Durch Zufall am Beginn einer vielversprechenden Karriere, am Anfang von etwas ganz Großem stehen: Was für viele Menschen wie ein unwirklicher „Plötzlich Prinzessin“-Traum klingt, ist für Thorsten Marth eines Tages die Wirklichkeit. Nur, dass das Krönchen ein Helm ist und Thorsten nicht über Nacht der Dauphin des fiktiven Kleinstaats Genovien wird, sondern eines Tages ungeplant vor einer Laufbahn im Profisport steht. Ohne darauf vorbereitet zu sein.

Thorsten 2010 bei einem Radrennen in der Schweiz.

Das erste größere Radrennen ist für Thorsten Marth mehr persönliches Vergnügen als sportlicher Ernst: „Ein Feld mit den fünfzehn Schnellsten hatte sich schon abgesetzt“, erinnert sich der heutige Architekturstudent an diese Süddeutschen Meisterschaften im Jahr 2009 zurück. „Die anderen wussten, dass es jetzt nichts mehr bringt, wenn sie sich anstrengen. Sie hatten keine Lust mehr. Und ich hatte keine Ahnung, wie ein Radrennen funktioniert.“ Er kommt weit hinter dem Hauptfeld, aber auch vor den zurückliegenden Fahrern ins Ziel und qualifiziert sich so als Letzter für die Deutschen Meisterschaften. Als er auch dieses Rennen mit guter Platzierung beendet, wird ein Kadertrainer des Baden-Württembergischen Radsportverbands auf ihn aufmerksam. „Ich bin damals in den professionellen Sport reingerutscht, ohne zu verstehen, dass ich reingerutscht bin“, schmunzelt Thorsten. Dieser viel zu schnelle Aufstieg sei bereits der Anfang vom Ende.

1.000 Kilometer in drei Wochen

Sport spielt schon von Beginn an eine große Rolle in Thorstens Leben. Neben ersten Versuchen in Tischtennis und Leichtathletik bleibt den sportbegeisterten Eltern schon in der Grundschule die Eignung des Sohnes für den Radsport nicht verborgen: „Fahrradfahren habe ich schon mit drei Jahren gelernt“, erzählt Thorsten, „aber ich habe das eigentlich gar nicht so gerne gemocht. Ich hatte ja dann weniger Zeit, um mich mit Freunden zu treffen.“ Mit neun Jahren nehmen ihn die Eltern bereits auf große Touren mit: 1.000 Kilometer in drei Wochen. Feinsäuberlich schreibt der Grundschüler die bereits zurückgelegte Strecke jeden Abend mit Bleistift auf, um sich für die nächste Etappe zu motivieren.

Das Talent wird erst einige Jahre später zum fest etablierten Hobby: In seiner Freizeit fährt Thorsten Marth mit einer Radsportgruppe regelmäßig aus und fällt nicht nur wegen seines weißrosa Damenrennrads auf. Bei einer Ausfahrt in Alp d’Huez in Frankreich ist er durch sein geringes Körpergewicht seinen Mitfahrern am Berg weit überlegen. Auch in einem Sport-Feriencamp glänzt der Neuling. Die „spielerischen 120 bis 150 Kilometer am Tag“ bewältigt er mit Bravour. Kurze Zeit später tritt er in den Amateurverein RV Pfeil Magstadt ein. Zwischen Gleichaltrigen und Gleichgesinnten entdeckt Thorsten erstmals den Spaß am Sport.

Von Null auf Hundert

Thorsten im Feld bei der Polenrundfahrt.

„Nach der guten Platzierung bei den Deutschen Meisterschaften haben sich alle gefragt: Wo kommt denn dieser Thorsten Marth auf einmal her?”, erinnert sich Thorsten, „Aber ich konnte ja auch nicht erklären, wie das passiert ist.” In einem einzigen Jahr entwickelt sich Thorstens Hobby von Null auf Hundert weiter, katapultiert den Schüler viel zu schnell und ohne Vorbereitung in für ihn unbekannte Höhen. Dieser Antrieb widerfährt dem Neuling nicht ohne Grund: Der deutsche Radsport sucht dringend Nachwuchs. Talente, aber auch Sponsoren und Gelder, sind seit dem 2006 enthüllten Doping-Skandal rund um Jan Ullrich schwer aufzutreiben.

Während seine Mitschüler beginnen, sich auf das Abitur vorzubereiten, verbringt Thorsten nun Stunden auf Deutschlands schönsten Straßen. Trainiert wird in der Saison jeden Tag. In jeder Woche sind zwei Tage für Rennen vorgesehen, an den meisten anderen Tagen drei bis fünf Stunden konzentriertes Fahren. „Richtig schlimm war aber eigentlich nur das eintönige Training im Winter, das viele Joggen und das Fitnessstudio”, erzählt Thorsten. Das Hobby wird nach und nach zum Nebenberuf – sogar bezahlt. Für den Schüler ist das ein willkommenes Einkommen. Auch sonst gefallen die Annehmlichkeiten dem Jugendlichen: Ein Masseur, Begleitfahrzeuge und eine Werbekaravane begleiten eine viertägige Rundfahrt durch Frankreich. Essen gibt es reichlich. Das kameradschaftliche Leiden beim Fahren schweißt das zwischenzeitlich entstandene Team zusammen. Erkennungszeichen: rasierte Beine. Auch am Gymnasium fällt Thorsten mehr und mehr auf – durch Abwesenheit und spektakuläre Sportverletzungen.

Mit der Leistung kommt auch der Druck

22.000 Kilometer verbringt Thorsten in dieser Zeit pro Jahr im Sattel, geht bei bekannten Radrennen wie der Rüblirundfahrt, der Tour de Flandern oder der Thüringen Rundfahrt an den Start. Das ehemalige Hobby wird zum festen Bestandteil seines Alltags, das Training zur liebgewonnenen Routine. Die Glückshormone treiben von Berg zu Berg, von Rennen zu Rennen und von Trainingseinheit zu Trainingseinheit. „Ich hatte ja dabei auch kein Ziel“, so Thorsten. „Das hat wahrscheinlich alles so gut funktioniert, weil ich es nicht aus Verbissenheit, sondern aus Leidenschaft gemacht habe.“

Das Rad rollt also weiter und bringt Thorsten in Höchstgeschwindigkeit vom Amateurbereich in die Halbprofiklasse. Hier gibt es weder Mittagspausen noch Feierabend, doch der Erfolg und der eigene Ehrgeiz entwickeln sich so schnell, dass Thorsten kaum Zeit hat, seinen plötzlichen Lebenswandel zu reflektieren.

Der Druck steigt

Während die Nebentätigkeit mehr und mehr Platz einnimmt, sind erstmals auch die Nachteile des neuen Lebens zu spüren. Denn: Mit der Leistung kommt auch der Druck – vor allem im Kopf. Schon der Anflug einer Erkältung kann kleine Krisen auslösen. Thorsten verzichtet auf Freunde, Ferien und Feiern. Alkohol ist tabu, die Ernährung gesund. „Außerdem lebt man ständig aus dem Koffer”, fasst der Jungprofi zusammen.„Die Freizeit ist knapp und man kann sich persönlich überhaupt nicht weiterentwickeln. Das ist ein stupides Leben.” Enttäuschend sei auch, bei Auslandsreisen nur Straßen und Hotels kennen zu lernen. Insgesamt gebe man die Führung über das eigene Leben an andere ab: “Im Sport ist man ständig auf den Trainer angewiesen, der viele Entscheidungen trifft. Das macht alles sehr unflexibel.” Die Schere zwischen Beruf und Berufung scheint für Thorsten immer weiter auseinander zu klaffen.

Kurz nach dem Abitur entscheidet sich Thorsten für einen freiwilligen Thronverzicht. „Ich war ein Rohdiamant, der zu früh geschliffen wurde“, ergänzt er, lacht herzlich und fügt dann deutlich ernster hinzu: „Wahrscheinlich wäre ich ansonsten noch fünf Jahre gefahren und hätte dann einen Radladen aufgemacht.” Die Erleichterung über die eigene Entscheidung ist dem 26-Jährigen deutlich anzumerken und auch der Lauf der vergangenen Jahre zeigt, dass ganz andere Karrierepläne noch viel besser zu dem Architekturstudenten passen.

 


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2 Kommentare
  1. Laura Mitlewski
    Laura Mitlewski sagte:

    Thorstens Geschichte ist wirklich besonders und lädt zum Träumen ein. Dein Beitrag zeichnet ein Bild von einem jungen und gleichzeitig wahnsinnig reifen jungen Mann, der genau weiß, was er will.

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  2. Elisabeth Harvey
    Elisabeth Harvey sagte:

    Very interesting article. As a society, we devote a lot of attention to work-life balance in the context of more traditional jobs, but you make a good point that sports professions demand a lot in terms of psychological pressure and physical performance. You also suggest that sports impact athlete’s personal lives and lifestyles in a unique way.

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