Ein Leben ohne Plastik? Heute unvorstellbar. Den großen Durchbruch schaffte der Kunststoff in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Von der Toilettenspülanlage über Fenster- und Türenbau bis hin zur Dachrinne: Installateur, Heizungsbauer und Hobby-Historiker Kai-Jan Kutscher verrät, welche Kunststoffe während des Plastik-Boom in den 1950er Jahren im Haus verbaut wurden.

Das Wirtschaftswunder ist da. Die Deutschen befinden sich im Kaufrausch. © Flickr

Ab Mitte der 1950er Jahre steigt die Kaufkraft und die Deutschen geraten in einen Kaufrausch: Das Wirtschaftswunder ist da. So entwickelt sich in der Bundesrepublik der Massenkonsum und mit diesem auch ein Plastik-Boom. Sogar beim Hausbau war Plastik ein Thema. Die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg war groß. Neuer Wohnraum musste schnell und kostengünstig geschaffen werden. Preiswert in der Herstellung, einfach in der Verarbeitung und vielfältig einsetzbar: Plastik war der optimale Baustoff.

Doch wie wurde Kunststoff während des Plastik-Booms in den 1950er Jahren eigentlich verbaut? Ein Gang durchs Haus von der Toilettenspülanlage bis zur Dachrinne mit Kai-Jan Kutscher gibt einen Einblick. Der gelernte Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik beschäftigt sich seit Jahren hobbymäßig mit der Geschichte der Kunststoffe im Hausbau.

Herr Kutscher, wie haben Sie Ihre Leidenschaft für das Thema Plastik entdeckt?

Bei mir in der Umgebung gab es mehrere kunststoffverarbeitende Firmen. Über den Landkreis wurde dann eine Kunststoffstraße geplant. Das ist so eine Art Ferienstraße. Die erste Themenwoche handelte von Kunststoffen in den 1950er Jahren. Im Rahmen dessen habe ich einen Vortrag über das Thema, wie Kunststoffe in den Hausbau vorgedrungen sind, gehalten. Allerdings darf man das nicht allein aus Sicht der 1950er Jahre sehen, sondern als einen fortschreitenden Prozess.

Zerstörte Häuser in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. © Wikimedia Commons

Wie würden Sie die Ausgangslage des Plastiks in der Nachkriegszeit beschreiben?

Sie müssen sich vorstellen, dass durchschnittlich 20 Prozent des Wohnraums im Jahr 1945 zerstört waren. In Städten waren es sogar 40 Prozent. Der Wiederaufbau war geprägt von der Nachkriegsmoderne. Man wollte von dieser wuchtigen, betonlastigen Architektur des Neoklassizismus und des Heimatschutzstils weg und begann dann architektonisch und künstlerisch zu brechen. Der Kunststoff war zu der Zeit etwas ganz Modernes.

„Zu der damaligen Zeit war der Kunststoff ein günstiger Baustoff.“

Warum ist der Kunststoff nach dem Krieg auf einmal so beliebt geworden, dass es zu einem Plastik-Boom in den 1950er Jahren kam?

Sie müssen sich in die Situation hineinversetzen. Wie bereits erwähnt war ein großer Teil des Wohnraums in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört. Man musste also schnell und vor allem kostengünstig Wohnraum schaffen. Zu der damaligen Zeit war der Kunststoff ein günstiger Baustoff. Man versuchte schon damals immer effizienter zu werden und Kosten zu drücken. Deswegen konnte sich der Kunststoff auch so schnell durchsetzen.

„Praktisch unbegrenzte Lebensdauer“. Damit wirbt die Firma Geberit für ihre Spülkästen aus Kunststoff. © Geberit International AG

Wo wurde Plastik im Hausbau eigentlich genau eingesetzt?

Zum Beispiel bei Toilettenanlagen: In diesem Bereich dominierten lange Zeit Hochhängespülkästen aus Porzellan oder Metall. Im Jahr 1952 brachte das Unternehmen Geberit den ersten Spülkasten aus Kunststoff auf den Markt. Kunststoffspülkästen haben den Vorteil, dass sie leichter und günstiger sind und der Montageaufwand geringer ist. Der Spülkasten aus Kunststoff hat sich dann in den 1960er Jahren durchgesetzt. Heute verwendet man zwar Unterputz-Spülkästen, diese sind aber immer noch aus Kunststoff. Die Idee der Firma Geberit existiert heute noch.

Auch im Fenster- und Türenbau hatte sich etwas getan: Ein traditioneller Werkstoff für Fenster waren Holzrahmen mit Einzelverglasung. Ab 1954 kam das erste Kunststoff-Fenster in den Handel. Das bestand aus einem kunststoffbeschichteten Metallrahmen. Später ist man dann von Metall komplett auf Kunststoff übergegangen.

Gibt es sonst noch weitere interessante Bereiche, in denen Plastik eine Rolle spielte?

Ein weiterer Bereich ist die Raumgestaltung. Und zwar Fußbodenbeläge: Bis in die 1950er Jahre hatte Linoleum noch einen Marktanteil von über 50 Prozent. Linoleum, den sie wahrscheinlich noch aus alten Filmen kennen werden, muss gebohnert und gewachst werden und hat daher einen hohen Pflegeaufwand. Deswegen hatte man schon vor dem Zweiten Weltkrieg angefangen, mit PVC-Böden zu experimentieren, diese aber erst nach dem Krieg auf den Markt gebracht. Heute ist der PVC-Boden aufgrund seiner hohen Belastbarkeit ein gängiger Standard.

„Man hat im Laufe der Jahre gemerkt, dass Kunststoff seine Grenzen hat“

Boomt Plastik im Hausbau immer noch?

Man hat im Laufe der Jahre gemerkt, dass Kunststoff seine Grenzen hat. Die Verwendung von Kunststoff im Außenbereich kann ungeeignet sein, da dieser in Verbindung mit UV-Strahlen porös wird. Früher waren Dachrinnen zum Beispiel aus Zink und Kupfer. Ab den 1960er Jahren wurden dann Dachrinnen aus Kunststoff verwendet, bis man festgestellt hat, dass Kunststoff und UV-Strahlen nicht die besten Freunde sind. Mittlerweile ist man daher wieder auf Metall zurückgegangen. So hat man mit der Zeit die Grenzen des Kunststoffs kennengelernt.

Herr Kutscher, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

© Titelbild: Pexels

 

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