Wem im Traum die Zähne ausfallen, muss sich nach dem Onlineportal Lexikon der Traumdeutung auf ein großes Unglück, etwa einen Trauerfall in der Familie oder eine schwere Krankheit gefasst machen. Passionierte Traumdeuter*innen und das Internet wissen immer schnell Bescheid. Doch was hat es mit diesen Deutungen eigentlich auf sich? Im Interview berichtet uns der Traumexperte Klausbernd Vollmar von der Symbolik unserer Träume. 

Für Klausbernd Vollmar ist die Semantik der Traumsymbole zwar für alle gleich, jedoch wird sie von individuellen Erfahrungen überlagert. © Klausbernd Vollmar

Klausbernd Vollmar sagt, man könne alles mit Bedeutung versehen, denn Bedeutung gebe Sicherheit. Es lohnt sich also, wenn man am Morgen nach einem Traum mal einen Blick ins Traumlexikon wirft. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Psychologe, Traumspezialist und Autor Klausbernd Vollmar damit, wie Träumer*innen davon profitieren können, wenn sie sich mit ihren nächtlichen Visionen auseinandersetzen. In den 1990er Jahren rief Vollmar hierfür sogar mehrere Traumbüros ins Leben und schrieb unter anderem Das große Praxisbuch der Traumdeutung – Wie man seine Träume verstehen lernt, das 2011 erschien. Nach Klausbernd Vollmar spricht der Traum „in der Sprache der Symbole“. Um die eigenen Träume deuten zu können, müsse man erstmal einen Zugang zu dieser Symbolik bekommen. Wir wollen von ihm wissen, wie sinnvoll die typischen Deutungen und wie individuell unsere Träume wirklich sind.

Herr Vollmar, warum träumen wir überhaupt?  

Wenn wir träumen, ist das mit der Optimierung einer Computerfestplatte vergleichbar. Das tagsüber Erlebte wird verankert und aussortiert, was nicht so relevant ist. Es gibt aber auch einen physiologischen Grund: Träumen hängt mit der Regulation der Körpertemperatur, der Abwehrfunktion und den Selbstheilungsmechanismen des Körpers zusammen.  

Warum sind unsere Träume oft so unlogisch und irrational 

Beim Träumen wird die Gehirnaktivität der linken Hemisphäre, die füdas logische Denken zuständig ist, heruntergefahren und die Aktivität der rechtehochgefahren. Die rechte Gehirnhemisphäre funktioniert so, wie etwa Schiller in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen schreibt: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Die Aktivität der rechten Hemisphäre befreit uns aus den Sozialisations-Einengungen, denen wir alle unterlegen sind, und das öffnet ein weites Potenzial. Dieses Mehr an Freiheit erkennt man daran, dass unsere Träume etwas sehr Surreales an sich haben. 

„Sich regelmäßig mit den eigenen Träumen zu beschäftigen ist eine Psychohygiene, die mit dem Zähneputzen vergleichbar ist.“  

Warum ist es nützlich, sich mit diesen surrealen Träumen auseinanderzusetzen?  

In unseren Träumen wird möglich, was in unserem allgemeinen Leben nicht denkbar ist. Das regt dazu an, Seiten in uns auszuleben, die wir sonst nicht wahrnehmen oder, so sagt man in der Psychoanalyse ‚verdrängen‘In unseren Träumen wird uns ohne das Scheuklappendenken des bewussten Tageslebens vorgespielt, was wir nicht sehen wollen. Träume können also etwas vermitteln oder zu etwas inspirieren, an das man durch dieses begrenzte Tagesbewusstsein nicht denkt. Im Alltag ist unsere Struktur der Wahrnehmung nämlich immer an die Vergangenheit, die eigene Historie gebunden. Sich regelmäßig mit den eigenen Träumen zu beschäftigen ist eine Psychohygiene, die mit dem Zähneputzen vergleichbar ist.

Oft träumen Menschen davon, dass ihnen die Zähne ausfallen. Was hat es damit auf sich?  

Dass die Zähne ausfallen, ist ein klassischer Traum, den man auch schon in der frühesten Traumdeutung zur griechisch-römischen Zeit findet. Dieser Traum ist auf unterdrückte Aggressivität zurückzuführen. Da man dabei die Zähne mehr zusammenbeißt und mehr spürt, wird diese Körperempfindung in ein Bild umgeformt. Was ich noch zutreffender findeist die Deutung, man solle sich im bewussten Tagesleben mit dem eigenen Durchsetzungsvermögen auseinandersetzen.  

Bedeutet so ein häufig vorkommender Traum also für alle Träumenden das Gleiche? 

Der Traum spricht in der Sprache der Symbole. Wie jede Sprache, hat diese einen Lexikonteil, den man in der Linguistik auch die Semantik der einzelnen Symbole nennen würde. Die Semantik hängt mit der Fähigkeit zusammen, die Symbole assoziativ mit etwas zu verbinden. Auch die Historie des Symbols hat darauf einen Einfluss. Auf der einen Seite sind die Symbole also für alle gleich, aber wie in jeder Sprache wird das Lexikalische von individuellen Erfahrungen überlagert. Sie träumen zum Beispiel von WasserEs hat keine eigene Form und ist beweglich, was nach analogem Denken dem Gefühl entspricht. Das ist natürlich sehr abstrakt. Und es kommt auch darauf an, welches Verhältnis Sie zum Wasser haben. Ihre persönliche Geschichte prägt dieses Gefühl. Ob Sie beispielsweise einmal fast ertrunken oder, wie man so schön sagt, eine Wasserrate sind, gibt dem Symbol die konkrete Färbung.  

Da viele Leute wie der Ochs vorm Tor stehen, ist das der erste Schlüssel, der das Tor aufschließt.“  

Ist ein Traumlexikon bei dieser Individualität dann überhaupt sinnvoll?  

Das Wichtige ist, dass man überhaupt erstmal einen Zugang zur Symbolik bekommt. In der Massengesellschaft tendieren wir dazu, uns selbst als individueller zu sehen, als wir es sind. Die Traumsymbole sind nicht so unterschiedlich, wie man vielleicht denkt. Manch einer hat zudem häufig große Schwierigkeiten, mit dem Deuten seiner Träume anzufangen. Um diesen Zugang zu bekommen, ist es nützlich, wenn man ins Traumsymbollexikon schaut, um sich mit der Grundstruktur des Symbols vertraut zu machen, von dem man träumt. Allerdings kann das Traumsymbollexikon nur dazu inspirieren, dass man dann nach der konkreten Bedeutung für einen selbst schaut. Da viele Leute wie der Ochs vorm Tor stehen, ist das sozusagen der erste Schlüssel, der das Tor aufschließt.

Kann man sich die Bedeutung im Traumlexikon durch diese Subjektivität dann nicht so hindrehen, wie es einem gerade passt? Oder anders gefragt: Sind die Beiträge nicht schon so geschrieben, dass sie, ähnlich wie beim Horoskop, zu jedem passen? 

Ja, das müssen sie auch, sonst schließt man zu viele Leute aus. Man will die Leute damit inspirieren und deswegen muss man es so formulieren, dass hauptsächlich die allgemeine und nicht die individuelle Ebene der Sprache betont wird.  

Kann Ihrer Meinung nach jeder von diesen Deutungen profitieren oder steckt dahinter ein gewisser Aberglaube?  

Es kann jeder davon profitieren. Aber es ist natürlich hilfreich, wenn man selbst davon ausgeht, dass es sinnvoll ist. Es ist wie bei allem: Wenn man die Einstellung hat, dass das, was man tut, nicht sinnvoll ist, dann hilft es auch nicht so sehr. 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Vollmar! 

Titelbild: ©unsplash 

 

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Kopf mit bunter Wolke Träume

3 Kommentare
  1. Franziska Frank
    Franziska Frank sagte:

    Tolles Interview, das mich in der Themas auch ein wenig an Freud und die „verdrängten Wünsche“ im Traum erinnert. Toll, nochmal einen ganz aktuellen Blick auf die Traumdeutung zu bekommen! Der Begriff „Psychohygiene“ gefällt mir sehr. 🙂

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  2. Viktoria Boll
    Viktoria Boll sagte:

    Traumdeutung finde ich extrem spannend, deshalb habe ich mit großer Freude deinen Beitrag gelesen. Dass einem im Traum etwas vorgesetzt wird, das man im Wachzustand erfolgreich verdrängt hat, ist mir schon häufig passiert. Man kommt am Ende eben doch nicht drumrum sich auch mit den unangenehmen Dingen des Lebens zu beschäftigen 😅

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  3. Tran Trieu
    Tran Trieu sagte:

    Ein super interessanter Beitrag und Einblick in die Traumdeutung! Ich habe mich schon oft gefragt, ob diese Traumlexika denn doch nicht einfach nur wild zusammengeschmissene Interpretationen sind. Auch der Punkt, dass Traumsymbole nicht immer verschieden für jeden sind, fand ich sehr interessant, da ich immer angenommen hatte, dass diese Dinge für jeden etwas anderes bedeuten.

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