In sogenannten ‚Wahrträumen‘ träumen Menschen von Dingen oder Ereignissen, die zu einem anderen Zeitpunkt nahezu identisch eintreten. Walter von Lucadou, Leiter der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg, beschäftigt sich schon lange mit dem Phänomen. Wahrträumen sei weder eine Gabe noch reiner Zufall. Betroffene sollte man daher nicht für verrückt erklären, sondern ernst nehmen.

Für Walter von Lucadou lassen sich Wahrträume naturwissenschaftlich erklären. © Tamara Beck

Parapsychologie ist ein Nebenfach der Psychologie, in dem übernatürliche Phänomene wissenschaftlich ernst genommen werden, die ansonsten gerne als ‚Spinnerei‘ oder ‚Geistergläubigkeit‘ abgetan werden. Bereits vor 50 Jahren spezialisierte sich der studierte Physiker und Psychologe Walter von Lucadou auf die Parapsychologie. Er findet es wichtig, dass auch eine so umstrittene Traumart wie das Wahrträumen wissenschaftlich ernst genommen wird. Repräsentativen Umfragen zufolge haben 60 Prozent der Bevölkerung schon einmal paranormale Erfahrungen gemacht, so von Lucadou. Bei den Wahrträumen sei es zentral, sich mit den Inhalten der Träume intensiver zu befassen und Betroffene beim Umgang mit ihnen zu unterstützen. Die erste Hürde bestehe darin, „zu erreichen, dass die Leute überhaupt akzeptieren, dass es sowas gibt“. Wie das gehen kann, erklärt er im Interview.

Erlebt jeder Mensch im Laufe seines Lebens Wahrträume oder ist die Wahrscheinlichkeit aufgrund bestimmter Umstände höher? Gibt es Zahlen hierzu, Herr von Lucadou?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Leuten, die eine künstlerische Begabung haben oder einen guten Draht zu anderen, also leicht emphatische Verbindungen eingehen können, die haben häufiger solche Erfahrungen. Das Problem besteht darin, dass Menschen, die das einmalig erleben, es häufig wegrationalisieren und sagen: ‚Das war ein Zufall‘. Daher hat man keine genaue Zahl. Diese 60 Prozent sind die Menschen, denen das auffällt. Daher weiß man nicht, wie hoch die Dunkelziffer ist.

Sie sagten, dass in Ihrer Beratungsstelle an die 3.000 Menschen im Jahr anrufen und um Rat fragen, unter anderem mit Wahrträumen. Wie gehen Sie damit um?

Was man lernen muss, ist erst einmal zuhören. Die meisten Menschen reagieren, wenn sie sowas erzählt kriegen, so: ‚Ach, das haben Sie sich doch nur eingebildet.‘ Diese Sachen haben sich die Leute aber meistens schon selbst überlegt. Sie rufen ja an, wenn diese Überlegungen nicht mehr passen. Die Leute erwarten auch gar nicht, dass wir eine fertige Antwort haben, sonst würden sie nicht anrufen. Sie erwarten, dass man ihnen mal zuhört. Dafür muss man alles, was einem berichtet wird, so betrachten, als ob man es zum ersten Mal hört – und das muss man trainieren.

Sie sprechen sich ja für die Existenz von Wahrträumen aus. Welche Beispiele haben Sie in dieser Meinung bestärkt?

Das war noch relativ am Anfang. Ein junger Mann rief mich an und fragte, ob er in die Beratungsstelle kommen könnte. Er sei seit vier Wochen in der Psychiatrie, habe aber das Gefühl da nicht reinzugehören. Er habe eines Nachts einen schrecklichen Alptraum gehabt, wie sein Vater bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Vater wusste nichts davon. Am gleichen Abend erreichte die Familie die tragische Nachricht, dass der Vater tatsächlich bei einem Autounfall ums Leben gekommen war und dieser stimmte ziemlich genau mit dem Traum des jungen Mannes überein, der natürlich total erschüttert war. Als ich bei dem Arzt des jungen Mannes anrief, sagte der mir, sie gehen von Tötungsfantasien in Bezug auf den Vater aus. Jedoch hing der Sohn sehr an seinem Vater und ihm dann sowas zu unterstellen ist monströs. Der Arzt hatte noch nie gehört, dass es Wahrträume gibt und es ausschließlich psychoanalytisch interpretiert. Daran sieht man: Unabhängig davon, ob man sowas erklären kann oder nicht, die bloße Kenntnis, dass es sowas gibt, ist notwendig.

„Manche haben ein Bauchgefühl, andere einen Blitzeinfall.“

Haben Wahrträume einen gewissen Ablauf oder eine Struktur?

Es fällt einem auf, wenn es sich wiederholt. Die Erlebnisform dabei kann ganz unterschiedlich sein. Manche haben ein Bauchgefühl, also sowas wie eine Ahnung. Andere haben einen Blitzeinfall, sehen also plötzlich ein Bild. Das ist individuell. Ich würde sagen es ist eine Disposition. In bestimmten Situationen erlebt man sowas und in anderen halt nicht. Es kommt aber nicht selten vor und die Leute wissen nicht, wie man damit umgeht. Die erste Hürde ist, zu erreichen, dass die Leute überhaupt akzeptieren, dass es sowas gibt. Und das wird häufig eben nicht akzeptiert.

Beziehen sich Wahrträume ausschließlich auf zukünftige Ereignisse?

Nein, es geht in beide Richtungen. Jedoch ist nicht der räumliche oder zeitliche Abstand das entscheidende Kriterium für solche Träume, sondern die Bedeutung, die etwas für einen hat. Wenn zum Beispiel der Großvater stirbt, hat das für jemanden eine große Bedeutung. Wenn jemand Fremdes in der gleichen Straße stirbt, dann werde ich das nicht träumen, weil es keine Bedeutung für mich hat. Die Art von Träumen orientiert sich also nicht nach räumlichen oder zeitlichen Distanzen, sondern nach Bedeutungsdistanzen.

„Wahrträume sagen nicht die Zukunft voraus, sondern bereiten uns auf ein emotionales Event vor, das wir ohne nicht so gut bestehen könnten.“

Wie erforschen Sie Wahrträume?

Eine unserer Methoden die ‚Bildergalerie‘. Dabei schreibt man zuerst seinen Traum auf und hängt ihn als Bild in eine Galerie. Dann überlegt man sich mögliche Interpretationen, was der Traum bedeuten könnte und was man dagegen unternehmen würde. Am Ende lässt man ein Bild frei, falls einem weitere Interpretationen einfallen. Heißt, ich habe mich auf verschiedene Szenarien vorbereitet und egal, was passiert, ich gehe viel gelassener und reflektierter ran. Das ist der Sinn solcher Träume. Sie sagen nicht die Zukunft voraus, sondern sollen uns auf ein emotionales Event vorbereiten, das wir ohne nicht so gut bestehen könnten. Es ist also eine Art Schutz vor Traumatisierung.

 Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie bisher gekommen?

Wir haben herausgefunden, dass Wahrträume Musterübereinstimmungen zwischen einem Traum und einem späteren Ereignis sind. In der Physik nennt man das Verschränkung. Dieser Begriff beschreibt, dass zwei Messungen, also der Traum und das Ereignis, Strukturen aufweisen, die zusammenpassen, ohne dass eine kausale Wechselwirkung zwischen beiden besteht. Das bedeutet aber, dass es keine sichere Voraussage ist.

Wir sind also dran, diese paranormalen Dinge zu verstehen, aber ich würde sagen, wir müssen nochmal 50 Jahre Forschung investieren, um sagen zu können, wie das im Detail funktioniert. Aber was man gefunden hat, sind Verschränkungszusammenhänge, und die sind real und nicht übernatürlich, sondern einfach Naturwissenschaft.

Was meinen Sie, warum viele Menschen trotz allem nicht an Wahrträume glauben?

Wir kriegen ein Bild von der Welt vermittelt, das wir einfach hinnehmen, nach dem Motto: ‚So ist es und das muss man akzeptieren‘. Aber ein Wissenschaftler dreht es rum und fragt: ‚Ist es so?‘ Und alle Wissenschaftler haben immer nur dann was vorangebracht, wenn sie sich das gefragt haben, und meistens kommt raus, dass es eben nicht so ist.

Herr von Lucadou, vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: ©pixabay

 

Ihr habt noch nicht genug von unseren Traum-haften Beiträgen? Dann folgt uns für einen Blick hinter die Kulissen, spannende Fun-Facts oder Musik-Inspirationen auf Instagram und Twitter! 

Mehr zum Thema und weitere interessante Beiträge findet ihr außerdem hier – oder abonniert unseren Newsletter! 

Kopf mit bunter Wolke Träume

3 Kommentare
  1. Lena Köhler
    Lena Köhler sagte:

    Ich finde die Vorstellung, dass man von bestimmten Ereignissen träumen kann, die dann (in ähnlicher Weise) auch passieren können, echt verrückt und total spannend! Ich wusste das vorher noch gar nicht und mir war auch nicht bewusst, dass Wahrträume auch wissenschaftlich untersucht werden. Ich habe auf jeden Fall viel dazu gelernt!

    Antworten
  2. Viktoria Boll
    Viktoria Boll sagte:

    Ein wenig gruselig sind Wahrträume ja schon, aber die Faszination überwiegt und deshalb auch die Lust sich weiterhin mit der Parapsychologie auseinanderzusetzen.

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] stets luzid und könne ihren Traum wie ein Computerspiel steuern. Neben Klarträumen habe sie auch Wahrträume, in denen sie von Dingen träumt, die sich in der Zukunft ereignen. Auch Alpträume plagen […]

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.