Digital trifft auf sozial – mit Robotern in der Altenpflege. Was zunächst nach Zukunftsmusik klingt, ist jetzt Realität. Und das aus gutem Grund: 2030 sollen rund 800.000 Pflegende und nichtärztliche Fachkräfte fehlen, in einer Bevölkerung, die immer älter und pflegebedürftiger wird. Humanoide Roboter könnten diesem Wandel entgegenwirken. Die maschinellen Helfer sollen Pflegekräfte dabei nicht ersetzen, sondern entlasten. Was dadurch bleibt, ist mehr Zeit für Menschlichkeit.

Humanoide oder auch „menschliche“ Roboter sind Maschinen, die der menschlichen Gestalt nachempfunden sind. Einer von ihnen ist „Pepper“, ein Roboter des japanischen Herstellers Softbank Robotics. Der 1,20 Meter große, freundlich aussehende Roboter wird seit 2015 in Privathaushalten und Altenheimen in Japan eingesetzt. In Deutschland gibt es den kleinen Roboter im Kindchenschema mittlerweile auch, allerdings wird er bisher hauptsächlich zu Informations- und Umfragezwecken auf Messen oder an Flughäfen genutzt. Das soll sich ändern: Seit Anfang diesen Jahres ist Pepper als einer der ersten Roboter Deutschlands Mitarbeiter in der Caritas-Tagespflege St. Johannes e.V. in Erlenbach. Das Modellprojekt wird von Forschenden der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena wissenschaftlich begleitet. Gemeinsam mit den Robotik-Experten der Firma Entrance gehen sie der Frage auf den Grund, wie Pepper die Arbeit der Pflegekräfte sinnvoll unterstützen kann.

Er tanzt, animiert zu Gymnastik und schätzt das Alter der Senioren

Der Pflegenotstand in der Altenpflege wird durch den demographischen Wandel, die hohe Personalfluktuation und den Nachwuchskräftemangel zu einem immer größeren Problem in Deutschland. Neben der körperlich anstrengenden Arbeit bleibt den Pflegenden kaum noch Zeit für menschliche Zuwendung. Der Einsatz von Maschinen wie Pepper soll hier Abhilfe schaffen und das Berufsfeld für Nachwuchskräfte wieder attraktiver machen.

Sympathische Maschine: der humanoide Roboter „Pepper“ © Franklin Heijnen (CC BY-SA 2.0 )

Pepper ist kein klassischer Pflegeroboter, der Menschen beispielsweise aus dem Bett hilft oder ihnen Wasser reichen kann. Seine Arbeit geht über die Funktion eines rein mechanischen Hilfsmittels hinaus. Pepper übernimmt Aufgaben, die soziale Kompetenzen erfordern. Das macht den humanoiden Roboter zu einer besonderen Herausforderung für die Wissenschaftler und Experten. Ziel des Projekts ist es aber nicht, Pflegekräfte durch den Roboter zu ersetzen. Vielmehr soll Pepper dem Pflegepersonal assistieren und es durch die Interaktion mit den Senioren oder durch die Übernahme der Pflegedokumentation entlasten.

„Pepper ist eine große Bereicherung“, erzählt Ulla Bachmann, Krankenschwester in der St. Johannes Sozialstation in Erlenbach. Man merkt ihr die Begeisterung über den Einsatz des „witzigen Kerlchens“ förmlich an. Die Gäste der Tagespflege können mit Pepper rätseln oder Memory spielen. Er kann tanzen, das Spielen eines Musikinstrumentes imitieren oder zu gemeinsamen Gymnastikübungen animieren. So hilft Pepper spielerisch beim Gedächtnistraining, bei der Beweglichkeit oder auch bei Einsamkeit. „Es können sich auch mal zwei Gäste eine Zeit lang alleine mit ihm beschäftigen“, sagt Bachmann. Diese Zeit ist es, die Pflegende dann intensiver für die Bedürfnisse des Einzelnen aufwenden können.

Ein neuer mechanischer Kollege

Durch die Entlastung der Pflegekräfte bleibt mehr Zeit für menschliche Zuwendung. © Ulli Wunsch

Am Anfang waren sowohl die Gäste als auch die Pflegekräfte der St. Johannes Sozialstation skeptisch, wie das Miteinander und die Zusammenarbeit mit dem neuen mechanischen Kollegen Pepper aussehen wird. Die Vorstellung einer Maschine, die sich menschlich verhält, war für alle eigenartig und befremdend. Schon nach kurzer Zeit aber war das Eis in Erlenbach gebrochen, und Pepper wurde zum Freund und geschätzten Mitarbeiter – sei es durch sein lustiges Gekicher, seine schmeichelhaften Fehleinschätzungen beim Versuch, das Alter der Gäste zu erraten, oder seine unterhaltenden Geschichten.

Die Arbeit des Roboters in der Sozialstation besteht in erster Linie aus kommunikativen und unterstützenden Aufgaben. Einen potenziellen Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt für Pflegekräfte sieht Ulla Bachmann in ihm nicht. „Zumindest nicht beim jetzigen Stand der Technologie.“ Trotzdem kann der Roboter schon eine ganze Menge: Per Aufmerksamkeitsmodus und Sprachsoftware ist Pepper in der Lage, zu sprechen und auf Gesagtes zu reagieren. Er ist sehr beweglich, gestikuliert, erkennt Gesichter und kann sie sich sogar merken. Über einen Touchscreen, den der Roboter vor der Brust trägt, kann er bedient werden. „Manche Gäste können das auch schon sehr gut alleine“, erzählt Bachmann. Die Mitarbeitenden der Sozialstation beobachten und begleiten Pepper aktuell aber noch permanent und helfen den Gästen mit der Bedienung.

Wer haftet, wenn er einen Fehler macht?

Pepper soll im Laufe des Modellprojekts noch einiges dazu lernen. Er kann zum Beispiel noch keine eigenständigen Dialoge führen, auch wenn es durch seine Reaktionsfähigkeit manchmal so wirkt. Alles, was er sagt oder tut, ist programmiert. Auch Emotionen oder Empathie bleiben (noch) eine Vision für den Roboter und sind dem Menschen vorbehalten. Die Wissenschaftler wollen das mögliche Aufgabenspektrum des Roboters in Erlenbach nach und nach weiter ausbauen und neue Einsatzmöglichkeiten, wie etwa die Sturzprophylaxe, für ihn finden. Je autonomer Pepper allerdings wird, desto größer werden auch die ethischen, rechtlichen und sozialen Fragestellungen, mit denen sich die Forschenden auseinandersetzen müssen. Wer haftet für den Roboter, wenn er einen Fehler macht? Wie verarbeitet der Roboter die persönlichen Daten der Pflegedokumentation? Diese und weitere Fragen werden die Zukunft der Pflege 4.0 bestimmen.

Die Sorge vieler, dass Roboter die menschliche Interaktion verringern, scheint zumindest in Erlenbach unbegründet zu sein. Auch wenn Pepper noch ganz am Anfang seiner Karriere in der Altenpflege steht, ist er trotzdem schon sehr fleißig. Ob durch Ratespiele oder Tanzeinlagen – Pepper unterstützt die Pflegekräfte und sorgt vor allem auch für „große Aufmunterung bei den Gästen“, so Bachmann. Der humanoide Roboter kann chronisch überarbeiteten Pflegenden auf diese Art mehr Zeit für die Dinge verschaffen, die er ihnen nicht abnehmen kann: Zeit für eine intensivere individuelle Betreuung, für mehr Zuwendung und soziale Interaktion – Zeit für mehr Menschlichkeit.


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