Sie ist der heilige Gral gutbürgerlicher deutscher Haushalte – Tupperware. Meine Mutter gab mir einst die Weisheit mit auf den Weg: „Du kannst alles vergessen, aber bring die Tupper-Schüsseln wieder mit!“ Woher stammt dieser Kultstatus und wie zeitgemäß sind die Plastikprodukte heute noch?

Die Geschichte beginnt in den 1950er Jahren. Earl S. Tupper gelang es, das Patent auf seinen luft- und wasserdichten Verschluss zu erlangen. Der charakteristische „Tupper-Seufzer“, der zu hören ist, wenn überschüssige Luft beim Schließen des Deckels entweicht, wurde durch das elastische Material ermöglicht. Die luftdichtverpackte Konservierungsmethode überzeugte damals jedoch nur wenige in den Kaufhäusern zum Kauf. Es bleibt unklar, ob die neue Technik schlicht nicht verstanden wurde oder die Produkte im Vergleich zu Alternativen zu teuer waren. Für bessere Umsatzzahlen musste das Unternehmen ein neues Verkaufskonzept entwickeln.

Präsentieren ohne Konkurrenz  

Konzeptzeichnung für das Patent der Tupperdose von Earl S. Tupper aus dem Jahr 1950. ©Public domain

Die Idee für das neue Verkaufskonzept hatte die alleinerziehende Mutter und Verkäuferin Brownie Wise. Social Selling lautete ihre Antwort auf die Verkaufsflaute. In einem kleinen Kreis von Verwandten, Freund*innen oder der Nachbarschaft sollten Tupper-Partys gegeben werden. Diese Partys wurden von sogenannten Tupper-Ladys begleitet, welche Produkte der Firma vorstellten. Im Laufe des Abends wurden Produkte passend zur Situation vorgestellt. Von der Rührschüssel für den Teig bis zur Aufbewahrungsdose nach dem Essen war alles abgedeckt. Das Konzept war zu seiner Zeit so simpel wie genial. Zum einen entkamen die Plastikprodukte dem Vergleichskampf mit anderen Produkten, zum anderen wurde durch die klar definierte Zielgruppe eine angenehme Verkaufsatmosphäre geschaffen. Sowohl die Gastgeberin als auch die Beraterin hatten die Möglichkeit, durch die Tupperpartys Geld zu verdienen, was in den 1950er Jahren für Frauen nicht selbstverständlich war. Das Konzept wurde so erfolgreich, dass es 1962 nach Europa und damit auch Deutschland exportiert wurde.

 Zuhause ist es doch am schönsten

Gespannt wird der Vorführung der neusten Produkte gelauscht. Ein typisches Bilder einer Tupperparty in den 1950er Jahren. ©Ultralativ

Das neue Verkaufskonzept erklärt die ungewöhnlich enge Bindung an die Produkte. Statt einem wenig aufregenden Einkauf im Supermarkt werden die Produkte mit einem Ereignis verbunden. Das Einkaufen gewöhnlicher Haushaltswaren wird damit zu einem echten Erlebnis. An einem Tupper-Party-Abend werden bestimmte Emotionen in Form von Erinnerungen mit konkreten Produkten verknüpft – noch dazu in entspannter Atmosphäre. Anstatt sich in Regalen neben anderen Produkten behaupten zu müssen, bekommen die Plastikdosen, Schüsseln, Schaber und elastischen Backformen die volle Aufmerksamkeit: Alle haben sich Zeit genommen, um mehr über die Produkte zu erfahren. Im Supermarkt hingegen würden deutlich weniger am Verkaufsstand stehen bleiben und sich beraten lassen. Die Kund*innen haben also die Möglichkeit, die Produkte in Ruhe zu begutachten, während der*die Berater*in sicherstellen kann, dass die Vorteile der Produkte zur Geltung kommen.  

Ein Gewinn für alle?  

Mit dem Konzept wurde der Grundstein für die Erfolgsgeschichte des Unternehmens gelegt. Es klingt vielversprechend. Die gastgebende Person erhält die Möglichkeit auf Rabatte auf ihren Einkauf, die beratende Person erhält eine Provision für verkaufte Produkte – und alle haben einen schönen Abend. Das Direktvertriebssystem von Tupperware ist allerdings etwas komplexer aufgebaut. In der Realität ist es nicht ganz so simpel, und Tupperware hat sich ein System ausgedacht, wie möglichst viel Geld im Unternehmen bleibt. Wer einen Überblick über das  Vertriebssystem erhalten möchte, sollte sich folgendes Video des YouTubers Ultralativ anschauen:

Wenn die Luft aus der Schüssel ist

Die Corona-Pandemie hat das Abhalten von Tupperpartys zeitweise undenkbar gemacht. Trotz des Onlinehandels muss das Unternehmen starke Verluste hinnehmen, auch die starke Marktposition bröckelt allmählich. Konkurrenzprodukte haben aufgeholt und Alternativen für Plastikverpackungen sind gerade im Trend. Das Unternehmen hat in diesem Sinne eine Produktreihe entwickelt, für die Einwegverpackungen recycelt werden. Laut eigenen Angaben handelt es sich dabei um einen „neuen, zertifizierten und lebensmittelechten Kunststoff“. Denn auch wenn sich Tupperware aus den großen Kaufhäusern zurückgezogen hat, beschäftigt sich das Unternehmen dennoch mit denselben Themen wie die Konkurrenz.

Wie viel Öko darf es sein?

Plastikprodukte werden im Zuge des Plastikproblems auf unserer Erde meist voreilig verteufelt. Unternehmen wie Tupperware sorgen mit ihrem Direktvertriebskonzept für eine engere Produktbindung. Ist es nicht von Vorteil, wenn ein Produkt eine so hohe Zersetzungsdauer besitzt, dieses mit einer gewissen emotionalen Bindung zu versehen und ihm damit einen vielleicht sogar über Generationen erhaltenen Mehrwert zu geben? Im Marketing und der Produktentwicklung lässt sich das Unternehmen kreative Lösungen einfallen. Pausenbrotdosen erhalten die Form einer Banane. Auf der Webseite finden sich Tipps für die Partydekoration oder Getränkeauswahl. Tupperware bietet einen Umtauschservice für defekte Produkte an, was für eine geringere Wegwerfquote sorgt. Das Unternehmen arbeitet an neuen Konzepten, um weiterhin mit der Zeit zu gehen und die Verluste aufzufangen. Wie gut dies gelingt und ob sich die Marktposition ändert, wird sich zeigen.

Was sind eure Erfahrungen mit Tupperware und wart ihr schon einmal auf einer Tupperparty?  Schreibt es in die Kommentare. 

Titelbild: © Ultralativ

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4 Kommentare
  1. Anonymous
    Anonymous sagte:

    Ich habe selbst viel Tupperware zuhause und finde den Beitrag deswegen sehr interessant. Mit dem Spruch deiner Mutter kann mich auch zu 100 Prozent identifizieren. Auf unsere Schüsseln wurden daher immer Namen geklebt! – Bloß nicht verlieren. Auf einer Tupperparty war ich selbst auch schonmal, ziemlich lustig!

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  2. Elisabeth Held
    Elisabeth Held sagte:

    Auf einer Tupperparty war ich selbst noch nie. Aber ich zuhause haben wir eigene Produkte von Tupperware. Die Becher durften bei uns früher bei Grill-Abenden im Garten nie fehlen (damit keine Wespen in die Getränke fliegen) 😀

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  3. Amelie Gund
    Amelie Gund sagte:

    Wer kennt sie nicht? Fast jeder hat sie zu Hause, und wenn nicht dann kennt man sie. Super spannend einmal, die Geschichte hinter der allbekannten Tupperware einzutauchen!

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