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Wir waren für euch mit Kamera und Mikrofon auf Tübingens Straßen unterwegs und haben mit den verschiedensten Menschen über Helden geredet. Wer sind die Helden der Tübinger und was macht einen Helden aus? Was haben Rosa Luxemburg und Laboraffen mit Heldentum zu tun? Und für wie heldenhaft halten sich die Tübinger? Das alles erfahrt ihr in unserem Video.

 

Ein Video von Nadja Rupp und Marie Oberle.

Als ich einziehe, hat meine Mitbewohnerin schulterlange, blonde Haare, markante Gesichtszüge und einen einzigartigen Stil. Der Stil und die Gesichtszüge sind geblieben, doch ihre Haare hat sie sich letztes Jahr im Oktober auf neun Millimeter abrasiert. Seitdem bringt sie die wildesten Geschichten über Reaktionen zu ihrem Frisurenwechsel und ihren abrasierten Haaren mit nach Hause. So wild, dass es sich lohnt, darüber zu sprechen … Weiterlesen

Ein junger Assistenzarzt berichtet von seinem Berufsalltag mit all seinen Schattenseiten. Lest hier, was er dennoch an seinem Job liebt. Außerdem: Warum er ein Held ist, aber behauptet, keiner zu sein.

Er steht auf, während die meisten anderen noch in ihr warmes, gemütliches Bett gekuschelt sind und davon träumen, ein Held auf einem fremden Planeten in einer weit entfernten Galaxie zu sein. Selbst die Vögel sind noch still, nur vereinzelt öffnen sie müde ihre Äuglein und geben ein schwaches Krächzen von sich. Im Dunkeln verlässt er das Haus, ganz leise, um die Kinder des Ehepaars nebenan nicht zu wecken und macht sich mit einem dampfenden Kaffeebecher bewaffnet auf den Weg, Menschen zu retten. Hinter dem Nachbarhaus geht langsam die Sonne auf, sie taucht seinen schneeweißen Kittel in ein gleißendes Licht, hebt ihn aus seiner finsteren Umgebung heraus. „Wer ist dieser junge Mann?“, mag sich manch einer verwundert fragen.

Held oder kein Held

Die Rede ist von dem 26-jährigen Jan H., Assistenzarzt in Weiterbildung für Orthopädie und Unfallchirurgie.

„Ein Held bin ich aber nicht“, sagt er. „Ich erledige nur meinen Job. Helden sind für mich Ehrenamtliche, denn sie opfern wirklich etwas, um zu helfen.“

Ob Held oder kein Held – Jan beginnt jeden Morgen um 6.45 Uhr seine Arbeit. Er kommt auf die Station des Krankenhauses, verschafft sich einen ersten Überblick: Wie geht es den Patienten auf der Station? Gibt es Neuzugänge? Welche Untersuchungen, welche Operationen müssen heute durchgeführt werden?

Eine Stunde später, um 7.45 Uhr, trifft er sich mit den Oberärzten und dem Chefarzt, denn die erste Operation des Tages steht an. Während viele Leute um diese Uhrzeit noch gemütlich ihren ersten Kaffee schlürfen, um nicht über dem Frühstück wieder einzuschlafen und mit dem Gesicht in der Müslischale zu landen, muss Jan jetzt volle Konzentration zeigen. Er assistiert bei den Operationen und führt kleine Eingriffe selbst durch, immer unter den wachsamen Augen eines Oberarztes. Zwischen den Operationen bleibt kaum Zeit, um durchzuatmen. Jan muss Berichte schreiben, Blut abnehmen und nach seinen Patienten sehen.

Um 15 Uhr bespricht er mit seinen Kollegen die Operationen und Röntgenbilder, die an diesem Tag bisher gemacht worden sind und schaut sich den Operationsplan für den Folgetag an. Von Feierabend kann allerdings noch lange nicht die Rede sein, denn zuerst muss auf der Station alles aufgeräumt werden. Dann folgen Gespräche mit den Angehörigen der Patienten.

„Jetzt stopft man sich meist auch das erste Mal was zu essen und trinken rein, außer man hatte Glück und hat es zwischen zwei Operationen zum Kiosk geschafft“, sagt Jan und lacht.

Feierabend mit Aussicht auf Wochenenddienst

Gegen 17.30 Uhr endet schließlich der Tag für ihn – und kurz bevor die Sonne wieder hinter dem Nachbarhaus verschwindet, erreicht auch er im angehenden Abendrot seine Wohnung. Für Jan besteht die Woche aber nicht nur aus fünf Arbeitstagen, er hat auch noch bis zu sechs zusätzliche Schichtdienste im Monat. Während seine Freunde also am Wochenende feiern gehen oder auf der Couch lümmeln, muss er entweder von 7 bis 19 Uhr oder von 19 bis 7 Uhr arbeiten.

Kein gesunder Lifestyle

Ich frage ihn, ob er manchmal das Gefühl habe, das Wohl seiner Mitmenschen über sein eigenes zu stellen.

„Ja, meine Kollegen und ich schmunzeln schon manchmal untereinander und sagen, dass das ja nun wirklich kein gesunder Lifestyle ist, den wir betreiben. Aber wir haben uns den Job ausgesucht und wir wussten, worauf wir uns einlassen.“

Viel Verantwortung

Medizin studieren wollte Jan schon immer. In die Orthopädie hat es ihn getrieben, weil er selbst viel Sport gemacht hatte und dadurch auch immer wieder mit Sportunfällen in Berührung kam. Durch die zusätzliche Ausbildung zum Facharzt für Unfallchirurgie kann Jan in Zukunft auch in der Notfallmedizin tätig sein und große Operationen durchführen. Angst, dabei etwas falsch zu machen habe er aber nicht, sagt er.

„Es gibt jedoch oft Vorfälle, bei denen nicht ganz klar ist, was für eine Operation am besten geeignet wäre und man hat großen Respekt davor, das entscheiden zu müssen. Aber dann muss man sich eben das nötige Know-how aneignen oder sich mit dem Oberarzt in Verbindung setzen. Unfälle mit Kindern finde ich allerdings immer besonders schlimm und man ist auch viel angespannter, wenn man ein Kind statt einen Erwachsenen operieren soll.“

Schattenseiten

Todesfälle gehören leider ebenfalls zum Berufsalltag eines Arztes. Die Schicksale der Patienten nehmen ihn teilweise sehr mit, verrät Jan. Von seinem schlimmsten Erlebnis berichtet er nur widerwillig, denn er denkt nicht gerne an den Tag zurück. Aber schließlich erzählt er doch, wie eine junge Mutter, die zusammen mit ihrem kleinen Kind in einen Unfall verwickelt war, zu ihnen ins Krankenhaus gebracht wurde. Das Kind verstarb noch in derselben Nacht. In den nur wenigen Minuten Frühvisite musste Jan der Mutter berichten, dass ihr Kind die Nacht nicht überlebt hat. Es sei furchtbar gewesen, sagt Jan, nicht nur ihr Schicksal, sondern auch das Gefühl, die Situation aufgrund des streng getakteten Arbeitstages nicht adäquat betreuen zu können. Er hätte gerne mehr getan – und der Schmerz steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Ein Job, der die Strapazen wert ist

Dennoch liebt Jan seinen Job und kann sich nicht vorstellen, von einer anderen Tätigkeit so erfüllt zu werden wie von derjenigen eines Arztes.

„Ich arbeite in einem tollen Team, das macht einfach Spaß. Ich lerne jeden Tag dazu, es sind oft die kleinen Dinge, bei denen man merkt, dass der harte Job und die langen Arbeitszeiten es wert sind. Ein einfacher Dank des Patienten bei der Entlassung zum Beispiel.“

Und so steht er weiterhin jeden Morgen in aller Frühe auf, um für die Menschen da zu sein, die seine Hilfe brauchen. Auch wenn unser Jan behauptet, kein Held zu sein – für seine Patienten ist er es mit Sicherheit.

 

 

Dittmar Rehmann, 52, ist Soldat und OP-Fachpfleger bei der Bundeswehr. Neunmal war er schon im Einsatz in Afghanistan, insgesamt arbeitet er seit 32 Jahren in seinem Beruf. Normalerweise leitet er verschiedenste Operationen im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm – im Einsatz besteht seine Arbeit darin, Krankenhäuser aufzubauen und die Verwundeten der internationalen Schutztruppe ISAF, sowie der afghanischen Armee und Polizei zu versorgen. Täglich operierte er dort auch afghanische Zivilisten, darunter besonders viele Kinder.

Durch seine Arbeit hat er Dinge erlebt und Umstände kennengelernt, die die meisten von uns sich nicht einmal vorstellen können. Menschen getroffen, die Unglaubliches leisten und dafür ihr eigenes Leben riskieren. Oder andere, die nie den Mut verloren haben, in Krankheit oder Krieg um ihr Leben zu kämpfen. Schon das macht ihn zu einem Experten für Helden. Zusätzlich hat er nicht nur viel gesehen, sondern sich auch intensiv mit dem Leben, friedlichem Miteinander und der Religion beziehungsweise dem Glauben auseinandergesetzt. Außerdem durfte er Angela Merkel schon die Hand schütteln.

Deswegen wird uns Dittmar heute drei Fragen zu seinem persönlichen Heldenbild beantworten.

1. Was macht für Sie einen Helden aus?

Ein Held ist für mich jemand, der nicht mit dem Strom schwimmt und unter Einschränkung seiner Bedürfnisse und seiner Unversehrtheit anderen zur Seite steht. Jemand, der moralische Werte auch gegen Widerstand behält und Respekt vor dem Leben in all seinen Facetten hat. Jemand, der seine Taten nicht für kommerzielle Machenschaften ausnutzt und keinen Profit daraus schlagen möchte. Wichtig ist, dass er seine Werte an seine Umgebung weitergibt und sie verbreitet. Er darf sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, sondern muss weiterhin als leuchtendes Beispiel vorangehen. Dazu noch Charaktereigenschaften wie Mut, Toleranz, Respekt und Demut – das alles in einen Mixer auf Stufe drei und dann wird das schon!

Auf ein konkretes Beispiel, wie meinen Einsatz in Afghanistan, bezogen, ist es schon etwas schwieriger: Du hast den Auftrag, etwas zu erkunden und kommst an einem Dorf vorbei, siehst, dass hier Hilfe benötigt wird und hilfst, obwohl du den Auftrag dadurch nicht in gefordertem Maße ausführst. Ich würde in diesem Fall helfen, da die Hilfe für mich höher angesiedelt ist. Das ist dann aber Ungehorsam und wird bestraft. Ein Held hat meistens zwei Seiten – für die einen gut und für die anderen schlecht.

2. Was denken Sie – wie und wann wird der Begriff Held falsch gebraucht?

Ich denke, das ist Ansichtssache. Für viele ist zum Beispiel Mario Götze ein Held, weil er bei der letzten Fußball-WM das Siegtor geschossen hat. Aber sind nicht die die wahren Helden, die unter widrigsten Bedingungen und schlechter Bezahlung diese WM-Stadien gebaut haben, wie zuletzt in Katar? Wo Arbeiter ausgenutzt werden, nur weil sie unbedingt das Geld benötigen, um ihre Familien zu ernähren – sind das nicht die wahren Helden?

Im Krieg da werden Helden geboren, so sagt man; der hat diese oder diese Schlacht entschieden. Aber das sind nicht meine Helden. Die haben getan, was ihnen befohlen wurde, und sind ohne Rücksicht auf das Leben über alles hinweggefegt. Die Frauen zuhause haben ohne ihre Männer, ohne Mittel, die Kinder groß gezogen und Deutschland wieder aufgebaut – wahre Heldentaten!

Der ausgerufene Held wird meist für kommerzielle Machenschaften genutzt. Ich glaube, dass viele dieser Helden nur sehr schwer mit ihrem Status umgehen können. Als Held musst du dem Druck der Öffentlichkeit standhalten, Erwartungen erfüllen und das Bild des Helden darstellen, oftmals gegen die eigene Überzeugung. Die wahren Helden stehen nicht in der Öffentlichkeit. In der heutigen Zeit wird das Heldentum ja rund um die Uhr gefördert: Schau dich um, wie viele virtuelle Kampfspiele jeden Tag gespielt werden. Die leben in einer anderen Welt; hier können sie Mut, Tapferkeit und Unverwundbarkeit verkörpern. Und wenn es nicht so läuft, wie sie es gerne hätten, dann wird einfach das Level geändert oder die Konsole ausgeschaltet – es hat keinerlei Konsequenzen. Das ist nicht echt. Im wahren Leben geht das nicht, da muss ich für mein Tun geradestehen.

Wie viel Mut muss ich aufbringen, mich in eine Gefahr zu begeben, um anderen zu helfen? Die Realität selektiert.

3. Wer ist Ihr persönlicher Held und warum?

Schwierig. Alle, die es uns möglich machen, in einem demokratischen Land zu leben, in dem wir unsere Meinung frei äußern dürfen, und unsere Grundrechte wahren.

Einen gibt es noch: Ich habe viel in der Bibel gelesen, im alten Testament. Dort gibt es Noah – der war zu seiner Zeit der einzige gottesfürchtige Mensch, mit seinen drei Söhnen. Er hat auf Gottes Anweisung hin, gegen alle, die Arche gebaut; ohne etwas zu wissen, einfach nur vertraut. Er ist gegen den Strom geschwommen und hat gegen jeglichen Widerstand angekämpft. Dafür ist er am Ende belohnt worden – er hat überlebt. Hierzu gehört sehr viel Mut und Tauglichkeit.

Und zu guter Letzt dann noch die Erfinder von Elektrizität, Antibiotika und natürlich der Erfinder der Spülmaschine!