Acrylfarben sind besonders intensiv und deckend, vielseitig einsetzbar und beständig. Dabei spielt Kunststoff eine wichtige Rolle. Doch wo haben Acrylfarben ihre Anfänge und was macht sie besonders im Vergleich zu Ölfarben? Die Künstlerin Gisela Göppel ist überzeugt: Das Malen mit Acrylfarben bietet vielseitige Möglichkeiten.

Vor mir aufgereiht stehen sie, eine Tube neben der anderen, in den verschiedensten Farben – Orange, Gelb und Blau. Meine Hand greift nach der gelben Tube. Ich schüttele sie kurz, öffne den Deckel und gebe einen großen Klecks der flüssigen Masse auf meine Farbpalette. Mit ein wenig Wasser auf meinem Pinsel lässt sich die Farbe leicht auf das Papier auftragen. Neben mir liegt meine Vorlage, ein Foto von Amy Winehouse. Ich beginne damit, den Hintergrund zu malen.

Grundsätzlich bestehen Acrylfarben aus vier Komponenten: Pigmenten, Acrylbindemittel, Lösungsmittel und Konservierungsstoffen. Die Pigmente sind für die Farbe zuständig. Je mehr Pigmente desto intensiver und deckender die Farbe. Die Bindemittel sorgen dafür, dass sich die Pigmentpartikel miteinander und mit dem Maluntergrund verbinden. Hier kommt der Kunststoff ins Spiel. Acrylbindemittel bestehen aus Kunstharzteilchen beziehungsweise Kunststoffen, die sich in hoher Konzentration in einem Lösungsmittel, dem Wasser, befinden. Zum Vergleich: Bei anderen Kunstfarben wie beispielsweise Ölfarben sind trocknende Öle das Bindemittel. Wenn das Wasser schließlich verdunstet und die Acrylfarbe trocknet, verbinden sich die Partikel miteinander zu einer wasserfesten, elastischen Schicht. Durch die Verdunstung verringert sich das Volumen der Farbmasse minimal, übrig bleiben die Pigmente und das (Kunststoff-)Bindemittel. Zusätzlich werden den Acrylfarben Konservierungsstoffe beigefügt, um eine lange Haltbarkeit zu garantieren und zu vermeiden, dass die Farbe schimmelt.

Von Ölfarben und Co.

Während ich die Inhaltsstoffe der Acrylfarben studiert habe, ist die Farbe auf meinem Papier bereits getrocknet – ein entscheidender Vorteil beim Malen mit Acrylfarben.

Bevor Acrylfarben erfunden waren, arbeiteten Künstler*innen überwiegend mit Ölfarben. Leonardo da Vincis Mona Lisa entstand beispielsweise mit den Vorgängern der Acrylfarben. Bei Ölfarben verschmelzen die Farben miteinander, vermischen sich auf dem Maluntergrund. Das liegt daran, dass die Farbschichten miteinander oxidieren, während bei Acrylfarben das Wasser oxidiert.

Durch lange Trocknungszeiten verliert die Ölfarbe an Flexibilität und reißt, wenn sich der Bildgrund durch Temperatur und Feuchtigkeit ausdehnt oder zusammenzieht. Es entstehen feine Risse, wie hier auf der Stirn der „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci. © Pixabay

Gisela Göppel, freie Künstlerin aus der Nähe von Heilbronn, arbeitet seit 15 Jahren mit Acrylfarben. Sie sieht einen entscheidenden Vorteil von Acrylfarben gegenüber Ölfarben:

„Ölfarben trocknen sehr langsam und man muss einige Tage warten, bis man die nächste Schicht darüber setzen kann. Es dauert bis zu einem halben Jahr, bis ein Ölbild ganz durchgetrocknet ist.“

Dadurch, dass Acrylfarben wesentlich schneller trocknen, können Künstler*innen kontinuierlich an einem Bild arbeiten. Acrylfarben sind in der Optik und Malweise den Ölfarben ähnlich, allerdings einfacher anzuwenden. Anders als bei Ölfarben benötigt man beim Malen mit Acrylfarben außer Wasser auch kein zusätzliches Lösungsmittel wie beispielsweise Terpentin. Dadurch ist die Farbe geruchsneutral. Das deutsche Unternehmen Schmincke & Co. produziert seit den 1960er Jahren als eines der ersten Unternehmen eigene Acrylfarben in Europa. Auf Nachfrage teilte das Unternehmen Folgendes mit:

„Die sehr kurze Trocknungszeit und einfache Anwendung machten die Acrylfarbe vermutlich sehr interessant für Künstler und auch Handwerker etc. und hat auch den Aufstieg dieser Farbsorte begründet.“

Innen Acryl, außen Plastik: Acrylfarben gibt es heute in unzähligen Farbtönen und handlichen Tuben. © Pixabay

Die Anfänge der Acrylfarben

Nun skizziere ich den Umriss von Amy Winehouse auf meinen farbigen Hintergrund. Ich mische die Farben Beige und Weiß auf meinem Pinsel und beginne die Arme der Sängerin zu malen. Dabei frage ich mich, wie Acrylfarben überhaupt entstanden sind.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts forschte der Chemiker Otto Röhm zu Acrylsäure. In seiner Dissertation über die „Polymerisationsprodukte der Acrylsäure“ befasste er sich eingehend mit der Frage, welche Produkte bei der Molekülvernetzung von Acrylsäure entstehen. Er entwickelte eine große Anzahl an Acrylat- und Methacrylatverbindungen wie z. B. Acryloid F-10, die ihren Einsatz später in der Acrylfarbe finden.

Acrylharzfarben für den Gebrauch in der Malerei wurden erst später entwickelt. Der amerikanische Künstler und Unternehmer Leonard Bocour gilt als Pionier der ersten Acrylbindemittel in Kunstfarben. Seine Firma Bocour Artists Colors in New York produzierte 1947 die erste acrylharzgebundene Kunstfarbe. Sie hieß Magna Plastic Artist Color. Die Basis dafür war Acryloid F-10, und so arbeitete Leonard Bocour mit dem Produzenten des Acryloid F-10, der Firma Röhm & Haas zusammen. Im Vergleich zu modernen Acrylfarben wurden Magna Colors noch mit Terpentin oder Lösungsbenzin gemischt statt mit Wasser.

Der amerikanische Farbfeld-Künstler Morris Louis arbeitete fast ausschließlich mit Magna Colors, auch der Pop Artist Roy Lichtenstein liebte die Möglichkeiten, die die neuen Farben in 36 Farbtönen boten. Europäische Künstler*innen entdeckten die Neuerung schließlich in den Vereinigten Staaten und brachten sie mit nach Hause. Seit den 1960er Jahren produzierten auch Fabriken wie George Rowney & Co. in London, LUKAS und Schmincke & Co in Düsseldorf die Kunstacrylharzfarben. Heute finden Acrylfarben in den verschiedensten Bereichen Anwendung: Industrie, Handwerk und Kunst.

Mit dem Pinsel male ich das Kleid mit einem leuchtenden Magenta aus, das Gelb vom Hintergrund lasse ich stehen.

In den Arbeiten von Gisela Göppel erkennt man oft menschliche Gestalten, deren typische Markenzeichen eine Portion Heiterkeit, subtiler Humor und Fantasie sind. © Gisela Göppel

Gisela Göppel malte viele Jahre mit Aquarellfarben, dann entdeckte sie Acrylfarben für sich. Das Malen mit ihnen ist für sie einzigartig:

„Acrylfarben kann man vielseitig einsetzen, sowohl großformatig als auch kleinformatig. Auf Leinwand, Papier oder Holz. Sie sind kombinierbar mit Öl, Pastell oder Holzstiften. Auch Collagen sind möglich oder die Verwendung von Strukturpaste.“

Auf meinem Bild sieht man, wie sich im Hintergrund und im Kleid von Amy Winehouse die verschiedenen Acrylschichten deutlich abzeichnen. © Lea Scherm

Ich stelle den Pinsel zurück in den Becher mit meinem Malwasser. Die Acrylschichten sind trocken. Nun widme ich mich den letzten Details. Mit der rosa Kreide konturiere ich Amys Wangen, zeichne mit dem Stift die Tattoos auf ihre Arme. Nach etwa fünf Stunden bin ich fertig. In kurzer Zeit so viele Farbschichten übereinander, ohne dass sich die Farben vermischen. Das ist die Besonderheit der Acrylfarben. Zufrieden blicke ich auf mein Bild – und weiß nun auch wie alles begann…

Titelbild: © Pixabay

 

 

 

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5 Kommentare
  1. Elisabeth Held
    Elisabeth Held sagte:

    Sehr interessant! Ich habe auch schon öfters mit Acrylfarben gemalt, aber mir darüber nie Gedanken gemacht.

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  2. Katharina Sauer
    Katharina Sauer sagte:

    Toller Artikel! Auch wenn ich mit Malen seit der Schule eher wenig zu tun hab, habe ich deinen Beitrag super gerne gelesen. Meinem schlechten Kunstwissen geschuldet, kannte ich die Besonderheiten der Acrylfarben noch nicht (oder habe sie wieder vergessen) und habe daher sehr viel mitgenommen 😀

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  3. Ines Maly
    Ines Maly sagte:

    Ein sehr schöner Artikel über die Acrylfarben – mit einem spannenden Einblick in deren Geschichte! Ich habe auch schon mit Acrylfarben gemalt und fand es daher besonders schön auch ein Bild zu sehen, das du selbst gemalt hast.

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  4. Pauline Rothfuss
    Pauline Rothfuss sagte:

    Wirklich schöner und informativer Artikel! Ich habe fast das Gefühl, als hätte ich mit dir gemalt und nebenbei etwas über die komplizierte Zusammensetzung und die Vorteile von Acrylfarben erfahren! Was ich auch spannend finde und nicht erwartet hätte ist, dass es Acrylfarben eigentlich erst seit den 1960ern in Europa gibt.

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  1. […] eine Verbindung bzw. einen Verlauf herzustellen. Durch das Verwenden von Ölfarben anstelle von Acrylfarbe könnte man das Plastikhafte mehr verdeutlichen. Nun kannst du Plastik […]

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