Es sind einmalige Bilder, die uns in der Corona-Pandemie begleiten: In Indien wird der Himalaya seit Langem wieder sichtbar, in Venedigs Kanäle kehren die Fische zurück. Die Natur winkt mit dem Zaunpfahl: „Wenn ihr mich in Ruhe lasst, dann kann ich mich erholen“. Zeit unsere Beziehung mit der Natur zu überdenken, oder? Ein Kommentar zur aktuellen Situation. 

Keine Frage – die Menschheit wurde von Corona hart und schmerzvoll getroffen. Was sich aber gezeigt hat, wenn wir kurz auf Pause drücken, alles herunterfahren und um uns schauen: Für die Natur ist es noch nicht zu spät, sich zu erholen. Es ist ein Ausnahmezustand, der die ganze Welt betrifft, und es ist ein Zeichen der Natur, das die ganze Welt betrifft.

Natur heute – eine traurige Bilanz

Wir sind auf funktionierende Ökosysteme angewiesen. Sonst erwarten uns schwierige Zeiten.

Wenn man sich den Menschen verursachten Zustand der Natur vor Augen hält, klingt es fast wie aus dem Drehbuch eines Weltuntergangfilms. Das Artensterben schreitet bis zu 100 Mal schneller als im Durchschnitt der letzten 10 Millionen Jahre voran. Zwischen 1975 und 2014 ist die Wirbeltier-Population um 60 Prozent zurückgegangen. 75 Prozent der Landoberfläche und 66 Prozent der Meeresflächen sind stark verändert. 23 Prozent der Landflächen sind derart heruntergewirtschaftet, dass sie nicht mehr genutzt werden können. Seit dem späten 19. Jahrhundert ist die Hälfte der Korallenriffe ausgestorben. Luftverschmutzung und Treibhausgase sind die schlimmsten Übeltäter, wenn es um die Zahl der Todesfälle, Krankheiten und Fluchtbewegungen geht. Auch das Wasser ist enorm verseucht und bietet jeder*m Dritten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dies sind alles Ergebnisse der Studie „Global Environment Outlook“ der Vereinten Nationen (UN) und des Weltbiodiversitätsrates.

Diese Liste könnte man noch länger ausführen. Doch es ist klar, die Funktionalität der Ökosysteme ermöglicht uns die (Re-)Produktion von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Energieträgern, die Regulierung des Wasserkreislaufs durch Bodenorganismen, die Speicherung von Kohlenstoff durch Wälder sowie die Bestäubung von Nutzpflanzen durch Insekten. Wir sind auf sie angewiesen, doch irgendwie verhalten wir uns nicht so.

Die Welt steht still, die Natur atmet auf

Weniger CO2 in unserer Luft, während des Corona-Lockdowns.

Doch dann kam ein historischer Lockdown durch die Coronavirus-Pandemie, der fast unser komplettes Leben zum Stillstand brachte. In Deutschland hieß das: Ab Mitte März schlossen Schulen und Kitas, es folgten Bars und Restaurants und alle kulturellen Einrichtungen. Sogar die Grenzen wurden in zahlreichen Ländern geschlossen. Dazu setzte man Kontaktbeschränkungen durch, sodass man mehr oder weniger in den eigenen vier Wänden festsaß. Eine schwierige und neue Situation für uns. Aber eine enorme Verbesserung für die Natur und Tierwelt. In verschiedenen Bereichen auf der ganzen Welt lassen sich diese Verbesserungen in der kurzen Zeit des Lockdowns von Mitte März bis Ende April beobachten.

Aussagekräftige Satellitenbilder gibt es von der NASA für die Stickoxidmenge in China, die ein deutliche Abnahme zeigen. Stickoxid entsteht beim Verbrennen von fossilen Energieträgern (Kohle, Öl und Gas). Also erleben wir einen kurzzeitigen, deutlichen Rückgang in der Luftverschmutzung.

Unsere CO2-Emissionen, die Nummer eins unter den Treibhausgasen, die unserem Klima schaden, nahmen weltweit um 17 Prozent zum Vorjahresmonat April ab. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie unter der Leitung von Robert Jackson von der Universität Standford. Die größten CO2-Erzeuger sind der Verkehrssektor und die Industrie. Auto, Bus, Zug und Flugzeug – die Nutzung der Transportmittel unseres Alltags sank durch den Ausnahmezustand um bis zu 50 Prozent, so das Bundesumweltamt. Der tägliche Weg zur Arbeit und Reisen entfallen. Auch sonst ist man aufgrund der Kontaktbeschränkungen wenig unterwegs. Eine Untersuchung der Hochschule Hannover zeigt, dass Deutschland seine Klimaziele nachhaltig erreichen kann, wenn ein Lerneffekt nach der Corona-Pandemie eintritt. Dazu müssten die klimafreundlichen Maßnahmen bezogen auf den Verkehr beibehalten werden. Das heißt, jetzt müssen der Fuß- und Fahrradverkehr gefördert werden, anstatt neue Autostraßen zu bauen.

Wirtschaft neu denken

Durch den Lockdown wird Deutschland wahrscheinlich seine Klimaziele 2020 erreichen können. Die Denkfabrik Agora Energiewende rechnet mit 30 bis 100 Millionen Tonnen CO2-Einsparungen, abhängig vom weiteren Verlauf des Lockdowns. So eine große Einsparung wäre ohne die Lockdown-Maßnahmen nie denkbar gewesen. Doch dieser wird schnell verpuffen, wenn die Wirtschaft mit voller Wucht wieder in die Vor-Corona Zeit katapultiert wird.

Die andere Seite dieser Medaille ist der wirtschaftliche Schaden, den der Lockdown verursacht hat. Viele Unternehmen sind in Not und Arbeitnehmer*innen bangen um ihre Arbeitsplätze. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einer starken Rezession. Doch vielleicht ist es an der Zeit, unser Wirtschaftssystem zu überdenken und dessen Zukunftsfähigkeit zu hinterfragen. Enormes Kapital aus öffentlichen Geldern für die Rettung der Automobil- und Flugzeugbranche muss an Verbindlichkeiten wie einer CO2-Reduktionsstrategie gebunden sein, meint auch Politökonomin Maja Göpel in einem Interview mit dem NDR. Auf diesen Erfolg, der irgendwie nebenbei geschehen ist, müssten nun klimafreundliche Gesetze der Politik folgen, um davon etwas aufzufangen. Felix Creuzig vom Klimaforschungsinstitut MCC sagt, dass jetzt im Wiederaufbau emissionsärmere Technologien gefördert werden müssen. Wirtschaftsmaßnahmen der Bundesregierung sollten die Gunst der Stunde nutzen. Politische und wirtschaftliche Maßnahmen, die auf diese Krise folgen, werden für die Emissionen in den kommenden Jahrzehnten entscheidend sein, so die Studie der Universität Stanford.

Tiere spazieren durch die Städte

Stell dir vor, du bist gerade Mitten in Haifa und schaust aus dem Fenster. Was siehst du? Eine Gruppe von Wildschweinen geht gerade gemütlich durch die Gasse spazieren. In den sozialen Medien kursieren viele solcher ungewöhnlichen Bilder. Schakale in den Straßen von Tel Aviv, Hirsche in Paris, die Delfine zurück am Bosporus in Istanbul. Die Tiere erfreuen sich an der Leere und dem Platz, den sie jetzt wiederentdecken können. Sie können sich dort ausbreiten, wo normalerweise Menschenmassen tagtäglich ihrem Alltag nachgehen.

#Animals take over – der Lockdown bietet einmalige Bilder von Wildtieren in Städten.

Besonders Amphibien wie Kröten oder Salamander, die oft Straßen überqueren müssen, bleiben durch den fehlenden Verkehr am Leben. „Endlich mal weniger los“, dachten sich die Wildschweine vielleicht. Eigentlich sind sie wieder dort, wo sie vor langer Zeit mal gelebt haben. Den Tieren gehört dieser Planet genauso wie den Menschen. Wir sind nicht alleine hier und teilen uns den Platz, der uns zur Verfügung steht. Diese Beobachtungen waren aber von kurzer Dauer, da so langsam wieder der normale Alltag einkehrt, zumindest in Deutschland.

Ein Weckruf

Das alles sind nur kurzfristige, punktuelle Veränderungen. Den Klimawandel oder das Artensterben werden wir nicht stoppen. Untersuchungen zeigen, dass die Einbrüche in der Zeit einer Krise in den Folgejahren wieder aufgeholt werden, so Creutzig vom MCC. Dieser Lockdown ist kein struktureller Wandel, den wir eigentlich brauchen. Doch es liegt an uns, die Botschaft der Natur ernstzunehmen. Nachhaltige Verhaltensänderungen sind nötig. Diese Zeit ist eine Chance zu erkennen, dass es noch nicht zu spät ist. Wir haben gesehen, dass es geht: weniger konsumieren, weniger Auto fahren, weniger reisen.

Die Corona-Pandemie zeigt – die Welt hält zusammen und arbeitet gemeinsam für ein Ziel. Eine kollektive Bedrohung, die irgendwie zusammenschweißt, da es die ganze Welt betrifft. Innerhalb kürzester Zeit waren Politik und Gesellschaft bereit enorme Kraft aufzubringen. Sie haben große finanzielle und ökonomische Ressourcen aufgebracht und die gesellschaftliche Lebensordnung auf den Kopf gestellt. Wäre es nicht eine schöne Welt, wenn diese Aufmerksamkeit und Mühen auch unserer Lebensgrundlage, sprich „der Erde“, im gleichen Maße zukommen würde? Könnten wir nicht Klimawandel mit dem Wort Pandemie tauschen und gucken was passiert? Es wäre bestimmt eine schönere, grünere Welt.

 

Mehr dazu:

„Global Environment Outlook“ der UN

Politökonomin Maja Göpel zur Corona-Krise als Chance

Bilder © Pixabay 

 

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7 Kommentare
  1. Natalie Adler
    Natalie Adler sagte:

    Es wäre wirklich eine schöne Vorstellung, wenn jetzt durch den Lockdown sich Sichtweisen ein bisschen verändern würden und es dem Klima wieder langfristig besser gehen könnte. Die Realität wird vermutlich leider anders aussehen… Das war ein sehr schöner Beitrag, vielen Dank dafür!

    Antworten
  2. Solveig Brandt
    Solveig Brandt sagte:

    Da stimme ich Natalie zu! Kann mir (leider) auch schwer vorstellen, dass es tatsächlich umgesetzt werden kann. Daher ist es aber umso wichtiger, dass man sich immer wieder mit dem Thema beschäftigt.

    Antworten
  3. Diana Bossert
    Diana Bossert sagte:

    So ein wichtiger Beitrag für die heutige Zeit! Es wäre eine wirkliche Traumvorstellung, wenn das anhalten würde… Danke, dass du für das Thema sensibilisierst. War wirklich sehr interessant zu lesen! 🙂

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  4. Stella Enge
    Stella Enge sagte:

    Schön, dass auch so ein Thema hier seinen Platz findet. Gerade, weil es so wichtig ist! Bleibt nur zu hoffen, dass sich tatsächlich etwas ändert – und das auch ohne die Corona-Krise.

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  5. Tong Zhao
    Tong Zhao sagte:

    „Den Tieren gehört dieser Planet genauso wie den Menschen. Wir sind nicht alleine hier und teilen uns den Platz, der uns zur Verfügung steht.“ Viele Leute erkennen erst jetzt, dass der Mensch nicht das einzige Lebewesen auf dem Planeten ist. Die Umwelt und die Tiere sind tatsächlich die Opfer, nicht der Mensch. Sehr informativer Beitrag!

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  6. Johanna Jordan
    Johanna Jordan sagte:

    Es ist wirklich verblüffend zu sehen, was die Corona Pandemie bewirkt hat. Ich hoffe sehr, dass wir Menschen gesehen haben, dass es möglich ist, dass sich die Natur wieder erholen kann. Nun sollten wir versuchen, unser alltägliches Handeln zu reflektieren und bewusstere Entscheidungen zu treffen. Danke für diesen Denkanstoß! 🙂

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  7. Benedikt Matt
    Benedikt Matt sagte:

    Ich glaube nachhaltige Effekte sind nur möglich, wenn wir aus der anderen Richgung schauen: Wie gut es so vielen getan hat, weniger zu konsumieren und einen Schritt zurückzutreten. Das Leistungs- und Konsumschwungrad wurde durch Corona ausgebremst, und in Folge davon auch die Umweltzerstörung – wenn wir den Druck beim ersteren wieder aufbauen, wird sich auch zweiteres unmittelbar wieder beschleunigen.

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