Virale Kunst – in den sozialen Netzwerken kursieren seit einiger Zeit Videos von dehnbaren Statuen. Was aussieht wie massive Steinskulpturen, sind die Papierfiguren des Künstlers Li Hongbo. Dieser rekonstruiert in seinem Atelier in Peking – unter anderem – klassische Skulpturen, indem er Papierblätter modifiziert, um einen dreidimensionalen Klon des Original-Kunstwerks zu bilden. 

Jede einzelne Skulptur setzt sich aus zahlreichen Papierblöcken zusammen, die jeweils aus etwa 350 zusammengeklebten Papierblättern bestehen. Um der Figur Stabilität zu verleihen, verklebt Hongbo die einzelnen Blätter zu einem präzisen und zarten Streifenmuster. Diese Wabenstruktur ist für die spätere Funktionalität der Skulpturen entscheidend. Das Verkleben der einzelnen Papierblätter findet in Handarbeit statt und ist dementsprechend mühsam. Mit einer Holzbearbeitungssäge schneidet der Künstler anschließend die gewünschte Rohform eines jeden Blockes aus.

These Sculptures Made Out Of Paper Will Blow Your Mind

© business insider

Während Hongbo für seine kleineren Büsten nur wenige Papierblöcke verarbeitet, erfordern die größere Skulpturen teilweise bis zu 50 Blöcke. Der Papiereinsatz für einzelne Figuren liegt zwischen 7000 und 26.000 Blättern – üblicherweise weißes Papier. Nachdem die Blöcke platziert sind, werden sie mit einem Winkelschleifer feinjustiert. Sobald der Großteil der Form vollständig ist, verwendet Hongbo Schleifpapier, um die Skulptur zu glätten und damit zu vollenden. Zusätzlich schleift er die fertigen Skulpturen zu einem leicht unscharfen Rand, der sich unter dem Druck der Schwerkraft visuell in seinem Nachbarn auflöst. Die glatte Oberfläche ist weder lackiert noch beschichtet, der gelbliche

© crane.tv

Innenraum ist vielmehr eine Folge des gefilterten Lichts. Wenn die Figur von dem Galeriepersonal angehoben oder modifiziert wird, entlastet sie sich selbst und dehnt sich mühelos aus, wie ein zartes Akkordeon oder eine Bienenwabe. Vom Beginn der Arbeit – der aufwendigen Verklebung der Einzelpapiere – bis zur Fertigstellung einer Skulptur, vergehen nicht selten Monate. Die Inspirationsquelle für Hongbos Figuren sind übrigens traditionelle chinesische Dekorationen und Spielzeuge aus Papier.

Der Künstler

Li Hongbo – © eli klein gallery

Li Hongbo wurde 1974 in Jilin im Nordosten Chinas geboren. Im Jahr 1996 erwarb er einen Bachelor of Fine Arts an der Jilin Normal University. Darauf folgten ein erster Master of Fine Arts, den er 2001 am Folk Art Departement der Central Academy of Fine Arts in Peking absolvierte, und ein zweiter, den er am Experimental Art Department derselben Akademie im Jahr 2012 abschloss. Hongbo ist vor allem für seine Interpretationen von Papier bekannt. Seine Neuerfindung der Form des Materials stellt die Erwartungen der Betrachter an das Medium als künstlerisches Mittel infrage. Mit einer uralten Wabentechnik, die auch in der traditionellen Papierkürbisherstellung in China verwendet wird, schafft Li Hongbo kinetische Papierarbeiten, die sich elegant ausdehnen und zusammenziehen lassen. Diese Skulpturen verweisen auf Einflüsse der volkstümlichen Traditionen in China, spielen aber im zeitgenössischen Licht mit Wahrnehmungen und der Bildsprache. Interviews gibt dermedienscheue Hongbo – dessen Arbeiten meist von Galerien und Fans im Internet gestreut werden – nur selten. In einem Gespräch mit der Plattform Designboom aus dem Jahr 2014 sagt der Künstler über seinen Bezug zum Material Papier:

© klein sun gallery

„Es gibt ein chinesisches Sprichwort: ‚Das Leben ist so zerbrechlich wie Papier‘, das mich tief beeindruckt hat. Aufgrund meiner bisherigen Tätigkeiten bin ich mit Papier sehr vertraut geworden. Dies hat mir die Bedeutung von Papier für die Gesellschaft und den Einzelnen gezeigt. Es hat mir auch erlaubt, die verborgene, breite Anwendungsseite von Papier zu erforschen.“

Die Vielseitigkeit des Papiers war es, die Hongbo dazu inspirierte, es zu seinem bevorzugten Medium zu machen. Obwohl Papier zerbrechlich sein kann, wird es extrem stark und widerstandsfähig, wenn tausende Einzelteile zusammenkommen. Seine Arbeit könnte als visueller Einwand gegen das von ihm zitierte chinesische Sprichwort gelesen werden. Die Skulpturen bringt zum Ausdruck, dass das Leben zwar so zerbrechlich wie Papier sein mag, aber in Zahlen stark ist. Der chinesische Künstler hat in seiner Karriere mehrere renommierte Auszeichnungen erhalten – zuletzt den Nominierungspreis der China Government Publication Awards und 2017 den großen Preis der Sovereign Asian Art Foundation. Seine Kunstwerke, die zarter und vergänglicher wirken, als sie wirklich sind, üben eine faszinierende Wirkung auf den Rezipienten aus. Vor allem, wenn man zusieht, wie sie sich dehnen und skurril verformen und doch wieder ganz leicht und in aller Perfektion in ihre ursprüngliche Form zurückfinden. Aber auch diese Faszination verfliegt mit der Zeit ein wenig, wenn man immer wieder neue Kunstwerke sieht, die sich in diesem Prozess hin- und zurückverwandeln. Was jedoch bleibt, ist der Respekt vor der Geduld und dem unermüdlichen Fleiß dieses ganz besonderen Küstlers: Li Hongbo verleiht einem vertrauten Material wie Papier eine bisher nicht gekannte Eigenschaft.

© culture trip

2 Kommentare
  1. Costanza
    Costanza sagte:

    Das ist ja wirklich unglaublich kreativ, was der Künstler mit seinen Skulpturen schafft. Vielen Dank für die Einblicke in eine mir bislang verborgen geblieben Kunstform.

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  2. Robert Galiard
    Robert Galiard sagte:

    Es war sehr interessant mehr über Hongbo, die Beschaffenheit seiner Skulpturen und seinen Bezug zum Papier zu erfahren. Aber vor allem sieht es einfach so verdammt cool aus! 😀

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