Wir verwenden das Substantiv ‚Traum‘ heute in vielen Situationen: Wir erzählen von einem schlechten Traum in der Nacht oder von unserem Lebenstraum. Wir verwenden das Adjektiv ‚traumhaft‘, um auszudrücken, wie unbeschreiblich schön etwas ist. Aber dabei ist den meisten von uns nicht bewusst, woher das Wort ‚Traum‘ eigentlich kommt, welche Bedeutung es früher hatte und wie es sich entwickelt hat.

Die ersten Überlieferungen des Wortes ‚Traum‘ stammen aus den frühen indoeuropäischen Sprachen, welche Vorstufen des Deutschen sind. Zu den indoeuropäischen Einzelsprachen gehören zum Beispiel Altindisch (ab 1200 v. Chr.) oder Altgriechisch (ab 800 v. Chr.). Wie der Sprachwissenschaftler Gunthard Müller in einem Handbuch-Artikel über Sprachgeschichte und Semantik erklärt, ist einer der ältesten überlieferten Begriffe für Schlaf im altgriechischen Wortpaar ὄναρ τε καὶ ὕπαρ (ónar te kaì hýpar) enthalten: Es bedeutet ‚Schlafen und Wachen‘, kann aber auch ‚Nacht und Tag‘ oder ‚Traum und Realität‘ bedeuten. Dabei lautet die Grundbedeutung von ὄναρ etwa ‚unten liegen‘; die von ὕπαρ ‚auf sein‘. Tatsächlich finden wir diese Bedeutungen auch in unserer heutigen Sprache noch. So sprechen wir davon, ‚auf zu sein‘, wenn wir wach sind. Genauso sagen wir: ‚Ich lege mich hin‘, wenn wir schlafen gehen. Im Indoeuropäischen wurden Begriffe nach dem Konkreten gebildet, das heißt Phänomene wurden so benannt, wie sie in der Realität sichtbar waren.

Kein eigenes Wort für Träume

Da man Träume nicht beobachten kann, gab es in den frühindoeuropäischen Sprachen vorerst keinen eigenen Begriff für Traum. Es gab nur Begriffe für Schlaf, die auch Traum meinen konnten: Denn ‚unten liegen‘ bzw. Schlafen konnte beobachtet werden. Daraus schließt Gunthard Müller, dass Träume in der frühindoeuropäischen Kultur nur im Zusammenhang mit Schlaf betrachtet wurden und ihnen keine eigene Bedeutung zukam, die von der des Schlafs losgelöst war. Im Indoeuropäischen waren Begriffe für ‚unten‘ eher mit etwas Schlechtem verbunden, sodass auch die verwandten Wörter für Schlaf und Traum negativ konnotiert waren: Schlaf galt als Schwäche und Traum als Zustand der Inaktivität. Ein Traum war etwas, das in Menschen passierte, wenn sie ‚unten liegen‘. Dass dem Traum im Indoeuropäischen keine wesentliche Bedeutung zukam, kann man auch daran sehen, dass das Traum-Motiv in der Literatur nur sehr selten behandelt wurde. Und wenn es vorkam, dann in einem negativen Kontext.

Der altindische Text ‚Rigveda‘ kennt nur den Begriff des Alptraums. © Wikimedia Commons

So führt beispielsweise ein früher indoeuropäischer Text, der altindische Rigveda (ca. 1700–1100 v. Chr.), das Wort ‚Traum‘ nur in Verbindung mit einer negativen Vorsilbe auf, sodass es etwa mit ’schlechter Traum‘ übersetzt werden kann. Es kommt im Kontext von Abendgebeten im Rigveda vor, in denen die Menschen ihre Gottheit(en) bitten, sie vor ’schlechten Träumen‘ – vor Alpträumen – zu bewahren.

Träume als trügende Bilder

Im Althochdeutschen lautete das Wort für Traum troum. Es leitet sich vom germanischen Begriff *drauma- ab, der wiederum auf das indoeuropäische *drauǥma- zurückgeht, was so viel wie ‚Trugbild‘ oder ’nicht wirkliches/reales Bild‘ bedeutet. Bei dem germanischen Wort *drauma- muss man unwillkürlich an unseren heutigen Begriff ‚Trauma‘ denken. Im E-Mail-Interview mit Zwischenbetrachtung beantwortet die Germanistin Elisabeth De Felip-Jaud von der Universität Innsbruck die Frage, ob eine Verbindung zwischen den beiden Begriffen besteht, so: „Sprachetymologisch gibt es keine Verbindung zum heutigen Wort ‚Trauma‘, welches aus dem Griechischen τραῦμα kommt und ‚Wunde‘ bedeutet. Das Wort ‚Trauma‘ wird in der Medizin (Schädel-Hirn-Trauma) und auch in der Psychologie (seelischer Schock) verwendet. Gemeinsam haben die beiden Phänomene wohl, dass ‚Gedächtnis‘ und ‚Erinnerung‘ eine zentrale Rolle spielen. Das Wort ‚Trauma‘ ist erst im 19. Jahrhundert ins Deutsche übernommen worden.“

Nach dem etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer leitet sich aus dem indoeuropäischen Begriff *drauǥma- nicht nur das germanische Wort *drauma- ab, aus dem unser heutiges Wort ‚Traum‘ wurde. Aus *drauǥma- ist außerdem das indoeuropäische Wort *dhreugh- (‚trügen‘ oder ‚listig schädigen‘) hervorgegangen. Dieses hat sich weiterentwickelt zum althochdeutschen Wort triogan, zum mittelhochdeutschen triegen und schlussendlich zum heutigen Begriff ‚trügen‘.

„Wer sich Träumen zukehrt, der ist wohl genarrt“

Das mittelhochdeutsche Wort troum bedeutet zum einen ‚Traum‘, zum anderen aber auch ‚Täuschung‘ und ‚Verstellung‘. Auf die Fragen, ob Träume zu dieser Zeit als Täuschung betrachtet wurden und welche Rolle Träume im Leben der Menschen spielten, antwortet Elisabeth De Felip-Jaud, dass diese Fragen für das Mittelalter schwer zu beantworten sind: „Wir wissen leider nicht Bescheid, welche Rolle Träume generell im Leben der Menschen damals spielten. Wir haben zwar Reflexe in der Literatur, wie z.B. im Artusroman Iwein, in Parzival oder bei Walther von der Vogelweide. Aber das ist bereits wieder gebildete Stilisierung durch einen Autor.“ So weist Gunthard Müller darauf hin, dass beispielsweise Hartmann von Aue im 12. Jahrhundert in seinem Iwein schreibt: „swer sich an tröume kêret, der ist wol genêret“, was bedeutet: „Wer sich Träumen zukehrt, der ist wohl genarrt“. Elisabeth De Felip-Jaud erklärt weiter: „Aber da man sich vermutlich im Mittelalter das Entstehen von Träumen noch nicht erklären konnte, sah man Träume wohl auch als Täuschungen, Wirrungen etc. an.“ Aber eben nicht nur: Nach dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm glaubten die Menschen „in alter Zeit“ auch schon fest an die Erfüllung eines Traumes, wodurch der Traum eine wichtige Rolle für die Wirklichkeit einnahm.

Die Erfüllung geheimer Wünsche

Das mittelhochdeutsche Wort troum entwickelte sich weiter zu frühneuhochdeutsch troum/traum und dann zu unserem heutigen ‚Traum‘. In der Sprachwissenschaft, so erklärt Elisabeth De Felip-Jaud, spricht man hier von einer Diphthongöffnung, bei der unter dem Einfluss bairischer und schwäbischer Dialekte ‚ou‘ in ‚troum‘ zu ‚au‘ wird. So entstand das Wort ‚Traum‘.

Heute kann ein Traum eine Geschichte oder ein Erlebnis sein, das uns im Schlaf erscheint. Oder ein ’sehnlicher, unerfüllter Wunsch‘, ‚etwas traumhaft Schönes‘ oder eine ‚Sache, die wie die Erfüllung geheimer Wünsche erscheint‘. So wird das Wort ‚Traum‘ im Duden definiert. Wir verbinden mit dem Wort ‚Traum‘ also häufig etwas Positives und Schönes: So setzen wir ‚Traum-‚ nicht selten vor andere Substantive, um auszudrücken, wie perfekt und ideal etwas ist und unseren Wünschen vollkommen entspricht, wie zum Beispiel ‚Traummann‘, ‚Traumjob‘ oder ‚Traumauto‘. Aber auch negative Bedeutungen können mit dem Wort ‚Traum‘ einhergehen, wenn beispielsweise ‚Traum‘ im Sinne von ‚Illusion‘ verwendet wird, zum Beispiel ‚Das ist nur ein Traum‘. Das Wort ‚Illusion‘ kommt aus dem lateinischen und bedeutet ‚Täuschung‘ oder ‚irrige Vorstellung‘, wodurch auch in unserer heutigen Sprache noch die alt- und mittelhochdeutsche Bedeutung von Traum als Täuschung vorhanden ist.

 

Titelbild: © Lena Köhler

 

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  1. […] Traum‘ ist. Wie andere Erinnerungen trügen können, kann auch der erinnerte Traum trügen. Er muss nicht unbedingt das widerspiegeln, was tatsächlich in der Schlafphase vor der Weckung […]

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