Bioplastik ist eine Alternative zu herkömmlichem Kunststoff. Doch wo finden wir Bioplastik und was kann der so viel „besser“ klingende Kunststoff? Löst er unser Plastikproblem? Im Interview gibt Simon McGowan Antworten auf diese und weitere spannende Fragen. Der Wissenschaftler ist Verfahrenstechniker und forscht am Institut für Biokunststoffe und Bioverbundstoffe in Hannover (IfBB).

Biokunststoff lässt sich in drei Gruppen unterteilen © IfBB (Institut für Biokunststoffe und Bioverbundstoffe)

Der Begriff Bioplastik (oder Biokunststoff) fasst unterschiedliche Biokunststoffe zusammen. Zentrale Merkmale von Biokunststoffen sind die Biobasiertheit und die Abbaubarkeit der Materialien. Mindestens eines dieser Merkmale muss ein Kunststoff erfüllen, um sich Biokunststoff nennen zu dürfen. Damit ergeben sich drei Gruppen von Bioplastik: biobasiert und abbaubar, biobasiert und nicht abbaubar sowie nicht biobasiert und abbaubar. Biobasierte Kunststoffe werden aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Erbsen oder Zuckerrohr hergestellt. Biologisch abbaubare Kunststoffe entstammen Materialien wie Holz oder Grünschnitt, die sich mit der Zeit wieder zersetzen. Wie schnell sich ein biologisch abbaubarer Kunststoff zersetzt, hängt von der Form des Produkts, der Naturähnlichkeit und den Umgebungs- und Abbaubedingungen ab: Eine dünne Folie vergeht zum Beispiel schneller als Kunststoff in Form einer Kugel; auch macht es einen Unterschied, ob Bioplastik auf dem Kompost oder in der U-Bahn verrottet. Biokunststoffe grenzen sich von konventionellem bzw. herkömmlichem Kunststoff ab, welcher nicht abbaubar ist und aus petrobasierten Rohstoffen (Erdöl) hergestellt wird.

Herr McGowan, Sie forschen im Bereich der Rezepturentwicklung von Biokunststoffen. Wenn ein Produkt aus herkömmlichem Plastik durch Bioplastik ersetzt werden soll, prüfen Sie, wie Bioplastik beschaffen sein muss. Wann und wieso ist der Einsatz von Bioplastik denn von Vorteil?

Die Biobasiertheit von Kunststoffen kann ein großer Vorteil sein. Wenn ich die Möglichkeit habe, Feldfrüchte anzupflanzen und daraus Kunststoffe herzustellen, bin ich nicht auf Erdöl angewiesen, das zum Beispiel aus Russland kommt. Der Einsatz von biobasierten Kunststoffen ist also immer dann sinnvoll, wenn wir auf Erdöl verzichten wollen oder müssen – und eigentlich müssen wir das. Ein Nachteil ist aber, dass der Einsatz von Lebensmitteln für Bioplastik eine Verschwendung von Rohstoffen sein kann: dann, wenn in dem einen Teil der Welt die Menschen hungern und wir Mais für Plastiktüten verwenden, um zwei Flaschen Cola vom Kiosk nach Hause zu tragen.

Und wie ist das bei biologisch abbaubarem Bioplastik?

Die Abbaubarkeit von Biokunststoffen ist ein klarer Vorteil, wenn ein Verlust des Produkts wahrscheinlich ist. Dann kann ich davon ausgehen, dass sich meine am Strand verlorene Pommes-Gabel irgendwann zersetzt. Abbaubares Bioplastik ergibt bei Produkten mit einer kurzen Lebensdauer Sinn. Die Abbaubarkeit von Bioplastik soll allerdings nicht dazu führen, dass Menschen bequemer werden und weniger Verantwortung für ihren Müll tragen.

„Die beste Alternative ist, gar keine Tüte zu nehmen.“

Wo finden wir die Biokunststoffe in unserem Alltag?

Biokunststoffe finden in unserem Alltag Einsatz in der Lebensmittelverpackung. Immer wieder gibt es auch exotischere Produkte wie zum Beispiel Coffee-To-Go-Becher oder Kugelschreiber. Und bei Discountern gibt es diese dünnen Tütchen, die man in der Gemüseabteilung findet. Da steht dann zum Beispiel sowas drauf wie „Hi, I am green“. Die Tüten bestehen zwar aus einem nachwachsenden Rohstoff, sind aber nicht biologisch abbaubar. So umweltfreundlich sind sie also gar nicht – und überflüssig sowieso. Ich persönlich hoffe, dass die Tüten auf lange Sicht einfach verschwinden. Es spielt keine Rolle, ob ich jetzt eine Tüte aus einem Biokunststoff herstelle oder aus einem herkömmlichen Kunststoff: Eine Tüte braucht kein Mensch. Die beste Alternative ist, gar keine Tüte zu nehmen.

Auch in der öffentlichen Diskussion gerät Bioplastik in die Kritik. Da heißt es, Bioplastik sei gar nicht besser als herkömmliches Plastik, sondern nur eine Scheinlösung für das Plastikproblem. Ist die Kritik aus Ihrer Sicht berechtigt?

Ich bin ein Fan von Biokunststoffen, natürlich – ich habe sie zu meinem Beruf gemacht. Aber ich muss leider sagen, manchmal ist die Kritik schon berechtigt. Der Einsatz von Biokunststoffen wird oft missbraucht, um einem vielleicht überflüssigen Produkt einen positiven Anschein zu geben, wie zum Beispiel den Plastiktüten in der Gemüseabteilung. Das riecht dann schon nach Greenwashing.

Spielzeugstein aus Bioplastik im Kompost

Ein kompostierbarer Spielzeugstein im Kompost von Simon McGowan. Gut gemeint, aber hier ergibt die Abbaubarkeit keinen Sinn © IfBB (Institut für Biokunststoffe und Bioverbundstoffe)

In meiner Neugierde bin ich mal auf einen Spielzeugstein für Kinder gestoßen, der biologisch abbaubar ist. Da stand drauf, dass der nach Gebrauch einfach auf den Kompost geworfen werden kann. Was ist denn nach Gebrauch? Rufe ich dann zu meinen Kindern: „Kinder, wir essen gleich, räumt euer Spielzeug auf den Kompost“? Das Ding liegt jetzt tatsächlich bei uns zuhause im Kompost und da passiert gar nichts. Der Einsatz von Biokunststoff ergibt hier auch keinen Sinn, und soll womöglich nur das Image aufpolieren und eine Kaufentscheidung herbeiführen.

„Wenn Menschen hungern, müssen wir sehr vorsichtig sein, wenn wir aus Lebensmitteln Plastik machen wollen.“

Sie haben vorher gesagt: Ein Vorteil von Bioplastik ist, dass die Herstellung von Bioplastik, anders als bei herkömmlichem Plastik, unabhängig vom Erdöl ist. Aktuell steigen die Ölpreise enorm, verstärkt durch den Ukraine-Krieg. Könnte der gestiegene Ölpreis eine erhöhte Nachfrage von Bioplastik bedeuten?

Ja, die Anfrage hängt stark mit dem Ölpreis zusammen. Ich kann mich noch erinnern, als die Preise für Rohöl in der Rohstoffkrise um 2009 rasant teurer wurden. Zu diesem Zeitpunkt bekamen wir sehr viele Anfragen für die Umstellung von petrobasierten Kunststoffen auf Biokunststoffe. Die Nachfrage sank erst, als der Ölpreis fiel. Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Im Moment sehen wir wieder einen leichten Anstieg in der Nachfrage von Bioplastik. Da kommen aber mehrere Faktoren zusammen: ein relativ wahrscheinliches Ölembargo, Corona, die fehlende Rohstoffquelle Ukraine und die zunehmende Diskussion um Lebensmittel. Wenn Menschen auf der Welt hungern, dann müssen wir sehr vorsichtig sein, wenn wir aus Lebensmitteln Plastik machen wollen. So funktioniert die Welt nicht. Für mich geht das nicht. Für mich hat die Versorgung aller Menschen Vorrang. Aber da wird noch eine ganze Menge passieren, sowohl im Bereich der herkömmlichen Kunststoffe als auch im Bereich der Biokunststoffe.

Wie wird die Entwicklung von Biokunststoffen weitergehen?

Ich hoffe, dass in Zukunft die Ressourceneffizienz bei der Herstellung von Biokunststoffen eine ganz andere sein kann. Wir müssen aus der Bredouille herauskommen, Lebensmittel für Bioplastik einzusetzen und sollten stattdessen Reststoffe nutzen: Lebensmittel für Menschen und Pflanzenbestandteile, die nicht als Nahrungsmittel geeignet sind, für Biokunststoffe. Wir am IfBB beschäftigen uns gerade mit dem Projekt SeaArt. In vielen Bereichen fehlt Seegras, sodass sich andere Lebensformen nicht ansiedeln können. Durch genmodifizierte Blaualgen soll synthetisches Seegras hergestellt werden. Echtes Seegras siedelt sich an das künstliche an, das künstliche baut sich irgendwann wieder ab und das echte Seegras bleibt. Da passt der Einsatz von Bioplastik wirklich. Und vielleicht müssen wir dann auch unsere Skrupel über Bord werfen, wenn wir über die stark kritisierte Gentechnik und genmodifizierte Blaualgen reden. Solange wir es noch freiwillig können, sollten wir die Chance nutzen und jetzt anfangen zu forschen.

Wie schätzen Sie also die Zukunft von Bioplastik ein?

Auf jeden Fall spannend. Biokunststoffe sind ein kleiner Teil der Lösung für unser Plastikproblem. Damit sie zur Lösung beitragen können, müssen wir sie vernünftig und zielgerichtet einsetzen. Die richtige Anwendung und die Weiterentwicklung von Bioplastik werden in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen. Und wenn wir dem Plastikproblem Herr werden wollen, dann müssen wir auf jeden Fall erstmal weniger und besser konsumieren: Das Plastik, das wir haben, möglichst lange nutzen, vernünftig entsorgen und recyclen.

Herr McGowan, vielen Dank für das Gespräch.

 

Titelbild von Simon McGowan © IfBB (Institut für Biokunststoffe und Bioverbundstoffe)

 

Wie Algen als Plastikalternative in Supermärkten eingesetzt werden, erfahrt ihr in diesem Artikel. Ihr habt noch nicht genug von unseren fantastischen Plastik-Beiträgen? Dann folgt uns auf Instagram! 

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4 Kommentare
  1. Sophie Rücker
    Sophie Rücker sagte:

    Den Begriff Bioplastik höre ich im Alltag so oft, ähnlich wie Mikroplastik. Spannend zu erfahren, was hinter dem Wort steckt und wohin die Reise mit Bioplastik in den nächsten Jahren geht!

    Antworten
  2. Luca Matusch
    Luca Matusch sagte:

    Schön von einem Experten etwas zum Thema Plastik bzw. Bioplastik zu erfahren.
    Sehr schönes und gelungenes Interview!

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Alternative. Denn bioabbaubare Kunststoffe können auch aus Erdöl oder Erdgas bestehen, und biobasierte Kunststoffe müssen auch nicht zwingend abbaubar sein. Auch die allseits bekannte Papiertüte stellt keine bessere Lösung dar, denn ihre Ökobilanz ist […]

  2. […] und resistent gegen Wasser und Fett gemacht werden. Verwandt mit der pflanzlichen Idee ist auch die Entwicklung von Bioplastik – Kunststoffen aus biologischen Rohstoffen. Damit eröffnen sich künftig Paletten an […]

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