Brennende Giraffen, weiche Uhren und Elefanten auf Stelzenbeinen – in Salvador Dalís träumerischen Sphären ist alles möglich. Der Mann mit dem kunstvoll gezwirbelten Schnurrbart schafft es, unterdrückte Fantasien, Alpträume und Kindheitserinnerungen sichtbar werden zu lassen. Ein Beitrag darüber, wie Dalí Traum und Unterbewusstsein als Inspirationsquelle nutzt, um surreale Bildwelten zu erschaffen.

Schemenhafte Figuren, die über einem Meer zu schweben scheinen, umhüllt von gelblich-grünen Nebelschwaden. Gelenkt wird der Blick unmittelbar auf den Mittelpunkt, welchen die schwebenden Personen umrahmen: Vier diagonal nach außen gerichtete Lichtstrahlen entspringen hinter der Gestalt eines schnauzbärtigen Mannes, der mit ausgestreckten Armen in der Luft hängt. Es ist Salvador Dalí. Gleich zweimal lässt sich das Abbild des Künstlers hier, im Mittelpunkt seiner eigenen Traumvision, wiederfinden. Schwebt Dalí oder fällt er unaufhaltsam in die Tiefen seines Traumes?

Im Kölner Museum Ludwig ist es möglich, unmittelbar in diese Vision einzutauchen. Durch das grelle Gelb erscheinen die hervorstechenden Lichtstrahlen hier so real, dass man für einen kurzen Moment inne hält und daran zweifelt, ob diese wirklich nur gemalt sind. Das imposante Ölgemälde mit dem Namen La Gare de Perpignan (1965) (Der Bahnhof von Perpignan) lädt zwar dazu ein, in den Tiefen der Traumwelt zu versinken, aus urheberrechtlichen Gründen muss in diesem Beitrag jedoch leider auf eine Abbildung verzichtet werden. Die dargestellte Vision lebt von autobiographischen Themen und Elementen. Menschen und Ereignisse, die Dalí im Laufe seines Lebens stark geprägt haben, finden sich hier wieder – an einen Bahnhof erinnert jedoch nur ein einzelner Eisenbahnwagon.

Das Zentrum des Universums

Jean-François Millets L’Angélus (Das Angelus-Läuten), zwischen 1857 und 1859 – Dalí sieht in dem Bauernpaar seine Eltern, die um ihren erstgeborenen Sohn Salvador trauern. © Wikimedia Commons

Die beiden bäuerlich gekleideten Personen, die schemenhaft in verschiedenen Positionen mit einem Sack zu sehen sind, hat Dalí dem Gemälde L’Angélus (Das Angelus-Läuten) von Jean-François Millet entnommen. In seiner Autobiographie Das geheime Leben des Salvador Dalí berichtet der Künstler über das Ölgemälde, welches er als Schüler regelmäßig von seinem Platz im Klassenzimmer aus betrachtete: „Dieses Gemälde rief in mir eine obskure, eine so bittere Qual hervor, dass die Erinnerung an jene beiden regungslosen Silhouetten mich mehrere Jahre lang mit einem durch ihre ununterbrochene und zweideutige Präsenz verursachten anhaltenden Unbehagen verfolgte.“

Dalí sieht in dem betenden Bauernpaar seine Eltern, die um den Verlust seines älteren Bruders trauern. Der Erstgeborene, der ebenfalls den Namen Salvador trug, wurde keine zwei Jahre alt. Der Künstler Salvador Dalí fühlte sich bereits als Kind wie eine zweite Version des Bruders. Er sah diesem nicht nur sehr ähnlich und trug denselben Namen, seine Eltern erinnerten ihn auch immer wieder an dessen Schicksal. Die Ehefrau und Muse des Künstlers ist auf dem Gemälde ebenfalls vertreten. Vom unteren Bildrand aus schaut sie dem Träumenden zu. Gala wird zu einem der beliebtesten Motive Dalís – oftmals in Verbindung mit sexuellen Fantasien.

Mystisch erscheint das Bild nicht zuletzt durch die schemenhafte Christus-Darstellung im Hintergrund, über welcher der zweite Dalí zu schweben scheint. In seinem Buch Salvador Dalí verbindet der Kunsthistoriker Eric Shanes diese Komponente des Bildes mit einer Äußerung Dalís: Am Bahnhof von Perpignan soll der Künstler eine besonders intensive Vision erlebt haben. Die südfranzösische Stadt erscheint ihm offenbart als das Zentrum des Universums. Im übertragenen Sinne ist sie das wohl auch, denn Perpignan stellte für Dalí auch das Tor nach Paris dar – dem Mittelpunkt der surrealistischen Bewegung.

Der Traum als Inspirationsquelle

Ende der 1920er Jahre schließt sich der junge Künstler der Bewegung um den Schriftsteller André Breton an. Dalí ist zu dieser Zeit fasziniert von Sigmund Freuds Traumdeutung und der Macht des Unterbewusstseins:

„Dieses Buch erschien mir als eine der Hauptentdeckungen meines Lebens, und mich befiel eine wahre Sucht nach Selbstanalyse; ich interpretierte nicht nur meine Träume, sondern alles, was mir passierte, wie zufällig es auf den ersten Blick auch aussehen mochte.“

In seiner Autobiografie berichtet er auch davon, seine Träume dokumentiert zu haben. Besonders fruchtbar seien dabei die Träume gewesen, die er tagsüber während eines kurzen Nickerchens erlebte und die zu einer erwünschten „Verwechslung mit der Realität“ führten.

Ein Paradebeispiel für die malerische Umsetzung von Traumfantasien und psychoanalytischen Deutungsmustern ist Les premiers jours du printemps (1929) (Die ersten Tage des Frühlings). Die hier dargestellte rätselhafte Traumwelt besteht aus zwei am Horizont zusammenlaufenden Kanälen. In einer eintönig-grauen Ebene präsentiert Dalí den Betrachtenden eine farbenfrohe und detailreiche Collage von Kindheitserinnerungen, Träumen und unterbewussten Fantasien. Zu sehen ist unter anderem eine Postkarte, die das Deck eines Luxusliners zeigt, auf dem sich glückliche Urlauber*innen tummeln.

Die vermeintlich harmonische Szene bildet nur den Hintergrund für ein Paar, das als sexuelle Tabu-Fantasie interpretiert werden kann – und als Provokation einer Gesellschaft, die das Unterbewusste unterdrückt: Ein geknebelter Mann kniet neben einem Frauenkörper, der anstelle eines Kopfes eine rötliche und von Haaren umgebene Öffnung besitzt, die von Fliegen befallen wird. Die rote Krawatte der Frau erscheint wie eine Spalte, die zwischen ihren Brüsten aufklafft. Die Hände des Mannes verlaufen flammenförmig in einen Eimer, aus dem ein senkrecht nach oben stehender Finger herausragt, unter dem zwei Kugeln liegen. Die phallische Symbolik ist unverkennbar. Laut Eric Shanes sind die zunächst willkürlich erscheinenden Objekte und Personen in erster Linie als ein Appell an die Betrachter*innen zu verstehen, sich näher mit den eigenen Fantasien und Ängsten auseinanderzusetzen.

Auch auf seine eigenen Ängste und Wünsche nimmt Dalí Bezug. Diese sieht er nach psychoanalytischen Ansätzen vor allem in Kindheitserinnerungen begründet. So platziert der Künstler im Zentrum des Gemäldes eine Fotografie, welche ihn als kleinen Jungen zeigt. Weiter rechts findet sich der Kopf einer verträumten Gestalt, die dem Profil des Malers gleicht. Umschlungen wird das Gesicht ohne Mund von einer Heuschrecke. Seit Kindertagen fürchtete sich Dalí vor Heuschrecken und wurde von diesen offenbar selbst im Unterbewusstsein verfolgt. Auch in seiner Autobiographie bringt er diese Abneigung zum Ausdruck: „Heuschrecke – verhasstes Insekt! Schrecken, Alptraum, Marter und halluzinierender Wahnsinn in Salvador Dalís Leben.“

Camembert und das ‚Superweiche‘

Das verträumte Profil ist auch in weiteren Werken Dalís zu finden. La persistance de la mémoire (1931) (Die Beständigkeit der Erinnerung), das bekannteste Gemälde des Künstlers, zeigt es am Boden einer kargen Traumlandschaft liegend. Umgeben wird die Gestalt mit den geschlossenen Augen und überdimensionalen Wimpern von den berühmten weichen Uhren, an denen Ameisen nagen. In der Autobiografie Dalís erfährt man, was den Maler dazu inspiriert hat: Camembert. Von Kopfschmerzen geplagt gibt sich Dalí zu Hause seiner Fantasie hin und denkt während eines alleinigen Abendessens „über die philosophischen Probleme des ‚Superweichen‘ nach“. Noch am selben Abend beginnt er, das berühmte Gemälde zu malen. Als seine Frau nach wenigen Stunden von einem Kinobesuch zurückkehrt, ist dieses bereits vollendet.

Die Künstlerbiografin Meryle Secrest beschreibt in ihrer Abhandlung über den Maler die sogenannte ‚paranoisch-kritische Methode‘:

„Dalí merkte sich die erste Vision, die er in Träumen oder Wachträumen sah, und füllte die Leinwand dann mit Dingen, die sie heraufbeschworen.“

Dalí entfernt sich durch diese Methode vom surrealistischen Werkzeug einfacher Traumberichte und setzt sein Unterbewusstsein gezielt ein. „Diese Methode war wahrscheinlich der größte Einzelbeitrag, den Dalí zum surrealistischen Denken leistete. Die Surrealisten hatten immer mit dem Problem gerungen, wie sie die Tiefen, die sie ausloten und erkunden wollten, überhaupt erreichen sollten“, schreibt Secrest. Die Weichheit des Camemberts assoziiert der Künstler hier also mit einem metallischen Gegenstand, der in unserer Vorstellungskraft niemals weich sein, geschweige denn von Ameisen gefressen werden könnte. Eine Lossagung von Realität und zeitlicher Ordnung?

Salvador Dalí sah sich selbst als Revolutionär des Surrealismus an – eine Auffassung, die von einer gewissen Egozentrik zeugt. Seine teils verstörend und schrill wirkenden Traumwelten faszinieren jedoch noch heute und können wohl als zeitlos bezeichnet werden – nicht zuletzt durch weiche Uhren.

© Titelbild: Pixabay

 

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1 Antwort
  1. Hannah Braun
    Hannah Braun sagte:

    Ein sehr interessanter Beitrag über einen mehr als eigenwilligen Künstler! Die meisten seiner Bilder kennt man ja, die Geschichten dahinter waren mir jedoch neu.

    Antworten

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