Verwundert blickten meine Augen über den Bildschirm als ich meinen ersten amerikanischen Teeniefilm schaute. Wieso trugen die Figuren immer eine zerknitterte Papiertüte bei sich, wenn sie auf dem Weg zur coolsten Party der High School waren?

Teenager USA © Frederica Tsirakidou

Teenager USA © Frederica Tsirakidou

In den USA gibt es die sogenannten Open Container Laws. Diese beinhalten unter anderem, dass Alkohol in der Öffentlichkeit nicht sichtbar gezeigt werden darf. Wohingegen also drinnen Wein aus roten Plastikbechern geschlürft wird, muss draußen alles in der Brown Paper Bag versteckt werden. Ganz so einfach ist das aber nicht, denn die einzelnen Staaten definieren Öffentlichkeit ganz verschieden. Die Kulttüte ist aber nicht nur Verbot. Hier steckt viel mehr drin …

Die Geschichte der Brown Paper Bag beginnt 1844 in Bristol, England, wo erstmals Papiertüten hergestellt werden. 1852 fertigt aber der amerikanische Priester und Lehrer Francis Wolle die erste Papiermaschine an. Darin packt er Setzlinge, Wurzeln und Kräuter ab, die er für Hausmedizin und das Kochen verwendet. Diese nennt er Machine for Making Bags of Paper. Mit Wolles Papiermaschine war es aber noch nicht getan, denn diverse technische Probleme erschwerten die Arbeit. Auch sein 1855 verbessertes Modell Machine for Making Paper Bags hat Verbesserungsbedarf. Mit einer Zahl von 18 000 Tüten pro Stunde gelingt Wolle aber ein erster Meilenstein in Sachen Quantität. Luther Crowell aus Boston probiert es 1872 mit seiner Maschine Improvement in Paper Bags, doch die eigentliche Heldin der Stunde ist Margaret E. Knight.

Ein Patent für eine Frau

Patent für Knight © Renate Schleicher/Frederica Tsirakidou

Patent für Knight © Renate Schleicher/Frederica Tsirakidou

Die außergewöhnliche Margaret E. Knight ist schon als Kind technisch begabt und baut Schlitten und Drachen. Später als Arbeiterin der Columbia Paper Bag Company beginnt sie zu überlegen wie man die Maschinen verbessern könnte. Eine Maschine, die nicht nur selbst schneidet, sondern auch selbst faltet und – ganz wichtig – einen eckigen Papierboden hat. Dann kommt ihr allerdings Mitarbeiter Charles F. Annan zuvor, stiehlt ihren Entwurf und reißt sich das Patent unter den Nagel. Als Knight ihn vor Gericht konfrontiert, ist sich Annan sicher, den Streit gewonnen zu haben. Eine Frau kann ja unmöglich eine solche komplexe Maschine entworfen haben. Doch Knights Entwürfe und Skizzen bringen schwarz auf weiß zu Papier wer die eigentliche Erfinderin ist. Das Patent für die Papiertütenmaschine ist Knights zweites Patent, welchem zahlreiche andere folgen. Nachdem sie es 1871 endlich erhält, gründet sie die Eastern Paper Bag Company. Die gefalteten Seiten der Papiertüte sind übrigens nicht Knights Erfindung. 1883 fügt Charles Stilwell die Falten hinzu, um die Brown Paper Bag leichter verstauen zu können. Er nennt die neue Kreation S.O.S., kurz für Self-Opening Sack, denn seine Tüte kann erstmals eigenständig und offen auf der Oberfläche stehen.

Zwischen Schwarz und Weiß

Paper Bag Test © Frederica Tsirakidou

Paper Bag Test © Frederica Tsirakidou

Mit der Entstehung der Brown Paper Bag endet die Geschichte noch lange nicht. Unglaublich: die Papiertüte steht in engem Zusammenhang mit diversen gesellschaftlichen Strömungen. So wird sie zum Symbol der Rassendiskriminierung als Afroamerikaner sich danach klassifizieren, ob ihre Haut heller oder dunkler als eine Papiertüte ist. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist die Sklaverei zwar bereits abgeschafft, aber nun bildet sich Diskriminierung innerhalb der Community. Menschen, die den Paper Bag Test bestehen, können in exklusiven Kreisen verkehren. Selbst Kirchengemeinden verwehren dunkleren Menschen den Zutritt. Literaturwissenschaftler Henry Louis Gates Jr. schreibt in seinem Buch The Future of Race über seine Zeit an der Elite-Uni Yale. Auch er erinnert sich an Bag Parties, bei denen die Brown Paper Bag an die Tür gehängt wird, um zu bestimmen wer reindarf und wer nicht – und das sogar noch Anfang der Siebziger. Braun als die Farbe zwischen schwarz und weiß teilt Afroamerikaner in zwei Gruppen. Eine unmenschliche Regel, die Schönheit und Privilegien mit heller Haut verbindet. Laut Gates kann aber auch ein gegensätzlicher Effekt auftreten:

„But in a manner of speaking it was replaced by an opposite test whereby those who were deemed „not black enough,“ ideologically, were to be shunned. I was not so sure this was an improvement.“

Die Geschichten rund um den Paper Bag Test sind meist von Menschen überliefert, die Rassismus selbst erfahren haben. So zeigen sie vergangene und aktuelle Probleme innerhalb der Afroamerikanischen Bevölkerung. Genau wie die Papiertüte zum Zeichen der Diskriminierung wird, wird sie aber auch zum Zeichen der Frauenbewegung.

Außerhalb von Haus und Kind

Frauenbewegung © Frederica Tsirakidou

Frauenbewegung © Frederica Tsirakidou

1973 herrschen trotz Hippie Revolution in Cedar Grove, New Jersey, noch bürgerliche Verhältnisse. Für die Mütter der North End Elementary School gibt es klare Regeln: Den Kindern darf kein Essen mitgegeben werden. Die Schule will, dass Kinder in der Mittagspause zu Hause etwas Warmes essen. So wird die Frau immer noch der Sphäre des Hauses zugeordnet. Die Regel ist übrigens kein Einzelfall, sondern wird an vielen Schulen in den USA eingesetzt – und das im Jahr 1973. Die mutigen Mütter lassen sich aber die Regel nicht gefallen. Zwanzig Kinder tauchen morgens mit Brown Paper Bags auf, gefüllt mit Stärkung für den Tag. Das Gleiche geschieht am nächsten Tag noch einmal und sechs Kinder werden sogar suspendiert. Zu dieser Zeit waren nicht einmal die Hälfte der Frauen berufstätig. Das Gesetz zeigt aber auch die erschwerten Bedingungen der Emanzipation.

Und was macht die Popkultur?

Popkultur © Frederica Tsirakidou

Popkultur © Frederica Tsirakidou

Heutzutage strahlt die Brown Paper Bag als popkulturelles Phänomen. Man sieht sie in vielen amerikanischen Filmen und auch aus Kunst, Musik, Film und Fernsehen ist sie nicht wegzudenken. Ein besonderer Tipp ist der Webcomic Brown Paperbag. Der Comic erzählt vom Leben junger Inder und ihren Familien. Im Mittelpunkt steht der 22-jährige Sailesh Gopalan. Sailesh stellt sein Umfeld, inklusive seiner überfürsorglichen indischen Mutter, auf humorvolle Art dar. Auf seiner Website verkündet Sailesh ausdrücklich, dass die Brown Paperbag mehrere metaphorische Deutungen hat und man ihn nicht fragen soll, was der Name bedeutet. Wenn Migos in seinem 2017 erschienenen Rap-Song Brown Paper Bag singt: „We found the stash …wrapped up in a Brown Paper Bag“ wird die Bedeutung aber schon klarer. Auch in der Kunst wird mit der Tüte einiges angestellt. Auf Instagram tummeln sich Kaligraphie Künstler, die die Bags kreativ gestalten. Youtuber dagegen zeigen in DIYS wie man Bücher und Geschenkverpackungen aus Brown Paper Bags herstellen kann. Das New Yorker Kaufhaus Bloomingdales hat sich die Brown Paper Bag zur Marketingstrategie gemacht. Je nach Größe des Einkaufs trägt die Einkaufstasche den Aufdruck Little Brown Bag, Medium Brown Bag oder Big Brown Bag.

Von so einer vielseitigen Tüte lässt sich auf gesellschaftliche Strukturen schließen.

„Entscheidend ist, dass Dinge nicht isoliert, sondern in Ensembles interpretiert werden, in deren raumzeitlichen Anordnungen Objekte ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen und Auf-, Um- und Abwertungen erfahren können.“

Diese Tüte ist also ein Chamäleon des Alltags mit einer ziemlich langen Geschichte. Kein Wunder, wenn man beim nächsten Einkauf plötzlich an starke Frauen, Rapper und Teeniefilme denken muss.

 

Quellen

Improvement in Paper-Bag Machines. Abgerufen am 28.06.2019 von https://patents.google.com/patent/US116842

Danovich, T. (2017). The Secret Feminist History of Brown Paper Bags. Abgerufen am 06.07.2019 von https://www.eater.com/2017/11/15/16527598/feminist-history-of-paper-bags

Doe, J. (2019). Who invented the Paper Bag. Abgerufen am 28.06.2019 von http://www.biosmartpackaging.com/who-invented-the-paper-bag

Gates, H.L. (1997). The Future of the Race. New York City: Vintage.

Kerr, A. E. (2005). The Paper Bag Principle: Of the Myth and the Motion of Colorism. The Journal of American Folklore,118(469), 271-289. Abgerufen von http://www.jstor.org/stable/4137914

Petroski, H. (2003). The Evolution of the Grocery Bag. The American Scholar, 72(4), 99-111. Abgerufen von http://www.jstor.org/stable/41221195

Schloz, S. & Vedder, U. (Hrsg.). (2018). Handbuch Literatur & Materielle Kultur. Berlin: De Gruyter.

Snodgrass, M. E. (2005). Encyclopedia of Kitchen History. Abingdon: Routledge.

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4 Kommentare
  1. Yichi Zhang
    Yichi Zhang sagte:

    Eine schöner Beitrag mit anschaulichen Fotos:) Ich halte es sehr sinnvoll, dass ich immer etwas Neues von den Beiträgen lernen kann. Es hat mich verwundert, dass Brown Paper Bag verbunden mit der Diskrimienierung über Afroamerikaner war.

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  2. Kabouter
    Kabouter sagte:

    Ich kenne das auch noch aus meiner Jugend, dass man in öffentlichen Bereichen offiziell keinen Alkohol trinken darf, wo eine braune Papiertüte tatsächlich immer sehr hilfreich war – ohne Durchsuchungsbefehl darf da kein Polizist reinschauen 😀
    Faszinierend jedenfalls die ganzen verschiedenen Aspekte eines scheinbar so banalen Objekts, ein schöner Artikel!

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  3. Radwan Saad
    Radwan Saad sagte:

    „Diese Tüte ist also ein Chamäleon des Alltags (…)“, da kann ich dir nur zustimmen! Es ist bemerkenswert, wie eine Tüte zu einem Symbol von so vielfältigen Bewegungen und Problematiken in unserer Gesellschaft wurde. Freilich war die Brown Paper Bag für mich nur als die eine Tüte im Film bekannt, die wegen des US-amerikanischen Gesetzes als primäres Produkt zur Abdeckung der Alkoholflasche genutzt worden ist. Dass sie allerdings auch als ein Mittel für rassistische und feministisch-emanzipatorische Motive fungiert hat, sind Tatsachen, die die Brown Paper Bag zu einer außergewöhnlichen Tüte machen. Ein sehr informativer Artikel, der die wahre Geschichte einer so facettenreichen Tüte wiedergibt.

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