Ätherische Melodien und Vocals, sanfte psychedelische Effekte, traumgleiche Klangwelten. Dream Pop vereint zahlreiche Qualitäten, die eigentlich ein ‚klassisches‘ Underground-Genre ausmachen. Dennoch schaffte es die träumerische Musikrichtung Anfang der 2010er-Jahre unverhofft in die Charts. Es war die experimentierfreudige Songwriterin Lana del Rey aus Los Angeles, die dem Genre mit Alben wie Ultraviolence und Honeymoon zu neuem Glanz verhalf. Doch wo kommt der Dream Pop eigentlich her? 

Die Shoegaze-Band Slowdive aus Reading zählt zu den Pionieren des Dream Pop. © Flickr

Dream Pop entwickelte sich ursprünglich im Großbritannien der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre aus dem Alternative Rock. Nicht selten inspiriert von den träumerischen und psychedelischen Sounds und Bands der 1960er/70er-Jahre wie beispielsweise den Beach Boys („All I Wanna Do“, 1970) und The Velvet Underground. Die schottische Band Cocteau Twins mit ihrem Album Head Over Heels (1983) und die britische Band Slowdive waren Wegbereiter für eine erste Popularisierung des Genres.

Über die kommenden Jahre und Jahrzehnte wagten sich zahlreiche weitere Künstler*innen zumindest vorübergehend an den verträumten Sound heran oder verschrieben sich diesem voll und ganz. Darunter Gruppen wie Beach House, M83, Au Revoir oder The Cure. Komponist Angelo Badalamenti und Sängerin Julee Cruise zeigten mit den Filmmusiken für Blue Velvet und Twin Peaks darüber hinaus, dass das Genre über hervorragende Soundtrack-Qualitäten verfügt.

Wie Träume klingen

Der Sound des Dream Pop ist markant und vielschichtig. Die vornehmlich weiblichen Vocals werden für gewöhnlich exzessiv mit Echo- und Reverb-Effekten unterlegt. Diese helfen dabei, die Stimme voller und natürlicher klingen und länger nachhallen zu lassen. Synths und gelayerte Gitarren generieren eine sanfte, weiche und oftmals elegische Stimmung. Auch mystische Melodien und Rhythmen tragen zum verträumten und ätherischen Feeling der Songs bei. Die Akkordfortschreitung bleibt dabei trotz der unkonventionellen Art der Bearbeitung stets im klassischen Pop verwurzelt. Die Beats sind allerdings deutlich weniger betont produziert, als es normalerweise in diesem Genre der Fall wäre. Die zahlreichen Effekte haben ein klares Ziel. Im Dream Pop soll ein Aspekt alle anderen überstrahlen: die Atmosphäre.

Dream Pop-Bands haben überwiegend kleine Besetzungen und bestehen zumeist aus Gitarrist*innen, Bassist*innen, Drummer*innen und Sänger*innen. Die Vocals nehmen dabei einen besonders dominanten Part ein, wobei Melodie und Klang wichtiger sind als die eigentlichen Texte. Die Stimme kann somit als das vorherrschende ‚Instrument‘ verstanden werden. Daher eignet sich das Genre auch hervorragend für Solo-Künstler*innen. Bands und Künstler*innen kombinieren die klanglichen Elemente des Dream Pop oft mit verwandten Genres wie dem Indie-Rock, dem Synth-Pop oder dem Noise Pop, um letztlich einen charakteristischen Sound für sich zu entwickeln.

Die ‚Dream Queen‘

So auch Lana del Rey. Keine Dream Pop-Künstlerin war in den vergangenen Jahren wichtiger und einflussreicher. Das Billboard-Magazin bezeichnet sie als Impulsgeberin für den Sound einer neuen Generation des Pop – weg von der aufdringlichen elektronischen Tanzmusik der frühen 2010er hin zu einem melancholischeren und vom Hip-Hop geprägten Stil. Bruce Springsteen nannte sie mal eine der besten Songwriter*innen der Vereinigten Staaten. Für Stars wie Taylor Swift, Halsey und Billie Eilish stellt sie eine bedeutende Inspirationsquelle dar und ist damit auch weit über die Grenzen des Dream Pop hinaus eine der einflussreichsten Künstler*innen der Gegenwart.

Lana del Rey hat den Dream Pop in den 2010er-Jahren wieder popularisiert. © Flickr

Insbesondere in den frühen Jahren ihrer Karriere nutzte del Rey die atmosphärischen Elemente des Dream Pop als Basis für ihren Stil. Prononciert sind diese beispielsweise bei Songs wie „Video Games“, „Ultraviolence“ oder „Brooklyn Baby“ zu hören. Dabei integrierte sie etwa mit Baroque Pop eine Mischung aus klassischer Musik und Pop, setzt mit Indie subtile Akzente und gab ihrem Sound dadurch eine persönliche Handschrift. Was sie wohl jedoch am meisten von ‚klassischen‘ Dream Pop-Acts unterscheidet, ist der starke Fokus auf die Lyrics. Hier finden sich viele Spuren von Nostalgie, wenn sie über Americana der 1950er und 1960er-Jahre singt.

Die Themen sind zu dieser Zeit zumeist düster, trist oder bittersüß. Oft geht es um Alkohol, Drogen, Geld, Ruhm, toxische Beziehungen und ihre Affinität zu reichen weißen Männern. Aber auch darum, trotz all dieser Probleme im Leben die Kontrolle zu behalten. Der eher finstere Blick auf das Leben sollte sich in den kommenden Jahren mit wechselnden Genres doch noch – zumindest gelegentlich – zum Positiven orientieren, was Tracks wie „Love“, „Lust for Life“ und insbesondere „Get Free“ exemplarisch darstellen.

Nach Ausbrüchen in neue Gefilde wie Soft Rock, Folk und Psychedelia bleibt abzuwarten, ob die ‚Dream Queen‘ auf ihrem bald erscheinenden Album Blue Banisters weiterhin ihre Experimentierfreudigkeit auslebt oder, nach einigen Jahren Abstinenz, doch wieder zu ihren Wurzeln zurückkehrt, wie es die drei vorab veröffentlichten Singles bereits ein wenig vermuten lassen. In diesem Fall nimmt sie uns vielleicht wieder einmal mit auf eine verträumte Fahrt durch ein längst vergangenes (oder vielleicht ohnehin fiktives) Amerika.

 

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