Beiträge

Der ungefragte Griff in das Haar gefolgt von den Sätzen „Deine Haare sind so schön lockig. Die hätte ich auch gerne!“ oder „Glätte sie doch mal!“ oder „Lass sie doch mal lockig und offen!“ – Naturals kennen diese Situationen nur allzu gut. Bis jetzt hat noch keiner eine charmante Art gefunden, diese unerwünschten Annäherungen höflich abzulehnen. Woher kommt diese Distanzlosigkeit und zugleich die Beklommenheit und Verfremdung, wenn es um lockiges Afrohaar geht?

Ein kleines Mädchen ohne Furcht vor ihrem natürlichen Haar. Photo by D Sharon Pruitt, published on commons.wikimedia.org

 

 

 

„Little girl with the press and curl
Age eight, I got a Jheri curl
Thirteen, and I got a relaxer
I was a source of so much laughter
At fifteen when it all broke off
Eighteen and went all natural“

 

 

 

Die afroamerikanische Sängerin India Arie beschreibt mit ihrem Lied „I am not my hair“, haargenau die Veränderung, die viele Schwarze Mädchen in ihrem Leben durchmachen. Die Liebe zum natürlichen Haar kommt bei vielen leider erst spät, bei manch einem fatalerweise nie. Mit dem Erwachsenwerden wachsen nicht nur der Charakter und die Identität eines Menschen, sondern viele setzten sich auch speziell mit ihrem Aussehen auseinander. Besonders in dieser Zeit machen viele junge Schwarze Mädchen einen Prozess in Bezug auf ihre Haare durch. Sie versuchen bewusster und schützend mit ihrem natürlichen Haar umzugehen. Immer mehr entscheiden sich dazu, Natural zu werden. Unter dem Begriff Natural Hair ist ein unverändertes, ohne chemischen Prozess beeinflusstes Afrohaar zu verstehen.

Amara und ihr umstrittener Afro. Quelle: Amara La Negra Instagram/ Photo by Joey Rosado

Jedoch schämen sich viele, ihre natürliche Haarstruktur im alltäglichen Leben zu präsentieren, da diese nicht dem europäischen Schönheitsideal entspricht. Auch nicht, weil es bis heute noch kontroverse Szenen im Fernsehen zu sehen gibt, wie beispielsweise in der amerikanischen Vh1 Sendung „Love and Hip Hop Miami“. Während einer Studio-Session spricht der Producer Young Hollywood die Afro-Latina Sängerin, Amara La Negra auf ihre volle Haarpracht an. Seiner Meinung nach solle die Sängerin ihren Afro glätten um weniger wie Macy Gray und mehr wie Beyonce auszusehen, wenn sie Erfolg mit ihrer Musik haben wolle! Viele Menschen teilen leider dieselbe Meinung und sehen Natural Hair als schlecht und ungepflegt an. Je weniger kraus, desto akzeptierter ist das lockige Haar. Durch seine Aussage hat Young Hollywood Salz in eine historische Wunde gestreut.

Von der Flechtfrisur zur Glatze …

Eritreische Bräute mit traditionellen Flechtfrisuren. Quelle: Instagram

Afrikanische Haarstrukturen und ihre Träger und Trägerinnen mussten im Laufe der Geschichte viel Leid und Demütigung ertragen. Afrikanische Nationen sehen ihre Haare als Statussymbol und als Zeichen ihrer Identität und Herkunft. Der Beruf des Friseurs war und ist bis heute noch unter den zahlreichen Nationen des afrikanischen Kontinents hoch angesehen. Im frühen Alter wird jungen Mädchen die Kunst des Zöpfeflechtens beigebracht, damit die Traditionen und Gepflogenheiten der Herkunft nicht verloren gehen.

In der Zeit des Sklavenhandels wurden Sklaven ihre Köpfe glatt geschoren. Dies geschah vor allem aus hygienischen Gründen. Jedoch war dieser Akt für viele Sklaven ein Raub ihrer Identität und eine Herabminderung ihres Status. Jungen Sklavenmädchen wurde beigebracht ihr „wollartiges“ Haar zu bändigen, um die weißen Sklaventreiber nicht zu beleidigen. Ein guter Sklave zeichnete sich durch gezähmtes oder bedecktes Haar aus.

„If your hair is relaxed, white people are relaxed. If your hair is nappy, they’re not happy!“ -Paul Mooney in Chris Rock’s Dokumentation „Good Hair“.

Diese Ansicht prägte viele Schwarze Sklaven und beeinflusst bis heute noch viele junge Schwarze Lockenköpfe. Naturals waren verpönt. Mir den Jahren stieg der Drang nach einem europäisierten Schönheitsbild. Glattes Haar war eine stille Antwort für Akzeptanz. Der „creamy-crack“ (offizielle Bezeichnung Relaxer), bietet Schwarzen Frauen die Möglichkeit ihre Haare zu entkrausen um dadurch die gewünschte Glätte zu erlangen. Durch den dauerhaften Glättungsprozess wird die lockige oder krause Haarstruktur angegriffen und kann bis zur vollkommenen Zerstörung verändert werden. Als schönes Haar gilt das glatte, seidige Haar. Dadurch geprägt wurde besonders von 1980 bis 1990 die Glättung der Haare hoch angepriesen. Für viele hatte diese chemische Glättung Haarverlust und die Veränderung ihrer natürlichen Haarstruktur zur Folge.

… und dann kam der Protest-Afro.  „Black is beautiful!“

… Das ist eine der wichtigsten Parolen in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Die Kampfansage an das weiße Schönheitsideal. Eine einfache und doch aussagekräftige Liebeserklärung an die Schwarze Frau. Aktivistinnen wie Angela Davis und Kathleen Cleaver brachen durch ihren politischen Tatendrang traditionelle Konventionen. Ihr Aktivismus war geprägt durch die Schwarze Bürgerrechtsgruppe Black Panther. Das Tragen ihres rundförmigen und chemisch unveränderten Afros hat ihrem Protest gegen das weiße Schönheitsideal eine ästhetische Ebene verliehen.

Traue Ellis Ross eine Stilikone mit Mut zum Afro.
Quelle: Instagram

Mit dem Afro als Markenzeichen setzten die Aktivistinnen sich für die Gleichberechtigung der weißen und Schwarzen Bevölkerung Amerikas ein. Auch wenn der Afro als eine doch sehr radikale Form des Protestes galt, schlossen sich viele dieser neuen Bewegung an. Der Afro diente nicht nur als visuelle Repräsentation des Kampfes gegen die weiße Schönheitsstandards des hellen glatten Haares. Er war auch ein Akt der Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Durch das Tragen der natürlichen Haarstruktur in ihrer runden und krausen Form stimmten Anhänger in eine sichtbare Form der Selbstwertschätzung ein.

„Look, black is beautiful, shawty, that you should know
Don’t let American standards damage your African Soul!“  – Rapper Wale aus dem Lied „Black is Gold“

Viele Generationen zuvor entschieden sich, ihr natürliches Haar aufzugeben, um sich durch chemische Prozesse und andere Hilfsmittel dem europäischen Standard anzupassen. Doch in den letzten Jahren ist ein erheblicher Trend, vor allem in der heutigen Generation von Schwarzen Mädchen (und Jungs), zur natürlichen Lockenpracht entstanden. Nappy wird von seiner negativen Assoziation befreit und umdefiniert in natural und happy.
In den letzten fünf Jahren ist der Verkauf von Relaxerprodukten um 37 Prozent gesunken (Stand 2018). Der Trend zur natürlichen Lockenpracht steigt. Die Parolen der früheren Black-Panther-Bewegung klingeln noch heute in vielen Ohren.

Nappy = Natural und Happy Photo by @photosbyphab from nappy.co

I am not my hair, I am not this skin, I am not your expectations! – India Arie

Doch woher kommt dieser ansteigende Wandel zu den natürlichen Locken in unserer Generation? Die Vielfalt der Produkte für schwarzes und lockiges Haar wird größer. Mithilfe der Digitalisierung ist es für viele einfacher geworden, sich auszutauschen. Tausende von Blogs, Vlogs und Youtube-Kanälen erzählen die Geschichte der Naturals. Durch diesen Austausch ist eine riesige Community entstanden in der es möglich ist Gleichgesinnte zu finden, die einem Mut zusprechen und bei Problemen weiterhelfen. Infolge dieser weiten Verbreitung von Naturals stieg auch die Repräsentation des Afrohaars in den Mainstream Medien.

Yara Shahidi in einer People Magazinausgabe mit ihrer natürlichen Lockenpracht.
Quelle: Instagram

Das Haar ist nicht mehr die stille Einwilligung in die unfreiwillige Assimilation der westlichen Welt. Doch Naturals haben die Chance, ihre Haarpracht als eine Art von Selbstverwirklichung zu nutzen. Eine Form von Protest gegen den Druck, einem Ideal gleichen zu müssen, dem viele Schwarze Mädchen nicht gerecht werden können. Die Möglichkeit sich selbst zwanglos zu äußern und uneingeschränkt selbst zu lieben, wird durch diesen neuen Standard geboten. Auch prominente Persönlichkeiten sind sich ihrer repräsentativen Arbeit immer mehr bewusst und tragen durch ihre Frisurenvielfalt die Realität vieler schwarzer Frauen in die Welt. Stars wie Solange Knowles, Lupita Nyong´o, Yara Shahidi, Erykah Badu und nicht zuletzt der Rapper Wale feiern das Bild der Schwarzen Frau und zudem das ihrer natürlichen Haarstruktur in vollen Zügen.

To that little black girl…

Es ist wichtig zu erkennen, dass dein Haar dir gehört. Beauty Standards und gesellschaftliche Normen definieren deine Schönheit nicht. Trends zu folgen, nur weil sie anderen gefallen, ist ein Kreislauf, aus dem es schwer ist zu entkommen. Die Selbstakzeptanz steht im Vordergrund. Egal wie du dich entscheidest dein Haar zu tragen, bleibe dabei! Solange du einen Weg gefunden hast mit deinen Haaren umzugehen, der für dich passt und dir gefällt. Verändere dein Haar nicht, weil es jemand von dir erwartet, sondern weil du es so willst. Lass dich nicht durch gesellschaftliche Standards und Normen einsperren. Lerne dein Haar zu lieben so, wie es ist. Unsere Haare sind unsere Krone. Also trage deine Krone mit Stolz und lass dich nicht unterkriegen!


Filmvorschläge:

GoodHairMovie. “Good Hair Ft. Chris Rock- HD Official Trailer.” YouTube, YouTube, 31 July 2009, www.youtube.com/watch?v=1m-4qxz08So.

“My Nappy ROOTS: A Journey through Black Hair-Itage.” YouTube, YouTube, 28 Jan. 2007, www.youtube.com/watch?v=CFXZceQ2gAA.

Quellen:

Bellinger, Whitney. „Why African American women try to obtain’good hair‘.“ Sociological Viewpoints 23 (2007): 63.

Mohdin, Aamna. “The Natural Hair Movement Is Forgetting Its Radical Roots.” Quartzy, Quartz, 8 Nov. 2017, quartzy.qz.com/1110554/the-natural-hair-movement-is-moving-away-from-its-radical-roots/.

Nathalie. “Amara La Negra: The Reason Why It Is Important To Promote Self Validation.” Afrocks, Afrocks, 9 Jan. 2018, afrocks.com/blog/amara-la-negra-reason-self-validation/.

Rosado, Sybil Dione. “No Nubian Knots or Nappy Locks: Discussing the Politics of Hair Among Women of African Decent in the Diaspora. A Report on Research in Progress.” American Ethnologist, Wiley/Blackwell (10.1111), 7 Jan. 2008, anthrosource.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1525/tran.2003.11.2.60.

“4 Ways to Love Your Natural Hair!- It’s Hard to Love Something That ….” Mane Guru, 23 July 2017, maneguru.com/love-your-natural-hair/.

Manche genießen den Duft von Shampoo- und Pflegeprodukten, anderen sträuben sich die Haare beim Gedanken an Trockenhaube, Bleichmittel und Co. Doch was genau passiert mit unseren Haaren, während wir uns im Friseursessel zurücklehnen? Wie beeinflusst Chemie Form, Farbe und Struktur unserer Haare? Ein Blick unter die glänzende Oberfläche von Dauerwellen und künstlichen Haarfarben.

Haare waschen und föhnen, färben und tönen, glätten und wellen, blondieren und aufhellen, shampoonieren und pflegen, entfernen und ankleben. Wie es scheint, reicht ein Besuch beim Friseur aus, um jedem beliebigen Haartrend zu folgen. Wir setzen uns in einen gemütlichen Sessel, lesen ein paar Zeitschriften und im Handumdrehen verlassen wir den Salon mit einer neuen Frisur. Dabei benötigen die meisten Frisuren mehr als nur ein paar Handgriffe – nämlich Chemie!
Hier erfahren wir, welche chemischen Prozesse dem chemischen Glätten, einer Dauerwelle, sowie dem Haare färben und tönen zugrunde liegen.

Magische Inhaltsstoffe und chemische Zauberformeln

Chemie ist heute weder aus einem Friseursalon wegzudenken noch aus unserem eigenen Vorrat an Haarpflegeprodukten und -tools. Wir benutzen die Glätteisen, Lockenstäbe, Färbemittel und Tönungen jedoch meistens ohne zu wissen, wie diese auf unsere Haare einwirken. Natürlich, sie bekommen einen „ultimativen Glanz“, „mehr Volumen“, werden zu einer „wilden Mähne“, „lassen die Haarpracht neu erstrahlen“ und verhelfen grauem Haar zu „einem faszinierenden Farbergebnis.“ Sie zaubern „24h sichtbar mehr Haarfülle ohne zu beschweren“ und geben „extrastarken Halt“, wenn wir mal durch den Wind sind.
Das hört sich gut an und sieht meistens ansprechend aus, aber spätestens wenn wir die lange Liste der Inhaltsstoffe überfliegen, verstehen wir doch nicht so ganz, wie diese neue Zauberformel jetzt eigentlich funktioniert.

Dieses kurze Video auf Englisch zeigt euch, woraus unsere Haare bestehen. Das ist wichtig um zu verstehen, wie chemische Prozesse beim Hairstyling ablaufen.

Glatt oder gelockt – eine Frage der Chemie

Um glattes Haar zu wellen und gewelltes Haar zu glätten, müssen die Querverbindungen innerhalb des Haares gelockert oder sogar aufgebrochen und neu zusammengefügt werden. Wasser- und Wärmeeinwirkung löst vor allem die Wasserstoffbrücken auf, die beständigeren Disulfidbrücken bleiben aber erhalten.

Die Wasserstoffbrücken lösen sich, indem sich im nassen Haar Wassermoleküle zwischen die Wasserstoffbrücken einlagern und diese so aufbrechen. Deswegen kann das nasse Haar sich einer neuen Form, beispielsweise der eines Wicklers oder einer Bürste, optimal anpassen.
Wenn wir unser Haar anschließend trocknen, lösen sich die Wassermoleküle wieder auf und die Wasserstoffbrücken schließen sich in ihrer neuen Form. Aus diesem Grund ist es möglich, dass auch sehr lockige Haare in nassem Zustand zunächst glatt sind. Ebenfalls können glatte Haare, indem sie nass geflochten und getrocknet werden, kurzzeitig wellig bleiben. Diese reversible Umformung der Haare kann durch das Föhnen mit Rundbürsten oder im geflochtenen Zustand, aber auch durch die Hitze von Glätteisen und Lockenstäben erzielt werden.

Nicht jede Schönheit ist vergänglich!

Soll die Haarpracht von Dauer sein, kommen die chemische Glättung oder eine Dauerwelle infrage. Dabei lösen sich nun auch die beständigeren Schwefelbindungen. Dies geschieht durch alkalische Cremes oder Pasten, die der Friseur gleichmäßig ins Haar einarbeitet. Durchdringen diese die äußere Haarschicht, können sie in die Mikrofibrillen der Fasern eindringen und die Disulfidbrücken aufbrechen. Durch diese Öffnung der Proteinstruktur wird das Haar verformbar. Das erweichte Haar nimmt nun die Form des Lockenwicklers (bei der Dauerwelle) oder einer glatten Oberfläche (bei der chemischen Glättung) an. Ein Oxidationsmittel wie Wasserstoffperoxid kann die Schwefelbrücken wieder schließen. Die Formänderung wird fixiert und bleibt nun auch unter Wassereinfluss erhalten.

Disulfidbrücken sind zunächst geschlossen (links), werden denn aufgebrochen (mitte) und schließlich neu zusammengefügt (rechts)

Farbe bekennen

Wer sich Abwechslung durch neue Farbe wünscht, muss sich entscheiden, ob die Veränderung dauerhaft oder nur für einen begrenzten Zeitraum anhalten soll. Eine Tönung verliert bereits nach einigen Haarwäschen an Intensität, wohingegen das Färben der Haare dauerhaft anhält. Der Unterschied besteht darin, dass bei einer Tönung die natürlichen Farbpigmente in den Haaren erhalten bleiben. Die Farbe der Tönung lagert sich an das Keratin in den Mikrofibrillen an und bildet eine Farbschicht um diese herum, die sich mit der Zeit wieder löst.
Beim Haarefärben kommen hingegen Alkalien zum Einsatz. Diese werden ins Haar eingearbeitet und lassen es aufquellen. Dadurch entstehen Zwischenräume in der Schuppenschicht, die Platz für die neuen Farbstoffe machen. Die haareigenen Farbpigmente werden mit Wasserstoffperoxid zerstört, was zu einer starken Aufhellung führt. Anschließend können die neuen Farbpigmente sich in die Faserschicht einlagern und für eine dauerhafte Haarfärbung sorgen.

Ein bisschen Chemie schadet nie?

Der Mythos von „Zauberformeln für die perfekte Frisur“ oder „magischer Sprungkraft für definierte Locken“ ist damit, genau wie Rapunzels meterlanger Zopf, eindeutig in die Ecke der Märchen gerückt. Dass chemische Prozesse beim Friseur die entscheidende Rolle spielen, mag ernüchternd sein. Aber es bestätigt, dass wir lieber den Friseur den Zauberstab schwingen lassen sollten, bevor wir uns selbst an Bleichmittel und Co herantrauen.

Du willst deine Haare noch genauer unter Lupe nehmen? Hier erklären Chemiker die Vorgänge haarklein:

http://daten.didaktikchemie.uni-bayreuth.de/umat/haare/haare_chemie.htm

http://www.lehrer.at/html/kosmetik/pdf/OS-BIO-HAAR-A3.pdf

Video Icons u.a. von: https://www.flaticon.com/, https://icons8.de/free-icons und  https://www.freepik.com/free-icons

Krieg und Hippietum, Unterdrückung und Emanzipation, Politisierung und Popkultur – die Geschichte der letzten hundert Jahre war eine ziemlich wilde Achterbahnfahrt. Jedes Jahrzehnt zeichnet sich dabei durch sein ganz eigenes Lebensgefühl aus. Ein Gefühl, das sich immer auch deutlich auf den Köpfen seiner Zeitzeugen zeigte. Über kurz in den 20ern oder lang in den 60ern, die Frisur war Verlängerung der Persönlichkeit, politisches Statement oder manchmal sogar Protest. Zwischen Prüderie und Paris Hilton liegt immerhin ein ganzes Jahrhundert. Im Folgenden erwartet euch eine haarige Zeitreise. Und wer den ewigen Kreislauf der Mode durchschaut hat, der weiß: Der Blick zurück in die Geschichte der Haartrends könnte sich lohnen…

 

1910

Gibson Girl Zeichnung des Künstlers Charles Dana Gibson

Quelle: Wikipedia

Unsere Geschichte beginnt 1910 mit dem Gibson Girl: der idealtypischen Darstellung einer eleganten, jungen Dame. Benannt ist sie nach dem amerikanischen Cartoonisten und Illustrator Charles Dana Gibson, von dem auch die obige Zeichnung stammt. Die bevorzugte Gibson-Girl-Frisur ist ein Knoten oben auf dem Kopf, so hoch aufgetürmt wie nur möglich. Abgesehen von der voluminösen Haarpracht war es für das Gibson Girl unabdingbar, einen tadellosen Ruf zu genießen. Über 20 Jahre hinweg zeichnet Gibson ikonische Abbilder der Weiblichkeit, während die Suffragetten für das Frauenwahlrecht und mehr Unabhängigkeit auf die Straße ziehen.

 

1920

Flapper Girl aus den 20er Jahren

Quelle: Getty

Die Goldenen Zwanziger stehen für den Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg. Sie werden beherrscht durch Rausch, Lebensfreude und die Emanzipation der Frauen. Viele hatten in der Kriegsindustrie gearbeitet, erstmals eigenes Geld verdient und damit ein gewisses Maß an Selbstbestimmung erlangt. Entgegen der gesellschaftlichen Normen schneiden sich die „Flappers“ ihre langen, als weiblich geltenden Haare ab. Zudem tauschen sie das enge Korsett gegen weich fallende Kleider. Denn diese Frauen trinken, rauchen und treiben Sport, um sich über die altehrwürdigen Regeln des „guten Benehmens“ hinwegzusetzen. Die beliebtesten Frisuren heißen damals: Bubikopf, Garcon oder Eton-Schnitt. Hauptsache kurz und anders.

 

1930

Foto von Vivien Leigh mit kurzem Lockenhaarschnitt

Quelle: Getty

In der ökonomisch schweren Zeit der 30er Jahre ist kein Platz mehr für die Lebenslust der Flappers. Mit dem New Yorker Börsencrash beginnt die Weltwirtschaftskrise. Es folgt eine Zeit der Rückbesinnung auf alte Ideale und traditionelle Werte. Die Androgynität wird abgelegt und die Haare werden wieder länger, wie man hier bei Vivien Leigh sieht. Die Erfindung der Dauerwelle erfreut sich großer Beliebtheit.

 

1940

Frau mit Haarnetz-Frisur aus den 40er Jahren

Quelle: Pinterest

Der Zweite Weltkrieg prägt auch die Haarmode der 40er Jahre stark. Der Alltag ist bestimmt durch ständige Sorgen und den Kampf um das Überleben. Aus diesem Grund muss es auf dem Kopf praktisch zugehen: Zöpfe, Haarnetze oder Kopftücher sind jetzt angesagt.

Betty Grable mit der Frisur Victory Rolls

Quelle: Getty

Sollte es in den 40ern dann doch ein wenig schicker sein, orientiert man sich an Leinwandheldinnen wie Rita Hayworth oder Betty Grable (Bild). Die Victory Rolls haben Konjunktur: zwei nach oben gedrehte Rollen, die aufeinander zugewickelt sind. Ursprünglich war eine Victory Roll ein akrobatisches Flugzeug-Manöver, das die Piloten vollführten, wenn sie erfolgreich aus der Schlacht zurückkehrten.

 

1950

Marilyn Monroe mit blonden Locken

Quelle: Getty

Mit Ende des Krieges wurden auch die praktischen Frisuren abgelegt. Die 50er Jahre stehen für Rock ’n‘ Roll und Swing. Die Haartrends dieser Zeit spiegeln ein neues Lebensgefühl von Freiheit wieder. Ob Marilyn Monroe mit ihren kurzen, blonden Locken…

Frisur aus den 50ern: Beehive.

Quelle: Pinterest

…oder die aufwändig hochtoupierten „Beehives“ (dt. Bienenkörbe) auf den Köpfen der Damen – das Motto ist ebenfalls Glamour.

 

1960

Janis Joplin mit wilder Hippiemähne und Zigarette in der Hand.

Quelle: Getty

Vietnamkrieg, Studentenunruhen und Bürgerrechtsbewegung. Die Jugend der 60er Jahre verlangt nach moralischer und sexueller Selbstbestimmung. Sie zweifeln Autoritäten an und entwerfen eine Gegenkultur: Hippies stehen für Pazifismus, Toleranz und eine freie Gesellschaft. Die Anhänger dieser Bewegung tragen ihre Haare deswegen lang und offen wie Janis Joplin. Ein Zeichen von Freiheit und Unabhängigkeit.

Bürgerrechtsaktivistin Angela Davis mit Afro.

Quelle: Getty

Auch die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung setzt auf ein haariges Statement. Der Afro ist das Zeichen für Gleichberechtigung. Die natürliche Krause, wie Aktivistin Angela Davis sie trägt, wird schließlich zum Symbol gegen die Anpassung an das „weiße Ideal“ und gegen Unterdrückung.

 

1970

Farrah Fawcett mit der 70er Frisur "feather cut".

Quelle: Getty

In den 70ern setzt sich die Emanzipation fort, Menschen politisieren sich und gleichzeitig beginnt die Disco-Ära. Viele kulturelle Strömungen beeinflussen zu dieser Zeit die Gesellschaft. Ebenso vielfältig wie die Kultur ist damals auch die Haarkunst. Ob lang, kurz, gelockt oder geföhnt – erlaubt ist, was gefällt. Und besonderen Gefallen findet der „feather cut“ von Farrah Fawcett. Der Schnitt, bei dem die Haarenden ab der Schläfe in Flügel geföhnt werden, geht um die Welt.

 

1980

Madonna mit großer Schleife im Haar. Bild aus den 80ern.

Quelle: Getty

Neon, Schulterpolster und seltsame Frisuren. Die 80er Jahre sind das Jahrzehnt des pulsierenden Lebens und der modischen Freiheit. Madonna wird zur Stilikone.

Cindy Lauper mit gelb-rot-blauen Haaren.

Quelle: Getty

Es geht ziemlich schrill und knallbunt zu, auch auf dem Kopf von Cindy Lauper: Vokuhilas, Dauerwellen und Regenbogenfarben gehören in den 80ern zum guten Ton. Es wird toupiert, geföhnt, gesprayt und gefärbt was das Zeug hält. Eine Strategie, die Gefahren des Kalten Kriegs zu verdrängen?

 

1990

Jennifer Aniston mit dem erfolgreichen "Rachel-Cut"

Quelle: Getty

Die 90er Jahre sind dann geprägt von einer Neuordnung: Der Kalte Krieg ist zu Ende und das Internet vernetzt die Welt. Popkulturell glänzt dieses Jahrzehnt unter anderem mit der Sitcom „Friends“. Es gibt wohl keine Frisur, die global jemals so erfolgreich war wie der „Rachel-Cut“. Schauspielerin Jennifer Aniston bringt den Stufenschnitt ihres Seriencharakters „Rachel“ auf die Köpfe eines ganzen Planeten.

 

2000

Mädchen mit auffälliger "Emo" Frisur in verschiedenen Farben.

Quelle: Pinterest

9/11 und Paris Hilton sind hingegen zwei ganz große Themen der 2000er, was augenscheinlich für ein Übermaß an Emotionen sorgt…

Christina Aguilera mit gekrepptem Haar und roten Strähnchen.

Quelle: The Gloss

Firmen wie Google, YouTube und Facebook starten in den Nullerjahren durch und wirklich jeder trägt einen MP3-Player bei sich. Aber ob diese Entwicklungen in Zusammenhang mit Kreppeisen und roten Blocksträhnchen steht, bleibt auch für Christina Aguilera ungeklärt.

 

2010 bis heute

Victoria's Secret Model Candice Swanepoel mit langen Beachwaves.

Quelle: Getty

Nach unserem Blick in die Geschichte sind wir wieder in der Gegenwart und damit unter anderem bei den Beachwaves von Victoria’s Secret Model Candice Swanepoel angekommen. Rückblickend fällt eines auf: In den letzten acht Jahren haben wir eine Trend-Zeitreise durchlebt. Ob Hippiemähnen der 60er, Kurzhaarschnitte der 20er oder einen Hang zur 90er Ästhetik – die Vergangenheit ist auf Stippvisite.

Miley Cyrus mit Kurzhaarschnitt und Undercut.

Quelle: Short Biography

Kombiniert werden die Klassiker (wie hier bei Miley Cyrus) mittlerweile gerne mit dem „undercut“, einer ausrasierten Haarpartie.