Wer nach Ruanda reisen möchte, muss sich auf ungewöhnliche Kontrollen an den Grenzen einstellen, denn Plastiktüten dürfen nicht mit ins Land. In Ruanda, dem wohl saubersten Land Afrikas, gilt schon seit 14 Jahren: Plastiktüte? Nein, danke.

Ruanda – ein Land in Ostafrika – 12,6 Millionen Einwohner*innen. Als Binnenstaat umschlossen von Tansania, Burundi, Uganda und dem Kongo zählt es eher zu den kleinen und unbekannteren Ländern Afrikas. Aufgrund seiner Landschaft wird es auch das „Land der tausend Hügel“ genannt und ist besonders bekannt für seine seltenen Berggorillas. Eines von Ruandas Umweltproblemen früher: Müll – besonders Plastikmüll.

Der Nordwesten Ruandas mit seiner grünen Hügellandschaft und den Virunga-Vulkanen. @Neil Palmer (CIAT)

Die Umweltverschmutzung durch Plastik hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem weltweiten Problem entwickelt. Selbst in unserem Essen werden Reste in Form von Mikroplastik nachgewiesen. Länder in Afrika sind oft stark von dieser Problematik betroffen, weil sie keine geregelte Müllentsorgung haben. So hatte auch Ruanda damit zu kämpfen, dass Plastiktüten Abwasserrohre verstopften und Straßen verdreckten. In den meisten Familien wurde der Haushaltsmüll einfach auf den Straßen oder im Garten verbrannt. Obst- und Gemüsereste, Verpackungen, Batterien, Metalldosen und leere Flaschen – alles, was nicht verbrannte, blieb ewig liegen und landete ungefiltert in der Umwelt. 

Strenge Regeln für die sauberste Stadt Afrikas 

Wenn man heute in Ruandas Hauptstadt Kigali in einen Supermarkt geht, wird man Plastiktüten vergeblich suchen. An der Kasse verpacken die Kassierer*innen alles in Papiertüten. In den Straßen findet man keinen Müll mehr auf dem Boden. Selbst das Betreten der Grünstreifen ist nicht erlaubt. Kigali gilt als die sauberste Stadt Afrikas. So sieht es im ganzen Land aus. Plastiktüten und -verpackungen sind hier schon seit 2008 streng verboten, ebenso der Import, Export, die Produktion, der Verkauf und sogar der Besitz von Plastiktüten. 

Seit 2005 gibt es in Ruanda ein Umweltschutzgesetz. Ein Jahr darauf wurde die Umweltbehörde Rwanda Environment Management Authority – kurz REMA – gegründet, um die Umsetzung und Einhaltung des Umweltschutzgesetzes sicherzustellen. Insbesondere legt die Behörde Wert darauf den Ruander*innen Verständnis für das Thema Umwelt und die Verschmutzungen durch Plastiktüten und -verpackungen zu vermitteln. Im Vordergrund steht, das Umweltmanagement nicht nur einfach der Politik zu überlassen, sondern bei den Bürger*innen selbst anzusetzen und ein Bewusstsein für die Folgen von Umweltverschmutzung zu schaffen. Im Fernsehen und im Radio wird über Plastik und seine Folgen für die Umwelt aufgeklärt. Jeder letzte Samstag im Monat wird als Umuganda-Tag bezeichnet – hier räumen alle Menschen Ruandas die Straßen und Bürgersteige vor ihren Häusern gemeinsam auf, sogar Geschäfte werden deswegen geschlossen. Jeder noch so kleinste Schnipsel Müll wird aufgehoben, das Land soll sauber und vor allem plastikfrei bleiben. 

Hohe Strafen für Plastiksünder

Doch was sich so schön anhört, ist alles Teil einer Strategie und wird durch die autoritäre Regierung angeordnet und mit strengen Gesetzen und Regelungen durchgesetzt. Die Bevölkerung wird dazu aufgerufen, Umweltsünder bei der REMA zu melden. Auch die Mülltrennung ist gesetzlich geregelt. Für die illegale Entsorgung von Müll, aber auch für den Verkauf und Besitz von Plastiktüten, stehen hohen Strafen an. Je nach Verstoß sind hier umgerechnet mindestens 100 Euro oder mehrere Monate Gefängnis fällig. Zwar kennen alle Ruander*innen das Plastiktütenverbot, doch daran halten möchte sich längst nicht jeder.

Geregelter Verkehr, saubere Gehsteige und plastiktütenfreie Straßen. Das ist in Ruandas Hauptstadt Kigali der Normalzustand seit die Plastiktüten 2008 verboten wurden. @portraitor / pixabay.com

Besonders Händler*innen und Industrieunternehmen haben Probleme, auf Dauer finanzierbare Alternativen für neue Plastikverpackungen zu finden. Im direkten Vergleich kosten die alternativen Papiertüten ein Vielfaches der günstigen Plastiktüten. Das können sich viele kleinere Händler*innen nicht leisten und verkaufen ihre Waren weiterhin in den durchsichtigen Plastikverpackungen. Auch, um den Kund*innen ihre Waren wie Obst und Gemüse besser präsentieren zu können. Das Risiko der hohen Strafen müssen sie eingehen. Es geht sogar so weit, dass vor allem am Grenzübergang zur demokratischen Republik Kongo vermehrt Schmuggel mit den ungewollten Tüten betrieben wird. Hier kontrolliert die Behörde REMA deswegen erhöht.

Die plastikfreie Zone weitet sich aus

Obwohl nicht alles an Ruandas Plastikverbot perfekt umgesetzt wird, kann das kleine ostafrikanische Land als ökologisches Vorbild in Sachen Umweltschutz angesehen werden. Denn sie haben das grundlegende Plastiktütenproblem früh erkannt. Mittlerweile haben auch Uganda und Tansania ähnliche Plastikverbote und Umweltgesetze eingeführt. In Kenia stehen auf besonders schwerwiegende Verstöße gegen das Plastikverbot seit 2017 sogar bis zu vier Jahre Gefängnis an. 

Im Vergleich dazu hat die Europäische Union sehr lange gebraucht, um gegen die Plastikproblematik vorzugehen. Erst seit dem 3. Juli 2021 ist deswegen als Zeichen gegen den Müll die Produktion von Einwegplastik verboten. Darunter fallen beispielsweise Trinkhalme, Styroporverpackungen für Fast Food oder Einweg-Geschirr. Und was ist mit der Plastiktüte? Diese wurde in Deutschland erst ab 2022 aus den Kassenbereichen der Supermärkte verbannt. Bis zu einem so strengen Verbot wie in Ruanda wird es aber noch dauern.

 

Falls ihr noch mehr zum Thema Ruanda und dem Plastiktütenverbot wissen möchtet, empfehlen wir die Dokumentation „Vorbildliches Ruanda“ von 3sat. Und mehr Infos zum „Umuganda-Tag“ findet ihr etwa bei ARD Weltspiegel: „Ruanda: Einmal im Monat ist Kehrtag“.

Titelbild: @portraitor / pixabay.com

 

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7 Kommentare
  1. Sophie Rücker
    Sophie Rücker sagte:

    Ein spannender und informativer Beitrag! Ich wusste nicht, dass man in Ruanda (eigentlich) keine Plastiktüten mehr findet – und das schon seit 2005. Cool! Und auch ein gutes Vorbild für Deutschland und andere Länder, finde ich.

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  2. Nina Helfenstein
    Nina Helfenstein sagte:

    Ein sehr interessanter Artikel. Ich wusste auch nicht, dass man in Ruanda keine Plastiktüten mehr findet – und hätte es um ehrlich zu sein nicht gedacht. Da haben die vermeintlich „so fortschrittlichen“ Industrienationen wohl noch einiges nachzuholen. Manchmal würde sich der Blick über die eigenen Grenzen hinaus wohl lohnen.

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  3. Elias R.
    Elias R. sagte:

    Richtig gut, dass es ein Land schafft, so plastikfrei zu sein! Klar ist es klein, aber dennoch könnten wir uns davon eine Scheibe abschneiden. Wir sollten nie vergessen, dass es der „Westen“ ist, der mit China und Indien für die meiste Müllverschmutzung und einen Großteil der CO2-Emissionen verantwortlich ist.

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  4. Lea Sachs
    Lea Sachs sagte:

    Total interessanter Beitrag! An solchen Beispielen kann gesehen werden, dass das Leben mit weniger Plastik genauso funktionieren kann wie eine Welt mit Plastiktüten. Hoffentlich folgen noch viele weitere Länder und nehmen Ruanda als Vorbild.

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  5. Anika Herzig
    Anika Herzig sagte:

    Wow super interessanter Beitrag. Ich wusste gar nicht, dass es ein Land gibt, welches komplett auf Plastiktüten verzichtet. Auch wenn die Strafen ziemlich hoch sind. Aber wahrscheinlich auch nötig damit sich der Großteil der Bevölkerung an solche Maßnahmen hält. Ob sich sowas auch bei uns in Deutschland umsetzen lässt?

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  6. Anna
    Anna sagte:

    Sehr fortschrittlicher Ansatz die Verschmutzung im eigenen Land einzudämmen! Gleichzeitig würde ich mir von der Regierung wünschen, die Menschen, die es sich in ihrem Betrieb nicht leisten können auf Papiertüten umzusteigen, mitzunehmen. Eine Option wäre vielleicht Subventionierung. Zuimindest in einem kleinen Rahmen würde das bestimmt vielen Leuten helfen ihre Existenz trotz Verbot zu sichern 🙂
    P.S.: Großes Lob an die Auswahl der Bilder!

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