Eine Axt spaltet Holz

O Tannenbaum, o Tannenbaum, du bist ein wahrer Alptraum. So empfindet zumindest die Ich-Erzählerin in dieser Geschichte. Wenn einem im Sommer die mittlerweile nadellosen Überbleibsel der sonst so saftig grünen Weihnachtsbäume auflauern, dann kommt einiges hoch, das lieber verdrängt geblieben wäre. Eine Tragödie in fünf Akten, die nicht nur Fiktives enthält.

Ich hasse Weihnachten – das ist mein erster Gedanke, als ich bei der Garten-Arbeit auf die traurigen Gerippe der vergangenen Weihnacht stoße. Im hintersten Winkel des Grundstücks liegen die drei ausrangierten Weihnachtsbäume achtlos übereinander geworfen wie Sperrmüll. Sie haben all ihre Nadeln längst verloren und sehen wirklich erbärmlich aus. Keiner von ihnen scheint sich an sein geschmücktes Dasein erinnern zu können. Und auch ich sollte die Erinnerungen lieber am Ort ihrer Verdrängung belassen…

Akt 1: Das Apfel-Debakel

Ich betrachte die Baum-Skelette näher. An einem der Weihnachtsbäume finde ich sogar noch einen der – zugegebenermaßen – abscheulichen selbst bemalten Plastik-Äpfel, die meine 6-jährige Nichte meiner Mutter zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hat. Er leuchtet zwischen den dürren Zweigen noch immer rot wie ein Warnschild. So als wolle er die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist, nicht verschweigen. Mit spitzen Fingern hatte meine Mutter beim Weihnachtsbesuch meiner Nichte die Plastik-Äpfel an den Baum gehängt. Dabei betonte sie, dass die Äpfel als traditioneller Baumschmuck an die verbotenen Früchte im Paradies und an die Sünde gieriger Kinder erinnern sollten. Der Besuch meiner Nichte war danach schnell und tränenreich zu Ende gegangen. Meine Mutter hatte danach umgehend den neuen Baumschmuck entfernt und in irgendeiner Kiste verschwinden lassen. Doch diesen vor mir hatte sie offenbar vergessen. Ich reiße den Plastik-Apfel von seinem Zweig und werfe ihn schnell über den Zaun zum Nachbarn.

Akt 2: Das Baum-Dilemma

„Du bist zum Arbeiten und nicht zum Rumstehen hier“, ruft meine Mutter vom Haus zu mir herüber und erteilt mir den Befehl die alten Christbäume zu Brennholz zu verarbeiten. Dieser Auftrag kommt mir sehr zynisch vor, angesichts der Tatsache, welch großes Drama der jährliche Kauf des Baumes in unserer Familie darstellt. Mein Vater fährt am Heiligabend last minute los, dementsprechend gering ist mittlerweile die Auswahl beim Stand. Mein Vater sucht dennoch gezielt das hässlichste Exemplar aus, schnallt es aufs Autodach, vergisst es dort aber beim Einparken in den Carport und rasiert so der ohnehin schon traurigen Pflanze noch eine Seite kahl. Meine Mutter ist entsetzt, fährt zurück zum Stand und sucht dann unter den verbliebenen zwei Bäumen des Verkäufers den am wenigsten kahlen, krummen und braunen aus. Schöner wird’s nicht. Nein, die kahlen Bäume vor mir waren auch zu Lebzeiten keine Augenweide, denke ich. Und zerre die drei nackten und traurigen Weihnachtsgerippe durch das hohe Gras zu ihrem Schafott.

Akt 3: Das Fest der Hiebe

„Nicht einschlafen“, flötet meine Mutter, die mich – erfreut über meine Plagerei mit den toten Bäumchen – beobachtet und dann im Haus verschwindet. Ein Haus, in dem sich alljährlich an Weihnachten skurrile Szenen ereignen. Der Baum sieht auch aufgestellt und geschmückt noch immer bemitleidenswert aus und dementsprechend schief hängt auch der Haussegen. Die immergrüne Pflanze im Wohnzimmer vermag es keineswegs an die Hoffnung auf den nahenden Frühling, Gesundheit oder das ewige Leben zu erinnern. Nein. In Anbetracht des ehelichen Dramas, das sich nach dem alljährlichen Weihnachtsbaumkauf in unserem Wohnzimmer abspielt, erinnert man sich eher an das Gegenteil. Mein Vater geht in Deckung, während meine Mutter noch immer wegen des Baumes tobt und ihn erst mit steinharten Lebkuchen, später mit dem dazugehörigen Gebäck-Teller bewirft. Schwer zu sagen, was da schlimmer schmerzt. Mich wundert nur, dass der Baum bei all der dicken Luft nicht schon an diesem Tag eingegangen ist, denke ich. Meine Axt saust auf einen der vertrockneten und wehrlosen Weihnachtsbäume nieder.

Akt 4: Der Baum-Spar-Plan

Wie jedes Kind, so versuche auch ich die Probleme meiner Eltern mit guten Ratschlägen zu lösen. Weihnachten ohne Baum und das Geld einfach sparen, lautet meiner. Oder noch besser: Alle potenziellen Christbaum-Käufer könnten die 600 Millionen Euro für die 20 Millionen gekauften Bäume einfach einsparen und auf dieser Grundlage Gutes tun. Das wäre dann mein Plan zur Errettung der Welt. Aber mich fragt ja keiner. Weihnachten ohne Baum kommt für meine Mutter ohnehin nicht infrage. Auf diese Jahrtausende alte Tradition wolle sie nicht verzichten. Dabei wurde 1521 erstmals ein Weihnachtsbaum erwähnt und es dauerte zwei weitere Jahrhunderte bis sich die Tradition überhaupt etabliert hatte. Aber das interessiert meine Mutter alles nicht. Eine argumentresistente Frau ist das, denke ich. Und schlage auf das nächste Weihnachtsbaum-Skelett mit der Axt ein, sodass die vertrockneten Tannennadeln in alle Richtungen spritzen.

Akt 5: Der Weihnachts-Dämon

„Geht das auch ein bisschen leiser?“ ruft meine Mutter vom Haus zu mir herüber. Mit nur einem Axthieb und einem Ächzen zerfetze ich nun den Stamm des verbliebenen letzten Weihnachtsbaums. „Nächstes Jahr gibt’s keinen Baum“, schreie ich, ohne von meiner Arbeit aufzublicken. „Der Baum gehört genauso dazu wie das Christkind“, erwidert meine Mutter schnippisch. „Dann lassen wir das halt auch noch weg!“ rufe ich, während mir kleine Holzstücke um die Ohren fliegen. „Alles Heuchelei“, der Schweiß tropft mir von der Stirn. „Den Weihnachtstag haben sich die von der Kirche doch nur so hingelegt, damit sie dem Fest für den römischen Sonnengott irgendwas entgegensetzen können!“ Wie besessen hacke ich immer schneller auf das kahle Bäumchen ein. Meine Mutter ist völlig entrüstet: „Wag’ es ja nicht hier das heilige Fest der Liebe zu entweihen“, zetert sie. Vor mir liegen die zerhackten Stücke der vergangenen Weihnacht. Hinter mir steht der böse Geist der Weihnacht. Ich drehe mich zu meiner Mutter um. Dann erhebe ich die Axt.

 

Weihnachten ist auch für dich die reinste Qual? Erzähl doch mal von deinem schlimmsten Weihnachtserlebnis in den Kommentaren!

 

Immergrüne Pflanzen waren in diesem Beitrag Anlass für einigen Ärger. Warum Grün aber wirklich als ‚Killer-Farbe‘ bezeichnet werden kann, erfährst du in diesem Beitrag.

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Titelbild © Unsplash

4 Kommentare
  1. Tong Zhao
    Tong Zhao sagte:

    Das ist wirklich eine traurige Geschichte. Wenn ich mich an Weihnachten erinnere, denke ich immer an die großen und schönen Weihnachtsbäume auf der Straße. Ich habe nie überlegt, was das Schicksal der Weihnachtsbäume nach Weihnachten ist.
    Die Tradition oder der Umweltschutz? Das ist doch eine gute Frage.

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    • Natalie Lenhof
      Natalie Lenhof sagte:

      Kleiner Literaturtipp dazu: Zum Schicksal eines Weihnachtsbaumes bzw. eines Tannenbaumes gibt es ein interessantes Märchen von Hans Christian Andersen.

  2. Johanna Hiesl
    Johanna Hiesl sagte:

    Ich finde deine Geschichte zum Weihnachtsbaum sehr gelungen und bildhaft geschrieben.
    Meine Eltern zelebrieren das Aussuchen des Weihnachtsbaumes jedes Jahr ausgiebig und suchen nach dem „perfekten Baum“. Es ist amüsant zu sehen, wie sie sich über das Bäumchen den Kopf zerbrechen. Dennoch finde ich den Gedanke die Bäume spätestens zum Jahreswechsel wieder zu entsorgen auch sehr traurig!

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  3. Johanna Jordan
    Johanna Jordan sagte:

    Sieh es doch so: Ohne die Weihnachtsbäume könntest du jetzt nicht die lustigen Geschichten weitergeben. Das mit dem Carport ist wirklich eine Nummer 😀 Aber Spaß beiseite, es ist wirklich schade, dass die Bäume uns so kurz „dienen“ und dann einfach weggeworfen werden. Hier bräuchte man eine Alternative… Man kann Tannenbäume zum Beispiel auch mieten. 🙂

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