Carl Gustav Jung Archetypen

Was passiert, wenn wir träumen – und warum? Die Theorien reichen von Spekulationen über Geisterwelten und parallele Dimensionen bis hin zur nüchternen Reduktion des Traums auf ein neuronales Nebenprodukt. Zwischen diesen Extremen stellt das Traumverständnis von Carl Gustav Jung eine interessante Alternative dar: Im Traum sieht der Begründer der analytischen Psychologie den Schlüssel zur Selbstverwirklichung. 

„Sex sells“ heißt es ja bekanntlich, und für Sigmund Freud ist diese Formel aufgegangen: Der Psychoanalytiker und seine libido-orientierten Theorien sind den meisten Menschen ein Begriff. Weniger bekannt, aber nicht minder bedeutsam für die moderne Psychologie ist ein ehemaliger Schüler und Vertrauter Freuds: Carl Gustav Jung. Besonders fasziniert war der Schweizer von Ausnahmezuständen des menschlichen Bewusstseins, wie sie sich in Psychosen, scheinbar paranormalen Erlebnissen oder eben im Traum ausdrücken. Im Gegensatz zu vielen Forschenden war es jedoch nicht sein Anliegen, diese Phänomene  als irrelevant oder unsinnig „abzustempeln“. Jung nahm das Rätselhafte ernst.

Kronprinz der Psychoanalyse

Sigmund Freud (vorne links) mit C.G. Jung (vorne rechts). (Quelle: Wikimedia Commons.)

Ein 13-stündiger Podcast: So kann man sich das erste Treffen zwischen Carl Gustav Jung und Sigmund Freud in Wien vorstellen. Auf das gesprächsintensive Kennenlernen im Jahr 1907 folgte ein reger intellektueller Austausch. In Jung sah Freud einen würdigen Nachfolger, bezeichnete ihn sogar als „Kronprinzen der Psychoanalyse“. Beide waren an der Erforschung des Unbewussten interessiert – also den Aspekten der Psyche, die dem Ich-Bewusstsein unzugänglich sind, aber dennoch sein Fühlen und Handeln mitbestimmen.

Doch allmählich kristallisieren sich Differenzen zwischen den beiden heraus: Jung kritisierte die Vorrangstellung des Sexualtriebs in Freuds Lehre, während Freud Jungs Faszination für das Paranormale ablehnte1913 führten diese Meinungsverschiedenheiten schließlich zum Bruch zwischen den Gelehrten. Jung entschied sich gegen das Erbe Freuds und begründete seine eigene Schule – die analytische Psychologie 

Traumdeutung bei Jung und Freud

Auch in der Traumdeutung gehen Freud und Jung von einem ähnlichen Ansatz aus, bewegen sich aber dann in verschiedene Richtungen. Beide sehen im Traum einen bedeutsamen Mechanismus des Unbewussten und glauben, dass die Traumanalyse zu positiven psychologischen Transformationen führen könnenWas aber die Funktion des Traumes ausmacht und wie sich  Traumbotschaften entfalten – darin scheiden sich die Geister Jungs und Freuds. Für Freud drücken Träume Wünsche aus – oftmals auch geheime Wünsche, die vom inneren „Zensor“ des Individuums unterdrückt werden. Um der Zensur zu entgehen, tauchen diese Wünsche versteckt in Träumen auf. Jung dagegen glaubt nicht an das Versteckspiel der Träume, im Gegenteil: Im Traum spricht für ihn das Unbewusste direkt zum Menschen.  

Botschaften aus dem Inneren

Stell dir vor, du fährst auf der Autobahn. Plötzlich leuchtet ein Warnsignal in deinem Wagen auf. Es ist nichts Schlimmes – das Kühlmittel muss nur wieder nachgefüllt werden. Trotzdem solltest du dieses Zeichen lieber nicht ignorieren. In ähnlicher Weise interpretiert Jung die Funktion des Traums: Träume sind ein Feedback der Psyche an das Ich-Bewusstsein. Dieser bewusste Teil der Persönlichkeit, auch Ego genannt, stellt nach Jung lediglich einen Teil des Individuums dar. Wie der Fahrer navigiert sich das Ego durch den Alltag, ist sich aber oft nicht der inneren Mechanismen des Körpers und Geistes bewusst – ebenso wie ein Fahrer nicht immer genau weiß, was sich unter der Motorhaube seines Autos abspielt.

Hier kommen die Träume ins Spiel: Wie Warn- und Fehlersignale machen sie den Menschen auf psychische Ungleichgewichte und Störfaktoren aufmerksam. Diese inneren Botschaften sind nicht zwangsläufig große Offenbarungen. Jung unterscheidet zwischen „kleinen Träumen“, die sich mit alltäglichen Problemen beschäftigen, und dem „großen Traum“, der an kritischen Wendepunkten im Leben auftaucht.  

Der Keller unter dem Keller: das kollektive Unbewusste

Carl Gustav Jung (Quelle: Wikimedia Commons)

Auch Jung selbst hatte solch einen „großen Traum“: Er träumte, er sei in einem mehrstöckigen Haus. Zunächst befand er sich in einem prachtvoll eingerichteten Salon im oberen Stockwerk. Als er ins Erdgeschoss hinunterging, schien dort alles dunkler und älter, die Wände und Möbel wirkten mittelalterlich. Neugierig beschloss er, den Rest des Hauses zu erkunden und stieg in den Keller hinab – wo sich uraltes römisches Gemäuer über ihm wölbte. Doch das war noch nicht alles: Auf dem Kellerboden entdeckte er eine Platte mit einem Ring. Er zog daran und enthüllte wiederum eine Treppe, die in eine noch tiefere Ebene des Hauses führte.

Dieser schicksalhafte Traum inspirierte Jung zu seiner zentralen These: Unterhalb des persönlichen Unbewussten gebe es noch eine tiefere, instinktive, archaische Ebene der Psyche – das kollektive Unbewusste. Diese Ebene existiert in jedem Menschen, unabhängig von seinem Charakter und seiner Herkunft. Träume können sowohl dem „ordentlichen Obergeschoss“ entspringen – also der individuellen Psyche – als auch dem „Keller im Keller“. In dieser Untiefe der Menschheitsseele werden die ewigen Probleme der eigenen Spezies aufgegriffen. Solche kollektiven Träume und Symbole bezeichnet Jung als „archetypisch“.  

Die Sprache der Träume lernen

Doch woher weiß ich, welche Botschaft mir der Traum vermitteln will? Wie kann ich herausfinden, ob ich im Traum die archetypische Angst vor dem Tod oder bloß die typisch studentische Angst vor Deadlines verarbeite? Warnsignale im Auto sind meist eindeutig, was man von Träumen nicht gerade behaupten kann. Wenn Träume also Mitteilungen sind, wieso sind sie so verworren? Nach Jung liegt es nicht daran, dass Träume etwas verbergen. Sie teilen dem Träumenden etwas laut und deutlich mit – nur eben in ihrer eigenen Sprache. Träume arbeiten in einem anderen Modus als das rationale Alltagsbewusstsein, ebenso wie Dichter*innen sich anders ausdrücken als Wissenschaftler*innen.  

Werde, wer du bist – die Individuation

Carl Gustav Jung zufolge sprechen im Traum die verborgenen Facetten der Psyche zum Menschen. Doch wieso sollte der Mensch überhaupt zuhören? Für Jung war der Traum vor allem als Hilfsmittel im Prozess der Individuation von Bedeutung. Individuation bedeutet „zu werden, wer man ist“ – also sein volles inneres Potenzial auszuschöpfen. Darin sah Jung das höchste Ziel des Menschen. Das Individuum erreicht dieses Optimum, indem es die Polarität innerhalb der eigenen Psyche – das Persönliche und das Kollektive, das Männliche und das Weibliche, das Licht und den Schatten – zu einem harmonischen und authentischen Ganzen vereint. Für Jung sind Träume also Wegweiser auf der Reise zum Selbst. Wann und ob man ans Ziel kommt, kann einem niemand verraten. Die letzte und wichtigste Medaille verleiht sich das Individuum selbst.  

Die Medaille der Individuation muss sich jeder selbst verleihen – in diesem Sinne ist dies ein sehr archetypisches Meme.  (Quelle: Knowyourmeme.com)

 

 

 

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