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„Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit. Wir sehen erst den Abendgruß, ehe jedes Kind ins Bettchen muss, du hast gewiss noch Zeit.“ Dieses Lied tönte erstmals am 22. November 1959 aus dem Fernsehen – und zwar demjenigen der DDR. Das Sandmännchen ist der Gewinner eines politischen Wettrennens. Wir fragen in unserem Beitrag, wie die Sendung entstand und was sie über die deutsch-deutsche Geschichte erzählt.

Die Geschichte von einem kleinen Mann, der Kindern das Einschlafen erleichtert, ist keine Erfindung des deutschen Fernsehens. Schon davor gab es in der europäischen Literatur Sagengestalten, die Sand verstreuen, um Kinder zum Schlafen zu bringen.

Sandmann Darstellung E.T.A. Hoffmann

Eher unheimlich: der Sandmann von E.T.A. Hoffmann. © Wikimedia Commons

Doch das nicht nur auf liebevolle Art und Weise. Der Sandmann des romantischen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann beispielsweise wirft Sand in die Augen der Kinder, sodass sie blutig aus dem Gesicht fallen. Einen Gegensatz dazu bildet im 19. Jahrhundert der Sandmann des dänischen Märchendichters Hans Christian Andersen mit dem Namen Ole Lukøje. Ins Deutsche übersetzt heißt er „Ole Augenschließer“. In diesem Märchen besucht Ole Lukøje am Abend die Kinder, erzählt Geschichten und verschließt ihnen die Augen mit „süßer Milch“. Die Kinder, die den Tag über brav waren, bekommen von seinen Geschichten schöne, farbige Träume. Die Kinder, die nicht so brav waren, bekommen weniger gute Träume. 

dänische Sandmann Darstellung

Ole Lukøje von Hans Christian Andersen verteilt am Abend „süße Milch“. © Wikimedia Commons

Als das Märchen auch ins Deutsche übersetzt wurde, wurde aus der „süßen Milch“ der Schlafsand. Vielleicht nicht zuletzt, weil „die süße Milch“ eine Anspielung auf den giftigen Opiatsaft des Schlafmohns war.

Die Geschichte nach dem Krieg

In der Nachkriegszeit fassten auch die Medien das Ritual auf, den Kindern vor dem Schlafengehen eine Geschichte vorzulesen. So wurde im Berliner Rundfunk ab 1946 Das Abendlied gesendet. Es war eine Produktion der Hörfunk-Redakteurin und Kinderbuchautorin Ilse Obrig. Die Figur des Sandmanns gab es jedoch noch nicht. Sie kam erst am 19. Mai 1956 in die Radiosendung. Im Deutschen Fernsehfunk (DFF) wurde dann am 8. Oktober 1958 der Abendgruß daraus. Das Fernsehen gewann in dieser Zeit an Popularität, und Ilse Obrig, die inzwischen zum westdeutschen „Sender Freies Berlin“ (SFB) gewechselt hatte, plante zusammen mit der Puppengestalterin Johanna Schüppel ein kleines Männchen, das dem Radio-Sandmann ein Fernsehgesicht geben sollte.

So sieht das Sandmännchen des Westdeutschen Fernsehens aus. © Wikimedia Commons

Die finanziellen Mittel für dieses Projekt waren beschränkt, sodass Obrig und Schüppel eine einfache Handpuppe gestalteten. Auch wenn die erste Sendung schon Monate zuvor fertig produziert war, wollte man mit der Veröffentlichung noch bis in die Vorweihnachtszeit, zum 1. Dezember 1959, warten.

Ein Wettlauf mit dem Westen

Als der ostdeutsche DFF Wind von der Idee bekam, brach für die DDR ein Wettlauf mit dem Klassenfeind an. Dass das Westfernsehen nun die West- Zuschauer*innen des allseits beliebten Abendgrußes abwerben könnte, wollte man beim DDR-Fernsehzentrum in Berlin-Adlershof unbedingt verhindern. Also wurde der Puppengestalter Gerhard Behrendt beauftragt, ein eigenes Sandmännchen zu erschaffen, und bekam mit Harald Sekowski einen Ausstatter für die Trickfilmbühne und für vielfältige Sandmännchen-Fahrzeuge an die Seite. Trabant, Boot und sogar Weltraumfahrzeug bastelte Harald Sekowski für das Sandmännchen.

Der Puppengestalter Gerhard Behrendt (links) im Trickfilmstudio. © rbb

Dazu schrieb der Komponist Wolfgang Richter in nur einer Nacht das eingangs erwähnte Titellied. Zunächst hatte das 24 Zentimeter kurze Männchen übrigens noch keinen Bart. Um sich vom westdeutschen Gegenstück abzugrenzen, nannte man die Trickfilmpuppe – wie auch die Sendung – nun Unser Sandmännchen.

Der Traum wird wahr

Könnte an Walter Ulbricht erinnern: das erste Sandmännchen mit Bart. © rbb

Für die DDR ging ein Traum in Erfüllung, denn das Sandmännchen ging tatsächlich eine Woche früher auf Sendung als sein westdeutsches Gegenstück. Seinen Bart erhielt das Sandmännchen erst im Sommer 1960 – ein kleines Detail, das an den damaligen SED-Chef Walter Ulbricht erinnern könnte. Seit 1959 lief nun im Deutschen Fernsehfunk um kurz vor sieben Uhr, beinahe jeden Abend, Unser Sandmännchen. In den Geschichten besuchte es Kinder auf der ganzen Welt – häufig in sozialistischen Ländern – und zeigte ihnen auf einem kleinen Fernsehgerät Geschichten zum Einschlafen. Neben Märchen und Alltagsgeschichten fanden sich jedoch auch staatstreue Besuche im Pionierferienlager, bei der Volksarmee und bei den Grenztruppen.

 

Das Sandmännchen im Pionierlager der DDR. © Gisela Krzyiwinski, rbb

Das Sandmännchen wurde mehr als eine einfache Trickfilmpuppe für die Bürger*innen der DDR. So nahm Sigmund Jähn 1978 das Sandmännchen mit, als er als erster Deutscher in den Kosmos flog. Sein sowjetischer Kollege brachte „Mascha“ mit ins All, eine Puppe, die eine ähnliche Rolle im Russischen Fernsehen einnahm wie das Sandmännchen im ostdeutschen Fernsehen. Dort verheirateten die Astronauten die beiden Puppen. Die Zuschauer*innen der DDR konnten von den Reisen des Sandmännchens indes nur träumen. Im Gegensatz zu ihnen kam das Sandmännchen auch nach Kuba, in den Irak, Vietnam, nach Ägypten und Japan.

An dem Heißluftballon störten sich Parteifunktionäre, nachdem zuvor zwei Familien in einem solchen in den Westen geflohen waren. © rbb

Immer mit einem seiner zahlreichen und spektakulären Fortbewegungsmittel wie U-Boot, Flugzeug, Schiff oder Zweirad. Als es jedoch in der Sendung vom 18. September 1979 mit einem Heißluftballon anreiste, störten sich Parteifunktionäre entschieden an der Kindersendung. Das hatte wohl den Grund, dass kurz zuvor zwei Familien aus Thüringen über die innerdeutsche Grenze nach Bayern geflohen waren. Mit einem selbstgebauten Heißluftballon.

Das Sandmännchen bleibt

Der Mauerfall bedeutete für das Sandmännchen erst einmal „Gute Nacht“. Denn der ostdeutsche DFF wurde 1991 aufgelöst. Die Produktion der Sandmännchen-Sendungen wurde damit ebenfalls eingestellt. Das löste heftigen Protest bei den Zuschauer*innen aus. Der Fernsehchef bekam zahlreiche Beschwerdebriefe, sodass die Sendung auch nach der Auflösung des Fernsehsenders schließlich weiter produziert wurde. So überlebte Unser Sandmännchen als eine der ganz wenigen Fernsehproduktionen der DDR. Denn auch nach der Auflösung des Deutschen Fernsehfunks wurde das Ost-Sandmännchen weiter im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und im Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) produziert und ausgestrahlt. Der ORB, heute Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb), wurde innerhalb der ARD mit der weiteren Produktion des Sandmännchens beauftragt. Sein westdeutscher Bruder war schon vor der Wende aufgrund zu niedriger Einschaltquoten nach und nach aufgegeben worden.

Das Sandmännchen im Elbsandsteingebirge. © Gisela Krzyiwinski, rbb

Auch heute kann man das Sandmännchen noch jeden Tag um 18.54 im rbb, MDR und im Kinderkanal KiKa sehen. Seit mehr als 60 Jahren verstreut es nun Traumsand und ist damit die älteste deutsche Kinderfernsehsendung, die bis heute produziert wird.

 

 

 

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Träume Kopf bunte Wolke

Karl Marx Statue in Leipzig

Welche Personen sind überhaupt Helden? Diese Frage klingt einfach, ist aber in Wirklichkeit sehr schwer. Die „Umstrittene Helden“-Serie des Heldenblogs wagt einen Antwortversuch.

Im derzeitigen „Karl-Marx-Jahr“ wird wieder viel über den Gesellschaftstheoretiker geredet. Auch Menschen, die dem Marxismus politisch nicht nahestehen, verfallen dabei oft in ein eine leicht verklärte Art der Heldenverehrung.  Meiner Ansicht nach zu Unrecht. Insbesondere weil ich selbst keineswegs alle Erkenntnisse von Marx für falsch halte, ist es meiner Meinung nach falsch und möglicherweise sogar gefährlich, sich nicht kritisch mit den Theorien dieses Menschen auseinander zu setzen. Warum Marx, für seine Zeit sicher ein kluger und analytischer Denker, kein Held war, erfahrt ihr in folgendem Artikel.

Kritik an der marxistischen Praxis

In der Vergangenheit wurde bereits oft der Versuch unternommen, die marxistische Theorie in der Praxis umzusetzen. Nach Marx soll der Weg zur klassenlosen Gesellschaft über den Sozialismus, eine sogenannten Diktatur des Proletariats, also der Arbeiterklasse, gegangen werden.

Als Gegenentwurf zum kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, setzte der real existierende Sozialismus auf eine zentral gesteuerte Planwirtschaft, nach welcher ein Komitee aus Experten den Bedarf der Bevölkerung berechnet und produzieren ließ. Als negatives Beispiel ist die wirtschaftliche Lage in der ehemaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) bekannt ­– auch noch in der Erinnerung vieler Betroffener. Das Problem der Planwirtschaft liegt in der Praxis in der Schwierigkeit begründet, den Bedarf von Menschen im Voraus zu berechnen. Es liegt in der Natur des Menschen, seine Bedürfnisse zu ändern, mit Trends zu gehen oder auch einen kompletten Wandel zu durchleben. Auf derartige Änderungen kann die statische Planwirtschaft so gut wie gar nicht reagieren, was Engpässe und Überproduktion zur Folge hat. In der DDR betrug die Wartezeit für ein Auto beispielsweise nicht selten über fünf Jahre. Ebenso waren lange Warteschlagen vor Geschäften, die gerade neue Ware geliefert bekommen hatten, nicht selten.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Schriften von Marx nicht eindeutig verstanden werden, unvollständig sind und viel Raum für Interpretation lassen. Beispielsweise beschrieb Marx nirgendwo, wie die marxistische Gesellschaft konkret auszusehen habe. Diese vagen Formulierungen führten in der Vergangenheit zu furchtbarem Missbrauch an dessen Spitze einige der furchtbarsten Diktatoren der Welt wie Stalin, Mao Zedong oder Pol Pot zu nennen sind. Diesen Missbrauch kann man Marx zwar nicht persönlich anlasten, dennoch zeigt es seine Fehleinschätzungen bezüglich der menschlichen Natur deutlich auf.

Kritik an der marxistischen Theorie

Den Marxismus hier auch nur ansatzweise voll auszuführen sprengt den Rahmen dieses Beitrags bei weitem. Deshalb hier ein Versuch, den Kerngedanken seiner Theorie verständlich auf den Punkt zu bringen.

Das Ziel des Marxismus ist eine klassenlose Gesellschaft. Das bedeutet, dass es keinen Privatbesitz an Produktionsmitteln wie z.B. Maschinen gibt. Diese Gesellschaft soll nach Marx eine in Frieden und Wohlstand lebende „ideale“ Gesellschaft sein. Erreicht werden kann diese jedoch nur durch eine internationale Revolution der Arbeiterklasse, die keine Produktionsmittel besitzt, gegen die Klasse der Kapitalisten, die Produktionsmittel besitzende Klasse, welche die Arbeiterklasse über die Lohnarbeit ausbeutet.

Hierbei fällt bereits auf, dass sich die Theorie von Marx auf historische Verhältnisse bezieht, die sich nicht eins zu eins auf die Gegenwart oder gar die Zukunft übertragen lassen. Bereits in der heutigen Welt ist eine Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse kein unabänderliches Schicksal mehr, wie es zu Marx Zeit nahezu der Fall war. Durch neue Technologien lässt sich darüber hinaus keine klare Trennung zwischen Produktionsmitteln und Nicht-Produktionsmitteln ziehen. Ein Notebook kann beispielsweise nur zum privaten Vergnügen eingesetzt werden aber genauso gut die Basis für die Gründung eines Unternehmens sein, welches Software verkauft oder Webseiten erstellt und betreut.

Zuletzt bedachte Marx bei der internationalen Revolution nicht, dass es zwischen verschiedenen Kulturen große Differenzen gibt, die ein internationales Zusammenwirken erschweren oder sogar unmöglich machen. Wie utopisch es ist, eine komplexe Idee wie den Marxismus international umzusetzen, sieht man vielleicht am besten daran, dass die heutige Welt noch weit von der grundlegenden Einhaltung elementarer Menschenrechte entfernt ist, da die Vorstellungen hier auseinander gehen. Beispielsweise ist es in China oder Japan möglich seine Menschenwürde zu verlieren, während diese in westlichen Gesellschaften als unantastbar gilt.

Warum also kein Held?

Warum Marx aus meiner Sicht definitiv nicht als Held, jedoch durchaus als großer Denker anzusehen ist, liegt unter anderem auch daran, dass sein Vermächtnis eher etwas ist, aus dem man lernen kann und sollte, als etwas, dem man nacheifern kann. Das Vermächtnis eines Helden ist für mich etwas, dass mehr Positives als Negatives für die Nachwelt bewirkt hat. Angesichts der 100 Millionen Todesopfern* weltweit , die zumindest in indirekter Verbindung zum Marxismus stehen, ist eine Verehrung mit Statuen und Denkmälern für Marx nicht angemessen.

Um es mal anders zu formulieren, vielleicht wäre Marx für mich ein Held gewesen, wenn er zu Lebzeiten eine Art Kommune gegründet hätte, die nach marxistischen Idealen lebt und unbestreitbar nachweist, dass die Theorie in der Praxis umsetzbar ist. Heute hingegen wird Marx von denen überschattet, die seine Theorien anstelle seiner selbst meist zum Negativen umgesetzt haben. Ob dies in Missverständnis oder böswilliger Fehlinterpretation begründet war, kann ich nicht beurteilen.

Zuletzt hat Marx der Welt auf jeden Fall Ideen und Analysen hinterlassen, jedoch keine Heldentaten.

* Schwarzbuch des Kommunismus, 1997

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/marx-karl-kommunismus-historisch-2662378/

Vielleicht siehst du es ja anders. Lies hier die Gegendarstellung von Marie und stimme hier ab, ob Marx ein Held ist, oder nicht.