanden. Sie konnte nicht ans Ufer kommen, aber sie wollte nicht sterben. Wegen dieses starken Wunsches verwandelte sie sich in einen kleinen Vogel. Das Vögelchen hatte einen farbigen Kopf und griff sich jeden Tag Steinchen vom Westberg, die sie mit roten Klauen ins Ostmeer warf. Als der Gott des Meeres seine Rache entdeckte, lachte er es aus. Selbst eine Million Jahre reichen nicht aus, das Meer aufzufüllen. Das hartnäckige Vögelchen antwortete nun: „Ich werde nie aufhören und eines Tages, vielleicht nach zehn Millionen Jahren, werde ich es aufgefüllt haben.“ Weil es immer „Jingwei“ schrie, nannte man es auch so.

Guai (怪), ähnlich wie Yao (妖), haben menschliche Eigenschaften. Sie denken und handeln. Der größte Unterschied zwischen den beiden ist das Aussehen. Yao (妖) ähneln dem Menschen, während Guai (怪) tierische oder andere ungewöhnliche Gestalten annehmen.

Gui (鬼) – Gespenster, die Toten

Filmplakat "A Chinese Ghost Story"

Das Plakat des Film „A Chinese Ghost Story“ aus dem Jahr 1987 (@Cinema City Co., Ltd. All rights reserved).

In der Ming-Dynastie (1368–1644) gab es einen großzügigen Mann aus der Provinz Zhejiang namens Ning Caichen. Auf dem Weg in die Stadt Jinhua ruhte er sich in einem Tempel aus. Die imposante Halle war menschenleer. In der ersten Nacht konnte er nicht einschlafen. Plötzlich hörte er Flüstern. Er stand auf und ging zum Fenster. Dort sah er eine schöne Frau, die ihn fragte, ob sie bei ihm übernachten dürfte. Er wollte nicht. Die Frau versuchte ihn zu überreden. So beschimpfte Ning sie so laut, bis sie schließlich wegging. Am nächsten Tag kam ein Gelehrter mit seinem Diener vorbei. Sie übernachteten in einem Zimmer auf der östlichen Seite des Tempels. In der Nacht starben der Gelehrte und sein Diener plötzlich. Man fand ein kleines Loch in der Mitte ihrer Fußsohlen, aus dem noch ein bisschen Blut floß. In dieser Nacht kehrte die ominöse Frau zurück und bat Ning, sie zu retten. Sie gab zu, dass sie, Nie Xiaoqian, im Alter von achtzehn Jahren starb und neben dem Tempel begraben wurde. Danach wurde sie von einem mächtigen Yao (妖) gezwungen, Männer zu verführen. Der tötete die Männer, indem er ihnen das Blut aussaugte. Weil Ning sie abgelehnt hatte, wurde der Gelehrte umgebracht. Sie schlug vor, den Ort so früh wie möglich zu verlassen. Sie bat ihn, ihre Urne mitzunehmen und an einem sicheren Ort zu begraben. Ning glaubte ihr und kehrte sofort in seine Heimat zurück. Nie half ihm von nun an beim Haushalt und passte auf seine Familie auf.

Gui (鬼), anders als Guai (怪) und Yao (妖), steht nur für die Geister der toten Menschen. In den chinesischen Mythen gingen alle Gespenster in die Unterwelt, die Yingjian (阴间) oder Difu (地府) heißt. Nie, die Hauptfigur in der Geschichte, konnte in der jenseitigen Welt keinen Frieden finden, weil ihr Körper an einem falschen Ort begraben wurde und dann unter die Kontrolle des bösen Geistes geriet.

Mo (魔) – mächtige Geister, die Dämonen

„Die Reise nach Westen“ ist einer der vier klassischen Romane der chinesischen Literatur. Es geht in diesem Werk um die Reise des Mönchs Xuanzang und drei seiner Anhänger nach „Westlicher Himmel“, dem heiligen Ort. Von dort soll er die Heiligen Schriften Buddhas in das antike China bringen. Unterwegs lagen insgesamt 81 Hindernisse vor ihnen, die von zahlreichen bösen Geistern verursacht wurden. Hier stelle ich nur ein Hindernis davon vor. Eines Tages kamen die vier in ein Land, das Biqiuguo heißt. Der König dort litt an starken Schmerzen. Sein Schwiegervater machte den grausamen Vorschlag, eintausend Kinder zu verhaften, damit der Schwiegervater Medikamente aus ihren Herzen und Lebern machen könnte.  Die Vier wollten die Kinder retten. Sie fanden schließlich heraus, dass der sogenannte Schwiegervater ein Hirsch und seine Tochter, die Königin, ein Fuchs war. Sie berichteten dem König davon. Dieser beschloss, dass die vier Mönche die bösen Geister töten dürfen.

Anders als die drei anderen Begriffe ist Mo (魔) ein Fremdwort. Am Anfang wurden mit Mo (魔) unrechte Gedanken beim Prozess der Meditation bezeichnet. Allmählich hielt man alle bösen Geister für Mo (魔), die die mächtigeren Gui (鬼), Guai (怪) oder Yao (妖) sein können.

In den zahlreichen Mythen zeigt sich, dass Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus verschiedene Vorstellungen über Tote und Spukwesen haben. Yao (妖), Mo (魔), Gui (鬼), Guai (怪), die Geister und Gespenster und die antiken Mythen über sie spiegeln auch die damaligen gesellschaftlichen Ideen wider. Sie behandeln die großen Menschheits-Motive wie Liebe und Hass, Tugend und Untat, Ehre und Betrug – und zeigen zugleich, wie vielfältig die chinesische Kultur ist.

https://www.psychologies.co.uk/events/competition-signed-her-movie-poster.html

Immer wieder treffen wir im Film auf verschiedene Vorstellungen der Zukunft. Eine von ihnen scheint immer öfter eine von Technologien beherrschte Welt zu sein. Ob apokalyptisch, positiv oder abstrakt – die Technologie scheint untrennbar mit vielen Versionen der Zukunft verwoben zu sein. Der Film „HER“ stellt den Zuschauer*innen eine neue Welt vor. Diese ist ästhetisch, modern und … voller Gespenster? Weiterlesen

Gruselgeschichten über verfluchte Orte ziehen ihre Zuhörer förmlich in ihren schaurig-schrecklichen Bann. Ob der Tower of London in England oder das Winchester House in den USA, Gruselorte gibt es überall. Auch in Baden-Württemberg. Diese Reihe stellt drei der sehenswertesten Spukorte im Ländle vor.

Der Fluch von Großerlach

Großerlach am 30. April 1916 – Die Witwe Rosine Kleinknecht vernimmt am frühen Morgen aus dem Stall ihres Bauernhofs lautes Gebrüll. Als sie die Stalltüre öffnet stellt sie fest, dass eines ihrer Kälber losgebunden worden ist und ihr Vieh aufgeregt mit den Hinterbeinen ausschlägt und schwitzt. Sie bindet das Kalb fest und schließt den Stall. 

Kurze Zeit später hört die Witwe das Jungtier erneut brüllen und als sie nachsieht, sind zwei Kälber losgebunden. Wie das passieren konnte, ist für Rosine Kleinknecht unerklärlich, da niemand im Stall gewesen sein kann. Daraufhin bindet sie das Vieh sowohl mit Stricken als auch mit Ketten fest. Ohne Erfolg. Der Vorgang wiederholt sich mehrere Male. Ihr Vieh wird dabei beinahe von den sich zuziehenden Ketten erwürgt.

Der Spuk lässt auch in den beiden darauf folgenden Nächten nicht nach. In der dritten Nacht wacht das kleinste der Kinder auf und behauptet aufgeregt, einen schwarzen Geißbock am Bett der Witwe gesehen zu haben. Als man das Kind aus dem Haus schafft, beginnt auch die siebenjährige Tochter zu phantasieren. Sie bildet sich ein, grüne Augen und Ohren zu haben. 

Von der Ruhe bis zum Chaos

Vom 3. bis 5. Mai wird es ruhiger im Hofe der Witwe Kleinknecht. Eine Woche später droht die Situation jedoch zu eskalieren: Ein Holzscheit fängt auf dem Herd an zu tanzen und kehrt immer wieder zurück, obwohl man ihn mehrmals aus dem Fenster wirft. Am Abend stürzen fünf Milchhäfen vom Brett und zerbrechen. Am 15. Mai findet der Spuk seinen Höhepunkt. Das Vieh im Stall wird geschlagen, alle Milchgeschirre, Mostkrüge, Teller und vieles mehr fliegen auf den Boden oder werden sogar auf Personen geworfen. Ein Augenzeuge packt einen der schwebenden Mostkrüge, woraufhin ihm ein Milchhafen an den Kopf fliegt. Ein Bauer, der den Spuk mit einer Peitsche auszutreiben versucht, wird übel zugerichtet und dem Amtsdiener wird die Mütze vom Kopf geschlagen. 

Zu guter letzt heben sich alle Türen aus den Angeln und fallen zu Boden, die Betten werden zerrissen und mehrere Personen werden durch umherfliegende Gegenstände verletzt. Daraufhin wird der Bauernhof am selbigen Tage von Familie Kleinknecht verlassen und geschlossen. 

Tübinger Professoren sprechen von Schwindel

Die Geschichte vom spukenden Bauernhof machte damals schnell die Runde. Durch zunächst noch regionale Zeitungen, breitete sich die Botschaft immer weiter auf das gesamte Kaiserreich aus.

So kommt es, dass drei Professoren der Psychologie aus Tübingen im Juli 1916 nach Großerlach reisen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Sie kommen zu folgendem Ergebnis: „Obwohl wir das Vorhandensein abnormer Vorgänge nicht von vornherein ausschlössen, kamen wir zu der bestimmten Überzeugung, dass ein Grund für eine solche Annahme hier nicht vorliegt“. Das Protokoll der Professoren Oesterreich, Heuchler und Haering kann man noch heute in der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg nachlesen. Das Stadtarchiv Ludwigsburg soll damals den Fall vollständig archiviert haben. So heißt es auf der Homepage der Gemeinde Großerlach.

Großerlach heute

Das beschauliche Dorf im Rems-Murr-Kreis zählt heute mit seiner Anekdote zu den bekanntesten Spukorten weltweit. Im Ranking der Stuttgarter Nachrichten zu den „Top Ten der gruseligsten Orte der Welt“ landete Großerlach 2017 auf Platz 9. 

Die Gruselgeschichte gehört zur Identität der Stadt und ist auch auf der Homepage der Gemeinde nachzulesen. Bürgermeister Christoph Jäger hat Mitleid mit der Witwe Rosine Kleinknecht: „Eigentlich ist das eine tragische Geschichte. Die Frau hat nahezu ihren gesamten Besitz verloren. Bis heute ist nicht klar, was da genau passiert ist. Es gibt nur viele Spekulationen“, sagte er den Stuttgarter Nachrichten.

Die geisterhaften Vorgänge haben sich bis heute nicht wiederholt. Der Spuk-Hof in Großerlach wurde bereits abgerissen. Augenzeugen sind lange verstorben. 

Obwohl die Geschichte unter der lokalen Bevölkerung wenig verbreitet ist, ist Großerlach immer noch eine beliebte Anlaufstelle für vor allem internationale Geisterjäger und Fans von Gruselgeschichten. Noch heute reisen Spukbegeisterte von weit her in den Rems-Murr-Kreis, um den geheimnisvollen Ereignissen um Rosine Kleinknechts Hof auf die Spur zu kommen.

Im zweiten Teil der Reihe geht die Reise nach Freudenstadt. Wer sich bis dahin auch auf Spurensuche nach Großerlach begeben will, kann sich an der hier eingefügten Karte orientieren.

 

 

Mit ihrer ausgeprägten Fantasie basteln sich Kinder ihre Welt. Helden mit Superkräften, die täglich die Welt retten, Engel mit wunderschönen weißen großen Flügeln bis hin zu dem Weihnachtsmann mit seinem dicken Bauch, der selbstverständlich trotzdem durch alle noch so engen Schornsteine passt. Doch was ist eigentlich mit Gespenstern?  Weiterlesen

Sie ist das berühmteste Gespenst Nordeuropas, gefeierter Star in mehreren Filmen und das vielleicht sympathischste Gesicht in der „Kammer des Schreckens“ – trotz ihrer dunklen Vergangenheit. Unsere Reporterin Judith Bauer traf die Maulende Myrte.

Myrtes Toilette ist kein fröhlicher Ort. Wahrscheinlich war er das noch nie: Seit Jahrzehnten vernachlässigen ihn die Hauselfen beim Putzen, von jungen Hexen wird er gemieden und der magischen Öffentlichkeit ist er vor allem deshalb bekannt, weil dort einst ein Mord geschah. Auch Myrte selbst ist eine düstere Gefährtin. Dass sie überhaupt zu einem Treffen bereit war, ist ein kleines Wunder – normalerweise reagiert sie auf Anfragen kategorisch unhöflich. Bei meinem Besuch will ich daher auch der Frage nachgehen, wieviel Inszenierung hinter dem Image der tragischen Heldin steckt und ob da nicht eigentlich immer noch die Teenagerin zu finden ist, die sie einst war. Wer ist die Maulende Myrte?

Vorbereitung auf den Geist

Ich sehe dem Treffen in Hogwarts mit einiger Nervosität entgegen. Noch nie habe ich einen Geist gesehen, geschweige denn interviewt. Meine größte Befürchtung ist, dass ich in ein Todes-Fettnäpfchen treten könnte und im Verlauf des Gesprächs vergesse, dass es sich bei ihr um eine Untote handelt. Das Thema ist zu belastet. Noch dazu weiß ich aus den Büchern und Filmen, dass Myrte von besonders sensibler Natur ist, Anspielungen auf ihr gespenstisches Dasein nimmt sie nicht locker. Oder ist das Teil des Theaters? Gerade diese Aura reizt mich: Myrte könnte mystisch und unnahbar sein, sie könnte aber auch eine gewöhnliche, egozentrische 15-Jährige sein, die zu viel Zeit hatte, sich in ihrem Selbstbezug zu suhlen. Ich wende mich daher mit großer Umsicht und in meinem besten Oxford-Englisch an die Pressestelle der Schule, mit der höflichen Bitte, den Brief an Mrs. Moaning Myrtle weiterzuleiten. Wie peinlich, dass ich ihren Nachnamen nicht kenne.

Die überraschende Zusage zum Gespräch erfolgt prompt und postalisch: Myrte macht offenbar Gebrauch von den Schuleulen. Ihre Handschrift (ist es ihre Handschrift? Wie hält sie die Feder?) ist gewöhnlich, das Schreiben konzise und undurchsichtig. Sie lädt mich zu einem kurzen Gespräch ein, ich buche sofort den Flug. Auf der Zugfahrt in Richtung Inverness wird mir klar, dass ich im Begriff bin, eine mittelgroße Berühmtheit zu treffen, von der ich praktisch nichts weiß. Internetrecherchen zu Personen des frühen 20. Jahrhunderts, die ihr Leben in magischer Isolation verbracht haben, sind meist wenig ergiebig. Ich muss mich also auf meinen journalistischen Instinkt verlassen. Doch so viele Details können schiefgehen: Was passiert beim Händeschütteln mit einem Geist? Werde ich sie überhaupt sehen können? Vielleicht durchschaut sie all meine Unsicherheiten, immerhin hat sie sehr viel Lebenserfahrung und kennt sicher viele Menschen, Zauberer zumal. Vorsichtshalber benutze ich die Toilette im Zug, auf keinen Fall möchte ich den Fauxpas begehen und in ihrer Gegenwart über derart profane Dinge sprechen, die auch noch private Erinnerungen wecken könnten.

Auf der Toilette mit Myrte

Am Schlosstor werde ich von einem unscheinbaren älteren Herrn mit Katze abgeholt. Er führt mich wortlos durch die Gänge bis zur Toilette im ersten Stock. Ich bin zu nervös, um auf die Gemälde oder Einzelheiten der Schule zu achten, am nächsten Tag fallen mir keine Details mehr zu diesem denkwürdigen Ort ein. Fotografieren ist ausdrücklich verboten. Ich nehme an, die Warner Brothers haben ihre Finger im Spiel. In der Toilette wartet Myrte auf mich. Als ich eintrete, steht sie mit dem Rücken zu mir am Fenster, am anderen Ende des Raumes. Erst als ich mich mit einem Räuspern bemerkbar mache, dreht sie sich um. Sie schwebt tatsächlich, ihre Füße scheinen den Boden nicht zu berühren. Apropos berühren – über Körperkontakt muss ich mir offsichtlich keine Gedanken machen, sie hält das ganze Gespräch über großen Abstand. Meine Nervosität verschwindet, sobald ich die ersten Sätze sage. Das hier ist letztendlich doch nur ein Interview.

Welchem glücklichen Umstand verdanke ich also die Großzügigkeit ihrer Einladung? Tatsächlich hat sie einen Artikel von mir gelesen, in dem ich über die verkannte Genialität der Erscheinungen in Emily Brontës Sturmhöhe schrieb. Offenbar identifiziert sich Myrte stark mit Cathy Earnshaw. Ich kann diese Antwort zunächst nicht einordnen – in erster Linie schmeichelt es mir sehr, mit meinen bescheidenen Schriften ein prominentes Publikum zu erreichen. Die Antwort ermutigt mich zu den forscheren Fragen auf meinem Zettel. Warum ausgerechnet diese Mädchentoilette? Unterhält sie Beziehungen zu anderen Gespenstern? Wie geht sie damit um, dass die meisten Menschen in ihrem Umfeld (bzw. alle Menschen) so viel jünger sind als sie? Erinnert sie sich an den Moment ihres Todes?

Ein Schrecken ohne Ende?

Myrte lässt sich Zeit mit ihren Antworten, immer wieder wendet sie sich beim Sprechen von mir ab oder schwebt gar durch den Raum. Selten fand ich es so schwer, einer Gesprächspartnerin zu folgen. Auch ihre Art zu sprechen bereitet mir Schwierigkeiten, so bemüht hauchig und leise, gar nicht wie im Film. Was ich über sie erfahre, ist, milde gesagt, ernüchternd. Ihr Tod sei hinreichend in den Büchern beschrieben, interessanter sei ohnehin ihr Leben danach. Mit den Jahren habe sie große Weisheit erreicht und verstehe jetzt sehr viel über menschliches Leid und die Grausamkeit der Welt. Ihr ganzes Leben hindurch habe keiner sie verstanden und auch jetzt fehle ihr die wahre Anerkennung. Harry Potter hätte ohne sie nicht einmal sein zweites Schuljahr überlebt. Überhaupt: Harry Potter! Alle ihre Antworten führen unweigerlich zu langwierigen Auslassungen darüber, wie nahe sie sich gestanden hätten. Es sei sogar mehrmals fast zu einem Kuss gekommen, doch die gesellschaftlichen Konventionen hätten ihn davon abgehalten, seinen wahren Gefühlen nachzugehen. Auf meine hoffnungsvolle Nachfrage zur aktuellen Lage der Geister-Gleichstellung geht sie überhaupt nicht ein. Stattdessen legt sie mir nahe, in meinem Text doch klarzustellen, dass ihre filmische Darstellung nicht akkurat sei. Der Darstellerin fehle die intellektuelle Tiefe für eine derart anspruchsvolle Rolle. Außerdem habe sie eine schlechte Frisur.

Über drei Stunden dauert unser Treffen. Sie spricht auch dann noch weiter, als ich resigniert aufhöre, Fragen zu stellen und mich langsam Richtung Tür bewege. Generationen von Hogwartsschülerinnen lagen nicht falsch: Die Toilette der Maulenden Myrte ist kein guter Ort.