Plastiktüten, Toiletten und das Steckprinzip von LEGO-Steinen: Mit diesen drei Dingen hat Julia Güntherodt sich in den letzten Monaten besonders intensiv beschäftigt. Für ihre Bachelorarbeit im Studiengang „Wasserressourcen Management“ an der Hochschule Rottenburg verfolgte die 25-Jährige eine ungewöhnliche Idee: Sie will einen Baustein aus Plastik herstellen. Was dieser Stein mit Wasser zu tun hat und wieso er anders ist als andere Steine, erzählt Julia mir im Interview. 

„Das ist alles miteinander verstrickt“

Julia hat es sich mit dem Thema ihrer Abschlussarbeit nicht leicht gemacht. Sie will mit einer Idee gleich zwei typische Probleme in Entwicklungsländern lösen: die Plastikmüllverschmutzung verringern und für mehr sanitäre Anlagen sorgen. Dabei spielt ein Stein aus Plastik die Hauptrolle. Die besagte Idee kam ihr bei einem Aufenthalt in der Hauptstadt Ugandas buchstäblich zugeflogen. Sie zeigt mir ein Video, in dem der Wind bunte Plastiktüten durch die Straßen Kampalas wirbelt. Das sei ein Problem, sagt sie, denn das Plastik verschmutze nicht nur die Straßen, sondern auf indirektem Wege auch das Trinkwasser. In Uganda verkaufe und transportiere man Lebensmittel vorrangig in Plastiktüten. Gelangten diese nun samt Essensresten in Trinkwasserreservoirs, lockten sie Kleintiere an, die das Wasser mit ihren Exkrementen verschmutzten. 

„Zwei Fliegen mit einer Klappe“

Zu den häufigsten Ursachen von Trinkwasserkontamination gehöre neben der Verunreinigung durch Plastikmüll auch die unsachgemäße Entsorgung von Abwässern. Diese sei beispielsweise auf den Mangel von funktionierenden sanitären Einrichtungen zurückzuführen. „Das ist alles miteinander verstrickt“, sagt sie mir, „mein Gedanke war: Was könnte man tun, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen?“ Mit diesem Wissen im Hinterkopf kam sie auf folgende Idee: „Was, wenn man das Plastik – im Speziellen Plastiktüten, die es einfach überall gibt – als wertvollen Rohstoff verwendet, um daraus ein Produkt zu machen, das im besten Fall der Gesellschaft oder den Communities in Uganda hilft?“ Konkret formuliert sie dazu weiter: „Warum verwendet man diese Plastiktüten nicht dazu, ineinander steckbare Bausteine zu machen?“ Diese könnten beispielsweise dafür genutzt werden, um auf leichtem Wege Toilettenhäuschen zu bauen und damit beide Probleme zu lösen.  

„Die Herstellung ist ein bisschen abenteuerlich“

Julia hat nicht nur große Pläne, sondern gießt diese auch in eine Form. Anfang des Jahres führte sie erste praktische Versuche durch, um einen Stein aus Plastik herzustellen. Ihr Prototyp besteht aus zwei Komponenten: Plastiktüten und Sand. „Die Herstellung ist ein bisschen abenteuerlich“ sagt sie selbst, denn das Plastik werde in einem Topf über dem offenen Feuer bei maximal 200 Grad erhitzt und anschließend mit dem Sand vermischt. Dabei sei es wichtig, das Plastik nicht anbrennen zu lassen, da sich sonst die Menge an schädlichen Gasen vervielfache. Dann kommt die Masse für 15 Minuten in eine Stahlform und härtet dort aus. Am Ende wird der Stein zum Abkühlen aus der Form gelöst. Fertig.

Wenn man es im Verhältnis sieht

„Bei dem Herstellungsprozess habe ich mich darauf fokussiert, dass es möglichst einfach und ohne große Technologie vonstattengeht“, erklärt Julia und begründet diesen Vorsatz mit der leichten Nachahmbarkeit. Oftmals fehle es in Entwicklungsländern an Equipment und Zugang zu Strom. Das solle der Herstellung allerdings nicht im Weg stehen. Außerdem sei ihr wichtig gewesen, das Plastik schadstoffarm zu schmelzen. Dafür seien Plastiktüten sehr gut geeignet, da sie im Vergleich zu anderen Arten von Plastik weniger Emissionen freisetzten. Emissionsfrei sei ihre Methode zwar nicht, aber „wenn man es im Verhältnis sieht“ immernoch besser als die gängige Alternative im Umgang mit Plastikmüll: „In Uganda – und so ist es eben auch in vielen anderen Entwicklungsländern – wird das Plastik als Alternative einfach verbrannt. Es gibt keine funktionierende öffentliche Müllversorgung. Das heißt das Plastik wird so oder so verbrannt. Und wenn wir es stattdessen einfach schmelzen, ist zumindest dieser Anteil an auftretenden Emissionen ein bisschen geringer.“

Insgesamt ist ihre Idee nicht ganz neu ist. Ähnliche Ansätze zur Verarbeitung von Plastikabfällen gibt es bereits bei Pflastersteinen und anderen Bausteinen aus Plastik. Der Unterschied ist, dass Julia mehrere Ansätze miteinander vereint. Sie überlegte sich einen leichten Herstellungsprozess mit geringem Ausstoß von Schadstoffen und wenig Technik, aus dem ineinander steckbare Bausteine hervorgehen. 

„Wie ein LEGO-Stein“

Plastik aus der Umwelt zu binden, ist vermutlich der größte Vorteil der Steine, aber nicht der einzige. Im Vergleich zu Steinen aus Lehm, welche „die meistverwendeten Baustoffe in Entwicklungsländern sind“, sei Julias Stein stabiler, resistenter und langlebiger. Er gehe beim Transport nicht kaputt und überstehe auch starke Regenfälle. Die vermeintlich negativen Materialeigenschaften von Plastik im Kontext von Verschmutzung lassen sich in diesem Fall positiv nutzen. „Im Prinzip kann diese Steine nichts zerstören“, fasst Julia zusammen. Gleichzeitig sei der Stein leichter und durch sein außergewöhnliches Steckprinzip einfacher zu verbauen. „Was die Besonderheit an meinem Stein ist, ist dass er wie ein LEGO-Stein aussieht.“ Bei der Konstruktion seien daher weder Mörtel noch spezielle Vorkenntnisse der Mauerei notwendig. Das spare Ressourcen und senke die Hürde der Menschen, sich am Bau von beispielsweise Toilettenhäuschen zu beteiligen. Julia sieht in dem schnellen und unkomplizierten Bauverfahren eine weitere Chance: „Gerade Frauen sind darauf angewiesen, gute sanitäre Einrichtungen zu haben, aber die gegebenen Strukturen lassen es nicht zu, dass sie selbst was an ihrer Situation ändern können, weil sie eben vielleicht nie gelernt haben, wie man mauert“. Ein Plastikstein zum Ineinanderstecken könnte das ändern. 

„Ich wünsche mir, dass…“

Zum Abschluss unseres Gesprächs frage ich Julia, was sie sich für ihren Stein wünscht. Als hätte sie drei Wünsche frei, formuliert sie ihre Hoffnungen für die Zukunft: „Ich wünsche mir, dass nicht dort aufgehört wird, wo ich jetzt stehen geblieben bin und dass das Konzept noch weiter erforscht wird“. Sie fährt fort: „Ich wünsche mir, dass man die Möglichkeiten hinter diesem Material Plastik einfach mehr nutzt. Dass man erkennt, dass es nicht nur Müll ist, sondern ein wertvoller Rohstoff, und dass man daraus wirklich viel Gutes gewinnen kann“. Bei ihrem letzten Wunsch hält sie kurz inne, beginnt zu strahlen und sagt zum Schluss: „Und ich wünsche mir, dass irgendwann einmal aus einem Stein vielleicht eine ganze Toilette gebaut wird und dadurch zumindest eine Community eine bessere Abwasserentsorgung hat“.

 

Alle Bilder zeigen Julia Güntherodt © Anna Ustjanzew

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Schon gewusst? In Ruanda sind Plastiktüten ganz verboten. Mehr zum Thema und weitere interessante Beiträge findet ihr außerdem hier – oder abonniert unseren Newsletter!

 

 

4 Kommentare
  1. Elisabeth Held
    Elisabeth Held sagte:

    Eine sehr coole Innovation! Da wünscht man sich, dass Julias Wünsche in der Zukunft in Erfüllung gehen 🙂

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  2. Lea Scherm
    Lea Scherm sagte:

    Sehr informatives Interview! Ich denke, dass es sehr wichtig ist, zu überlegen, wie bereits vorhandenes Plastik wiederverwertet werden kann. Da sind solche Ideen ein sehr wichtiger Schritt. Auch wenn klar wird, dass jede Art von Wiederverwertung auch Nachteile mit sich bringt und das Schmelzen der Plastiktüten nicht emissionsfrei möglich ist, ist es dennoch vergleichsweise ein großer Fortschritt.

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  3. Nicola Wolfer
    Nicola Wolfer sagte:

    Ich finde es schön, dass sie die vermeintlich negativen Materialeigenschaften von Plastik nutzt und gleichzeitig auch noch zwei Probleme mit einem Produkt bekämpfen möchte. Ein wirklich tolles Projekt und ein interessanter Artikel mit einer schönen Fotostrecke.

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  1. […] den bunten, aber auch umweltverschmutzenden Alleskönner, der uns jeden Tag begegnet. Egal ob als Stein aus Plastiktüten, Nylon oder in Trabis. Man kann schnell den Überblick darüber verlieren, was eigentlich aus […]

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