Schon vor dem Bilderverbot im Islam symbolisierte arabische Kalligrafie die Schönheit des geschriebenen Wortes als eigenständige Disziplin der Kunst. Sie diente in ihrem Kern als Mittel, das Wort Gottes und seiner Propheten in ihrer Ästhetik wiederzugeben. Obwohl die arabische Kalligrafie mittlerweile auch für In- und Aufschriften an Gebäuden, in der Werbung, als Logo und auf Bargeld zum Einsatz kommt, gilt sie immer noch als wichtiger Bestandteil des Islam.

Laut Murad Kahraman, Kursleiter am Institut für islamische Theologie an der Universität Osnabrück, kann die Geburtsstunde der arabischen Kalligrafie nicht exakt bestimmt werden. Dennoch wird vermutet, dass ihr Ursprung auf die Jahre zwischen 650 und 660 n. Chr. in der irakischen Stadt Kufa zurückgeht, so der Kalligrafie-Meister in einem Artikel im Deutschlandfunk. Als islamische Kunstform prägt die arabische Kalligrafie vielseitige Elemente der Spiritualität und Ästhetik im Islam. Im Interview erzählt die 24-jährige Hobby-Kalligrafin Hava Kilic von ihren Erfahrungen mit der arabischen Kalligrafie. Sie berichtet über die Ästhetik dieser Kunstform, ihre spirituelle Verbundenheit in der Praktizierung sowie über die Beziehung zwischen der religiösen Mystik in der Kalligrafie und dem Papier. Hava Kilic studiert momentan Englisch auf Lehramt und islamische Religionslehre im Zentrum für islamische Theologie an der Universität Tübingen.

Wie kamst du mit der arabischen Kalligrafie in Berührung?

Arabische Kalligrafie: im Fokus der arabische Buchstabe `Ain. Die Rechtecke im Buchstaben betonen die individuelle Note der Künstlerin © Hava Kilic

Durch die islamische Religionslehre. In einem Seminar wurde uns das Thema vorgestellt und mittels praktischer Übungen nähergebracht. Was mich dabei so beeindruckt hat, waren zum einen die mystischen sowie spirituellen Eigenschaften in der Praktizierung und zum anderen die Verbindung zum Islam. Deshalb beschloss ich, mich auch nach dem Seminar weiterhin mit der arabischen Kalligrafie auseinanderzusetzen.

Obwohl die Wurzeln der arabischen Kalligrafie auf den Islam zurückzuführen sind, gibt es mittlerweile auch Kalligrafen und Kalligrafinnen, die ihren Fokus nicht mehr auf islamische Texte setzen. Dabei gehen sie mehr auf Tugenden und Emotionen ein. Geht dein Stil mehr in die religiöse oder in die emotionale Richtung?

Ich orientiere mich beim Schreiben ganz klar in beide Richtungen. Für mich können die Emotionen nicht von der Religion getrennt werden. Der Islam fängt im Herzen an und kommt dementsprechend auch von innen. So hat der Din (Religion) meiner Meinung nach auch was mit der Liebe zu Allah (Gott), mit Tugenden und mit Zuneigung zu tun.

Wie bedeutend ist die arabische Kalligrafie im religiösen Kontext für dich?

Es hat jetzt speziell keine elementare Bedeutung für mich. Jedoch finde ich, dass die arabische Kalligrafie die künstlerische Seite des Islam widerspiegelt. Der Islam ist in seinem Kern nicht nur Auswendiglernen, Koranexegese und Jurisprudenz, sondern er besitzt auch eine ästhetische Seite. Deshalb wird diese Kunstform beispielsweise auch als Mittel zur Verzierung von Moscheen genutzt.

In einem Artikel im Deutschlandfunk erklärte Martin Keller, Dozent am Institut für islamische Theologie an der Universität Osnabrück, dass die arabische Kalligrafie ein spiritueller Weg ist, um sowohl Gott näherzukommen als auch um das Wort Gottes im Koran besser kennenzulernen. Was hältst du von dieser Aussage?

Kalligrafie dient dabei als ein wesentliches Instrument. Ich würde aber nicht sagen, dass diese nur die Gotteserkennung im Kern besitzt, sondern dass es nur ein Teil der gesamten Bandbreite abdeckt. Die arabische Kalligrafie zeigt die Schönheit des Schöpfers und stellt das Wort Gottes in der subjektiven Pracht des Künstlers dar. Es gibt viele Elemente und Attribute Gottes, und die arabische Kalligrafie hilft, diese Aspekte in ihrer Ästhetik wiederzugeben.

„Die Geduld steht in einer wechselseitigen Beziehung mit der arabischen Kalligrafie.“

Arabische Kalligrafie: Im Fokus die arabischen Buchstaben Ra (links) und Sin (rechts) © Hava Kilic

Nach Martin Keller versetzt die arabische Kalligrafie den Künstler oder die Künstlerin in eine innerliche Konzentration im mystischen Sinne. Würdest du sagen, dass du beim Kalligrafieren auch in so einen Zustand gelangst?

Dem stimme ich ganz klar zu. Ich merke während des Zeichnens, dass ich inmitten des Prozesses in einen mystischen Zustand gelange. Mein Fokus liegt ganz allein auf den Buchstaben, sodass ich die Dinge um mich herum gar nicht mehr wahrnehme. Dabei spielen natürlich die Perfektion und das Flow-Erlebnis auch eine wichtige Rolle. Wenn das angestrebte Ziel auch nach Stunden nicht erreicht wird, muss ich immer wieder aufs Neue Sabr (Geduld) zeigen. Das ist dann wiederum der eigentliche Kampf mit dem Nafs (Ego) im spirituellen Sinne. Dabei ist Sabr auch das Kernelement, was ich mit meinem Hobby hauptsächlich ausdrücken möchte. Die Geduld steht in einer wechselseitigen Beziehung mit der arabischen Kalligrafie. Damit das geschaffene Kunstwerk exakt das wiedergibt, was ich sagen möchte, ist zum einen sehr viel Übung und zum anderen eine stundenlange Beschäftigung mit nur einem Buchstaben nötig.

„Das Papier macht meinen Schriftzug, meine Zeichnung und meine Gedanken zu etwas Einzigartigem.“

Arabische Kalligrafie

Arabische Kalligrafie: Im Fokus der arabische Buchstabe Sad © Hava Kilic

Trotz der Digitalisierung findet das Papier weiterhin einen Platz in der arabischen Kalligrafie. Mehr noch, das Papier wird als grundlegendes Material für diese Disziplin angesehen. Was macht deiner Meinung nach das Papier so wichtig?

Papier ist für mich persönlich sehr wichtig. Generell betrachte ich das Digitalisieren sämtlicher Prozesse in unserem Leben sehr kritisch, da vieles in seiner unverfälschten Form nicht mehr wiedergegeben werden kann. Papier hingegen ist ein Material, das die Arbeit des Künstlers zu etwas Besonderem macht, da es seine Wahrheit widerspiegelt. Bezogen auf die arabische Kalligrafie als Kunst macht das Papier meinen Schriftzug, meine Zeichnung und meine Gedanken zu etwas Einzigartigem. Es ist letztlich meine Handschrift auf Papier, die von keinem hundertprozentig imitiert werden kann. Das Papier macht meine Kunst auch wirklich zu meiner Kunst, da die gezeichnete Linie zu meinem Fingerabdruck wird und es diese somit nur einmal auf der Welt gibt.

„Ich kann mir das digitale Zeichnen auf einem Smartphone, Tablet oder Computer nicht als Ersatz für das Papier vorstellen.“

Würdest du dir ohne Papier immer noch vorstellen können, deinem Hobby nachzugehen?

Wie soll das gehen? Das würde für mich nicht funktionieren. Ich kann mir das digitale Zeichnen auf einem Smartphone, Tablet oder Computer nicht als Ersatz für das Papier vorstellen. Für mich gehören die arabische Kalligrafie und das Papier zusammen. Beide profitieren vom anderen und unterstützen sich in ihrem unverfälschten Kern.

„Nur durch das Zusammenspiel von Papier, Stift, Kreativität und Geduld kann die arabische Kalligrafie meine Wahrnehmung ästhetisch wiedergeben.“

Ist das Papier für dich eine wichtige Komponente bei der Erreichung des spirituellen Zustandes?

Nicht unbedingt nur Papier, sondern auch mein Qalam (Stift). Wenn ich an einer Zeichnung arbeite, sehe ich diese nicht mehr nur als ein Objekt an, sondern sie beinhaltet auch einen Teil von mir. Es ist eine Art Zusammentreffen zwischen Papier, Stift, Kalligrafie und der Person, die wegen ihrer Beziehung zueinander in Einklang kommen. Spiritualität ist dabei einer der Zustände, die ausgelöst werden. Zwischen mir und den Objekten muss es funktionieren, damit diese Kunstform die gewünschte Ästhetik garantieren kann. Denn nur durch das Zusammenspiel von Papier, Stift, Kreativität und Geduld kann die arabische Kalligrafie meine Wahrnehmung ästhetisch wiedergeben. Das alles muss perfekt stimmen, damit am Ende auch das Ergebnis perfekt ist.

 

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2 Kommentare
  1. Shanting Hu
    Shanting Hu sagte:

    Danke für deinen Blog!Ich habe viel über arabische Kalligrafie gelernt. Ich habe mich schon immer für das interessiert, weil es in der Stadt, in der ich lebe, viele Hui-Leute gibt, die auch arabische Schriftzeichen verwenden. Es unterscheidet sich von chinesischen Schriftzeichen und englischen Buchstaben, wodurch ich mich sehr interessant fühle, obwohl ich es überhaupt nicht verstehe.

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  2. Robert Galiard
    Robert Galiard sagte:

    Arabische Buchstaben entwickeln durch ihre geschwungenen Formen bereits als Lettern eine gewisse Dynamik, die durch Kalligrafie besonders eindrucksvoll hervorgehoben werden kann. Die Werke von Hava Kilic veranschaulichen das sehr schön! Mir war nicht bewusst, wie sehr die arabische Kalligrafie mit dem Islam und mit der Verehrung des Schöpfers in Verbindung steht.
    Ich könnte mir gut vorstellen, dass Hava beispielsweise auch mit dem Google Tilt Brush Spaß hätte und Kalligrafie im Allgemeinen auch digital funktioniert. Dennoch finde ich es wichtig, dass sie die Rolle des Papiers und das Zusammenspiel von Papier, Qalam, Kreativität und Sabr hervorhebt.

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