Grün ist die Farbe der Hoffnung? Das gilt wohl nicht für die Filmwelt. Häufig steht die grüne Farbe hier für Verfall, Tod, Krankheit, Geister – oder kurz: Horror. Doch warum ist Grün im Film so gruselig? Und wie genau wird die Farbe noch heute in der Filmlandschaft verwendet? Die Medienwissenschaftlerin Susanne Marschall gewährt einen Blick hinter den Kinovorhang.

Der Film „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920) erzählt von einem Rabbiner, der aufgrund seiner Religion im 16. Jahrhundert verfolgt wird. In seiner Not kreiert er mit Zauberkraft und Lehm eines der ersten Horrorfilm-Monster mit Legenden-Status: den titelgebenden Golem. Eben diese Schaffungsszene des Monsters ist komplett in giftgrün viragiert, d.h. eingefärbt. Damit war der deutsche Stummfilm von Paul Wegener und Carl Boese vor knapp 100 Jahren einer der ersten, der die Farbe Grün im Horrorfilm einsetzte.

Die Schaffungsszene des Filmmonsters Golem – komplett in Grün getaucht © Screenshot aus „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920)

Das Luxusgut Farbe

Bei der Virargierung wurde der komplette Film in Farbe getaucht © Fotomuseum Winterthur

Bis in die 1920er Jahre mussten Filmproduzenten ihre Werke noch Frame für Frame von Hand kolorieren. Mit der zunehmenden Dauer der Stummfilme war das aber irgendwann zu aufwendig. Deswegen begann man kurzerhand ganze Szenen in Farbe zu tunken, um beim Publikum bestimmte Emotionen auszulösen. Bei beiden Verfahren mussten sich die Produzenten jedenfalls schon weit im Vorhinein überlegen, welche Szenen, welche Farben beinhalten sollten: Es war die Geburtsstunde der Farbdramaturgie. Erst mit der Entwicklung des „Technicolor-Systems“ in den 1930er Jahren waren realistischere Farbaufnahmen mit einer Filmkamera möglich. Doch auch hier musste man sich bereits vor den Aufnahmen Gedanken über die Farbdramaturgie machen, erklärt Susanne Marschall:

Prof. Dr. Susanne Marschall ist Expertin für Farbe im Film © Uni Tübingen

 

„Bei Farbe im Film handelt es sich filmhistorisch betrachtet um ein Luxusgut, das erstmal entwickelt und dann auch finanziert werden musste. Alle Farbfilme waren zunächst ungeheuer teuer und insofern hat man sich auch gut überlegt, was man mit diesem kostspieligen Mittel macht.“

 

 

 

Bedeutung von Grün im Horrorfilm

Aber warum begannen Filmemacher, gruselige, aufwühlende Szenen mit grüner Farbe zu untermalen? Diese Wahl scheint besonders merkwürdig, wenn man betrachtet, wie wir die Farbe wahrnehmen. So weist auch Marschall erst einmal auf die beruhigende Wirkung der Farbe hin:

„Wenn wir alle Farben sehen können, befindet sich Grün in einem Bereich, in dem unser Sehen sehr ausbalanciert ist. Also Grün empfinden wir als Farbe nicht anstrengend für die Augen. Auf der Ebene der visuellen Wahrnehmung ist die Farbe mit einem gewissen Wohlbefinden belegt.“ 

Aus diesem Grund färbten viele Filmproduzenten idyllische Naturszenen komplett Grün. Doch was in der Umwelt natürlich aussieht, wirkt schnell surreal und giftig, sobald Menschen in grüner Farbe dargestellt werden. Das prominenteste Beispiel ist hier wohl die böse Hexe aus The Wizard of Oz aus dem Jahr 1939, auch wenn es sich hierbei eher um einen Musical-Film handelt.  

Die böse Hexe trägt giftig grüne Haut © Screenshot aus „The Wizard of Oz”

„Wir sind irritiert, wenn jemand eine grüne Hautfarbe hat. Wir denken an Gift und an Gefahr. Prädestiniert ist das natürliche Grün allemal für den Landschaftsfilm. Grün hat aber auch ganz klar eine wichtige Position im Horrorfilm.“ 

Diese Bedeutungen der Farbe gehen laut der Medienwissenschaftlerin übrigens sehr weit zurück. Lange bevor es Supermärkte gab, standen unsere Vorfahren der Natur noch etwas näher. Sie mussten selbst entscheiden, welche Nahrung genießbar und welche vielleicht sogar toxisch sein könnte. Durch die Objekterfahrung mit verdorbenen, giftigen Früchten hat sich der Sinngehalt der Farbe über Jahrtausende hinweg entwickelt.

Noch immer grüne Horrorfilme

Mittlerweile müssen Produzenten nicht mehr einzelne Frames von Hand kolorieren oder ganze Filmrollen in Farbe tunken. Stattdessen können sie die gewünschte Farbdramaturgie nun bequem am Computer erzeugen. Trotz neuer Produktionstechnologien bleibt die Bedeutung von Grün im Horrorgenre gleich. Susanne Marschall nennt eine Vielzahl verschiedener Aspekte der grünen Farbe im Horrorfilm:

„Immer, wenn die Situation irreal wird, dann wird sehr oft mit diesem monochronem Grün oder anderen monochronen Szenarien gearbeitet. Träume, Albträume, Angstzustände, Geisterbegegnungen. All das wird durch eine Konvention, die so gewachsen ist, oftmals so dargestellt.“ 

Das amerikanische Remake des japanischen Horrorschockers spielt oft mit der Farbe Grün © Screenshot aus „The Ring“

Eine besonders aufwendige Methode verwendete dabei Stanley Kubrick. Der Regisseur hat in seinem Meisterwerk „The Shining“ (1980) kurzerhand ein komplettes Badezimmer grün ausgestattet, um eine Geisterszene zu inszenieren.

Ein monochromes grünes Geisterbadezimmer © Screenshot aus „The Shining“

„Wenn ein Raum komplett Grün ausgestattet wird, dann verliert man auch Inhalt. Es ist ja so, dass die Farbinformation sich reduziert. Die Kontraste gehen zurück und man hat dadurch eine ganz seltsame andere Wahrnehmung. Es wird einfach irrealer und genau auf dieses Moment setzen sehr viele Filme.“

Darunter finden sich Film-Klassiker wie „Der Golem, wie er in die Welt kam“, „Vertigo“, „The Shining“, „The Ring“ und eine ganze Menge weiterer Filme, die einem den Atem stocken lassen. Interessant ist, dass sich die Farbdramaturgie der grünen Farbe im Verlauf von über hundert Jahren kaum verändert hat. Wenige Aspekte, wie z.B. das giftige Labor, fielen über die Entwicklung der Filmgeschichte weg. Andere Aspekte des grünen Horrors kamen durch technische Neuentwicklungen wie Computersimulationen und Nachtsichtgeräte  hinzu. Trotzdem erzielt die Farbe noch heute ähnliche Effekte wie zu Beginn des Farbfilms und fesselt Zuschauer*innen an ihre Kinosessel. Wer hätte gedacht, dass so eine neutrale Farbe so gruselig sein kann?

Nach welchem Gruselfilm konntet ihr nachts nicht schlafen? Wurde darin vielleicht auch die Farbe Grün verwendet? Schreib es mir gerne in die Kommentare! 

 

Titelbild: © The Playlist Staff 

 

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11 Kommentare
  1. Diana Bossert
    Diana Bossert sagte:

    Du hast hiermit einen super spannenden Artikel verfasst – gefällt mir richtig gut! Vor allem auch die Zitate von Frau Prof. Marschall finde ich sehr spannend als Einschübe. Mir war es zwar bewusst, dass die grüne Farbe im Horrorfilm viel Präsenz hat – aber du hast auf jeden Fall ganz neue Aspekte für mich persönlich ans Licht gebracht. Ich achte ab jetzt noch mehr darauf!

    Antworten
    • Tim Richter
      Tim Richter sagte:

      Vielen Dank dir für den Kommentar! Ich fand das Thema auch echt interessant und hatte richtig Spaß beim Schreiben. Und natürlich war ich sehr dankbar, dass ich Susanne Marschall für das Interview gewinnen konnte. Freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat 😀

  2. Tong Zhao
    Tong Zhao sagte:

    Die Verwendung von Grün in „The Ring“ gefällt mir sehr. Im Vergleich zum originalen „The Ring“ in Japan, der immer eine dunkelgelbe oder gelbe Farbe hat, hat Grün zu einer richtig unreal und unangenehmen Atmosphäre in dem amerikanischen Remake beigetragen. Bei „The Shining“ habe ich leider nicht bemerkt, was Grün bedeutet. Den Film muss ich nachher genauer nochmals anschauen. Vielen Dank für deinen Beitrag:) Die Farbe im Film ist ein sehr interessantes Thema 😁

    Antworten
    • Tim Richter
      Tim Richter sagte:

      Ja das Remake ist auch einer meiner liebsten Filme! Leider habe ich es immer noch nicht geschafft, mir das Original anzusehen. Das steht aber auf jeden Fall auf meiner To-Do-Liste! Bei „The Shining“ werden allgemein sehr viele Farben sehr intensiv verwendet. Die Farbe Rot bei den Toiletten/dem Badezimmer des Balls, die Farbe Gelb/Rosa bei der berühmten Axt-Szene und die Farbe Blau im verschneiten Labyrinth bei der finalen Verfolgungsszene. Wahnsinn, was das bei uns immer unterbewusst auslöst!

  3. Theresa Heil
    Theresa Heil sagte:

    Ein spannender Beitrag! Das ist zwar kein Horrorfilm, aber in Harry Potter erscheint auch grünes Licht, wenn der Todesfluch Avada Kedavra eingesetzt wird. Daran musste ich als erstes denken. Die Filme, die du beschrieben hast, werde ich mir auf jeden Fall auch noch anschauen! 🙂

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    • Tim Richter
      Tim Richter sagte:

      Ja stimmt! Und wie Ipek oben schon meinte, das „böse“ Haus Slytherin trägt auch die Farbe Grün. Ich finde auch krass, dass so eine neutrale Farbe, der wir in der Natur ja fast immer ausgesetzt sind, so eine negative Bedeutung haben kann 😀

  4. Stephanie Kufner
    Stephanie Kufner sagte:

    Ich finde immer faszinierend, welche subtile Wirkung Farb- und Lichtgestaltung im Film hat. Wir nehmen sie nur wirklich wahr, wenn wir bewusst darauf achten. Das nächste Mal werde ich gezielt nach der Farbe Grün Ausschau halten.

    Antworten
    • Tim Richter
      Tim Richter sagte:

      Ich finde das auch sehr faszinierend. Und vor allem jede einzelne Farbe hat ihre eigenen Bedeutungen!
      Freut mich, dass es dich genauso interessiert, wie mich!

  5. Ipek Ivecan
    Ipek Ivecan sagte:

    Mein erster Gedanke beim Lesen des Artikels war das Hogwarts Haus Slytherin. Auch da wird Grün mit dunkler Magie und Eifersucht verbunden. Wenn Sachen, die normalerweise nicht grün sind, schlecht werden, werden sie grün. Da denke ich zum Beispiel an Obst, das verschimmelt oder an verschiedene Pilze. Grün, wo es normalerweise kein Grün gibt, ist ein Zeichen von Korruption und Verfall in etwas, das gesund sein sollte – sei es nun Lebensmittel oder eine Metapher für eine Situation/Person, etc. Ich stimme den anderen Kommentaren zu – die vielfältige Wirkung der Farbe Grün ist wirklich faszinierend, wenn man sich näher damit beschäftigt 🙂

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    • Tim Richter
      Tim Richter sagte:

      Das ist auch sehr interessant. Jeder hat wahrscheinlich einen anderen Film, der ihm/ihr in den Kopf kommt, wenn man an die Farbe Grün denkt. Aber das zeigt auch, wie vielseitig die Farbe im Film verwendet wird. Ich fand das Thema auch richtig spannend und hatte auch Spaß beim Schreiben! Danke für deinen Kommentar 🙂

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