Ich stehe in einem überfüllten und stickigen öffentlichen Verkehrsmittel. Die Temperatur misst 32 Grad. Hitze und Sauerstoffmangel lassen meine Gedanken abschweifen – ich träume von Pistazieneis und unbeschwerten Sommerabenden auf dem Campingplatz. Und plötzlich ist er da: ein billiger, weißer Plastikstuhl namens Monobloc. Ein Beitrag über die Geschichte und Gegenwart des Design-Klassikers.  

Zu Beginn des Jahres widmete der deutsche Autor und Produzent Hauke Wendler dem bekanntesten Möbelstück der Welt einen eigenen Kinofilm. In seinem Dokumentarfilm „MONOBLOC“ begibt sich Wendler auf eine weltweite Spurensuche, um sich mit der Geschichte des vielseitigen Designklassikers zu befassen. Er zeigt auf, wie das Leben vieler Menschen auf unterschiedlichste Weise mit dem kontroversen Kunststoff-Objekt verknüpft ist. Der Monobloc wird zum Gradmesser der Ungleichheit auf unserer Welt und spiegelt die Widersprüche der Konsumgesellschaft wider. Für die einen ist er der unbequeme Billo-Sessel in der Lieblingseisdiele, für die anderen ein Gefühl von Heimat, ein zeitloses Designobjekt oder das einzige erschwingliche Möbelstück. 

Alles an einem Stück gefertigt

Die meisten Personen denken bei dem Begriff Monobloc direkt an den weißen, leichten Plastikstuhl mit länglichen Aussparungen an der Rückenlehne. Im Grunde ist Monobloc jedoch nur die Bezeichnung für ein stapelbares Kunststoff-Sitzmöbel. Der Name beschreibt den Fertigungsprozess des Stuhls: Das Kunststoff-Granulat wird erhitzt, sodass es verflüssigt und anschließend in eine Form gespritzt werden kann. Der erste an einem Stück gefertigte Plastikstuhl wurde bereits im Jahr 1964 auf den Markt gebracht. Es handelte sich um einen Kinderstuhl der Designer Marco Zanuso und Richard Sapper. Es folgten einige weitere Monobloc-Modelle, die bis heute als Designklassiker gelten: vom organisch-geschwungenen Panton-Stuhl bis hin zum geradlinigen Bofinger-Stuhl. Ihnen allen war gemein, dass sie für eine ausgewählte Zielgruppe entwickelt und als Qualitätsprodukt vermarktet wurden.  

Hauke Wendler erklärt in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur, dass der Erfolg des Monoblocs auf einem Patentproblem basierte. Der französische Ingenieur Henry Massonnet wollte einen Monobloc entwerfen, der die gleichen Voraussetzungen wie die teuren Design-Vorgänger erfüllt und gleichzeitig für eine große Masse zugänglich ist. 1972 entwarf er daher den »Fauteuil 300«. Das Produktionsverfahren hinter dem Plastik-Sessel konnte nicht geschützt werden, sodass ab den 1980er Jahren immer mehr Unternehmen ähnliche Modelle auf den Markt bringen konnten. Heute gilt der »Fauteuil 300« daher als Urtyp des weltweiten Verkaufsschlagers.

Effizienz statt Qualität  

Während ein Fertigungszyklus bereits damals nur knappe zwei Minuten dauerte, können moderne Maschinen heute alle 50 bis 55 Sekunden einen Monobloc ausspucken. Es kommt jedoch nicht immer derselbe Stuhl dabei raus: Der Monobloc ist kein Designobjekt, das eins zu eins milliardenfach produziert wird, sondern vielmehr ein Typus, der in unendlich vielen Varianten existiert und immer wieder optimiert und angepasst wird. 

Im Lauf der Jahre wurde der Qualitätsgedanke des Erfinders durch den Druck der Konsumgesellschaft beiseitegeschoben. Die Materialstärke wurde reduziert, die Aussparungen an der Rückenlehne vergrößert und der Qualitätsverlust auf die Spitze getrieben. Der Monobloc ist durch diese Entwicklung in vielen Ländern zum Wegwerf-Produkt geworden. Einige zeitgenössischen Designer*innen und Künstler*innen, wie Philippe Starck oder Martí Guixé, wollen dieser Entwicklung entgegenwirken. Sie haben Neuinterpretationen geschaffen, die nachhaltige Alternativen darstellen oder den Fokus wieder auf den Design-Aspekt legen. 

Ein neuer Blickwinkel  

Die Geschichte hinter dem scheinbar plumpen Möbelstück ist so vielschichtig und kontrovers, dass sich der Filmemacher Hauke Wendler ganz bewusst von der westlichen, überheblichen Ablehnung gegenüber dem weißen Plastikstuhl distanziert und den Zuschauer*innen mit seinem Werk einen neuen Blickwinkel eröffnet. Er reist für seine Recherche auf fünf Kontinenten umher und spricht mit Menschen, für die der ästhetische Wert des Plastikstuhls absolut zweitrangig ist. Er hebt Geschichten hervor, die zeigen, wie der Plastikstuhl in den Alltag vieler integriert ist und an welchen Stellen er sogar zweckentfremdet wird. Gleichzeitig thematisiert er Aspekte wie Nachhaltigkeit, Recycling und Upcycling. 

Zwischen Kunst, Funktionalität, Konsum und Nachhaltigkeit – die Entwicklungsprozesse rund um den Plastikstuhl sind nicht schwarz oder weiß. Der Monobloc ist vieles: Er ist vielleicht der hässlichste Stuhl der Welt, ein Lifestyle-Objekt, ein Konsumsymbol, Plastikschrott, ein Designklassiker, eine Umweltsünde, ein Alltagsgegenstand und für manche eben auch das Sinnbild von Sommerglück.

Titelbild: © Nicola Wolfer

 

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6 Kommentare
  1. Lea Sachs
    Lea Sachs sagte:

    Die Grafiken sind mega!
    Und interessant, wie hinter einem einfachen Plastikstuhl ein so cooles Thema stecken kann. Vor allem der Film von Hauke Wendler reizt mich jetzt total zum ansehen.

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  2. Katharina Sauer
    Katharina Sauer sagte:

    Sehr schöner Artikel über ein weniger prominentes Thema im Zusammenhang mit Plastik. Mir haben deine Grafiken auch sehr gut gefallen und wenn ich mich verorten müsste, würde ich auf jeden Fall sagen: Der Monobloc ist für mich das Sinnbild von Sommerglück 😀

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  3. Anna
    Anna sagte:

    Ich finde es total spannend zu lesen, dass der „Urtyp“ des Modells eigentlich mal viel stabiler und qualitativ hochwertiger war und erst mit der Zeit durch die Kommerzialisierung an Qualität verloren hat. Das ist in meinem Kopf so sehr miteinander verstrickt, dass ich dachte das gehörte zum Grundkonzept. Ansonsten liebe ich dein Titelbild und visualisieren kannst du sowieso! Sehr schön:)

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  4. Pauline Rothfuss
    Pauline Rothfuss sagte:

    Ich assoziiere den Monobloc mit Urlauben im Süden, wo die Plastikstühle an allen Ecken und Enden stehen. Dass der Monobloc aber eigentlich nur so berühmt ist, weil es eben kein Patent auf die einschlägige Form gibt, wusste ich nicht! Sehr spannender Artikel, der einem auch klar macht, dass der vermeintliche „Billig-Plastikstuhl“, den wir im Sinne von Nachhaltigkeit und Zero-Waste wegreduzieren wollen, in ärmeren Ländern aus dem Alltag nicht wegzudenken ist.

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