Den Männern das Handwerk, den Frauen die Pflege! Dies war lange Zeit die allzu klischeehafte und mittlerweile – glücklicherweise – überholte Vorstellung davon, welche Arbeit ein Mann ausüben und welchen Beruf eine Frau wählen sollte.

Eine Stewardess, die sich beruflich umorientiert und nun als Ingenieurin einen traditionell „männlichen“ Beruf ausübt, ist im 21. Jahrhundert ebenso wenig eine Ausnahme wie Männer in typischen „Frauenberufen“. Dass nicht das Geschlecht, sondern die persönliche Motivation und Leidenschaft die wichtigsten Kriterien bei der Berufswahl sein sollten, beweist Sigi Müller mit seiner doppelten Berufstätigkeit: Der 56-Jährige lebt in London und ist dort als Flugbegleiter bei British Airways und als Krankenpfleger in der Anästhesie eines Londoner Krankenhauses tätig. Was ihn an seinen beiden Berufen fasziniert, inwiefern sein Geschlecht seinen Berufsalltag tatsächlich beeinflusst und wodurch geschlechterspezifische Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt vermindert werden könnten, erzählt Sigi Müller im Interview.  

Herr Müller, was hat Sie zu Ihrer Berufswahl bewegt? 

Zur Fliegerei wollte ich schon als kleiner Junge. Ich habe damals im Fernsehen Serien über das glamouröse Leben von Steward/essen gesehen, z.B. „Stewardessen“ mit Johanna von Koczian, und manchmal unternahmen wir einen Familienausflug zum Flughafen. Das Kommen und Gehen der Jets begeisterte mich sehr. Die Krankenpflege hingegen kam mir wohl deshalb in den Sinn, weil ich meine Tante ab und zu in dem Kreiskrankenhaus, in welchem sie zu der Zeit gearbeitet hat, besuchte. Von all den medizinischen und pflegerischen Aspekten des dortigen Treibens war ich durchaus fasziniert. Damals hatten noch religiöse Schwestern, also Nonnen, das Sagen und es herrschte rigorose Disziplin, kombiniert mit selbstloser Hingabe an Kranke – wenn auch manch eine Schwester recht rabiat sein konnte. Irgendwie erstaunlich war das schon. 

Sigi Müller vor einem Passagierflugzeug von British Airways © Sigi Müller

Was begeistert Sie an Ihren beiden Berufen? 

Ich finde es nach wie vor belohnend, anderen helfen zu können: Einen Patienten vor einer Operation oder einen Passagier mit Flugangst (gibt es wohl mehr als zugegeben wird) durch zuversichtliche Gesten und Einfühlungsvermögen beruhigen zu können und ihnen Vertrauen zu vermitteln. Außerdem ist die Zusammenarbeit in beiden Berufen ziemlich wichtig und, dass sich manchmal total Fremde recht schnell aufeinander einspielen können, um die Sicherheit und das Wohlbefinden anderer zu gewährleisten, finde ich immer noch beeindruckend. 

Flugbegleiter und Krankenpfleger – Zwei auf den ersten Blick komplett verschiedene Arbeitsbereiche. Gibt es Schnittstellen zwischen den beiden Berufsfeldern?

Diese beiden Berufe haben weit mehr gemeinsam als viele Leute, die von meiner doppelten Berufstätigkeit überrascht sind, denken. Hauptsächlich eben, anderen Menschen in einer potenziell verletzlichen Situation weiterhelfen zu können. Dazu gehört auf jeden Fall, bereit zu sein, to put yourself in their shoes, wie man auf Englisch sagt, also viel Einfühlungsvermögen und Verständnis aufbringen zu können, auch wenn man oft selbst viel auf dem Buckel hat. Bei manchen Fluggesellschaften war es in den Anfangsjahren der zivilen Luftfahrt sogar Voraussetzung, Krankenschwester zu sein, um als Stewardess eingestellt zu werden. So sollten sich die oft luftkranken Passagiere der damals noch deutlich weniger komfortablen Flieger selbst während eines turbulenten Flugs sicher und umsorgt fühlen können. 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag derzeit aus? 

Arbeit als Krankenpfleger © Sigi Müller

Arbeitsalltag im direkten Sinne gibt es bei mir eigentlich weniger. Heute war ich im OP-Saal dabei, als Patienten mit Herzrhythmusstörungen durch Kardioversion, also der Wiederherstellung des normalen Herzrhythmus, erfolgreich behandelt wurden. Für die meisten dieser Patienten ist das eine riesige Verbesserung ihrer sehr angeschlagenen Gesundheit. Morgen fliege ich dann als Steward nach Prag und übermorgen habe ich in Toulouse ein bisschen Freizeit. Danach bin ich in Paris. Ich genieße diese beruflichen Städtereisen immer noch sehr und versuche auch, wann immer möglich, etwas Neues zu entdecken – kulturell oder kulinarisch – oder mich mit Freunden zu treffen. 

„Vor allem in den letzten zehn Jahren fand viel progressives Denken statt.“

Warum ist es immer noch eine Besonderheit, als Mann den Beruf des Flugbegleiters oder des Krankenpflegers auszuüben? 

Bei British Airways ist männliches Flugpersonal keine Besonderheit. Manchmal fliege ich mit einer ganzen männlichen Kabinenbesatzung und es kam auch schon mal vor, dass sowohl Kapitän als auch Erster Offizier des Flugzeugs Frauen waren. Unsere Gesellschaft ist da recht fortschrittlich eingestellt. Vor allem in den letzten zehn Jahren fand viel progressives Denken statt. Auch in der Krankenpflege ist es eigentlich nur noch für ältere Menschen ein wenig ungewohnt, dass sie ein Mann pflegt und eine Frau die Chirurgin oder die Anästhesistin ist. Allerdings kämpfen die Universitäten hier stark dafür, noch mehr männliche Pflegestudenten anzuwerben. Man will besonders die gesellschaftliche Position unseres Berufs damit erhöhen und zeigen, dass die Krankenpflege keine unterworfene Handlangertätigkeit, sondern ein verantwortungsvoller Bestandteil einer Krankenbehandlung oder Gesundheitsförderung ist.  

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Geschlecht Sie im Berufsalltag beeinflusst, beziehungsweise einschränkt?

Eigentlich ganz selten und nur dann, wenn ich zum Beispiel im Krankenhaus Patientinnen der Gynäkologie pflege, was vor allem im OP und im Aufwachraum vorkommt. In solchen Fällen finde ich es besser, eine Kollegin ganz in der Nähe zu haben, aus Respekt, obwohl den meisten Patientinnen das unwichtig scheint. Andererseits geht das ja wohl auch meinen Kolleginnen so, wenn sie Männer urologisch versorgen müssen. Dann muss man halt flexibel sein, Einfühlungsvermögen haben und jeden Fall individuell betrachten.

Gibt es Aspekte in Ihren Berufen, die Ihrer Meinung nach von einem der beiden Geschlechter besser ausgeübt werden können? 

Ich denke eher, dass es in beiden Berufen bestimmte Aspekte und Aufgaben gibt, die im Gehirn eines Menschen mehr von den „weiblichen“ als von den „männlichen“ Denk- und Handelsvorgängen, oder umgekehrt, bearbeitet werden. Es ist ja bekannt, dass es so etwas, wie ein reines „Frauen-“ oder „Männergehirn“ nicht gibt. Die femininen und maskulinen Einflüsse auf das Denken überkreuzen sich quasi bei uns allen. Außerdem zeigen moderne Erkenntnisse über Emotional Intelligence, dass es in vielen Situationen möglich ist, beide Denkweisen, „weiblich“ und „männlich“, auf ausgewogene und produktive Art zu kombinieren.

„[E]in Zeichen des Fortschritts beim gesellschaftlichen Toleranzdenken.“

In welcher Form sind Ihnen in der Vergangenheit Vorurteile oder Klischees in Ihrem Arbeitsleben begegnet?

In den 80er-Jahren gab es manchmal Stewards, die sich beruflich in ihrer Sexualität recht unsicher fühlten und sich dementsprechend in fast lächerlicher Weise übertrieben männlich aufführten. Inzwischen sehe ich solches Verhalten nicht mehr. Wohl ein Zeichen des Fortschritts beim gesellschaftlichen Toleranzdenken.

Denken Sie, in einer Metropole wie London herrscht im Allgemeinen mehr Toleranz für Männer und Frauen, die in „untypischen“ Berufsfeldern tätig sind?

Ja, manchmal realisieren meine Freunde und ich schon, dass wir in London in einer Art Bubble leben, in der eigentlich alle mehr oder weniger das tun und lassen können, was sie wollen oder eben am besten können. Das macht sich bestimmt teilweise auch bei der Berufswahl bemerkbar.

„Von den meisten Kunden, Passagieren oder Patienten werden individuelle Kompetenzen und Eigenschaften mehr geschätzt als die Erfüllung von veralteten beruflichen Geschlechterrollen.“

Was hat sich in den letzten Jahren hinsichtlich Geschlechterklischees in der Arbeitswelt geändert?

Nicht nur hier in London herrscht mittlerweile mehr Toleranz für das „Untypische“ bei der Berufsausübung von Frauen und Männern. Von den meisten Kunden, Passagieren oder Patienten werden individuelle Kompetenzen und Eigenschaften mehr geschätzt als die Erfüllung von veralteten beruflichen Geschlechterrollen. Nicht zuletzt dann, wenn es darum geht, Not- oder Ausnahmesituationen intelligent zu bewältigen. Einer meiner Fliegerkollegen ist beispielsweise auch in der Pflege tätig und leitet als Male Midwife, also als männliche Hebamme, die Entbindungsabteilung einer Londoner Universitätsklinik.

Was könnte getan werden, um weiter mit Klischees und veralteten Geschlechterrollen hinsichtlich der Berufswahl aufzuräumen? 

Viele, als typisch „weiblich“ geltende Berufsstände müssen mit niedrigeren Gehältern zufrieden sein als solche, die als vorrangig „männlich“ angesehen werden. Darunter natürlich auch die Krankenpflege. Eine Anpassung der Gehaltsstufen an Berufsausbildung, Verantwortungsniveau und Kompetenzerwartungen anstatt an „weiche weibliche“ und „harte männliche“ Tätigkeiten wäre beim Beseitigen von solchen überkommenen Klischees hilfreich und würde sicherlich auch dabei helfen, die derzeitige Pflege-Notlage zu verbessern. Ein Schritt in diese Richtung fand in Großbritannien bereits in Form der Etablierung von Nurse Practitioners oder Nurse Specialists in größeren Kliniken statt. Diese Pflegekräfte sind in ihrer Fachrichtung hochqualifiziert und autonom, ja sogar in die Ausbildung von Medizinern involviert. Bei British Airways gibt es übrigens schon lange Gehaltsparität zwischen den Geschlechtern.

 


Mehr zum Thema Arbeit und weitere spannende Beiträge zum Alltag einer Pflegekraft oder zum Einfluss von Geschlechterklischees auf die Berufswahl gibt es auf unserem Blog Under Construction. Außerdem halten wir unsere Leserinnen und Leser auf Facebook und Instagram auf dem Laufenden.

3 Kommentare
  1. G.Wallace
    G.Wallace sagte:

    Ein intelligent und gut vorbereitetes Interview.Menschen wie Hr. Müller kann man nur bewundern und sich wünschen, von solchen Idealisten betreut zu werden,wenn es nötig wird.

    Antworten
  2. Yichi Zhang
    Yichi Zhang sagte:

    Ein schöner Beitrag und ich habe viel davon gelernt. Es gibt zur zeit Pflegemangel in Deutschland und weniger Männer arbeiten in diesem Berufsfeld. Ich denke es wichtig ist, veraltete Geschlechterrollen der Berufswahl aufzuräumen.

    Antworten
  3. Prof. Darryll Grantley (University of Kent, Canterbury)
    Prof. Darryll Grantley (University of Kent, Canterbury) sagte:

    Ich fand dieses Interview nicht nur höchst intelligent und scharfsinnig in seinen Einsichten, sondern auch besonders wichtig um Fortschritte in den Einstellungen gegenüber Geschlechterrollen zu fördern, und veraltete Annahmen über diese in Frage zu stellen.
    Wir brauchen mehr Diskussionen wie diese.
    Gut gemacht!

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