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Haare können für Selbstbestimmung und Freiheit ebenso wie für Unterdrückung, Frömmigkeit oder Sexismus stehen. In erster Linie sollten sie aber vor allem eines sein: Privatsache. Ein Blick auf medienvermittelten Sexismus, festgefahrene Machtstrukturen und einen Funken Hoffnung am behaarten Horizont feministischer Einflüsse.

Rollenbilder, -zwänge und sexistische Weltanschauungen sind auch 2018 weiterhin fest verankert in den Denkmustern vieler Menschen. Eine Befragung englischer Manager durch das Magazin Edition F im Juni lieferte vor allem eines: Sexismus gegenüber Frauen. Aussagen wie „Ich glaube, Frauen passen einfach nicht so richtig ins Führungsteam” oder „Meine Kollegen wollen keine Frau in den Aufsichtsrat berufen” fanden sich unter den Antworten. Sie zeigen, dass vor allem Machtstrukturen immer noch stark von männlichen Perspektiven geprägt sind. Diese schaffen durch einfaches Schubladendenken eine Welt aus mächtigen Männern und schönen Frauen.

Doch woher kommt diese Annahme? Medien spielen sowohl in der Werbung als auch in der Berichterstattung eine entscheidende Rolle.

Zentrum der weiblichen Schönheit sind immer wieder die Haare. Beziehungsweise keine Haare. Auf dem Kopf möglichst wallend und dicht, ansonsten aber bitte alles wegmachen. So lautet die Botschaft in TV, Zeitungen und sozialen Medien. Mit einem öffentlichen Diskurs haben solche Themen eigentlich wenig zu tun, sondern sind jederMANNS Privatsache. Im Gegensatz dazu scheint es aber irgendwie salonfähig zu sein, über die weiblichen Körperhaare öffentlich zu bestimmen.

Wahre Schönheit beginnt bei den Haaren?

„What does beauty feel like? And where does it begin? It begins with your skin,“ verrät eine Gillette-Werbung ihren Zuschauerinnen. Ein weiterer Gillette-Werbespot wirbt „für makellose Schönheit“ mit dem neuen Venus Swirl. Währenddessen sind Models zu sehen, die ihre bereits komplett enthaarten Beine für die Kamera noch einmal rasieren. Ciao Realität – hallo Sexismus.

Durch solche Aussagen fördert die Werbung eine Perspektive, die weibliches Körperhaar als Makel definiert und Schönheit mit enthaarter Haut gleichsetzt. Damit werden nicht nur Schönheitsideale geprägt. Indem schon vor der Rasur keine Haare an Achseln oder Beinen zu sehen sind, wird das Bild einer immer enthaarten Frau geschaffen. Was in einer Werbung für Männer-Rasierer undenkbar wäre – hier zeigt Gillette sehr wohl reale Achselhaare – ist in Bezug auf Frauen längst zur Sehgewohnheit  geworden. Den Anblick von behaarten Körperstellen will die Werbung uns wohl lieber nicht zumuten. Weibliche Körperhaare sind für gesellschaftlich inakzeptabel erklärt worden.

Sexismus im Newsfeed

Die Medien propagieren eben dieses ästhetische Frauenbild von glatter Haut immer wieder in der Öffentlichkeit: Nicht nur durch Werbesprüche, sondern auch durch eine unreflektierte Berichterstattung, welche die Einstellung zu Körperhaaren undifferenziert aus den Werbespots übernimmt. So erscheinen Artikel mit Titeln wie „Eklige Beinhaare! Topmodel Natalia traut sich was“. Dort werden Beinhaare bei Frauen als absolutes No-Go und Beauty-Fauxpas abgetan. Selbst der „Focus“ scheint es für angemessen zu halten, bei diesem Thema mitzumischen. „Eine glatte Sache – die Beinhaare müssen ab“ titelte er in einem Beitrag über verschiedene Haarentfernungsmethoden für Frauen und betont dabei: „Wildwuchs am Bein geht gar nicht“. Angesiedelt ist dieser Artikel übrigens im Bereich Kultur. Dies zeigt, wie sehr die Ablehnung weiblicher Körperhaare gesellschaftlich verankert ist und wie selbstverständlich das immer wieder postuliert wird.

„Die Konfrontation mit Bildern von Models in den Medien ist wie Gehirnwäsche“

In der Folge etablieren sich alternative Perspektiven auf Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit nur schwer. Winfried Menninghaus, Direktor der Abteilung Sprache und Literatur des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik, spricht den Medien eine entscheidende Mitschuld an den herrschenden Schönheitsidealen zu: „Wiederholtes Ansehen steigert in der Regel ästhetisches Gefallen. Dieser ,mere exposure-Effekt‘ ist eine Grunderkenntnis der Ästhetik. Die pausenlose Konfrontation mit Bildern von Models in allen möglichen Medien ist deshalb wie Gehirnwäsche.“

Opfer dieser Gehirnwäsche sind dabei nicht nur ahnungslose Männer, sondern viele Frauen unterwerfen sich selbst und ihre Nächsten diesem Schönheitszwang. So stellt Heidi Klum 2017 eine Kandidatin ihrer Topmodel-Castingshow bloß, indem sie sie als „Maja mit den Achselhaaren“ bezeichnet. Komisch, denn ist nicht eigentlich jede Frau „eine mit Achselhaaren“? Heidi jedenfalls hält mit ihrer Aussage das Bild der immer enthaarten Frau aufrecht.

Mit Achselhaaren an die Macht?

Sind Rebellionen mit ungezähmter Körperbehaarung also die einzige Antwort auf medienvermittelten Sexismus? Immer mehr Frauen versuchen sich der Fremdbestimmung ihrer Körper zu entziehen, indem sie das Gegenteil zur Schau stellen: stoppelige Beine und behaarte Achseln. Sie wollen sich damit bewusst der medial geschafften Norm entziehen.

Dabei geht es weniger um die Haare selbst, als darum mit dieser Norm zu brechen, indem konventionelle Merkmale von Weiblichkeit, wie enthaarte Beine, abgelegt werden. Obwohl Frauen durch ein solches Auftreten oft provozieren, sollte Provokation nicht im Zentrum stehen. Sexismus lenkt die Aufmerksamkeit gezielt nur auf das Aussehen einer Frau. Ziel des Widersetzens ist es deswegen, die Aufmerksamkeit weg vom Aussehen und hin zur Frau unter den Haaren zu lenken. Auf ihren Charakter, ihr Können, ihren Einsatz. Dadurch soll ein neues Frauenbild in die Öffentlichkeit treten und eine Alternative zu bisherigen Enthaarungszwängen bieten.

Solche feministischen Einflüsse dringen zwar nur langsam in klischeebelastete Werbespots und flache Berichterstattungen ein, doch erste Erfolge können verzeichnet werden. Im September 2017 hat der Sporthersteller Adidas einen Werbespot für Sneaker veröffentlicht, in dem die unrasierten Beine des schwedischen Models Byström zu sehen sind, während diese über Weiblichkeit spricht.

Dass solche Werbespots 2018 zwar leider noch nicht selbstverständlich sind, zeigen die unzähligen Gegenbeispiele und Shitstorms, die als Reaktion auf die junge Schwedin niederregneten. Doch feministische Bewegungen gewinnen an Einfluss und setzen sich sexistischen Werbungen und Berichterstattungen mit zunehmendem Erfolg entgegen.

Mit „Personality“ ans Ziel

Zum Schluss dürfen auch noch die Klum-Fans aufatmen. Seit 2017 gibt es sogar einen „Best Personality-Award“ bei Germany´s Next Topmodel. Damit nicht das Gefühl entsteht, es würde bei dieser Fleischschau nur ums Aussehen gehen. Auch wenn „Maja mit den Achselhaaren“ ihn nicht ergattern konnte, ist er doch zumindest ein kleiner Trost für alle FeministInnen, finden Sie etwa nicht?