Kaum ein Material hat so einen schweren Stand wie Kunststoff. Ob Mikroplastik, Giftstoffe oder Umweltverschmutzung – Medienberichte über Plastik hinterlassen fast immer einen bitteren Nachgeschmack. Das Image-Problem ist so groß, dass keine Werbekampagne der Welt etwas dagegen ausrichten könnte. Aber war das eigentlich schon immer so? Und ist Kunststoff wirklich so schlecht wie sein Ruf?

Der steile und bis heute andauernde Siegeszug der Plastikprodukte begann bereits Mitte des 20. Jahrhunderts. In den 1950er Jahren galt Kunststoff als sauber und schick und wurde für seine einzigartigen Eigenschaften wie Langlebigkeit und Formbarkeit gefeiert. Angetrieben durch diese öffentliche Wahrnehmung begann ein regelrechter Kunststoffboom.

Haushaltsgeräte, Kleidung, KosmetikPlastik arbeitete sich zwischen 1950 und 1960 in alle Lebensbereiche vor und verdrängte nach und nach herkömmliche Produkte. Dank der vielseitigen Einsatzmöglichkeiten der Kunststoffe konnten Geschirr, Spielzeug, Pflanzen und sogar Krawatten in den verschiedensten Formen und Farben effizient und erschwinglich aus Plastik produziert werden. Und Tag für Tag vermehrten sich die Anwendungsmöglichkeiten. Kunststoffe begeisterten dabei nicht nur die Verbraucher*innen, die nach den Jahren der Entbehrungen ein großes Verlangen nach Waren aller Art hatten. Sondern eben auch die Industrie, die endlich in der Lage war, dieses Verlangen zu stillen. Als Werkstoffe, die keine natürlichen Mängel aufwiesen, nicht alterten und flexibel eingesetzt werden konnten, galten Kunststoffe als die Zukunft und Inbegriff von Modernität.  

Von Klasse zu Masse

Bereits in den 1980er Jahren wurden erste Proteste gegen den hohen Plastikkonsum laut. © Thirdman / Pexels.com

Der makellose Ruf der Plastikprodukte geriet erstmals in den 1980er Jahren ins Wanken. Mit der aufkommenden Umweltbewegung wurden Diskussionen über die Folgen und Gefahren des zunehmenden Kunststoffkonsums laut. Neben gesundheitlichen Risiken, etwa durch Weichmacher, gerieten auch die ökologischen Auswirkungen des Kunststoffbooms in das Blickfeld der Öffentlichkeit – etwa, weil man im Meerwasser und in der Atmosphäre Mikroplastikpartikel fand oder weil die ‚Entsorgung‘, also das Verbrennen des Kunststoffs, die CO2-Emissionswerte in die Höhe trieb. Die Reaktion der Kunststoffindustrie auf diese und weitere Anschuldigungen waren neben Modellrechnungen zur Energiebilanz von Baustoffen aus Kunststoff auch potenzielle Recyclingmodelle verschiedener Produktbereiche. Konkrete Umsetzungen blieben zu diesem Zeitpunkt jedoch aus. Erst durch die zunehmenden umweltpolitischen Einschränkungen und Verbote konnte ein Wandel in der Kunststoffindustrie forciert werden. Die öffentliche Wahrnehmung von Plastik hatte zu diesem Zeitpunkt aber bereits stark gelitten.  

Seither wächst neben der Kunststoffproduktion und den Einsatzmöglichkeiten von Plastik auch die Anzahl der Kritiker*innen stetig an. Die Auswirkungen des einstigen Wundermaterials sind mittlerweile allgegenwärtig. Am deutlichsten sichtbar wird die Problematik des Plastikkonsums, wenn es um die Entsorgung der Stoffe geht. Denn die Langlebigkeit, für die die Produkte einst so gefeiert wurden, erweist sich heute als Fluch. Den erheblichen Folgen, die die Kunststoffproduktion und -entsorgung für die Gesundheit und die Umwelt hat, verdankt Plastik auch seinen negativen Ruf in der Gesellschaft. 

Die Wegwerf-Pandemie

Einwegmasken werden in der Pandemiezeit millionenfach genutzt. © Unsplash

Dennoch, ganz auf Kunststoffe verzichten wollen und können wir nicht. Zu vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten und die Vorteile, die Kunststoffe mit sich bringen. Welche Bedeutung Plastik dabei im medizinischen Bereich haben kann, zeigt sich besonders während der immer noch andauernden Corona-Pandemie. Hilfsmittel wie Masken, Schnelltests oder Handschuhe ermöglichen gerade in Pandemiezeiten deutlich mehr Freiheiten – so kann ein großer Teil des sozialen Lebens aufrechterhalten werden. Vor allem tragen Produkte aus Einwegplastik oder speziellem mikrobiellen Kunststoffen in Krankenhäusern aber dazu bei, die Patient*innen zu schützen und die Krankheit einzudämmen. Andererseits handelt es sich – wie so oft bei Plastik – um Einwegprodukte, die nach der Nutzung nur noch weggeworfen werden können. Das sorgt für einen immensen Anstieg des Plastikmülls.

 

Forscher*innen der Chinesischen Akademie der Wissenschaft gehen davon aus, dass im Zeitraum von April 2020 bis August 2021 in 193 Ländern mehr als 8,4 Millionen Tonnen pandemiebedingter Plastikmüll angefallen sind. Ein Großteil dieses Mülls ist dabei zwar auf Krankenhausabfälle zurückzuführen, aber auch die Menge an privatem Plastikmüll nimmt immer weiter zu. Besonders medizinische Masken und Selbsttests, mit denen wir uns auch im Privaten schützen, fallen dabei ins Gewicht. Das gilt besonders für Corona-Schnelltests: Zwar verleihen die beliebten Teststreifen Sicherheit in sozialen Situationen, sind dabei aber nicht so konzipiert, dass eine mehrfache Verwendung möglich ist. Allein durch die Testpflicht die während der Pandemiezeit für die knapp elf Millionen Schüler*innen bestand, landen dadurch in Deutschland hunderttausende Plastiktests samt zugehörigen Verpackungen im Müll.

 

Die Rolle, die Kunststoffe in der Pandemiezeit einnehmen, ist also ambivalent. Die Folgen des pandemiebedingten Müllanstiegs sind mittlerweile auch in unserer Umwelt nachzuweisen. Denn laut den Berechnungen der Forscher*innen der Chinesischen Akademie der Wissenschaft sind neben dem „normalen“ Plastikmüll bereits 25.000 Tonnen des weltweit produzierten Corona-Müll im Meer gelandet und jeden Tag kommt mehr dazu.

Plastik verteufeln ist auch keine Lösung

Was ist also zu tun? Trotz der großen Probleme, die aufgrund von Plastik und vor allem Plastikabfällen auftreten, können wir nicht komplett darauf verzichten. Denn Kunststoffe prägen das alltägliche Leben nicht nur enorm, sie vereinfachen es auch. Plastik und dessen Nutzung zu verteufeln, ist demnach zwar eine schnelle, aber keine nachhaltige Lösung. Fakt ist aber auch, jedes Stückchen Kunststoff, das durch den Menschen in die Umwelt gelangt, ist eines zu viel. Im Endeffekt sind allerdings nicht die Kunststoffe das Problem, sondern unser Umgang damit. Dennoch müssen Wege gefunden werden, die Nachteile des Plastikkonsums zu umgehen und die Vorteile ohne schlechtes Gewissen nutzen zu können. Das ist nur möglich, indem die offensichtlichen Probleme der Plastiknutzung klar angesprochen werden und sowohl in der Industrie als auch der Politik an Lösungsmöglichkeiten gearbeitet wird. Vor allem aber müssen die bestehenden Sammel- und Recyclingkonzepte effektiv genutzt werden, um den Unmengen an Mikroplastik und Plastikmüll beizukommen. Denn nur in einer nachhaltigen Kreiswirtschaft können Kunststoffe ihr volles Potenzial entfalten und ihr schlechtes Image revidieren.   

Falls ihr noch mehr zum Thema wissen möchtet, empfehlen wir den Artikel von Zeit.de: Corona und Umweltverschmutzung.

 

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1 Antwort
  1. Amelie Gund
    Amelie Gund sagte:

    Spannend, dass bereits 1980 darüber nachgedacht wurde Plastik zu recyclen. Ich frage mich, ob die heutige Plastik-Situation anders wäre, hätte man schon 1980 die vorgeschlagenen Recyclingmodelle umgesetzt…

    Antworten

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