Wer kennt’s nicht: Alltagsstress, Unausgeglichenheit und eine nicht enden wollende To-Do-Liste? Da will man eigentlich nur noch in den Urlaub. Die gute Nachricht: Für eine Auszeit – am besten in einer Hängematte liegend und Cocktail schlürfend am Strand – muss man nicht einmal einen Flug buchen, geschweige denn das eigene Zimmer verlassen. Für eine Traumreise braucht man eigentlich nur ein Bett – und jede Menge Fantasie.

Ein paar kräftige Schwimmzüge noch, dann habe ich das Ufer erreicht. Langsam wate ich aus dem Wasser, meine Füße tauchen ein in den warmen Sand. Während ich den Strand entlang spaziere, lasse ich den Blick über das Glitzern des Meeres und die vor mir liegende Insel schweifen. Dort drüben, eine Hängematte. Zwischen zwei Palmen schaukelt sie sanft im Wind. Ich lege mich hinein, und nehme jetzt kaum noch die weibliche Stimme wahr, die mir ins Ohr flüstert: „Spüre mit jedem Schwingen den warmen Wind in deinem Gesicht und auf deinem Körper… du fühlst dich vollkommen glücklich und entspannt.“ Die Sonnenstrahlen und Schatten der Palmwedel tanzen im Duett vor meinen geschlossenen Augenlidern. Vögel zwitschern. Irgendwo hupt ein Auto. Ein Auto? Aufgeschreckt durch das Geräusch öffne ich die Augen.

Na toll. So fühlt sich also Entspannung an. Es ist Sonntagnachmittag und ich liege auf dem Rücken ausgestreckt auf meinem Bett. In der Nase habe ich jetzt nicht mehr den salzigen Geruch von Meerwasser, sondern die Gemüselasagne meiner Mitbewohnerin, die nebenan im Backofen schmort. Und auch die Stimme, die mir gerade noch ins Ohr gehaucht hat, ist verstummt. Stattdessen: Autohupen auf der Hauptstraße vor meinem WG-Zimmer in Tübingen. Beim nächsten Mal schließe ich von vornherein das Fenster, denke ich mir. Also nochmal von vorn: Aufstehen – Fenster zu. Wieder hinlegen – Augen zu. Dann startet die über YouTube abgespielte Traumreise aufs Neue. „Mach es dir bequem und lass die Hektik des Alltags hinter dir“, tönt es gleich darauf aus meinem Laptop. Tja, wenn das so einfach wäre, entgegne ich im Stillen den Anweisungen der Erzählerin.

„Bilder aus der Natur wirken sehr gut“

Eine Traumreise, auch Fantasiereise genannt, ist ein imaginatives Entspannungsverfahren, das mitunter in der Psychotherapie angewandt wird. Bei Traumreisen liegt man in einer angenehmen Körperposition und lauscht mit geschlossenen Augen einer Geschichte, die von Sprecher*innen erzählt wird. Dabei entwickeln die ‚Reisenden‘ in ihrer Vorstellung bestimmte Fantasien. Die als positiv empfundenen Sinneseindrücke und Bilder sollen Entspannung bewirken. „Wenn der Erzähler die richtigen Vorstellungsbilder zeichnet, können Menschen zur Ruhe kommen. Insbesondere Bilder aus der Natur wirken sehr gut“, sagt der Psychologe Volker Friebel im Gespräch mit Zwischenbetrachtung. Der 65-Jährige hat eine besondere Beziehung zu Traumreisen. Er führt sie seit Jahrzehnten durch, sowohl mit Schüler*innen als auch mit Erwachsenen: „In der Entspannungspädagogik spielen Traumreisen heutzutage eine wichtige Rolle. Sie bieten eine gute Möglichkeit für kurze Entspannung, um beispielsweise während der Arbeit mal eben runterzukommen.“

Aber was passiert eigentlich genau in unserem Gehirn, wenn wir uns einer Traumreise unterziehen? „Entspannung ist die Übergangsphase zwischen Wachzustand und Schlaf“, führt Friebel aus. „Und es herrscht ein verbreiteter Konsens darüber, dass dieser Übergang bei einer Traumreise verlängert wird.“ Damit eine Traumreise ihre entspannende Wirkung erziele, müssten allerdings ein paar Bedingungen erfüllt sein: „Für eine Traumreise eignen sich ruhige Orte, an denen mögliche Störgeräusche ausgeschlossen werden, am besten. Was nicht heißt, dass Traumreisen nicht auch unter ungünstigen Bedingungen funktionieren können“, so Friebel. Auf Seiten der Erzähler*innen sei es zudem wichtig, langsam und mit Pausen zu sprechen, damit die Vorstellungskraft der ‚Reisenden‘ angeregt werden kann.

Kichernde Kinder, ernsthafte Erwachsene

Soweit die Theorie. Und was sagt die Praxis? In meiner eigenen Traumreise habe ich es mittlerweile wieder geschafft, an den Strand der Insel mit der Hängematte zu paddeln. Das Autohupen und die Gemüselasagne sind schnell wieder vergessen, als ich durch den feinkörnigen Sand stakse. In der Ferne entdecke ich ein gestrandetes Fischerboot, während die flüsternde Stimme der Erzählerin an meine Ohren dringt: „Spüre wie der Sand mit jedem Schritt eine wohlige Wärme an deine Füße abgibt.“ Und wie ich die Wärme spüre. Ob’s auch an den mehr als 25 Grad Außentemperatur liegt, die an diesem Nachmittag in Tübingen herrschen? Kaum vorstellbar.

„Traumreisen funktionieren bei fast jedem“, so die These von Volker Friebel. „Es gibt eigentlich nur wenige Menschen, die sagen, dass sie sich nichts bildhaft vorstellen können.“ Bei Kindern seien sie generell wirkungsvoller als bei Erwachsenen – letztere fänden allerdings einen leichteren Zugang zu Traumreisen: „Erwachsene lassen sich in der Regel gleich auf die ungewohnte Situation ein. Kinder sind etwas unsicherer, wenn sie nebeneinander mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegen. Die fangen dann auch schon mal an zu kichern.“ Nichtsdestotrotz würden vor allem unruhige Kinder sehr gut auf Traumreisen anspringen, so Friebel.

„Stress ist eigentlich eine schöne Sache“

Wann genau Traumreisen entstanden sind, ist unklar. Die Psychologie kennt die positive Wirkung von Vorstellungsbildern bereits seit vielen Jahrzehnten. Heute muss man natürlich nicht mehr bis zur nächsten Therapie-Sitzung oder Einheit für autogenes Training warten, um sich auf eine Traumreise zu begeben: Bei YouTube oder Spotify sind sie mit nur wenigen Klicks zu finden. Die meisten dauern zwischen 20 und 40 Minuten.

Auf meiner eigenen Traumreise bin ich nun dabei, im Schatten des Fischerbootes die Milch einer frisch ergaunerten Kokosnuss zu schlürfen, als ich erneut aus der Strand-Idylle gerissen werde. Klopf klopf. Meine Mitbewohnerin steckt ihren Kopf durch die Tür und fragt, ob ich bei ihrer Lasagne mitessen möchte. Ich vertröste sie auf später und versuche wieder auf „meine“ Insel zu gelangen. Doch dieses Mal ist es deutlich schwerer. Ich strenge mich an, allerdings vergeblich. Enttäuscht registriere ich wenige Augenblicke darauf die Stimme der Erzählerin: „Nun ist es an der Zeit zu gehen“ – eine Einschätzung, die ich überhaupt nicht teile. Diese ganzen Unterbrechungen durchs Autohupen und meine Mitbewohnerin stressen einen eher, dabei sollte eine Traumreise doch entspannend sein. Unter diesen Umständen ist das allerdings ein ziemlicher Wunschtraum. Das Ziel meiner Traumreise: verfehlt. Oder doch nicht?

„Entspannung ist schön und gut, aber wir Menschen brauchen auch die Aktivität“, sagt Volker Friebel. „Stress ist eigentlich eine schöne Sache, denn das Leben sollte nicht aus reiner Entspannung bestehen. Wenn der Stress kommt, ist es nur wichtig, dass ich weiß, wie ich mich entspannen kann.“ Möglicherweise hat mein kleiner Insel-Trip ja doch etwas gebracht. Immerhin trete ich mit Friebels Worten im Hinterkopf nun etwas beruhigter den Gang Richtung Küche und Lasagne an.

 

Titelbild: © Unsplash

 

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1 Antwort
  1. Runa Marold
    Runa Marold sagte:

    Ein sehr schöner Beitrag, bei dem ich echt mitfühlen konnte. Wie häufig ist es mir schon passiert, dass ich mich in Ruhe irgendwo entspannen wollte und irgendwas holt einen dann immer raus ^^
    Ich bin auf jeden Fall motiviert mal so eine Traumreise auszuprobieren!

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