Verpackung ist Design, Geschichte und Zeitgeist. Von kunstvollen Bauhaus-Verpackungen, provisorischen Designs der DDR oder Zero-Waste Trends der letzten Jahre – Verpackung ist ein gesellschaftliches Phänomen, das sich immer wieder neu erfindet. Während Plastiktüten langsam aus Supermärkten verschwinden, wird auf Papier als nachhaltige Alternative gesetzt. Doch wie sehen die Chancen der Papierverpackung aus, wo kann gespart werden und welche Probleme ergeben sich? Fragen, die an einen Ort der Vergangenheit und einen Ort der Zukunft führen…

Nachhaltig Leben erfährt gerade eine Wandlung von der Nischenbewegung zum Mainstream-Thema. Ein Blick in die Tiefen des Internets genügt. Zahlreiche Öko-Blogger wie Trash is for Tossers geben Tipps zum verpackungsfreien Lifestyle. Im Bad, auf dem Festival und sogar beim Discounter: Verzichten leichtgemacht. In deutschen Großstädten sprießen die sogenannten „Unverpackt-Läden“ geradezu aus dem Boden. Das Konzept: Behälter selbst mitbringen und Ware abfüllen. Auf Verpackung kann aus Hygienegründen nicht immer verzichtet werden. Papier ist aber immerhin eine gute Alternative zu Plastik, denn es ist abbaubar und recycelbar. Deutschland verlässt sich auf die Papierwirtschaft. Laut Umweltbundesamt wurden allein 2017 rund 22,9 Millionen Tonnen Papier, Pappe und Kartonagen hergestellt. Welchen produktiven Beitrag kann also Papier im Unverpackt-Laden leisten?

Auch im Unverpackt-Laden fällt Papier an

Jens-Peter Wedlich

Jens-Peter Wedlich, Foto: Annette Kuhls

Im Stuttgarter Westen, einer Hochburg der Nachhaltigkeitsbewegung, treffe ich Jens-Peter Wedlich vom Unverpackt-Laden Schüttgut. Er gründete den Laden vor drei Jahren und wird meine Fragen zur nachhaltigen Papierverwendung beantworten. Schüttgut war der erste Laden dieser Art in Stuttgart. Der zweite eröffnet im Sommer 2019 in Stuttgart Sillenbuch. Anscheinend bin ich nicht die erste Person, die hier nach einem Gespräch fragt. Wedlich meint, er gebe mehrmals im Monat Interviews. Als ich morgens in den winzigen Laden komme, sind auch schon die ersten Kunden und Touristentouren da. Nachhaltigkeit ist also gefragt. Die Zero-Waste-Bewegung und das Verzichten auf jegliche Verpackung scheinen trotzdem utopisch. So antwortet auch Wedlich auf meine Frage, ob man ganz auf Verpackung verzichten könne, entschlossen mit Nein. Als gelernter Großhandelskaufmann weiß er, dass Ware eingedämmt werden muss, um nicht auszulaufen, hygienisch und unbeschädigt zu bleiben. Eine Alternative wäre ein Silo-Zug mit Ware, aber hier steht die Frage der Umsetzbarkeit im Weg.

Papier fällt im Schüttgut am meisten an, erzählt Wedlich, etwa zwei Container Altpapier innerhalb von drei Wochen. Auf Kartonagen kann man im Handel kaum verzichten. Im Vergleich dazu kommen aber zehn gelbe Säcke Plastik auf drei Wochen  da können wenige Supermärkte mithalten. Recyclingpapier gibt es inzwischen auch in Ultraweiß, so Wedlich. Dieses lasse sich ideal für die Warenschilder mit Aufschriften wie Mehl, Zucker und Quinoa einsetzen. Wedlich weiß, ohne Papier geht es nicht, aber der sinnvolle Gebrauch sollte im Vordergrund stehen:

„An der Verpackung komme ich nicht vorbei, genieße es aber und freue mich, wenn ich nachhaltige oder recycelbare Verpackung bekomme, bei der ich weiß, dass sie dann wiederverwendet wird“.

Der Umweltschutz spiegelt sich also deutlich in der heutigen Papiernutzung wider. Materielle Objekte wie Verpackungen sind gesellschaftliche Symbole, die aktuelle Themen verkörpern.

Ein Stück Vergangenheit in Heidelberg

Saftverpackung alt und neu

Saftverpackung alt und neu, Foto: Frederica Tsirakidou

So zeigt das Deutsche Verpackungs-Museum Heidelberg Geschichte durch den Blick der Verpackung. Das Museum in der malerischen Nothkirche zeigt sowohl den Einfluss des Bauhauses auf die Verpackung als auch die leuchtenden Materialien der Wirtschaftswunder-Zeit. Beim Blick auf die Ausstellungsstücke schwingt gleich ein gewisses Gefühl mit. Als ich über die quietschenden Dielen des Museums laufe, fällt mein Blick auf ein ungewöhnliches Paar. Rechts in der Vitrine eine Karaffe mit der Aufschrift Ananas. Die goldene Schrift blättert ab und ist schon ein bisschen ausgeblichen. Ein Einzelstück, wie man es in der Vitrine einer Großmutter findet – ein Stück Geschichte, das Einzigartigkeit und Beständigkeit ausstrahlt. Daneben ein Saftkarton einer Billigmarke. Die blauen Buchstaben auf dem gelben Papier erinnern an Supermarktbesuche, Konsum und Massenproduktion. Papierverpackung fehlt es oft an Einzigartigkeit und auch an Nachhaltigkeit, welche die zerbrechliche Glas- oder Keramikware besitzt. Diese Vitrine bringt den Umstieg zu Papier und Plastik auf den Punkt. Dabei wurde das Design einfacher, die Behälter leicht reproduzierbar, aber das Besondere ging dabei verloren. Doch es gibt auch Ausnahmen: In der DDR wurden beispielsweise simple Papiertüten mit Mustern bemalt, da die Rohstoffe fehlten, um Plastikverpackung herzustellen. „Wenn du nichts hast, dann musst du halt schauen, was du mit Papier machen kannst,“ meint dazu die Museumsangestellte Sophia Peters.

Vom Schauhaus ins Bauhaus

Vom Schauhaus ins Bauhaus, Foto: Frederica Tsirakidou

Auch die Sonderausstellung Vom Schauhaus ins Bauhaus zeigt bunte Verpackungen, welche Kunstwerk und Handwerk vereinen. Der Bauhaus-Stil, der für Abgrenzung und klare Linien steht, inspiriert Verpackung bis heute und arbeitet dabei auch viel mit Papier. Bis heute sind Papierverpackungen, beispielsweise von Apple oder Chanel, vom Bauhaus inspiriert. Doch das sind nur Ausnahmen, die innerhalb des Haufens von seriellen Kartons glänzen. Verpackung kann Kunst sein, ist aber oft auch nur Alltag.

Hype vs. Mitdenken

Auch Jens-Peter Wedlich betont das Problem der Umsetzbarkeit, wenn es um den Einsatz von Recyclingpapier geht. Lebensmittel direkt in Recyclingpapier zu lagern, erweist sich angesichts der Mineralrückstände und Druckfarben im Papier als problematisch. Das Verpackungspapier sollte also an das individuelle Produkt angepasst werden. Keine einfache Frage, meint Wedlich. Für ihn wäre ein dünnes Frischfaserpapier unter dem Recyclingpapier eine Lösung. So wird der direkte Kontakt vermieden und doch Papier gespart. Neue Trends wie Graspapier oder Bambuspapier bezeichnet er als Hype. Die Zukunft der Verpackung sieht er eher im klassischen Recyclingpapier aus Holz. Die Menge Gras, die man brauche, um auf einen Stamm Holz zu kommen, rentiere sich seiner Meinung nach nicht. Trotzdem ein „Nice to Have“ für den Laden:

„Ich glaube nicht, dass es den Markt revolutionieren wird, aber es ist schön, wenn man Graspapier oder Papier mit Kräutern anbieten kann. Genauso wie selbstgeschöpftes Papier hat es eine ganz andere Ausstrahlung. Beim Briefeschreiben ist das schöner als einfaches Kopierpapier.“

Lebensmittel unverpackt

Lebensmittel unverpackt, Foto: Annette Kuhls

Wenn es um Papier geht, heißt es für Wedlich: so wenig wie nötig und den Platz in der Verpackung produktiv auszunutzen. Doch eine Papierverpackung macht kaum einen Unterschied zur Plastiktüte, wenn man sie nicht mehrfach benutzt. Am liebsten ist es Wedlich, wenn Papier schön bedruckt ist, denn dann kann Geschenkpapier daraus gemacht werden. Diesen Prozess nennt er Cradle to Cradle, von der Wiege in die Wiege: aus dem Verpackungsprodukt entsteht ein neues Produkt. Recyclingpapier erscheint wegen seines bis zu siebenfachen Lebenszyklus als Ideallösung. Wie es Wedlich sehr bildlich ausdrückt: „Der letzte Gang geht durch die Toilette.“ Man solle die sieben Recyclingstufen, die eine Faser durchläuft, auch ausnutzen. Nachhaltig verpacken bedeutet also im ersten Schritt nachzudenken, bewusster zu handeln und vor allem kreativ zu sein.

 

Orte zum Besuchen:

Deutsches Verpackungsmuseum, Hauptstraße 22, 69117 Heidelberg

Schüttgut  nachhaltige & unverpackte Lebensmittel, Vogelsangstraße 51, 70197 Stuttgart

 

 

 

 

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