Während seiner Freizeit Menschen zu helfen, kommt bei vielen Menschen gut an. Doch genauso wie nicht jedes Berufsfeld in der Gesellschaft akzeptiert ist, ist auch nicht jedes Ehrenamt angesehen. Alois Wölpl begleitet Gefangene und stößt damit in seinem Umfeld auf Unverständnis. Für den 75-Jährigen ist das jedoch kein Grund aufzuhören.

Seine Ehefrau und seine Freunde zeigen Unverständnis, wenn Alois Wölpl aus Ulm Menschen, die eine Straftat begangen haben, durch Ausstellungen führt, mit ihnen ins Café geht oder Malkurse in der Justizvollzugsanstalt in Ulm anbietet. Doch der 75-jährige Rentner will es so. Regelmäßig geht er in das Gefängnis, wo Insassen je nach Bereich in Untersuchungshaft, wegen kurzen Freiheitsstrafen sitzen oder in der Freigängerabteilung untergebracht sind.

Seit acht Jahren ist er schon ehrenamtlicher Helfer. Dazu gekommen ist er durch die Ehrenamtmesse in Neu-Ulm. Dort motivierte ihn damals ein Sozialarbeiter dazu, Gefangene zu unterstützen. „Die meisten haben keine Bezugsperson. Sie brauchen jemanden“, antwortet Wölpl auf die Frage, was ihn motiviert. Er möchte etwas verändern: „Ich will ihnen sagen: Streng dich an und lass dich nicht beeinflussen durch Aussagen wie ‚Da gibt es das schnelle Geld durch Drogen oder Klauen.‘ Sondern mach was Gescheites.“

Wenn er mit den Insassen Zeit verbringt, ist ihm eines ganz besonders wichtig: „Ich signalisiere ihnen, dass ich kein Partner für ewig bin.“ Daher hat er die feste Regel, niemandem sein privates Umfeld zu zeigen. Mit ausschlaggebend dafür war für ihn die Geschichte eines engagierten Ehrenamtlichen: „Er nahm einen Gefangenen mit zu sich nach Hause, weil er dachte, er hat sich gebessert und traute ihm. Er ließ ihn kurz alleine im Wohnzimmer. Als er zurückkam, war der Gefangene weg und mit ihm einige Gegenstände.“

Auch er sei zu Beginn seiner Tätigkeit gutgläubiger gewesen und habe während eines Freigangs einem Insassen zehn Euro geliehen. „Er wollte damit einem Freund ein Rasierwasser kaufen und versprach, mir das Geld wiederzugeben“, erzählt Alois Wölpl. Doch er hat es nie wieder gesehen. Hierbei ging es dem Rentner nicht um das Geld, sondern das missbrauchte Vertrauen.

Alois Wölpl ist Gesprächspartner und Zuhörer

Haben die Insassen nach ihrer Zeit im Gefängnis überhaupt eine Chance, nicht rückfällig zu werden? Also wieder Drogen zu nehmen oder einzubrechen? „Es kommt auf das Milieu an.“ Für die meisten sei es fast unmöglich, eine Wohnung zu finden. Ein Gefangener erzählte ihm: „Wenn ein Vermieter 30 potentielle andere Mieter hat, hat es ein ehemaliger ‚Knacki‘ schwer.“ Zwar gebe es in Ulm ein Wohnheim mit 20 Plätzen, doch ein Insasse berichtete Alois Wölpl, dass es als Drogenumschlagsort bekannt sei. Der Insasse wisse, wenn er dort hinkomme, werde er mit großer Wahrscheinlichkeit wieder Drogen nehmen.

Damit das nicht mehr passiert, sei die Resozialisierung der Gefangenen notwendig. Das bedeutet, sie an der Gesellschaft teilhaben lassen, ihnen einen Beruf und ein soziales Umfeld bieten. Für die Resozialisierung der Gefangenen ist der Rentner aber nicht zuständig. Er ist für sie während ihrer Gefangenzeit ein Gesprächspartner – ein Zuhörer. Ihn interessiert nicht, ob sie eine Bank überfallen oder einen Menschen verletzt haben. Die meisten würden ihm ihre Geschichte von alleine erzählen. Oft kämen solche Gespräche während der Malkurse auf, die er den Männern zwischen 20 und 50 Jahren gibt. Einige von ihnen hätten zuvor nie einen Pinsel oder Stift in der Hand gehabt. Doch es entstehen Werke, die ihn emotional berühren. Manche Bilder sind für ihre Ehefrau oder das eigene Kind bestimmt. Einer von ihnen zeichnete eine Prinzessin für seine Tochter, die er zur Einschulung nicht begleiten konnte.

Auch wenn er für die Malkurse kein Geld bekommt, spricht Alois Wölpl von Arbeit. Eine Tätigkeit, die für ihn sinnvoll ist. Die Malkurse sind in regelmäßigen Abständen, auch der Freigang mit den Gefangenen. Er wird erwartet – wie in einer Firma. Daher ist sein Ehrenamt vergleichbar mit einer Arbeit mit festen Zeiten, zu denen er erscheint. Nicht zu kommen, würde kein gutes Bild gegenüber den Gefangenen abgeben. Abgesehen davon wäre das gegenüber den Gefangenen auch nicht fair. Denn für sie ist er eine Bezugsperson.

Wichtig sei für den Rentner jedoch, den Insassen eine zeitlich begrenzte Bezugsperson zu sein. Je länger die Gefangenen eingesperrt sind, desto mehr verlieren sie ihre sozialen Bindungen. „Sie sind froh, wenn ich sie aus ihrem Trott heraushole.“ Sicher sei er für manche eine Vaterfigur – wie für einen 25-jährigen Geflüchteten. Der Gefangene habe mit ihm nach einem halben Jahr bei einem Freigang zum ersten Mal wieder die Sonne gespürt. Mit der Situation sei er völlig überfordert gewesen. Der Rentner nahm ihn daraufhin in den Arm.

„Es ist eine Arbeit, die nicht anerkannt ist.“

Freigang den Menschen zu geben, die dafür berechtigt sind, sei notwendig. Es gebe aber laut Aussage der Gefangenen zu wenig Ehrenamtliche. Sie müssten bis zu einem Jahr auf ihren berechtigten Freigang warten. Zu Beginn seiner ehrenamtlichen Tätigkeit, als Alois Wölpl noch mehr Kollegen hatte, habe es Ehrenamtstreffen gegeben. Dort tauschten sie ihre Probleme aus und gaben sich gegenseitig Ratschläge im Umgang mit den Gefangenen. „Heute ist das Ehrenamt professionalisiert.“ Es gibt Wochenend-Seminare. „Sie sind sicher interessant, aber die Wochenenden möchte ich mit meiner Frau verbringen. Sie arbeitet unter der Woche.“ Genauso möchte er an den Wochenenden Freizeit haben und seiner ehreamtlichen Arbeit nicht nachgehen.

Seine Frau verbietet ihm die ehrenamtliche Tätigkeit nicht. Aus Sorge um ihren Mann wäre es ihr aber lieber, wenn er einer anderen ehrenamtlichen Tätigkeit nachgeht – wie Hausaufgabenbetreuung. Denn mit Gefangenen zu arbeiten stellen sich viele nicht einfach vor. Stereotype können schnell aufkommen: Was, wenn der Gefangene handgreiflich wird? „Nicht nur meine Frau denkt so, auch andere aus meinem Umfeld. Es ist eine Arbeit, die nicht anerkannt ist.“ Wenn er Geflüchtete betreut, sei es anders. Manche lehnen es ab, andere befürworten es. Doch die soziale Anerkennung sei schneller da. Der schlechte Ruf an der ehrenamtlichen Gefangenenarbeit liege nach Alois Wölpls Meinung auch daran, dass es zu wenig Öffentlichkeitsarbeit gibt.

Auch vom Wachpersonal fühle er sich gelegentlich nicht willkommen. „Ich habe das Gefühl, sie fragen sich, was ich hier mache.“ Auf der Internetseite des Ministeriums der Justiz Baden-Württemberg klingt es anders: „Die Wiedereingliederung von Strafgefangenen ist nicht nur eine Aufgabe des Staates, sondern auch der Gesellschaft. (…) Im baden-württembergischen Justizvollzug hat das bürgerschaftliche Engagement seit jeher große Bedeutung.“ Genauso sieht es Alois Wölpl: „Ich bereue keine Minute meines Ehrenamts in der Justizvollzugsanstalt.“

 


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