Wenn Arbeit massiv unterfordert, kann das krankmachen. Boreout nennt man dieses noch recht unbekannte Phänomen. Warum es jeden treffen kann, was Boreout mit Burnout zu tun hat und warum Aufklärung so wichtig ist, erklärt uns Sabrina Betz, Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Gähnende Leere im Postfach, das Telefon bleibt stumm. In Zeitlupe tickt die Uhr dem Feierabend entgegen. Nichts zu tun. Was wie ein Luxusproblem klingt, ist für viele ein Albtraum genannt ‚Boreout‘. Dabei handelt es sich um ein recht neues Krankheitsbild, das wissenschaftlich noch nicht anerkannt ist. Betroffene leiden unter extremer Unterforderung im Arbeitsleben. Durch Phillipp Rothlins und Peter R. Werders 2007 erschienenes Werk „Diagnose Boreout“ fand das tabuisierte Phänomen ein wenig mehr Beachtung. Es ist keine pathologische Faulheit, sondern ein Zustand in den man als Arbeitnehmer von Vorgesetzten hineingeschoben wird, so die beiden Unternehmensberater. Der Arbeitsplatz reizt die eigenen Fähigkeiten nicht aus, alles schrumpft in eine monotone Routine zusammen, Möglichkeiten der Weiterbildung bleiben aus. Das kann dann zu Frustration und einem Gefühl der Sinnlosigkeit führen. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und des Bundesinstitutes für Berufsbildung leidet jeder siebte Angestellte in Deutschland unter Boreout. Diplom-Sozialpädagogin Sabrina Betz ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und auf Boreout spezialisiert. Im Interview erklärt sie, warum jeder von Boreout betroffen sein kann, wie Boreout mit Burnout zusammenhängt und warum Aufklärung über dieses noch recht unbekannte Phänomen besonders wichtig ist.

Es kann jeden treffen

Diplom-Sozialpädagogin Sabrina Betz (Quelle: Sabrina Betz)

Aus dem Stressreport 2012 von Lohmann-Haislah geht hervor, dass insbesondere Beschäftigte in Verkehrsbetrieben, im Gastgewerbe und in der Qualitätskontrolle von krankhafter Unterforderung betroffen seien. Sabrina Betz sieht das anders. „Gefährdet sind alle Personen, die qualitativ und quantitativ unterfordert sind, desinteressiert sind oder auch keinen Sinn in Ihrem Tun sehen“, sagt die Heilpraktikerin für Psychotherapie, „da hatte ich Menschen, die bei der Bahn gearbeitet haben, die in einer Kita gearbeitet haben, die im Bereich Sportwissenschaften gearbeitet haben. Das ist ganz unterschiedlich.“ Boreout ist auch eine Frage des Charakters. Persönlichkeitsmerkmale wie ein geringes Selbstwertgefühl, Angst vor Neuem oder Unsicherheit können Ausgelangweilt-Sein genauso begünstigen wie ein unterforderndes Arbeitsumfeld.

Hinzu kommen Verhaltensstrategien, um die eigene Unterforderung zu vertuschen. Energisch auf die Tastatur hauen, wahllos durch Dokumente in hohen Aktenstapeln blättern oder sogar Überstunden vorgaukeln. Betroffene tun auf beschäftigt und sind es meistens nicht. Um nicht die Sekunden bis zum Feierabend zählen zu müssen, schmuggeln sie gerne auch private Ablenkung von Zuhause in die Arbeitszeit.

Zwischen Burnout und Boreout

Die Symptome von Boreout sind denen des Burnouts nicht unähnlich: Von Schmerzen, Schlafstörungen, geistiger Erschöpfung bis hin zu Depressionen können die Anzeichen vielfältig sein und hängen stets von der betroffenen Person hab. Während Burnout aber die Folge von zunehmender Arbeitsverdichtung und Leistungsdruck ist, stellt Boreout die Kehrseite dar. „Jemand, der sagt: Was macht das hier eigentlich alles für einen Sinn? ist eher ein Boreout-Kandidat. Und jemand, der sagt: Ich muss mich nur richtig anstrengen! ist ein Burnout-Kandidat“, erklärt Sabrina Betz.

Doch es geht auch beides, sagt Frau Betz: „Und zwar gibt es noch das Phänomen, dass Menschen hin und her flippen zwischen Burnout und Boreout.“ Auf der einen Seite geraten Betroffene in ein Burnout, weil sie viel zu viel tun, dann aber an einen Punkt kommen, an dem ihnen die Überforderung bewusst wird und sie ihre Arbeit zurückschrauben. So kann das Ganze wiederum in ein Boreout umschlagen. Plötzlich ist nichts mehr zu tun. Andersherum kann Unterforderung am Arbeitsplatz dazu führen, dass sich diejenigen bis zur Burnoutgrenze mit zusätzlicher Arbeit überschütten. „Dieses Hin- und Herkippen kenne ich bei einigen Klienten“, erklärt Frau Betz. Solchen Wackelkandidaten fehle meist ein Bewusstsein für die eigenen Grenzen und Bedürfnisse.

Die eigenen Werte und Bedürfnisse erkennen

„Reflektieren Sie ihre Arbeitsbedingungen“, rät die Heilpraktikerin für Psychotherapie. Wird Betroffenen erst einmal ihr Ausgelangweilt-Sein bewusst, sind sie schon auf dem richtigen Weg. Sie müssen für sich herausfinden, was ihnen für ihre Arbeit wichtig ist, unter welchen Bedingungen und in welchem Umfeld sie arbeiten möchten. „Sprechen Sie diese Punkte an und verändern Sie sie passend für sich.“

Doch seine Arbeitssituation gänzlich umzukrempeln, ist aus vielerlei Gründen nicht immer so einfach. Besonders in diesem Fall empfiehlt die Heilpraktikerin Sinn und Erfüllung in anderen Lebensbereichen zu suchen. Sei es in der Familie, im Ehrenamt, in der Kreativität. „Dies kann Sie positiv beeinflussen und stärken für die Herausforderung in der Arbeitswelt.“

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie hat sich Frau Betz auf Boreout spezialisiert. Nachdem sie die Situation und die Erwartungen ihrer Boreout-Klienten beleuchtet hat, versucht sie diese mit ihren eigenen Werten und Bedürfnissen und der Sinn-Frage zu konfrontieren: „Was gibt mir Sinn in meinem Leben, was ist mir wichtig. Wo kann ich mich tatsächlich ausleben? Was tut mir gut? Was tut mir nicht gut?“ Zu ihren Vorgehensweisen gehören auch die Stärkung des Selbstbewusstseins sowie Konflikt- und Stressbewältigung.

Leistung als Maß aller Dinge

Häufig als dessen hässlicher Bruder betitelt, steht Boreout noch immer im Schatten von Burnout. Dass das Krankheitsbild so unbekannt ist, sei laut Sabrina Betz vor allem ein Problem unserer Leistungsgesellschaft: „In einer Gesellschaft in der hauptsächlich Leistung zählt, sind Menschen, die aufgrund von Unterforderung und Sinnlosigkeit erkranken, immer gefährdet ausgeschlossen zu werden, weshalb viele nicht dazu stehen und still leiden.“ Schließlich gibt niemand gerne zu, dass seine Arbeit ihn langweilt und es ihm deswegen schlecht geht. Das lässt auch auf eine enorm hohe Dunkelziffer bei Boreout-Betroffenen schließen. Aufklärung sei letztlich der Schlüssel, um dem neuen Krankheitsbild mehr Aufmerksamkeit zu widmen, meint Frau Betz. Aufklärung in einer Gesellschaft, in der wir ausgebrannten Leistungsüberfliegern eine fast schon merkwürdige Bewunderung zugestehen, während Langeweile als Luxusproblem belächelt wird.


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3 Kommentare
  1. Tanja Miller
    Tanja Miller sagte:

    Dass jeder siebte Angestellte von Deutschland unter Boreout leidet, ist meiner Meinung nach eine hohe Zahl. Hat der amerikanische Ethnologe und Publizist doch Recht? Er schreibt in seinem Buch „Bullshit Jobs“, dass manche Berufe nur dazu da sind, dass sich manche als Chef fühlen können. Eigentlich hätte man nichts zu tun, müsse aber so tun, als arbeite man. Er beschreibt beispielsweise eine Sekretärin, die nur dazu da ist, die Süßigkeiten im Wartezimmer aufzufüllen. Oder das Telefon anzunehmen, das nur einmal am Tag klingelt. Dass man bei bei dieser Tätigkeit Boreout bekommen kann, ist verständlich.

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  2. Yanzhu Bao
    Yanzhu Bao sagte:

    Gutes Thema! Und ja, man hat noch dazu weniger Bewusstsein. Unter Boreout findet man keine Selbstverwirklichung. Man würde sich selbst verleugnen und hätte das Gefühl, dass man alles Zeit verschwenden würde. Das ist schlimm! Wenn man sich in einem Beruf so fühlt, sollte man früher kündigen. Burnout kennt jeder, aber Boreout nicht unbedingt. Vielen Dank für die Erinnerung!

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  3. Friederike Schmidt
    Friederike Schmidt sagte:

    Boreout wird neben dem Burnout immer wieder gerne vergessen oder abgetan. Da ich selbst zwei Jahre in einem Beruf gearbeitet habe, der mich massiv unterfordert hat, kann ich das, was du beschreibst wieder richtig nachfühlen. Boreout macht nicht nur bei der Arbeit unzufrieden, man nimmt diesen Frust dann auch mit nach Hause. Danke also für den schönen Artikel, Linda :)!

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