Beiträge

Der American Dream ist für viele US-Amerikaner*innen und Immigrant*innen auch heute noch relevant. Doch wie sehen die Chancen aus, ihn auch zu erreichen? Und trägt Amerikas Traumfabrik Hollywood durch Filme und Serien dazu bei, die scheinbaren Ideale der USA zu verstärken? Ein kleiner Rundumblick.

Der American Dream verspricht gleiche Aufstiegschancen für alle, die hart an sich arbeiten, um ihre Träume zu erreichen. Für den amerikanischen Psychologen Walter Fisher ergeben sich daraus zwei Perspektiven: den Traum des wirtschaftlichen Wohlergehens, aber auch die Wertschätzung und Fürsorge gegenüber anderen Menschen, die keinen hohen sozialen Status genießen. Erstmals verwendet wurde der Begriff des American Dream 1931 von James Truslow Adams, der ihn in sein Buch The Epic of America einbaute und damit der herrschenden Gesinnung von individueller Freiheit und Chancengleichheit einen Namen gab. Sein Grundgedanke manifestierte sich jedoch bereits seit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776. In dieser wurde unter anderem die Loslösung der Bevölkerung von ihren ungerechtfertigten Herrschenden und die damit einhergehende Selbstbestimmung beschrieben.

Ist Chancengleichheit ein Mythos?

Der amerikanische Traum ist zwar auch heute noch bedeutsam, doch seine Fassade bröckelt und enthüllt eine Realität fernab von romantischen Hollywood-Dramen. Laut einer Umfrage von YouGovAmerica aus dem Jahr 2020 glauben bereits 37 Prozent der befragten Amerikaner*innen, dass der American Dream mittlerweile schwerer zu erreichen sei als für frühere Generationen. Doch wie viel Schuld trägt jede*r Einzelne am Nichterreichen der festgelegten Ziele? Ist die angepriesene Chancengleichheit gelebte Realität oder ein weitverbreiteter Mythos?

Um diesen Fragen nachzugehen, lohnt sich ein Blick in Statistiken. Allein die Lebenserwartung der US-Amerikaner*innen hängt bereits mit ihrem Wohnort zusammen und variiert dabei um bis zu 20 Jahre. Während die durchschnittliche Lebenserwartung in Bereichen von Minnesota beispielsweise bei 83,2 Jahren liegt, erreichen Bürger*innen in Teilen von Mississippi lediglich ein Durchschnittsalter von 67,4 Jahren. Überdies gibt es zwischen den verschiedenen Wohnorten große Diskrepanzen in der Zugänglichkeit zu Bildung und deren Qualität. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden, schwankt ebenfalls stark. Hinzu kommt, dass lediglich acht Prozent der Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen später zu den Erwachsenen gehören, die in den USA zu den Vielverdiener*innen zählen. Der Aufstieg scheint demnach unwahrscheinlich. Und der Traum eines besseren Lebens rückt für viele US-Bürger*innen angesichts dieser Zahlen zusehends in weite Ferne.

Hollywood und der American Dream

Trotz alledem wird der American Dream als eindrucksvoller Lebenstraum auch heute noch in Hollywoods Filmen und Serien dargestellt: Vom Tellerwäscher zum Millionär in 120 Minuten, bis der Kinovorhang fällt. Unzählige bekannte Filme wie Forrest Gump, The Great Gatsby oder The Pursuit of Happyness verherrlichen den American Dream, denn das Geschäft rund um die Traumindustrie ist lukrativ. Doch auch wenn viele Hollywood-Filme Hoffnung stiften und der American Dream auch heute noch relevant ist, leidet seine Glaubwürdigkeit zunehmend. Umfragen aus dem Jahr 2019 zeigen einen deutlichen Rückgang, was den Glauben betrifft, ein besseres Leben führen zu können als die Elterngeneration. Besonders junge Frauen bezeichnen den American Dream zunehmend als unerreichbar.

Pretty Woman – vom Retten und gerettet werden

Pretty Woman

Pretty Woman – Vivian und Edward verkörpern den American Dream © Screenshot „Pretty Woman“ (1990), Buena Vista Pictures, USA

Eine der erfolgreichsten Hollywood-Produktionen der 1990er Jahre, der das amerikanische Lebensziel in den Fokus rückt, ist Gary Marshalls Pretty Woman mit Julia Roberts in der Rolle der Prostituierten Vivian und Richard Gere als reicher Finanzinvestor Edward. Der Film geht dabei auf die großen Klassenunterschiede zwischen den beiden ein und beobachtet, wie diese ihre Liebesgeschichte beeinflussen. Laut Walter Fishers Definition des American Dream rettet sich demnach nicht nur Vivian aus ihrer Armut, sondern auch Edward aus seiner Depression und seiner unethischen Lebensführung, was für beide in der Erfüllung ihrer Träume in Form von Liebe und Glück resultiert.

Die weitestgehend idyllische Darstellung ihrer klassenübergreifenden Liebe bietet eine idealistische und romantisierte Sicht auf den amerikanischen Traum. Der Film suggeriert, dass soziale Gleichheit erreicht werden kann und aus jeder Startposition des Lebens möglich ist, da die soziale Ordnung durchbrochen werden kann. Durch Vivians gute Freundin Kit, die sich durch ihren Drogenkonsum nicht aus ihrem Hamsterrad befreien kann, wird zudem die Ideologie bestärkt, dass arme und wirtschaftlich benachteiligte Menschen ihr Schicksal selbst in der Hand haben und ihre miserable Lage durch eigenes Versagen verursachen und auch verdient haben. Pretty Woman stellt Klassenkonflikte als persönliche Probleme dar, die sich völlig unabhängig vom sozialen Satus auflösen können. Hollywood vermittelt durch seine Filmproduktionen demnach ein schwer zu erreichendes Ideal, das in einer Welt ohne echte Chancengleichheit keine Verwendung findet.

Die Diskursivierung der Traumfabrik

Durchstöbert man die Archive, finden sich jedoch auch kritischere Filme wie Nomadland oder Death of A Salmesman, welche die Brüche des Konzepts thematisieren und einen differenzierten Diskurs jenseits von idealistischen Darstellungen auf die Kinoleinwand bringen. Der American Dream ist bekanntlich nicht mehr, was er einmal war, und diese Erkenntnis ist auch den amerikanischen Filmemacher*innen rund um Hollywood nicht entgangen. So werden geplatzte Träume, schwere Lebenswege und tragische Geschichten ohne Happy End verfilmt, die einem realistischeren Querschnitt des amerikanischen Lebens entsprechen zu scheinen. Somit bleibt der American Dream für viele eben genau das: ein Traum.

Titelbild: © Unsplash

 

Ihr habt noch nicht genug von unseren Traum-haften Beiträgen? Dann folgt uns für einen Blick hinter die Kulissen, spannende Fun-Facts oder Musik-Inspirationen auf Instagram und Twitter!

Mehr zum Thema und weitere interessante Beiträge findet ihr außerdem hier – oder abonniert unseren Newsletter!

Träume Kopf bunte Wolke

„Träum weiter“ – mit diesem dumpfen Gefühl, uns etwas Unrealistisches und Irreales in den Kopf gesetzt zu haben, bleiben wir oft zurück und verwerfen unsere Ideen. Dagegen wendet sich Regisseur Valentin Thurn mit seinem Dokumentarfilm Träum weiter! Sehnsucht nach Veränderung, der im September 2021 in die deutschen Kinos kommt. Er gibt der Redewendung eine ganz neue Bedeutung und ermutigt die Zuschauer*innen, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Ein One-way-Ticket auf den Mars – diese Idee halten die meisten wahrscheinlich für eine skurrile Spinnerei. Günther Golob nicht. Er träumt davon, bei der ersten Mars-Kolonialisierung dabei zu sein und hat dafür sogar die Leitung einer Kulturagentur in Graz aufgegeben. Seither konzentriert er sich ausschließlich auf seine Bewerbung für die sogenannte Mars-One-Mission und erklärt: „Sicherheit, das war mit 40-Stunden-Job, Familie – ja alles gut, recht und schön, aber nur für mich war es zu wenig, ich musste ausbrechen aus meinem Leben.“ Und tatsächlich, die erste Prüfung hat er bestanden: Von über 200 000 Bewerber*innen wurde er mit 99 anderen für die letzte Runde ausgewählt. Der Marsflug ohne Rückkehr ist von einer privaten Investoren-Gruppe für 2026 geplant. Im Anschluss sollen weitere Flüge weitere Menschen zu dem fernen Planeten bringen.

„Das ist für mich ein riesengroßes Abenteuer. Wahrscheinlich das größte in meinem Leben und als einer der Ersten da zu sein, der sowas erleben darf, sprengt eigentlich jegliche Vorstellungskraft, aber das ist genau das, was ich will“, so Golob.

Fünf unterschiedliche Lebensträume

Van Bo Le-Mentzel in einem seiner Tiny-Häuser. © AlmodeFilm

Neben ihm sind es noch vier weitere Protagonist*innen, die der 58-jährige Regisseur Valentin Thurn über drei Jahre lang auf ihrem Weg, ihre ganz individuellen Träume zu verwirklichen, begleitet hat. Van Bo Le-Mentzel, der früher Planer eindrucksvoller Shoppingmalls und Museen war, hat seinen gut bezahlten Job während der Schwangerschaft seiner Frau an den Nagel gehängt. „Ich habe viele Dinge gemacht, die eigentlich nichts bedeuten“, sagt der Architekt. „Ich wusste, ich muss irgendwas tun, was anderen Menschen auch hilft.“ Jetzt entwirft und baut er Tiny-Häuser, schafft dadurch öffentliche Begegnungsstätten, und träumt von Wohnraum für alle und mietfreiem Wohnen – mitten in Berlin.

Carl-Heinrich von Gablenz träumt von nachhaltigen Luftschiffen. © AlmodeFilm

Auch Carl-Heinrich von Gablenz hat sein Job als erfolgreicher Manager in einem Maschinenbau-Konzern nicht mehr erfüllt. Stattdessen hat er die Idee entwickelt, Schwerlasten mit Ballons schweben und transportieren zu lassen. Hierfür kämpft er immer weiter. Obwohl er während der Finanzkrise schon einmal mit seiner Erfindung Pleite gegangen ist, hält er daran fest und gibt die umweltfreundliche Alternative zum Flugzeug nicht auf.

Ein Symbol gegen den Klimawandel setzt auch der Designer Joy Lohmann. Er träumt davon, schwimmende Recycling-Inseln aus Müll zu bauen, um so beispielsweise Menschen vor der Überschwemmung zu retten und aufzunehmen. In eine ganz andere Richtung geht der Wunsch von Line Fuks: Sie und ihre Partnerin Katja wandern gemeinsam mit den Kindern nach Portugal aus, damit diese nie mehr in die Schule müssen und ihnen das Freilernen in Eigenregie ermöglicht werden kann.

Joy Lohmanns Recycling-Inseln mit Symbolkraft. © AlmodeFilm

Line Fuks‘ Kinder lernen auf einem Bauernhof in Portugal in Eigenregie – ganz ohne Schulpflicht. © AlmodeFilm

„Nur wer träumt, kann auch wirklich Zukunft erfinden“

Dokumentarregisseur Valentin Thurn ©ThurnFilm

„Wir haben hinter den Filmtitel bewusst ein Ausrufezeichen gesetzt“, erklärt Valentin Thurn im Interview mit Zwischenbetrachtung. „Wohlwissend, dass es diese negative Konnotation gibt, denn da kann man natürlich nicht dran vorbeigehen, dass Träumer oder Visionäre in dieser Gesellschaft oft nicht ernst genommen werden. Wir meinen das aber affirmativ, denn nur wer träumt, kann auch wirklich Zukunft erfinden.“ Bei Kino-Diskussionen um seine beiden mehrfach ausgezeichneten Filme Taste the Waste und 10 Milliarden – wie werden wir alle satt?, in denen er sich mit den Themen Welternährung und Lebensmittelverschwendung beschäftigt hat, habe er beobachtet, dass vor allem die jüngere Generation nach grundlegenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft strebe und auf der Suche nach echten Alternativen sei. In einer Zeit des andauernden Produzierens und Konsumierens, der fehlenden Ruhe und Überreiztheit der Sinne bleibe häufig keine Zeit zum Reflektieren und Träumen. Die Folge: keine Zukunftsentwürfe und -visionen, keine Alternativen zum Bestehenden.

„Ich will dazu beitragen, diese Lähmung zu überwinden, indem ich zeige, wie Menschen neue Visionen und Utopien entwerfen und auch versuchen, diese zu realisieren. Manches davon ist handfest, anderes vielleicht eher unrealistisch. Aber das ist nicht entscheidend: Wichtig ist, dass wir uns wieder darauf fokussieren, das eigene Potential zu erkunden und etwas zu wagen“, so Thurn.

Momente des Nichtstuns und sinnfreien Auswohnens

Auch er selbst habe sich lange Zeit in einem Hamsterrad befunden, in dem ihm die Momente gefehlt hätten, die er im Sinne seines Films als Träume definiert: „Ich meine damit nicht das Träumen in der Nacht, sondern ich meine die schöpferischen Momente, die Momente sinnfreien Auswohnens. Gedanken, die manchmal aus dem Nichtstun oder bei Routinetätigkeiten, sei es beim Fahrradfahren, Laufen, Aus-dem-Fenster-Starren oder Duschen jenseits der Arbeit entstehen. Wenn man das zulässt, entsteht Neues. Das sind die Träume, die ich meine.“ Dabei gehe es zunächst einmal nicht um gewinnbringende Projekte, betont Thurn. Sie seien oftmals vielmehr jenseits des Geldverdienens angesiedelt – „man macht etwas, weil man es für richtig erachtet.“ Und zwei Eigenschaften dürfen dabei nicht fehlen, weiß der Regisseur nach den drei Jahren: Selbstliebe und eine Portion Größenwahn.

Der Film läuft ab dem 30. September 2021 in den deutschen Kinos. © AlmodeFilm

Titelbild: © AlmodeFilm

Ihr habt noch nicht genug von unseren Traum-haften Beiträgen? Dann folgt uns für einen Blick hinter die Kulissen, spannende Fun-Facts oder Musik-Inspirationen auf Instagram und Twitter! 

Mehr zum Thema und weitere interessante Beiträge findet ihr außerdem hier – oder abonniert unseren Newsletter! 

Kopf mit bunter Wolke Träume

Grüne Käfer, rote Schuhe oder gelbe Blumen. Farben in Träumen faszinieren uns und regen nicht selten zur Traumdeutung an. Aber was ist, wenn wir in Schwarzweiß träumen? Wie das mit unseren Medienerfahrungen zusammenhängen könnte, klärt ein Blick in die ‚Traumfarbforschung‘ der letzten hundert Jahre.  

Ein Kind sitzt auf einem Dreirad. Die Räder quietschen, das Lenkrad wackelt und der Blick nach vorne offenbart eine menschenverlassene Stadt. Unzählige Wolkenkratzer machen ihrem Namen alle Ehre und verschwinden im Grau des Himmels. Die Gassen dazwischen engen auf den ersten Blick ein. Sobald das Dreirad um die Ecke quietscht, breitet sich die Entfernung zwischen den Betonfassaden jedoch ins Unendliche aus. Eine Unendlichkeit von Schwarz-, Weiß- und Grautönen. Kein Fensterrahmen, kein Straßenschild, keine Dreiradpedale in dieser Stadt sind in Farbe getaucht. Alles ist schwarzweiß. An diesen Traum kann ich mich erinnern, seit ich Dreirad fahren kann. Zumindest glaube ich mich daran erinnern zu können. Ein Traum ganz ohne Farbe – kann das überhaupt sein?  

Traum oder Film?

Die Traumforschung ist sich darin einig, dass Sorgen, Tätigkeiten und Erfahrungen aus dem Alltag den Inhalt eines Traums beeinflussen. Meine Dreiradfahrt durch den schwarzweißen Großstadtdschungel erinnert jedoch eher an eine Szene aus einem Film Noir. In der nächsten Sequenz könnte sich ein graugekleideter Ermittler, an eine Betonwand gelehnt, seine Zigarette anzünden. Eine in Schatten getauchte Frau würde derweil in eines der Hochhäuser stöckeln, den Blick des Ermittlers auf ihrem Rücken…

Bereits 1926 sprach der Regisseur René Clair von einer besonderen Nähe zwischen Zuschauer*innen eines Kinofilms und Träumenden, die in den Bann ihres Traums gezogen werden. Der klinische Psychologe Robert Van de Castle beschreibt in seinem Buch Our Dreaming Mind tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Trauminhalten. Vor allem emotionale Szenen sollen demnach beeinflussen, welche Geschichten sich nachts in unserem Unterbewusstsein abspielen. Aber auch die formalen Aspekte von Medien scheinen sich in Träumen wiederzufinden. 1961 behauptete der Psychoanalytiker Ángel Garma sogar, Träume seien wie Stummfilme, ohne Ton oder Farbe.

Technicolor-Träume

Können Medien also auch beeinflussen, ob wir in Farbe träumen oder nicht? Die Psychologin Eva Murzyn wollte in einer 2008 veröffentlichten Studie genau diese Frage beantworten. Hintergrund dafür lieferten Unstimmigkeiten, die der Philosoph Eric Schwitzgebel feststellen konnte, als er frühe Traumstudien mit später durchgeführten Erhebungen verglich. Im frühen 20. Jahrhundert waren nicht nur Filme schwarzweiß, sondern auch Träume sollen im Regelfall keine Farben enthalten haben. In einer 1915 durchgeführten Studie träumten nur 20 Prozent der Proband*innen in Farbe. Ebenfalls im Jahr 1915 gründete der US-amerikanische Geschäftsmann Herbert Kalmus das Filmunternehmen Technicolor, welches circa vier Jahrzehnte später den Farbfilm revolutionieren sollte. Nicht ohne Grund nannten Traumforscher*innen Farbträume damals ‚Technicolor-Träume‘.

Während sich heute ganze Webseiten und Bücher der Frage widmen, was bestimmte Farben im Traum zu bedeuten haben, waren all diese Traumfarben in den Fünfzigern nur eins: Symptome einer psychischen Krankheit. Forscher*innen des St. Louis Krankenhauses in Missouri fanden diese bei psychisch erkrankten Patient*innen etwa drei Prozent häufiger als bei anderen Patient*innen des Krankenhauses. Auffällig ist nun, dass sich diese Auffassung in den Sechzigern änderte. In einer Studie von 1962 gaben rund 83 Prozent der Befragten an, in Farbe zu träumen. Parallel zu diesem neuen Farbanstrich der Traumwelt machte aber auch eine ganze Industrie Fortschritte in Richtung Farbe: die Filmindustrie.

Medien als Traumvorbilder

Die Dreistreifenkamera von Technicolor revolutionierte Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Filmindustrie. © Marcin Wichary

Die internationalen Kinoleinwände erstrahlten ab den Vierzigern in immer mehr Farben, Ende der Sechziger produzierte die Traumfabrik fast alle Filme in Color. Zudem besaß die Mehrheit aller US-amerikanischen Haushalte 1972 einen Farbfernseher. Farbmedien ersetzten Stück für Stück ihre schwarzweißen Vorgänger. Eva Murzyn stellt in ihrer Studie zwei Ansätze vor, die erklären, wie diese Entwicklung für den Umbruch in der Traumforschung verantwortlich sein könnte: Entweder beeinflussen Medien direkt die Traumform und somit auch die Farbgebung, oder sie beeinflussen lediglich die Annahmen darüber, wie Träume auszusehen haben. Da Träume nur selten im Langzeitgedächtnis gespeichert werden, vergisst man schnell Details zu Form und Inhalt des Geträumten.

Allein die Annahme, dass Träume typischerweise schwarzweiß sind, kann die Wahrnehmung verzerren und eigene Träume im Nachhinein farblos erscheinen lassen. Frühe Dokumentationen zu Träumen legen laut Murzyn nahe, dass Menschen vor dem 20. Jahrhundert mehrheitlich in Farbe träumten. Damals, so argumentiert die Psychologin in ihrer Dissertation, gab es auch noch keine Filme, die als Vorlage zur eigenen Realitäts- und Traumwahrnehmung dienten. Menschen, die hauptsächlich Schwarzweißfilme konsumieren, passen ihr Traumerlebnis also an das mediale Vorbild an. Die Träume erscheinen somit in Retroperspektive farblos.

Die Farben der Kindheit

Und wie kommt es, dass Menschen heute noch behaupten, schwarzweiße Träume zu haben? Eva Murzyn untersuchte in ihrer Studie die Träume von 60 Personen darauf, ob sie diese als grau oder bunt wahrnehmen. Dabei teilte sie die Proband*innen in zwei Gruppen auf: die unter 25-Jährigen und die über 55-Jährigen. Den Traumtagebüchern und Befragungen konnte Murzyn schließlich entnehmen, dass in der jungen Gruppe durchschnittlich nur etwa 4 Prozent der Träume schwarzweiß ausfallen. Die älteren Proband*innen hingegen konnte sie nochmals in zwei Gruppen spalten. Diejenigen, die bereits im Grundschulalter Farbfernsehen konsumierten, träumten zu über 90 Prozent in Farbe. Von den Studienteilnehmenden, die mit Schwarzweißmedien aufwuchsen, behauptete jede*r Vierte noch immer, in Grautönen zu träumen. „Es könnte also eine kritische Periode in der Kindheit geben, in der Filme eine wichtige Rolle dabei spielen, wie unsere Träume aussehen“, mutmaßt Murzyn. 

Der schwarzweiße Großstadttraum aus meiner Kindheit kann also noch immer nicht vollständig erklärt werden. Ich gehöre zweifellos zur Generation Farbfernsehen und träume auch sonst nicht in Grautönen. Aber wer weiß, vielleicht hat das dreiradfahrende Mädchen vor dem Schlafengehen ein paar Blicke auf einen schwarzweißen Krimi erhaschen können. Oder vielleicht verzerrte ein späterer Stummfilmmarathon die Erinnerung an die Fahrt durch den Wald aus Wolkenkratzern. Denn Medien haben eine Wirkung auf die Farbwelt unserer Träume – egal, ob sie sich bereits im Schlaf in Grautönen abspielen oder unser Gedächtnis das Geträumte erst im Nachhinein schwarzweiß einfärbt. 

© Titelbild: Unsplash

 

Ihr habt noch nicht genug von unseren Traum-haften Beiträgen? Dann folgt uns für einen Blick hinter die Kulissen, spannende Fun-Facts oder Musik-Inspirationen auf Instagram und Twitter! 

Mehr zum Thema und weitere interessante Beiträge findet ihr außerdem hier – oder abonniert unseren Newsletter! 

Kopf mit bunter Wolke Träume

Von wegen, Grün steht für Ruhe und Hoffnung. In diesen acht Disney-Filmen spielt die Farbe Grün eine bedeutende Rolle, wenn es um die Bösewichte und deren magische Kräfte geht. Ihre Gemeinsamkeit: Das Böse ist grün! Doch um den Schurken ihren durch und durch bösen Charakter zu verleihen, dürfen zwei weitere Farben ebenfalls nicht fehlen. Weiterlesen

Bei Nacht können Schatten bedrohlich wirken. Wäscheberge auf Stühlen verwandeln sich in stumme Beobachter, die in der Dunkelheit lauern. Doch was passiert, wenn man das Licht anmacht und auf dem Stuhl tatsächlich jemand sitzt? Nachtsichtaufnahmen in Horrorfilmen spielen mit dieser Furcht vor den Schatten und zeigen, was uns eigentlich wirklich Angst macht.
Weiterlesen

Wer kennt sie nicht, die grünen Ziffern der Matrix, die den Bildschirm runterlaufen. Und nicht nur hier spielt die Farbe Grün eine wichtige Rolle. Auch alle Szenen, die sich in der Matrix abspielen, sind von einem Grünstich durchzogen. Sogar Sushi hat damit zu tun – und das ist garantiert kein Fehler in der Matrix! Weiterlesen

Irgendwas mit Medien, als Influencer mit coolen Videos viel Geld verdienen, meine Leidenschaft zum Beruf machen. Das wollen viele, aber wie geht das? Weiterlesen

Schnelle Schnitte in Pappe. Ritsch, ratsch, ritsch, ratsch. So schnell, wie kaum jemand schneiden kann. Wenn ich mit der Schere so schnell schneiden würde, wäre das Endprodukt höchstens als Konfetti verwendbar. Nicht so bei Lotte Reiniger. Bei ihr entstanden künstlerische, filigrane Scherenschnittfiguren in Sekundenschnelle. Sie machte Silhouetten, weil sie es konnte.  Weiterlesen

Womöglich ist jeder schon einmal aus dem Kinosaal gewandert, nachdem man endlich die lang erwartete Verfilmung des letzten Lieblingsbuches auf der großen Leinwand gesehen hat, und konnte sich diesen einen, oftmals weit verbreiteten Gedanken nicht verkneifen: „Okay, aber das Buch war irgendwie besser.“ Versuchen wir doch etwas Licht ins Dunkel zu bringen und zu klären, was die eigene Vorstellungskraft und das Eintauchen in fiktive Welten mit diesem Phänomen zu tun haben.

Vor dem Kinobesuch sind wir tief in diese Welt der Buchstaben eingetaucht, haben bei jedem Weiterblättern das Papier zwischen unseren Fingern gespürt und eine Seite nach der anderen verschlungen. Wir haben unserer Fantasie freien Lauf gelassen und Charaktere und Orte in unsere Köpfe projiziert – um uns dann ein visuelles Spektakel vor Augen zu führen, das in keiner Weise jemals unseren Vorstellungen entsprechen könnte.

Dabei bewegt sich die Wahrnehmung von Literaturverfilmungen innerhalb eines breiten Spektrums: von renommierten Buchadaptionen wie „Der Pate“, „Forrest Gump“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ bis zu Verfilmungen, die eher als Flop gelten, zum Beispiel „Fifty Shades of Grey“, „The Circle“ oder „Das Parfüm“. Darüber hinaus gibt es einige wahre Klassiker, bei denen die Buchvorlage tendenziell unbekannter ist, so etwa „Jurassic Park“, „Fight Club“, „Blade Runner“ oder diverse Werke von Stanley Kubrick und Alfred Hitchcock. Ein anderer Faktor, der in die Rezeption hineinspielt, ist der Umfang der Vorlage: Die Bekanntheit und der Anspruch einer mehrteiligen Buchreihe („Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“) sind logischerweise höher als bei der Verfilmung einer Kurzgeschichte, die oft lediglich eine Inspiration für das Drehbuch darstellt („Minority Report“, „Das Fenster zum Hof“, „2001: Odyssee im Weltraum“).

Das Bauchgefühl sagt also gerne mal, dass die Mehrheit der Meinung wäre, das Buch sei besser gewesen. Tatsächlich überprüft wird das aber eher selten. In diesem Zusammenhang hat das audible magazin eine Studie durchgeführt, die über 100 bekannte Buchtitel mit Filmadaptionen vergleicht. Dazu wurden Userbewertungen der Reviewplattformen Goodreads und IMDb herangezogen und in einem Diagramm dargestellt.

Die Werke verteilen sich sehr breit entlang der positiven Trendlinie, allerdings auch in Richtung schlechtere Bewertungen. Die ausgewählten Buchvorlagen schneiden sowohl schwächer als auch besser als die Verfilmungen ab. Jedoch kann man nicht davon ausgehen, dass jede Person, die eine Verfilmung gesehen hat, zuvor ein Urteil über das Buch gefällt hat. Denn in der Regel sind es dann natürlich die Leser, die tatsächlich eine Aussage über den Vergleich von den beiden Versionen treffen können – und der fällt bekanntlich hin und wieder negativ aus. Aber warum ist das so? Für eine möglichst genaue Antwort auf diese Frage schauen wir uns Hintergründe und Einschätzungen aus der Wissenschaft an.

Medium versus Medium

Die Herausforderung einer Verfilmung besteht darin, das adaptierte Werk aus seiner Form zu entbinden und den technologischen und strukturellen Voraussetzungen des Films zu entsprechen. Dabei muss eine Balance zwischen Werktreue und künstlerischer Interpretation der Filmemacher geschaffen werden. Der wohl größte Unterschied zwischen den beiden Medientypen sind die sogenannten Zeichensysteme. Literatur bedient sich der Schrift und verbindet somit den ästhetischen Reiz von Papier, Wortwahl und Erzählperspektive. Den Film charakterisieren die audiovisuelle Erzählebene und damit der „kinematographische Code“, das heißt allen voran Bild, Ton und Sprache.

Aus diesem Gegensatz ergeben sich einige Hauptkritikpunkte bei Vergleichen von Büchern und deren filmischen Adaptionen. Die begrenzte Laufzeit von Filmen und die ebenso limitierte Aufmerksamkeit der Rezipienten müssen sich mit der Detailliertheit und zeitlichen Unbegrenztheit von literarischen Werken messen. Die Gefühls- und Gedankenwelt von Charakteren kann textlich viel einfacher und intensiver eingefangen werden, als es ein Schauspieler jemals darstellen könnte. Trotz der bildlichen Erzählebene des Films muss dieser oft an inhaltlicher Tiefe einbüßen. Denn Literatur vermittelt eine präzise Vorstellung der Autoren über die fiktive Welt und lässt gleichzeitig ausreichend Raum für Interpretation. Diese aktive Förderung von Fantasie ist in Büchern individuell auf jede Person zugeschnitten. Lesende nehmen somit verschiedenste Details sehr unterschiedlich wahr und malen sich eigene Welten aus, in die sie hineingesogen werden.

Immersion, Imagination und Individualität

Gemäß der Literaturwissenschaftlerin Sandra Poppe ist unsere Verarbeitung von visueller Wahrnehmung ein zentraler Aspekt der Immersion, also der gefühlten Präsenz durch vollkommenes Eintauchen in fiktive Welten. Auch wenn die Zugänge unterschiedlich sind, bieten sowohl Text als auch Film durch die Gestaltung eines fiktionalen Hintergrunds eine Plattform für Bedeutungserzeugung und Sinnvermittlung. Die Medienkulturwissenschaftlerin Robin Curtis argumentiert demnach, dass Immersion bei Zuschauenden durch die tatsächlich sichtbare Raumwahrnehmung im Film entsteht. In der Literatur entwickelt sie sich erst durch aktive Beteiligung der Lesenden an der räumlichen Imagination.

Verfilmung Buch Leinwand Kino

© Anja Weber

Jedes Lesen eines Textes ist eine eigene Vision, eine persönliche Adaption von Papier auf die Leinwand des inneren Auges. Filmwelten werden den Zuschauenden aber mit einer festgelegten Visualisierung als unveränderlich präsentiert. Dadurch ist es unmöglich, alle vorausgegangenen Fantasien der Lesenden zu erfassen, geschweige denn umzusetzen. In Büchern werden Welten mit individuellster Vorstellung entworfen und Handlungslücken mit eigener Vorstellungskraft gefüllt. In Filmen müssen hingegen häufig komplexe Handlungsstränge kompensiert und Szenen zum Verständnis entfernt oder erfunden werden. Aus diesem Grund werden auch regelmäßig Charaktere weggelassen, beispielsweise der mythische Tom Bombadil aus „Der Herr der Ringe“, der Poltergeist Peeves aus „Harry Potter“ oder Katniss‘ beste Freundin Madge Undersee aus „Die Tribute von Panem“. Es wäre reiner Zufall, wenn Filmschaffende auch nur eine einzige Fantasie eines ganz bestimmten Lesers genauso treffen würden. Den spezifischen Erinnerungen und Bildern im Kopf, die man oft über viele Stunden verinnerlicht hat, kann die Verfilmung daher kaum gerecht werden.

Genauso muss die Verfilmung aber als ein individuelles, künstlerisches Erzeugnis gesehen werden. Filmemacher sollten die Freiheit besitzen, ein Werk nach eigenen Vorstellungen und Interpretationen zu erschaffen  ohne das Buch aus den Augen zu verlieren. Das Gleichgewicht von Werktreue und eigenständiger Auslegung ist eine Gradwanderung: Weder sollte man sich zu eng an die Vorlage halten, noch sich zu weit von ihr entfernen. Gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen der beiden Medien zweierlei: Das filmische Endprodukt ist ein heterogenes Zusammenspiel diverser Vorstellungen von Regisseuren, Drehbuchautoren, Kameraleuten, Cuttern, Tontechnikern und so weiter, während ein Buch mehr oder weniger aus einem homogenen Guss des Autors kommt.

Die Notwendigkeit des Vergleichs

Kann und soll man Literatur und ihre Verfilmung dann überhaupt vergleichen? Wenn die Medientypen ohnehin so verschieden, die Kontraste in Form und Inhalt unvermeidbar und die Wahrnehmungen zu individuell sind? Die Antwort ist „Ja“! Die Unterschiede von bedeutenden Romanen und Filmadaptionen fordern den Vergleich und damit auch die Polarisierung geradezu heraus. Wann immer sich jemand Literatur annimmt und sie filmisch inszeniert, kann und muss dieses Ergebnis hinterfragt und verglichen werden. Wie wir fiktive Welten wahrnehmen und in sie eintauchen, individuelle Fantasien und Erlebnisse aus ihnen ziehen und letztlich ganz eigene Ansprüche an Verfilmungen stellen: Die daraus entstehende Diskussion und kulturelle Auseinandersetzung von Papier und Leinwand ist womöglich sogar das, was Buchverfilmungen erst so spannend macht. Abschließend gilt also zu sagen:

„… erstens ist jedes Buch unverfilmbar

und zweitens nur so lange, bis es verfilmt wird.“

– Andreas Kilb, deutscher Filmkritiker

 

Literatur:

Curtis, R. (2008). Immersion und Einfühlung. Zwischen Repräsentationalität und Materialität bewegter Bilder. montage AV. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation, 17 (2), 89-107.

Henneberg, R. (2019). Diese Filme sind als Hörbücher besser. Abgerufen am 31. Mai, 2019, von https://magazin.audible.de/film-vs-buch-vs-hoerbuch/.

Hurst, M. (1996). Erzählsituationen in Literatur und Film: Ein Modell zur vergleichenden Analyse von literarischen Texten und filmischen Adaptionen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

Marie, V. (2011). Die Schwierigkeiten einer Literaturverfilmung am Beispiel von Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“, verfilmt von Tom Tykwer. Hochschule Mittweida, Mittweida.

McFarlane, B. (2007). Reading film and literature. In D. Cartmell & I. Whelehan (Hrsg.), The Cambridge Companion to Literature on Screen. New York: Cambridge University Press.

Poppe, S. (2007). Visualität in Literatur und Film: Eine medienkomparatistische Untersuchung moderner Erzähltexte und ihrer Verfilmungen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

 

Wollt Ihr immer Up to Date sein? Dann folgt uns auf Facebook und Instagram.
Dort informieren wir euch immer über den neusten Papierkram.

Filmplakat Paranormal Activity

„Paranormal Activity“ zählt zu den rentabelsten Horrorfilmen aller Zeiten. Der Low-Budget-Film spielte Millionen an den Kinokassen ein. Viele vermuten hinter dem Erfolg die Darstellung des Bösen im US-amerikanischen Erfolgsstreifen. Mit seiner Geisterdarstellung versucht Regisseur Oren Peli die Angst der Zuschauer*innen vor dem Unbekannten zu wecken. Außerdem spielen auch die gelungenen Marketing-Aktionen eine nicht unwesentliche Rolle für den Erfolg des Films.

Im Jahr 2009 durfte eine ausgewählte Anzahl von Personen den neuen Horrorfilm „Paranormal Activity“ zum allerersten Mal im Kino schauen. Die Reaktionen der Zuschauer*innen wurden aufgezeichnet. Versteinerte Mienen, weit aufgerissene Münder und mit den Händen verdeckte Gesichter sind in diesem kurzen Video zu sehen. „Paranormal Activity“ zählt zu den schlimmsten Horrorfilmen der letzten Jahre.

Entstehungsgeschichte

Die Idee für den Film stammt von dem US-amerikanischen Filmemacher Oren Peli. Bis dato hatte er noch keinen Film selbst produziert. Ausgestattet mit einem Budget von 15.000 US-Dollar, seinem eigenen Haus als Drehort und zwei Schauspieler*innen, begann er den Dreh. Es gab kein konkretes Skript. Die Schauspieler*innen hatten einen groben Handlungsablauf vorgegeben, woraus sich die Dialoge ergaben. Der ganze Film ist im „Found Footage“-Stil gehalten. Das heißt, es wird der Eindruck erweckt, die Hauptcharaktere filmten sich selbst mit einer Handkamera und dokumentierten ihr Leben. Oft wird der Film deshalb mit dem vor zehn Jahren gedrehten, pseudodokumentarischen „Blair Witch Project“ verglichen. Innerhalb einer Woche war der Film abgedreht.

Die Handlung

Katie schlafwandelt und beobachtet ihren Freund Micah über Stunden. Die Kamera zeichnet alles auf. (Foto: Variety)

Die beiden Hauptcharaktere Katie Featherston und Micah Sloat behalten auch ihre Vornamen für den Film. Das junge Paar lebt in einem netten, kleinen Häuschen in San Diego. Als Katie eines Nachts seltsame Geräusche hört, stellt ihr Freund Micah eine Kamera im Schlafzimmer auf, um die Sache aufzuklären. Aber die nächtlichen Ereignisse verschlimmern sich.

Die Schlafzimmertür knallt zu, der Kronleuchter fällt von der Decke und Katie schlafwandelt. Schon als Kind hatte Katie mit solchen paranormalen Ereignissen zu kämpfen. Micah sieht es nicht ein, die Kamera zu entfernen, da er denkt, dem Spuk so Einhalt zu gebieten. Doch da irrt er sich. Die Phänomene werden immer schlimmer, bis diese zu einem schrecklichen Höhepunkt gelangen.

Der Geist in „Paranormal Activity“

Obwohl der Geist in „Paranormal Activity“ nie in Erscheinung tritt, jagt er den Zuschauer*innen dennoch einen gehörigen Schrecken ein. Der Film spielt mit der Furcht vor dem Unsichtbaren. Dazu nutzt der Regisseur die Angst der Zuschauer*innen vor dem Unbekannten. Dass man nicht genau weiß, wovor man sich eigentlich fürchtet, macht die Situation umso gruseliger. Der Geist tritt nie als Person oder als Gestalt auf. Man kann lediglich seltsame Geräusche vernehmen und das Bewegen von Gegenständen beobachten. Als der Geist aber auch nicht mehr davor zurückschreckt, Katie aus dem Bett zu ziehen und zu verletzten, wird klar: Mit ihm ist nicht zu spaßen. Besonders gruselig wird es dann, wenn der/die Zuschauer*in merkt, dass der Geist von Katie Besitz ergriffen hat und sie nicht mehr dieselbe ist. Plötzlich ist sie zu schrecklichen Taten fähig.

Im Laufe des Films vollzieht sich die klassische Steigerung der Ereignisse bis  zu einem absoluten Höhepunkt. Was zunächst nur harmlose Poltergeisterscheinungen sind, entpuppt sich als wahrhafter Horror. Durch die langsame Steigerung wird der/die Zuschauer*in in die Situation der Protagonist*innen versetzt. Jede Nacht ist durch die Kamera dokumentiert, so ist man scheinbar live dabei. Die sehr authentische Darstellung der Schauspieler*innen verstärkt diesen Eindruck noch. Auf spannungssteigernde Musik wird gänzlich verzichtet. Stattdessen kündigt ein tiefer Brummton an, dass gleich wieder etwas Unheimliches passieren wird. Auf diese Weise wird die Spannung noch mehr gesteigert.

Der Film hat für seine Geisterdarstellung viel Kritik einstecken müssen. „Paranormal Activity“ weckt in Zuschauer*innen die Angst vor dem unsichtbaren Bösen. Das ist jedoch keine wirklich tiefgreifende Angst. Es geht eher darum, sich in regelmäßigen Abständen zu erschrecken wie in einer Geisterbahn. Außerdem spiegelt es unsere Kindheitsängste wieder: Ein Monster könnte sich nachts im Zimmer aufhalten und sich unter dem Bett oder im Schrank verstecken. Bei Katie wird diese Angst zur Realität. Natürlich kommt dadurch auch Gruselatmosphäre auf. Horrorklassiker bedienen sich aber meist noch anderer, tiefgreifenderer Ängste. Es handelt sich bei Pelis Werk um eine eher einfach gehaltene Schauergeschichte und nicht um ein filmisches Meisterwerk.

Die Erfolgsgeschichte

Trotz der Kritik funktioniert das Erfolgskonzept: Dies hängt aber auch mit den Marketing-Aktionen des Herausgebers „Paramount Pictures“ zusammen. Durch einen „Demand it“ (dt.: Verlange es)-Button auf der Facebook-Seite von „Paramount Pictures“ konnte jeder/jede darüber abstimmen, ob „Paranormal Activity“ in seiner/ihrer Stadt gespielt werden soll. Die 20 Städte mit den meisten Klicks bekamen den Film zuerst zu sehen. Außerdem wurde eine „Tweet your scream“ (dt.: Teile deinen Schrei)-Kampagne ins Leben gerufen. So gibt es noch heute überall im Internet Videos, wie Zuschauer*innen den Film schauen und sich dabei filmen, wie sie sich erschrecken. Nach der offiziellen Premiere in der ganzen USA gingen die Kinobesuche durch die Decke. Weltweit spielte der Horrorfilm 190 Millionen US-Dollar ein. Diese Marge kann sich sehen lassen. Mit einem derartigen Erfolg des Streifens hatte wohl selbst der Regisseur nicht gerechnet.

„Paranormal Activity“ ist ein durchaus sehenswerter Film, vor allem für Zuschauer*innen, die sich gerne gruseln. Zu viel Tiefe darf man jedoch nicht erwarten, auch bei den Hauptcharakteren nicht. Die Geisterdarstellung ist dem Regisseur Oren Peli definitiv gelungen. Denn nachdem man Paranormal Activity“ gesehen hat, ist jeder froh, wenn er/sie nicht alleine schlafen muss.

Wer sich noch nicht genug gegruselt hat, kann gerne hier klicken für noch mehr schaurig schöne Horrorfilmtipps.