Von Erdbeerjoghurt aus Sägespänen hat jeder schon gehört. Von Plastik in Lebensmitteln eher nicht. Was unsere Nahrung angeht, glauben viele Menschen die unterschiedlichsten Märchen. Nun ist es Zeit, sich mit den Mythen des  Plastikkonsums an einen Tisch zu setzen und gemeinsam die Wahrheit zu verdauen – Teil 2 unserer Serie über Plastik in unserem Essen.

Egal ob wir auswärts oder zu Hause essen, Fleisch oder Gemüse – mit jeder unserer Mahlzeiten nehmen wir etwa 100 mikroskopisch kleine Plastikpartikel in unseren Körper auf. Allerdings nicht so, wie wir denken. Wo kommt Mikropastik eigentlich her? Und schmeckt es überhaupt? Zuerst nehmen wir uns der winzigen Übeltäter an, Mikroplastik-Teilchen sind nämlich nicht größer als fünf Millimeter. Sie fallen zwar kaum auf, sind jedoch überall.

Primäres Mikroplastik wird übrigens gezielt hergestellt, während sekundäres Mikroplastik lediglich durch Zersetzung größerer Kunststoffgegenstände in unsere Umwelt gelangt. Dabei ist die chemische Zusammensetzung eines jeden Plastikteilchens verschieden. Von den Kunststoffen, die in der Umwelt zu finden sind, sind rund 74 Prozent Mikroplastik. Diese verteilen sich über den ganzen Planeten. Nachgewiesen wurden beide Arten der kleinen Kunststoffteile schon in Kosmetika, Waschmitteln, Muscheln und sogar in Zahnpasta. 

Sekundäres Mikroplastik, wie es etwa durch Zersetzung eines solchen Getränkedeckels entstehen wird, landet irgendwann in unserem Magen.

Plastik steckt in der Verpackung…

Viele unserer Lebensmittel sind aus Hygienegründen in Kunststoff verpackt – wenn man mal von den eingepackten Limetten und doppelt folierten Pomelos absieht. Diese Verpackungen reiben sich mit der Zeit ab. Dadurch kann Mikroplastik an den Lebensmitteln zurückbleiben. Die gleiche Folge wurde in der Vergangenheit auch schon bei PET – also Plastikflaschen – nachgewiesen. Tatsächlich nimmt der Mensch einen Großteil des Mikroplastiks durch Getränke aus Plastikflaschen  zu sich.  

… oder in bestimmten Süßigkeiten

Eine weitere Quelle für Plastik in unserem Essen sind zum Beispiel Kaugummis. Bis auf ein paar Ausnahmen besteht die beliebte Süßigkeit heutzutage hauptsächlich aus Polymeren, also Kunststoffen auf Erdölbasis, und ist deshalb in vielen Fällen immer noch nicht biologisch abbaubar. Mittlerweile gibt es aber Kaugummis, die sich in der Natur abbauen. Ein Beispiel dafür ist der Kaugummi der Marke Chicza. Die Entwicklung geht also in die richtige Richtung. Ein weiterer vermeintlicher Schurke: Vanillearoma. Es ist in unzähligen Speisen und Getränken zu finden. Dass es sich hier meist um künstliches, auf Erdölbasis hergestelltes Vanillin handelt, weiß fast niemand. Warum Vanillin aus Erdöl umweltschädlich ist und welche nachhaltigeren Lösungen es gibt, könnt ihr im Artikel Wie ein Eisgeschmack mit Bakterien die Umwelt retten könnte genauer nachlesen. 

Auch synthetische Textilfasern landen im Essen

Forscher*innen der Heriot-Watt-Universität im schottischen Edinburgh haben herausgefunden, dass wir direkt über das Essen nur wenig Mikroplastik zu uns nehmen. Der Löwenanteil des verspeisten Plastiks gelangt nämlich durch die Luft und unsere Umgebung in unseren Körper. Die aufgenommenen Teilchen stammen dabei hauptsächlich aus dem eigenen Haushalt. Durch Textilien, Kleidung oder sogar Hausstaub nehmen wir unbewusst winzige Plastikpartikel auf. Diese synthetischen Fasern lösen sich aus ihren ursprünglichen Verbindungen und setzen sich – zusammen mit dem Hausstaub – auf unser Essen. So gelangen während eines 20-minütigen Essens im Schnitt 114 Plastikfasern auf unsere Teller und von dort aus in unsere Mägen und womöglich auch ins Blut

So sieht Plastik im Essen zwar nicht aus, aber es ist trotzdem allgegenwärtig © Alena Shekhovtcova

Laut einer Studie des World Wide Fund For Nature (WWF) gelangen wöchentlich ungefähr fünf Gramm Mikroplastik in unseren Körper. Das entspricht ziemlich genau dem Gewicht von einem DIN-A4 Blatt. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir die kleinen Plastikteilchen einatmen oder sie auf anderen Wegen zu uns nehmen.

Auch im Freien ist es nicht anders. Dort atmen wir den Reifenabrieb der Autos und Fahrräder auf der Straße ein. Gerade dieser Abrieb ist – noch vor Kunstrasenplätzen und synthetischen Textilien – die größte Quelle der Verschmutzung unserer Umgebung durch sekundäres Mikroplastik. Jährlich landen so Tonnen mikroskopisch kleiner Partikel in Meere und Wälder, in unsere Häusern und schließlich in unsere Körper. Natürlich kommt es bei der Stärke der Verschmutzung auf die Umgebung an, aber selbst in der Arktis finden sich Spuren des synthetischen Stoffes.

Fünf Tipps gegen den „Plastikkonsum“

Der menschliche Plastikkonsum wurde leider noch nicht ausreichend erforscht, also bleibt die Frage der gesundheitlichen Folgen vorerst unbeantwortet. Fürchten muss man sich laut WWF derzeit nicht. Wer aber die Forschungsergebnisse nicht abwarten will, kann auf Nummer sicher gehen und darauf achten, möglichst kein Plastik zu sich zu nehmen.

Ein erster Schritt könnte sein, nicht mehr aus Plastikflaschen zu trinken. Alternativen sind hier Glasflaschen, am besten sogar wiederbefüllbare. Da die Gewässer in Deutschland sehr sauber sind, kann ohne Bedenken Wasser aus der Leitung getrunken werden. Empfehlenswert ist es außerdem, sich vor einem Kauf zu informieren, in welchen Kosmetika oder Waschmitteln Plastik enthalten ist – diese können Verbraucher*innen dann vermeiden.

Ähnlich verhält es sich mit der Mode. Statt Textilien aus synthetischen Fasern zu kaufen, kann auf Kleidung aus Naturfasern, zum Beispiel Baumwolle, Hanf, Leinen, Wolle oder Seide, zurückgegriffen werden. Und wer sich beim Essen absichern will, ob nicht doch irgendwo Plastik drinsteckt, dem bietet die kostenlose App „CodeCheck“ eine Möglichkeit, Produkte zu scannen und so unerwünschte Inhaltstoffe zu umgehen. Dabei kann man auswählen, ob und auf welche potenziell schädlichen Stoffe man verzichten bzw. hingewiesen werden will. Beim Essen empfehlen Ernährungsexpert*innen außerdem, den Verzehr von Fischen und Meeresfrüchten zu begrenzen. Denn diese sind dadurch, dass sie zu Lebzeiten Mikroplastik über die Nahrung zu sich genommen haben, ein Lieferant an Plastik für unseren Körper.   

Interessant: Auch eine Geschwindigkeitsbegrenzung im Straßenverkehr könnte helfen. Wenn Verkehrsteilnehmer*innen langsamer fahren, entsteht durch die Autoreifen weniger Abrieb und es gelangen so weniger Mikroplastikpartikel in die Luft. Im Optimalfall wird man also selbst aktiv und verhindert, dass überhaupt Plastik in die Umwelt gelangt. Denn ist Mikroplastik einmal in der Welt, wird es fast unmöglich, es wieder zu entfernen. 

Man könnte also sagen, dass sich die Menschen der Entsorgung von Kunststoffen sogar mit ihrem eigenen Verdauungstrakt annehmen. Wenn wir beim Essen die Kunststoffteilchen auch noch recyceln könnten, wäre das natürlich ein Ausweg. So bleibt uns nichts anderes übrig, als die bittere Plastikpille aus Liebe zur Erde zu schlucken – denn genau wie Plastik geht Liebe bekanntlich durch den Magen. 

 

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4 Kommentare
  1. Nicola Wolfer
    Nicola Wolfer sagte:

    Ein sehr schwieriges Thema, das leider viele Menschen nicht tangiert. Ich finde die Tipps sehr hilfreich und dennoch alltagstauglich.

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  2. Daniela Wahl
    Daniela Wahl sagte:

    Wahnsinn wie viel Plastik wir eigentlich zu uns nehmen. Insbesondere die Info mit der Kleidung hat mich etwas schockiert! Danke für diesen informativen Beitrag.

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  3. Anna
    Anna sagte:

    Richtig cooler Beitrag! Ich habe mich selbst dabei erwischt, wie oft ich die Augenbrauen aus Überraschung und Schock hochgezogen habe. Ein leckeres DinA4 Blatt aus Plastik pro Woche, Vanillin aus Edröl und ein guter Atemzug Kleidungsplastik zuhause, das wusste ich alles nicht. Sehr spannend, schön geschrieben und visuell super aufbereitet:)

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  4. Ines Maly
    Ines Maly sagte:

    Sehr interessanter und informativer Beitrag – wenn auch etwas schockierend, dass wir wöchentlich fünf Gramm Mikroplastik zu uns nehmen. Die Tipps finde ich sehr hilfreich, vielleicht probiere ich die App „CodeCheck“ mal aus!

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