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Rechtschreibung kann im Alltag zu einem sehr streitbaren Thema werden (Stichwort „Grammar Nazis“). Doch was passiert, wenn plötzlich eine ganze Rechtschreibreform daherkommt? Dann wird der Alptraum zum Albtraum. In dieser Glosse geht es um rasanten Sprachwandel – und was dieser mit der Alb, Elfen und Paralleldimensionen zu tun hat.

Schweiß rinnt mir von der Stirn. Mein ganzer Körper zuckt unwillkürlich. Die Lider schreien nach dem erlösenden Augenaufschlag. Mein Puls explodiert und Adrenalin flutet meinen Körper. Plötzlich schreie ich. Ich bin wach.

Die Bilder dessen, was mich gerade heimgesucht hat, sind noch so klar vor meinen Augen, als hätten sie sich ich in meine Retina eingebrannt: saftige grüne Wiesen. Eine einzelne Kuh, die genüsslich ihr Frühstück zu sich nimmt. Ein Mann läuft in Ledertracht an mir vorbei und grüßt mich in einem Dialekt, den ich nicht verstehe. Ich hatte einen Albtraum.

Moment, was? Keine Monster oder bösen Geister, die mich des Schlafes berauben? Nö! Ich habe von der Alb geträumt. Das ist doch, worum es bei einem Albtraum geht, oder?

Alp, Alb, Aelf

Nein! AELF, nicht ALF! (Bildquelle: Bernell, pixabay.com)

Der Alp in „Alptraum“ beziehungsweise Alb in „Albtraum“ hat weder was mit den Alpen noch mit der Alb zu tun. Der Begriff teilt sich den altgermanischen Sprachstamm mit dem Wort „Elf“ (irgendwas zwischen „Aelb“ und „Aelf“) und bedeutet zunächst so viel wie „Nebelgestalt“. Später kristallisierte sich dann der Begriff „Alp“ heraus. Das Grimm’sche Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert schreibt über ihn:

Gewöhnlich wird von ihm erzählt, dasz er bei nächtlicher weile in den wohnungen der menschen erscheine, die schlafenden, träumenden reite und drücke, zumal ihre haare verwirre; aber auch thiere, namentlich pferde werden von ihm geritten (mythol. s. 493. 1194).

Ein Geisterwesen also, das sich nachts auf eine schlafende Person setzt und bei ihnen Angst und Panik – Alpträume – auslöst. Wenn die Schreibweise mit „p“ schon in einem so alten Wörterbuch auftritt, dann ist sie ja wohl eindeutig die bessere, oder?

„Das war schon immer so!“

BLARGH! Das Pokémon Alpollo. Via GIPHY.

Ich kann mich noch genau erinnern: Früher hat mein Grundschullehrer Herr Dieterle uns immer wieder die korrekte Schreibweise von unzähligen Wörtern eingebläut. Nicht „kucken“, sondern „gucken“; nicht „reperieren“, sondern „reparieren“; und „Alptraum“ statt „Albtraum“. Kinderleicht! Sogar das Videospiel Pokémon macht das richtig: Dort gibt es ein Geisterpokémon, das sich von Träumen ernährt und nicht von Bergkäse und Spätzle. Darum heißt es auch zu recht Alpollo. Wenn selbst ein Spiel das schafft, dann werden das doch auch die Autoren von Spiegel-Online und Co. hinkriegen, oder? Es gab mal eine Zeit, da durfte das Wort auch tatsächlich nur mit „p“ geschrieben werden. Doch dann der Verrat: die 1998 in Kraft getretene Rechtschreibreform erlaubte plötzlich den „Albtraum“. Diese Variante empfiehlt der Duden heute sogar:

Mein Duden, mein Duden, warum hast Du mich verlassen?

Änderungen wie diese der 90er-Jahre-Sprach-Schnipsler wurden damals heftigst kritisiert. Autoren, Schriftsteller und Intellektuelle stellten sich eisern gegen die neuen Regeln und taten in der sogenannten „Frankfurter Erklärung“ 1996 ihren Unmut kund. Die Frage, ob eine solche Reform überhaupt rechtmäßig sei, wurde letztlich sogar vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Schnell wurde klar: Ein Kompromiss musste her. Der „Albtraum“ begann. Und wozu? Schüler machen nach der Reform sogar mehr Rechtschreibfehler als davor.

Aber wer steckt dahinter? Wer hat in dem ganzen Ringen um die korrekte Rechtschreibung die „Alb“ in den „Traum“ gebracht? Fanatische Verehrer der fränkischen und schwäbischen Lebensführung? Der Schwäbische Alb Tourismusverband e.V.? Oder vielleicht sogar das Land Albanien?

Eindeutig ein Mandela-Effekt!

Die Antwort auf diese Frage liegt natürlich in Paralleldimensionen! Das Zustandekommen der Schreibart „Albtraum“ lässt sich nur durch den sogenannten Mandela-Effekt logisch erklären. Doch was ist der Mandela-Effekt? Das lässt sich am besten mit dem namensgebenden Beispiel erklären:

Nelson Mandala (*1918; †1980er)

Die Bloggerin Fiona Broome merkte 2010, dass Nelson Mandela noch am Leben war. Das verwunderte die Dame allerdings sehr. Denn sie dachte, dass der berühmte Südafrikaner schon in den 80er Jahren im Gefängnis gestorben sei. Mithilfe des Internets fand sie heraus, dass sie nicht die einzige war, die sich noch genau an dessen angeblichen Tod, inklusive umfangreicher medialer Berichterstattung, erinnern konnte. Die kollektiv gefundene Erklärung: alternative Realitäten – was auch sonst! Aus diesen Paralleldimensionen schwappen ab und zu Erinnerungen von alternativen Ichs in das Ich aus dieser Realität – panta rhei und so. So viele Menschen können sich ja nicht einfach nur falsch erinnern …

Ein anderes prominentes Beispiel sind die „Berenstain Bears“, eine beliebte Kinderbuchreihe aus Amerika. Doch viele sind davon überzeugt, dass die Bären in ihrer Kindheit eigentlich „Berenstein Bears“ hießen. Die Schreibweise mit dem „a“ sei das Ergebnis eines Mandela-Effekts. Auch ich bin davon überzeugt: Die Schreibweise „Albtraum“ stammt genau wie bei den Berenstein Bears aus einer anderen Dimension! Während der Verhandlungen um die neue Rechtschreibung ist sie in unsere Realität geschwappt.

Sigmar, Colmar, Nachtmahr

Verrückt – das sind immer die anderen! Ihr werdet mich mit eurer extraterrestrischen Spinnerei nicht überzeugen. Es heißt „Alptraum“! Alles andere ist vollkommen apsurd. Da kann man mir noch so sehr mit Sprachwissenschaft, Lautverschleifungen/-parallelisierungen oder dem Duden kommen. Wer das Wort mit „b“ schreibt, dem hat sich ein Nachtalp wohl auf den Kopf statt auf die Brust gesetzt.

Vielleicht sollten wir  statt „Alptraum“ einfach wieder von „Nachtmahr“ sprechen. Wobei … auch nicht unbedingt die beste Idee, wenn man sieht, wofür der Begriff heute benutzt wird …

Redewendungen finden sich überall in unserer Alltagssprache und stehen sinnbildlich für Emotionen und Handlungen. Da Haaren in der Kulturgeschichte des Menschen eine bedeutende Rolle zukommt, sind sie zum Mittelpunkt vieler dieser Redewendungen und Sprichwörter geworden. Doch wir benutzen sie meist, ohne über die genauere Bedeutung nachzudenken.

Allerlei surreale Szenen würden sich abspielen, wenn wir Redewendungen wörtlich nehmen würden. Was würde geschehen, wenn uns wirklich Haare auf den Zähnen wachsen würden, sobald wir uns langweilen? Oder müssten wir Teller voller haariger Suppen auslöffeln, wenn andere etwas störend finden, für das wir verantwortlich sind? Wir wollen uns lieber gar nicht erst ausmalen, wie es wäre, wenn jemand versucht, uns ein Haar zu krümmen – eine wohl langwierige Angelegenheit. Viele unangenehme, peinliche und teilweise auch schmerzhafte Situationen wären also wohl das Ergebnis dieser Szenerien, die wir oft täglich verbal heraufbeschwören.

Ein kleines Rätsel zur Auflockerung des Arbeitsalltags gefällig?

Wir haben im täglichen Leben einmal nach genau diesen Situationen gesucht, uns in fremde Häuser und Gärten geschlichen und Freunde am Strand gestalkt. Zurückgekommen sind wir mit einem Film voller verrückter Szenen. Erkennt ihr, was dort vor sich ging? Alle blauen Felder ergeben am Ende ein Lösungswort!

 

Manche dieser Redewendungen sind doch wirklich!

Mehr haarige Redewendungen sind hier nachzulesen: https://www.phrasen.com/tags/haar

Weitere Quelle: Der Landrat (Hrsg.), Mülder-van Elten, & Wielebski. (2015). Kopfsache. Zur Kulturgeschichte der Haare. Grefrath: völker druck Goch.

„Karottenkopf“, „Ginger“ oder „Pumuckl“ – Wer rotes Haar hat, darf sich im Laufe seines Lebens so manchen Spruch anhören. Rothaarige haben oft mit Mobbing und Vorurteilen zu kämpfen, es gibt heutzutage aber auch Gegenbewegungen. Doch woher kommen diese stereotypen Vorstellungen gegenüber dieser besonderen Haarfarbe? Über widersprüchliche Klischees und eine stolze Minderheit

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