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Der American Dream ist für viele US-Amerikaner*innen und Immigrant*innen auch heute noch relevant. Doch wie sehen die Chancen aus, ihn auch zu erreichen? Und trägt Amerikas Traumfabrik Hollywood durch Filme und Serien dazu bei, die scheinbaren Ideale der USA zu verstärken? Ein kleiner Rundumblick.

Der American Dream verspricht gleiche Aufstiegschancen für alle, die hart an sich arbeiten, um ihre Träume zu erreichen. Für den amerikanischen Psychologen Walter Fisher ergeben sich daraus zwei Perspektiven: den Traum des wirtschaftlichen Wohlergehens, aber auch die Wertschätzung und Fürsorge gegenüber anderen Menschen, die keinen hohen sozialen Status genießen. Erstmals verwendet wurde der Begriff des American Dream 1931 von James Truslow Adams, der ihn in sein Buch The Epic of America einbaute und damit der herrschenden Gesinnung von individueller Freiheit und Chancengleichheit einen Namen gab. Sein Grundgedanke manifestierte sich jedoch bereits seit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776. In dieser wurde unter anderem die Loslösung der Bevölkerung von ihren ungerechtfertigten Herrschenden und die damit einhergehende Selbstbestimmung beschrieben.

Ist Chancengleichheit ein Mythos?

Der amerikanische Traum ist zwar auch heute noch bedeutsam, doch seine Fassade bröckelt und enthüllt eine Realität fernab von romantischen Hollywood-Dramen. Laut einer Umfrage von YouGovAmerica aus dem Jahr 2020 glauben bereits 37 Prozent der befragten Amerikaner*innen, dass der American Dream mittlerweile schwerer zu erreichen sei als für frühere Generationen. Doch wie viel Schuld trägt jede*r Einzelne am Nichterreichen der festgelegten Ziele? Ist die angepriesene Chancengleichheit gelebte Realität oder ein weitverbreiteter Mythos?

Um diesen Fragen nachzugehen, lohnt sich ein Blick in Statistiken. Allein die Lebenserwartung der US-Amerikaner*innen hängt bereits mit ihrem Wohnort zusammen und variiert dabei um bis zu 20 Jahre. Während die durchschnittliche Lebenserwartung in Bereichen von Minnesota beispielsweise bei 83,2 Jahren liegt, erreichen Bürger*innen in Teilen von Mississippi lediglich ein Durchschnittsalter von 67,4 Jahren. Überdies gibt es zwischen den verschiedenen Wohnorten große Diskrepanzen in der Zugänglichkeit zu Bildung und deren Qualität. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden, schwankt ebenfalls stark. Hinzu kommt, dass lediglich acht Prozent der Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen später zu den Erwachsenen gehören, die in den USA zu den Vielverdiener*innen zählen. Der Aufstieg scheint demnach unwahrscheinlich. Und der Traum eines besseren Lebens rückt für viele US-Bürger*innen angesichts dieser Zahlen zusehends in weite Ferne.

Hollywood und der American Dream

Trotz alledem wird der American Dream als eindrucksvoller Lebenstraum auch heute noch in Hollywoods Filmen und Serien dargestellt: Vom Tellerwäscher zum Millionär in 120 Minuten, bis der Kinovorhang fällt. Unzählige bekannte Filme wie Forrest Gump, The Great Gatsby oder The Pursuit of Happyness verherrlichen den American Dream, denn das Geschäft rund um die Traumindustrie ist lukrativ. Doch auch wenn viele Hollywood-Filme Hoffnung stiften und der American Dream auch heute noch relevant ist, leidet seine Glaubwürdigkeit zunehmend. Umfragen aus dem Jahr 2019 zeigen einen deutlichen Rückgang, was den Glauben betrifft, ein besseres Leben führen zu können als die Elterngeneration. Besonders junge Frauen bezeichnen den American Dream zunehmend als unerreichbar.

Pretty Woman – vom Retten und gerettet werden

Pretty Woman

Pretty Woman – Vivian und Edward verkörpern den American Dream © Screenshot „Pretty Woman“ (1990), Buena Vista Pictures, USA

Eine der erfolgreichsten Hollywood-Produktionen der 1990er Jahre, der das amerikanische Lebensziel in den Fokus rückt, ist Gary Marshalls Pretty Woman mit Julia Roberts in der Rolle der Prostituierten Vivian und Richard Gere als reicher Finanzinvestor Edward. Der Film geht dabei auf die großen Klassenunterschiede zwischen den beiden ein und beobachtet, wie diese ihre Liebesgeschichte beeinflussen. Laut Walter Fishers Definition des American Dream rettet sich demnach nicht nur Vivian aus ihrer Armut, sondern auch Edward aus seiner Depression und seiner unethischen Lebensführung, was für beide in der Erfüllung ihrer Träume in Form von Liebe und Glück resultiert.

Die weitestgehend idyllische Darstellung ihrer klassenübergreifenden Liebe bietet eine idealistische und romantisierte Sicht auf den amerikanischen Traum. Der Film suggeriert, dass soziale Gleichheit erreicht werden kann und aus jeder Startposition des Lebens möglich ist, da die soziale Ordnung durchbrochen werden kann. Durch Vivians gute Freundin Kit, die sich durch ihren Drogenkonsum nicht aus ihrem Hamsterrad befreien kann, wird zudem die Ideologie bestärkt, dass arme und wirtschaftlich benachteiligte Menschen ihr Schicksal selbst in der Hand haben und ihre miserable Lage durch eigenes Versagen verursachen und auch verdient haben. Pretty Woman stellt Klassenkonflikte als persönliche Probleme dar, die sich völlig unabhängig vom sozialen Satus auflösen können. Hollywood vermittelt durch seine Filmproduktionen demnach ein schwer zu erreichendes Ideal, das in einer Welt ohne echte Chancengleichheit keine Verwendung findet.

Die Diskursivierung der Traumfabrik

Durchstöbert man die Archive, finden sich jedoch auch kritischere Filme wie Nomadland oder Death of A Salmesman, welche die Brüche des Konzepts thematisieren und einen differenzierten Diskurs jenseits von idealistischen Darstellungen auf die Kinoleinwand bringen. Der American Dream ist bekanntlich nicht mehr, was er einmal war, und diese Erkenntnis ist auch den amerikanischen Filmemacher*innen rund um Hollywood nicht entgangen. So werden geplatzte Träume, schwere Lebenswege und tragische Geschichten ohne Happy End verfilmt, die einem realistischeren Querschnitt des amerikanischen Lebens entsprechen zu scheinen. Somit bleibt der American Dream für viele eben genau das: ein Traum.

Titelbild: © Unsplash

 

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