Mit Papier verbinden die meisten von uns lesen und schreiben oder die Begriffe von Büro, Akte und Buch. Doch auf den zweiten Blick ist Papier wesentlich vielfältiger. Neben Möbeln, Taschen oder anderen Alltagsgegenständen, die man mittlerweile aus Papier fertigen kann, versucht auch die Industrie sich neuartige Papierinnovationen zu Nutze zu machen.

Wohl längst sollte bekannt sein, dass Papier nicht nur zum darauf schreiben und davon ablesen taugt. Die Vorteile sprechen für sich: Es ist ein vielseitiger Werkstoff, der stabil und zugleich biegsam und vor allem massenhaft verfügbar ist. So ist es kein Wunder, dass bereits jetzt nicht nur die Möbel- oder Modeindustrie Verwendung für Papier hat – und das ziemlich erfolgreich. Die Nachfrage nach Gegenständen aus Papier steigt stetig. Doch während einerseits der Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekt betont wird, scheinbar oft das ausschlaggebende Argument wenn es um Papier geht, lehnen Andere Gebrauchsgegenstände aus Papier schlichtweg ab. Denn nicht jedem gefällt ein Papierbett und auch nicht alle wollen sich eine Armbanduhr aus Papier ums Handgelenk legen. Und das wird wohl auch immer so bleiben. Doch was macht den Boom um Papierinnovationen aus und welche neuartigen Verwendungsmöglichkeiten gibt es schon jetzt, die in Zukunft auch in der Industrie eine große Rolle spielen werden?

Massenhafte Verfügbarkeit für die Massenindustrie

Wenn man genauer recherchiert, was eine Industrie eigentlich ist, steckt bereits in der Definition des Wortes ebenso das Wort „Massenproduktion“. Unternehmen setzen darauf, in gleichbleibender Qualität massenhaft Güter herzustellen, die sich möglichst rasch und gewinnbringend verkaufen sollen. So auch Güter aus Papier, das in Deutschland tatsächlich massenhaft verfügbar ist. Laut WWF ist Deutschland nach den USA, China und Japan viertgrößter Papierproduzent und nach den Vereinigten Staaten auch der zweitgrößte Papierimporteur der Welt. Außerdem verbrauchen wir so viel Papier wie die Kontinente Afrika und Südamerika zusammen. Damit sollten die Ausmaße der Papierindustrie in Deutschland klar sein. Wo viel Papier vorhanden ist, wird selbstverständlich auch in größerem Ausmaß darüber nachgedacht, herkömmliche Werkstoffe durch Papier zu ersetzen.

Carbonfasern für die Hightech-Industrie

Vor allem in der Flugzeugindustrie könnte Lignin, ein Nebenprodukt der Papierproduktion, in Zukunft eine wichtige Rolle als Bestandteil von neuartigen Kohlenstofffasern spielen. Quelle: pixabay.com

Ein Beispiel sind neuartige Bio-Carbonfasern aus Lignin, einem Bestandteil und gleichzeitig Nebenprodukt aus der Papierherstellung. Carbonfasern aus Kohlenstoff verstärken Kunststoffe, Metall oder Keramik und werden vor allem bei Hightech-Anwendungen in der Autoindustrie, Raumfahrt oder dem Flugzeugbau verwendet. Sie sind hitzebeständig, robust und zugleich sehr leicht. Nachteile ergeben sich jedoch im sehr teuren Preis und der Tatsache, dass Kohlenstofffasern bisher meist aus Erdöl oder Pech hergestellt werden. Hier bietet das Lignin aus der Papierherstellung eine umweltfreundliche und ernstzunehmende Alternative. Denn jedes Jahr fallen ohnehin ca. 50 Millionen Tonnen Lignin an, die größtenteils wieder verbrannt werden. Der massenhaft verfügbare, und vor allem nachwachsende, Rohstoff könnte in Zukunft dazu eingesetzt werden, ökologische Kohlenstofffasern zu produzieren, die dieselben Eigenschaften aufweisen, wie herkömmliche Fasern, jedoch in der Herstellung deutlich umweltfreundlicher und kostengünstiger wären.

Momentan beschränkt sich die Forschung, die international großes Aufsehen erregte, jedoch noch auf die chemische Zusammensetzung und den Produktionsprozess. So zum Beispiel an der TU Dresden und am Leibniz-Institut für Polymerforschung Dresden, wo durch die Forschung des Nachwuchswissenschaftlers Muhannad Al Aiti wichtige Erkenntnisse zum möglichen Produktionsprozess gewonnen werden konnten. An den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF) werden bereits Vorläuferfasern aus Lignin im Schmelzspinnverfahren hergestellt. Bis zur vollkommenen Marktreife wird es aber noch einige Zeit dauern.

Papier als günstigere Alternative

Auch der finanzielle Aspekt spielt bei neuen Einsatzmöglichkeiten von Papier eine große Rolle. Und damit einher geht auch die Massenproduktion. Stellt man mehr Waren her, produziert man auf das Stück gesehen auch billiger. Bei Papier ist das aber nicht zwingend so. Denn Papier ist bereits von Grund auf meist billiger als Werkstoffe wie Holz, Metall, Kunststoff oder Stein. Fertigt man also Gebrauchsgegenstände wie Möbel, die eher dem hochpreisigen Segment zugeordnet werden können, aus vergleichsweise sehr billigem Papier statt aus herkömmlichen Materialien, profitieren sowohl Firmen als auch Verbraucher davon, denn der Preis sinkt. Ob die Nachfrage steigt, ist jedoch eine andere Frage. Denn wie bereits zu Beginn erwähnt, sind Papieralternativen für Möbel, Kleidung, Taschen oder Geldbeutel immer noch stark vom jeweiligen individuellen Geschmack abhängig.

Papier oder doch nicht?

Apropos Geldbeutel. Auch dieser ist längst nicht mehr nur in der herkömmlichen Stoff- oder Ledervariante erhältlich. Paradebeispiel ist die Berliner Firma Paprcuts. Portemonnaies gehören ebenso zum Sortiment wie Uhren, Taschen, Federmäppchen oder Blumentöpfe aus Papier. Auch ich habe mir vor einiger Zeit einen Geldbeutel aus Papier zugelegt und bin immer noch erstaunt darüber, wie robust das Material tatsächlich sein kann. Die zahlreichen Designs sind ebenso ansprechend. Offenbar genug Kaufgründe auch für zahlreiche andere Nutzer, denn die Produkte werden immer beliebter.

Ein Portmonnaie der Firma Paprcuts aus Papier. Oder etwa doch nicht? Foto von: Marvin Zirkelbach

Doch bei genauerem Hinsehen frage ich mich, ob das Material tatsächlich Papier ist. Denn es fühlt sich mit einer Art Wachsschicht überzogen auch nicht wirklich wie Papier an. Schließlich entpuppt sich der Markenname dann als falsche Fährte. Denn streng genommen handelt es sich bei dem Material nicht um Papier, sondern um Tyvek, eine Art Vliesstoff aus Polyethylen, der nur in den USA und Luxemburg hergestellt wird. Die Produkte bestehen also aus Kunststoff, teilen jedoch dieselben oder ähnliche positive Eigenschaften wie Papier. Immerhin verspricht die Firma regionale Produktion und ein weitgehend umweltschonendes, vollständiges Recyclingverfahren mit Energierückgewinnung und optimaler Brennstoffausbeute – Aspekte, die auch bei der Papierproduktion und dem Papierrecycling von Bedeutung sein sollten.

Die Fähigkeiten von Papier sind begrenzt

Der Boom und die Nachfrage nach neuen Papierinnovationen ist groß, und das zurecht. Denn wir brauchen Alternativen zu herkömmlichen Rohstoffen oder Produkten, die oft umweltbelastend, teuer oder aufwändig in der Produktion sind. Möbel, Kleidung, Taschen, Geldbeutel oder Uhren aus Papier gibt es bereits. Und die Liste der neuen Innovationen wird immer länger. Auch die Hightech-Industrie profitiert vom Papier in einer Weise, die zuvor nie denkbar gewesen wäre.

Doch es ist Vorsicht geboten. Denn nicht immer ist Papier auch umweltfreundlich, günstig oder eine wirklich sinnvolle Alternative. So zum Beispiel, wenn Markennamen oder das Versprechen, dass Papier in der Herstellung verwendet wird, uns in die Irre führen. Papier mag zahlreiche positive Eigenschaften wie Biegsamkeit aufweisen. Doch oft kommt es auf mehr an. Wir können die Verwendung von Papier nicht erzwingen, denn dessen Fähigkeiten sind begrenzt. Manchmal muss zuerst länger nach Alternativen geforscht werden, bevor der Durchbruch gelingt. Das Lignin, das letztendlich kein Papier sondern nur ein Abfallprodukt der Papierherstellung ist, kann hier als ein gutes Beispiel genannt werden.


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