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Schaut man sich unsere evolutionär nächsten Verwandten an, so fällt einem vor allem ein Merkmal auf: alle Menschenaffen sind an ihrem gesamten Körper mit Fell bedeckt, wir Menschen hingegen nicht. Dabei hat das Fell eigentlich viele Vorteile für seine Träger. So können Tiere mit Fell tags und nachts aktiv sein, da Haare vor Kälte gleichsam wie vor zu viel Sonneneinstrahlung schützen. Damit sind die Tiere weniger von den Temperaturunterschieden abhängig. Auch können viele Tiere über ihr Fell kommunizieren. Das Aufstellen der Haare kann ein Zeichen für Angriff, Verteidigung oder Angst sein. Das Einzige, was uns Menschen davon noch als Relikt geblieben ist, ist die Gänsehaut.

Nacktheit als Vorteil

In der Evolution setzt sich nur derjenige mit der besten Anpassung und der höchsten Fitness durch. Demnach muss die Nacktheit uns Menschen im Laufe der Zeit also einen Vorteil gebracht haben. Mit Hilfe verschiedener Funde konnte nachgewiesen werden, dass unsere Vorfahren durch die Evolution ihr Fell immer weiter reduzierten. In einem 3.sat-Artikel wird erläutert, dass in der sexuellen Selektion Partner mit weniger Fell bevorzugt wurden, wodurch über viele Generationen die behaarten Zonen des Menschen immer weniger wurden. Wieso genau der Mensch sein Fell verlor, ist nach wie vor nicht ganz sicher geklärt. Es gibt jedoch mehrere Theorien, die von unterschiedlichen Wissenschaftlern vertreten werden.

Ohne Fell können die Schweißperlen besser direkt an der Haut kühlen.

Ohne Fell können die Schweißperlen besser direkt an der Haut kühlen. ©tiburi, pixabay

Fellverlust durch schweißtreibende Bewegung

Die erste und bisher gängigste Theorie geht davon aus, dass der Verlust des Fells mit der jagenden Lebensweise des Frühmenschen zusammenhängt. Wie in einem Artikel des Wissenschaftsmagazins Spektrum erläutert, hatte der Homo ergaster, welcher vor 1,6 Millionen Jahren lebte, schon ähnliche Körperproportionen wie der Mensch heute. An den Knochen erkannten Forscher, dass er viel wanderte, rannte und von der Jagd lebte. Die Regenwälder gingen durch klimatische Veränderungen in dieser Zeit immer weiter zurück. Es entstand ein weitläufiges Savannengebiet mit knapperem Nahrungsangebot und weit auseinanderliegenden Wasserstellen. Durch die Anpassung an die neuen Lebensumstände musste der Homo ergaster ausdauernd laufen und seine Körpertemperatur gut regulieren können. Ein Fell wäre dabei sehr hinderlich gewesen. Der Körper hätte sich in der afrikanischen Savanne bei dieser Ausdauerbelastung zu stark aufgeheizt und der Gefahr eines Hitzschlags ausgesetzt. Durch die Kombination aus weniger Fell und die Vermehrung der Schweißdrüsen passte sich der Frühmensch gut an die neuen Anforderungen an.

Auch felltragende Tiere besitzen Schweißdrüsen und können schwitzen. Sie tun dies jedoch deutlich weniger effektiv als unsere Vorfahren, da der Schweiß die Haare verklebt und eine Wärmeabfuhr des Körpers dadurch eher verhindert wird. Bis zu zwölf Liter kann ein Mensch am Tag schwitzen und dadurch seinen Körper auch über eine längere Zeit der Anstrengung und Belastung hinweg kühlen. Wir haben also eine im Tierreich einzigartige Regulierung der Körpertemperatur entwickelt und sind so vielen Tieren in Sachen Ausdauer um einiges voraus.

Trotzdem zweifeln viele Wissenschaftler wie der Biologe Mario Ludwig diese Theorie an. Sie sehen in der fehlenden Behaarung eine Gefahr für das Leben in der Savanne. Ohne Fell wird die bloße Haut dort der UV-Strahlung ausgesetzt und somit steigt das Risiko für Sonnenbrand und Hautkrebs.

Auf glatter Haut finden die kleinen Blutsauger deutlich schlechteren Halt.

Auf glatter Haut finden die kleinen Blutsauger deutlich schlechteren Halt. ©Catkin, pixabay

Fellverlust zur Parasitenbekämpfung

Eine weitere und neue Theorie wird unter anderem von den britischen Forschern Walter Bodmer und Mark Pagel vertreten. Sie besagt, dass der Fellverlust eine Reaktion auf Parasitenbefall war. Menschen begannen mit der Zeit sozial zu leben, Verbände zu gründen und sesshaft zu werden. Für viele Parasiten hätte dies beste Bedingungen zur Ausbreitung geboten. Um sich in diesen neuen Lebensgemeinschaften besser vor Läusen, Flöhen und anderen Ektoparasiten schützen zu können, war es also hilfreich, möglichst wenig Fell zu besitzen. Durch die voranschreitende Nacktheit konnten demnach Übertragungsmöglichkeiten für Krankheiten reduziert werden, da das Ungeziefer an glatter Haut schlechter haftet als an Fell. Auch ging damit eine enorme Zeitersparnis einher, da das über Stunden andauernde „Lausen“ wie man es bei vielen Affenarten noch beobachten kann, wegfiel. So konnte mehr Zeit für das Jagen und Sammeln genutzt werden. Außerdem lernten die Menschen, Feuerstellen gegen Kälte anzulegen. Zudem wurde Kleidung hergestellt, welche Schutz bot und sich leichter reinigen ließ als ein Fell.

Das dichte Affenfell muss mehrere Stunden am Tag nach Ungeziefern durchsucht werden.

Das dichte Affenfell muss mehrere Stunden am Tag nach Ungeziefern durchsucht werden. ©Alexas_Fotos, pixabay

Trotzdem noch ein wenig Rest-Fell

Welche Theorie nun der Sache am nächsten kommt, ist bisher noch nicht geklärt. Vielleicht gibt es auch eine ganz andere Erklärung, oder es ist ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren. Relativ einig sind sich die Forscher jedoch bei der Frage, warum der Mensch trotzdem an manchen Stellen des Körpers eine dichtere Behaarung behalten hat.

Ein Überbleibsel des ehemaligen Fells: ein dünner Flaum bedeckt noch immer fast unseren gesamten Körper

Ein Überbleibsel des ehemaligen Fells: ein dünner Flaum bedeckt noch immer fast unseren gesamten Körper. ©physicsgirl, pixabay

So schützt das Kopfhaar unser hitzeempfindliches Gehirn vor zu starker Sonneneinstrahlung, sowie vor Kälte und Hautverletzungen. Auch hat es eine ästhetische Wirkung und steigert die sexuelle Attraktivität. Das Schamhaar soll vor allem die empfindlichen Genitalien schützen. Dazu schafft es visuelle Reize und steigert die Wirkung von Pheromonen (Sexualduftstoffen). Außerdem ist fast unser gesamter Körper von einem dünnen Flaum bedeckt. Britische Wissenschaftler vermuten, dass diese dünnen Haare ebenfalls zum Schutz vor Parasiten dienen. Menschen spüren die Blutsauger eher und die Zecken, Läuse und ähnliches brauchen länger, um eine geeignete Bissstelle zu finden.

Trotz Fellverlusts fanden die Menschen unterschiedliche Möglichkeiten mit anderen Individuen zu kommunizieren. So kam es zu Körperbemalungen, dem Tragen von Schmuck, dem Verfeinern von Mimik und natürlich der Entwicklung von Sprache. Es scheint also, dass der Mensch sich im Laufe der Evolution nicht nur in seinen geistigen und körperlichen Fähigkeiten steigerte, sondern sich ebenso im Bereich der Körperbehaarung immer weiter optimierte.

 

Weiterführende Links:

Video: Das Erste: Haarige Sache: Haare im Wandel der Evolution

Podcast: Deutschlandfunk Nova: Das Tiergespräch: Warum der Mensch sein Fell verloren hat

Originalstudien:

Human skin pigmentation as an adaptation to UV radiation

A naked ape would have fewer parasites

Human fine body hair enhances ectoparasite detection